Lade Inhalt...

Unterrichtseinheit zum Thema „Klassische deutsche Kurzgeschichten"

Unterrichtsentwurf 2012 21 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Lernausgangslage

2. Sachanalyse
2.1 Die Definition der Kurzgeschichte
2.2 Die historische Entwicklung der Kurzgeschichte
2.2.1 Die Entwicklung der Kurzgeschichte im ausgehenden 19. Jahrhundert
2.2.2 Die deutsche Kurzgeschichte seit 1945

3. Merkmale der Kurzgeschichte
3.1 Die stoffbedingte und inhaltliche Kürze
3.2 Der Titel
3.3 Stoff und Stil der Kurzgeschichte
3.4 Raum und Figuren
3.5 Die Rolle des Erzählers
3.6 Zeit und Struktur in der Kurzgeschichte
3.7 Anfang und Ende der Kurzgeschichte

4. Didaktische Analyse

5. Methodische Analyse

6. Reflexion

7. Literaturverzeichnis

1. Lernausgangslage

Die Unterrichtseinheit zum Thema „Klassische deutsche Kurzgeschichten“ fand in der neunten Klasse der Käte-Lassen-Gemeinschaftsschule statt. Die Klasse setzt sich dabei aus insgesamt 29 Schülern zusammen, wobei 16 Mädchen und 13 Jungen sind. Insgesamt kann von einer guten Klassengemeinschaft gesprochen werden, in der es nur gelegentlich zu Unterrichtsstörungen kommt und das Lernklima als positiv bezeichnet werden kann. Der Umgang der Schüler untereinander ist vorwiegend freundlich und respektvoll. Trotzdem gibt es auch zwei Außenseiter in der Klasse. Sieben Schüler werden aller Voraussicht nach die Hauptschulprüfung machen müssen, ein Schüler wird aufgrund seiner sehr schlechten Leistungen die Schule verlassen, während der Rest der Klasse zur Realschulprüfung zugelassen wird.

Innerhalb meines dreiwöchigen Blockpraktikums habe ich zunächst in der Klasse hospitiert und kurze Zeit später selbst unterrichtet. In dieser Zeit habe ich mir einen ungefähren Eindruck vom unterschiedlichen Lernniveau der Schülerinnen und Schüler verschaffen können. Hinsichtlich des Deutschunterrichts lässt sich die Klasse als sehr interessiert und überwiegend aktiv beteiligt einstufen. Die größte Stütze des Unterrichts bilden dabei Timon, Sherin, Aleksandra, Jennifer, Janin und Jasmin. Auch Marvin beteiligt sich oft am Deutschunterricht, gleichzeitig kann er aber auch massiv stören und fällt durch sein respektloses Verhalten auf. Ein weiterer Schüler namens Philipp gehört ebenso zu den auffälligen Schülern der Klasse, der auch durch sein unangemessenes und teilweise respektloses Verhalten in Erscheinung tritt. Im Hinblick auf die mündliche Beteiligung zeigt sich ein sehr unterschiedliches Gesamtbild der Klasse. Während sich überwiegend immer dieselben Schüler bzw. Schülerinnen melden und sich aktiv am Deutschunterricht beteiligen, gibt es eine große, passive Gruppe, zu denen u.a Vincent, Bastian, Niklas als auch eine Mädchengruppe gehört, die sich ausgesprochen teilnahmslos und desinteressiert zeigen. Das Vorwissen der Schülerinnen und Schüler im Bezug auf das Thema Kurzgeschichten ist eher gering. Vorerfahrungen mit diesen haben sie bislang nur im Zusammenhang mit dem Üben von Inhaltsangaben gemacht.

Im Umgang mit den unterschiedlichen Arbeitsmethoden sind die Schülerinnen und Schüler erfahren. Darüber hinaus besitzen sie auch eine ausreichende Vertrautheit mit den verschiedenen Medien. Ein Großteil des Unterrichts findet handlungsorientiert in Partner- bzw. Gruppenarbeiten statt. Eine Herausforderung zeigte sich in der Schwierigkeit, das Lerntempo der Schülerinnen und Schüler einzuschätzen. Ich konnte zwar in den Einzelstunden einen ungefähren Eindruck diesbezüglich gewinnen, dennoch war es teilweise schwierig abzuschätzen, wie viel Zeit die Schüler für die Bearbeitung einzelner Aufgaben benötigen, da es sich um eine sehr heterogene Klassengemeinschaft handelt.

