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Intertextualität in Heinrich Bölls "Irisches Tagebuch"

von Jil F (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

1. Einleitung

„Die Präsenz eines Textes in einem anderen“, dies ist eine Definition von Intertextualität nach Gérard Genettedie jedoch schon überholt ist.[1] Der kulturwissenschaftliche Ansatz der Intertextualitätsforschung, ein neuerer, deckt die Untersuchung der verschiedenen Dimensionen von Kultur ab, die soziale, die materiale und die mentale. [2] Es werden sowohl Personen einbezogen, wie zum Beispiel bekannte und beeinflussende Autoren, als auch andere literarische Texte und bestimmte Verhaltensorientierungen, wie zum Beispiel Normen und Werte. Um dies zu veranschaulichen, wird zunächst die Begrifflichkeit der Intertextualität erläutert worauf eine theoretische Auseinandersetzung der unterschiedlichen Gliederungsaspekte folgt. Um die Theorie einzugrenzen und auf das Genre der Reiseliteratur zu beziehen, werden die Gliederungsaspekte Manfred Pfisters [3] angeführt. Dieser unterscheidet die Hauptkategorien, verdrängte und negierte Intertextualität, kompilatorische Intertextualität, huldigende Intertextualität und dialogische Intertextualität. Diese reichen von den freieren Formen der Intertextualität zu denen die zur sogenannten ,literarischen Spurensuche‘ zählen. Mit Hilfe dieser und anderer Aspekte, erfolgt eine Analyse der intertextuellen Bezüge anhand Heinrich Bölls Werk Irisches Tagebuch. Auch andere, unterschiedliche Auffassungen von Intertextualität, wie zum Beispiel der poststrukturalistische Ansatz, der jegliche Art von Textbezug aufgreift, werden in die Erarbeitung der theoretischen Grundlage mit einbezogen, um eine breites Spektrum aller in die Intertextualität einfließenden Aspekte abzudecken; der Fokus ist jedoch auf Pfisters Kategorien gerichtet, die auch schon von Thorsten Päplow untersucht wurden. Die Frage, ob Pfisters Grundlage genügt um die Intertextualität in Bölls Werk zu untersuchen wird hauptsächlich im Hinblick auf die , huldigende Intertexutalität‘ betrachtet.

Zitiert wird nach der Ausgabe die im Deutschen Taschenbuch-Verlag erschienen ist.

2. Begriffserläuterung Intertextualität

Um die Begrifflichkeit der Intertextualität klären zu können, bedarf es zunächst einer Erläuterung der Begriffe ,Text‘ und ,Kontext‘. Der Kontext ist ein Überbegriff der Intertextualität und wird wie folgt definiert: „Als Kontext [gilt] die ,Menge der für die Erklärung eine Textes relevanten Bezüge‘“.[4]Die verschiedenen Elemente eines Textes, zum Beispiel Worte oder Sätze, sind stets nur in Relation zu den anderen zu definieren, den textinternen und den extratextuellen (Definition erfolgt später) Elementen, da erst diese eine bestimmte Bedeutung zuweisen.[5]Daraus kann geschlossen werden, dass auf Grund der Beziehung des Kontexts und der Intertextualität, die Intertextualität ein grundliegender Baustein für das Verständnis eines Textes ist. Durch die genauere Betrachtung dieser Form von Annährung an einen Text, soll die Beziehung von Texten mit anderen Texten und/oder Vorkommnissen in der textuellen Umwelt erläutert werden.

Die Intertextualität setzt voraus, dass sich ein literarischer Text auf sogenannte Prätexte bezieht und sich somit im Austausch mit anderen Texten befindet[6]; diese Prätexte können sowohl literarisch als auch außerliterarisch sein. Die die Kenntnis einschlägiger bekannter Texte ist Voraussetzung dafür, dass man mit den „Zusatzkodierungen“ anderer Texte umgehen kann. [7] Die Auseinandersetzung mit Texten und deren Beziehungen ineinander und untereinander, hat ihren Beginn in den 1920er Jahren, wobei der Begriff ,Intertextualität‘, ein damals poststrukturalistischer Begriff, erst in den 1960er Jahren in die Literaturwissenschaft eingeführt wurde. [8] Intertextualität beschreibe in den einzelnen Feldern der Literaturwissenschaft, z.B. Hermeneutik, Strukturalismus und Rezeptionstheorie, sehr unterschiedliche Erscheinungsbilder des Kontaktes von Texten. Diese Definitionen wiedersprechen sich teilweise immens und die Reichweite des Begriffs ist äußerst umstritten. Der poststrukturalistische Ansatz, zum Beispiel, sieht den Begriff als geschichtliches, gesellschaftliches und kulturelles Zeichensystem, die hermeneutische Intertextualitätsforschung beschäftigt sich wiederum nur mit der „innerliterarischen Sinnbildung“.[9]Herwig bezeichnet diese Uneinigkeit als „konkurrierende Konzepte von Intertextualität“, sie gliedert die Intertextualität in zwei Hauptrichtungen um die Einteilung übersichtlich zu gestalten.[10]Die eine sieht Intertextualität als „engen, textdeskriptiven Begriff zur Bezeichnung spezifischer, intendierter und markierter