2. Sachanalyse

2.1 Die Definition der Kurzgeschichte

Die Kurzgeschichte ist eine Textart, deren Bezeichnung auf die angloamerikanische Übersetzung von „short story“ (kurze Geschichte) zurückgeht. Dabei deckt sich der Begriff nicht vollständig mit der englischen Bezeichnung, da die Kurzgeschichte auch längere Erzählungen wie die der Novelle umfassen kann.[1] Bei der Kurzgeschichte handelt es sich – bis auf wenige Ausnahmen --um „komprimierte Romane“ (…) bei denen „ein weit- und tiefräumiger Stoff“ (…) von einer „Darstellung bewältigt (wird), die ganze Tatsachenkomplexe voraussetzt, auslässt, überspringt, zusammenpresst oder in einem knappen Berichtstil“ hält.[2]

2.2 Die historische Entwicklung der Kurzgeschichte

2.2.1 Die Entwicklung der Kurzgeschichte im ausgehenden 19. Jahrhundert

Die deutsche Kurzgeschichte entwickelte sich ursprünglich aus der „short story“, der amerikanischen Bezeichnung und etablierte sich erst um 1920 in Europa. Die ältesten Geschichten dieser Zeit wurden von Washington Irving (ca. 1820: Irving’s Sketchbook) und Edgar Allan Poe (ca. 1840: „Tales of the Gotesque and Arabesque) verfasst.[3] Adolf Bartels beschreibt die Anfänge der Kurzgeschichte als eine kleine, unabhängige Kunstform, in der „ auf das Geschehen, das eigentümliche Schicksal der Hauptnachdruck gelegt“ wird.[4] Darüber hinaus muss sie sich auf das Notwendigste konzentrieren (…) und dabei das Geschehen knapp motivieren. Trotz aller Kürze sollten „Oberflächlichkeit, Nüchternheit und Trockenheit vermieden werden.“[5] Aufgrund der Tatsache, dass es um 1900 noch keine klaren Definitionsansätze für die Kurzgeschichte gab, konzentrierten sich die Literaturwissenschaftler auf die allgemein gehaltenen Beschreibungen zu Kürze und Wirkung. So führt Max Hoffmann (1903) an, dass der besondere Reiz der Kurzgeschichte darin bestehe, dass sie hinsichtlich ihrer Kürze sorgfältig aufgebaut sein müsse, um eine Wirkung erzielen zu können.[6] Die Idee müsse „neu oder eigenartig, der Stil packend, die Darstellung interessant, die Beobachtung scharf (…), das Ganze muss mit künstlerischem Sinn entworfen und fein ziseliert sein.“[7]

2.2.2 Die deutsche Kurzgeschichte seit 1945

Die bedeutsamsten deutschen Kurzgeschichten entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg und setzen sich schwerpunktmäßig mit Themen der Kriegs- und Nachkriegzeit auseinander. Dabei haben Inhalte aus dem „Ausnahme-Alltag“ von „Nationalsozialismus, Widerstand, Judenverfolgung, Krieg (Kriegsverbrechen, Gefangenschaft), Heimkehrerproblematik, Wiedergutmachung sowie sozialem Außenseitertum“ eine zentrale Bedeutung.[8] Die in der Nachkriegszeit entstandene „Kahlschlag-Prosa“ besaß für eine Vielzahl junger deutscher Autoren einen besonderen Stellenwert hinsichtlich der Begegnung mit der amerikanischen Short Story als auch im Bezug auf die Verarbeitung der eigenen Kriegs- und Nachkriegserfahrungen. Ein weiterer Anstoß für die sogenannte „Trümmerliteratur“ ergab sich „aus der Reaktion auf den in der NS-Zeit üblichen, wirklichkeitsfernen Lesestoff mit seinen Helden- und Bauernfiguren, diesen allzu gesunden und idealisierten Gestalten“.[9] Diese neue Form der Kurzgeschichte „ihre Sprache und ihr Klima“ entsprachen den Wirklichkeitserfahrungen und den literarischen Ansprüchen der jungen Generation. Die umfangreiche Verarbeitung des Kriegsgeschehens bis weit über 1950 hinaus, erlaubt es von einem thematischen Hauptstrang der deutschen Kurzgeschichte zu sprechen. Charakteristische Vertreter der „Kahlschlagliteratur“ sind u.a: Wolfgang Borchert, Wolfdietrich Schnurre, Elisabeth Langgässer, Heinrich Böll, Ilse Aichinger, Marie Luise Kaschnitz, Hans Bender sowie Herbert Eisenreich.[10]

3. Merkmale der Kurzgeschichte

Aufgrund wissenschaftlicher Untersuchungen der Kurzgeschichte haben sich eine ganze Reihe typischer Gattungsmerkmale im Bezug auf Thematik, Stil und Wirkung herausgebildet. Diese Merkmale sollen im Folgenden näher erläutert werden.

3.1 Die stoffbedingte und inhaltliche Kürze

Die Kurzgeschichte des Zeitraums 1945 bis 1960 zeigt einen durchschnittlichen Umfang von 8 Druckseiten. Dies sind in der Regel 4-8 Seiten. Die Bedeutung dieses knappen Umfangs liegt dabei hauptsächlich in der eigenen Dramaturgie. Ihr Hauptkompositionsprinzip liegt dabei in der Verdichtung bzw. Verkürzung des Inhalts.

Neben dem Umfang ist auch die sprachliche Gestaltung durch ihre Kürze charakterisiert. Weitere Aussparungen zeigen sich auch im Hinblick auf die Raum-, Zeit- und Figurendarstellung und den Handlungsablauf. Des Weiteren ist auch der sogenannte Ausschnittcharakter ein hervortretendes Merkmal der Kurzgeschichte.[11]

Neben der stoffbedingten Kürze ist auch die inhaltliche Kürze ein typisches Merkmal der Kurzgeschichte. Diese zeigt sich u.a darin, dass der Leser nur einen Ausschnitt aus dem Geschehen des Protagonisten erhält. Darüber hinaus spielt die Handlung zumeist nur an einem spezifischen Ort. Des Weiteren erlebt die Hauptfigur in der Kurzgeschichte einen „Schicksalsbruch“ und gerät dadurch in eine konfliktreiche Situation, durch die er bzw. sie in einen Zustand des Schreckens gerät.[12]

3.2 Der Titel

Der Titel der Kurzgeschichte zeichnet sich durch seinen „andeutenden, tarnenden“ Stil aus. Rohner und Gutmann weisen daraufhin, dass der Titel den direkten, entschlüsselnden Hinweis auf das Thema der Geschichte umgehe.[13] Dabei existieren vier etwa gleich große Kategorien:

1. „Titel, in denen ein ‚Ding genannt wird’ (Borchert: „Die Küchenuhr“; Böll: „An der Angel“),
2. Titel mit Orts-, Zeit- oder Situationsangaben bzw. mit einer Beziehung zwischen diesen Größen (Kaschnitz: „Mitte Juni“; Lenz: „Nacht im Hotel“; Schnurre: „Auf der Flucht“; Böll: „Hier ist Tibten“),
3. Titel mit benannten oder unbenannten Figuren (Bender: „Iljas Tauben“, Rehn: „Der Zuckerfresser“),
4. Verrätselnde, problem- oder gleichnishafte, provozierende Titel (Gaiser: „Der Mensch, den ich erlegt hatte“; Kaschnitz: „Lange Schatten“; Böll: „Unberechenbare Gäste“…).“[14]

Die meisten Titel von Kurzgeschichten weisen einen verrätselnden Charakter auf, der entweder durch unübliche Wortkombinationen (Bsp: „Abenteuer eines Brotbeutels“ von Böll) durch provokative Wendungen oder scheinbare Vorausdeutungen gekennzeichnet ist.[15]

3.3 Stoff und Stil der Kurzgeschichte

Der Stoff aus dem die meisten Kurzgeschichten gemacht sind, entstammt größtenteils alltäglichen Lebenssituationen. Dabei kann dieser sowohl satirisch, humoristisch als auch phantastisch gestaltet sein.

Im Mittelpunkt stehen häufig Alltagskrisen oder Konflikte, die innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen auftreten.[16] Grundsätzlich wird immer ein „bestimmter Problemzuschnitt“ (…) gefordert, d.h. der „vorhandene Stoff muss so in die Gesetzmäßigkeit der Kurzgeschichte eingepasst werden, dass er der Form gerecht wird.“[17] Kraft differenziert weiter und behauptet, dass erst durch den „alltägliche Vorfall“ die Situation der Protagonisten zum „Besonderen“ erhoben wird.[18]

Begründet wird diese Feststellung damit, dass zwar die Ereignisse bzw. Zustände, die mühelos in den gewöhnlichen Alltag einer Massengesellschaft bezogen werden können, allgemein betrachtet keine herausragende Bedeutung darstellen, jedoch für den „individuell Betroffenen (…) eine bedeutungsvolle Unterbrechung seiner Alltagsroutine beinhalten.“[19] Hinsichtlich der sprachlichen Gestaltung haben sogenannte Verdichtungstechniken spannungssteigernde Auswirkungen. Diese sind größtenteils mit einem andeutenden, verweisenden Sprachstil verknüpft, der hohe Anforderungen an die Aufmerksamkeit des Lesers stellt. Die Sprache erscheint zwar einfach durch die alltägliche und umgangssprachliche Wortwahl, dennoch erlangt sie ihre Wichtigkeit indirekt, indem sie auf das thematisch Bedeutsame oft durch die Verwendung von Nebensätzen hindeutet.[20] Der Dialog in der Kurzgeschichte stellt durch seine grammatischen Verkürzungen ein weiteres Element für eine spannungssteigernde Verdichtung dar, durch den die Sprache somit einen vorläufigen, offenen Charakter erhält.

[...]


[1] Vgl. Marx, Leonie: Die deutsche Kurzgeschichte. 3. Auflage. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2005. S.1.

[2] Doderer, Klaus: Die Kurzgeschichte in Deutschland. Ihre Form und ihre Entwicklung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1973. S. 33.

[3] Vgl. http://www.fundus.org/pdf.

[4] Marx, Leonie: Die deutsche Kurzgeschichte. 3. Auflage. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2005. S. 28.

[5] Ebd. S. 28.

[6] Vgl. Marx, Leonie: Die deutsche Kurzgeschichte. 3. Auflage. Suttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2005. S. 29.

[7] Ebd. S. 29.

[8] Marx, Leonie: Die deutsche Kurzgeschichte. 3. Auflage. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2005. S. 1

[9] Bender, H. 1962. S. 214.

[10] Vgl. Bellmann, Werner: Klassische deutsche Kurzgeschichten. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. 2003. S. 5-7.

[11] Vgl. Marx, Leonie: Die deutsche Kurzgeschichte. 3. Auflage. Suttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2005. S. 56, 57.

[12] http://www.fundus.org/pdf.

[13] Vgl. Marx, Leonie: Die deutsche Kurzgeschichte. 3. Auflage. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2005. S. 62.

[14] Ebd. S. 62.

[15] Vgl. ebd. S.62, 63.

[16] Vgl. Marx, Leonie: Die deutsche Kurzgeschichte. 3. Auflage. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2005. S. 58.

[17] Doderer, Klaus: Die Kurzgeschichte in Deutschland. Ihre Form und ihre Entwicklung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1973. S. 42.

[18] Vgl. Kraft, Helga 1942, S. 32.

[19] Marx, Leonie: Die deutsche Kurzgeschichte. 3. Auflage. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler Verlag 2005. S. 58.

[20] Vgl. Essen, E.: Nachwort. In: Dies. (Hrsg.) Moderne deutsche Kurzgeschichten. Frankfurt a.M. 1957. S. 56.

Details

Seiten
21
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656196570
ISBN (Buch)
9783656197850
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194313
Note
Schlagworte
unterrichtseinheit thema klassische kurzgeschichten

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Unterrichtseinheit zum Thema „Klassische deutsche Kurzgeschichten"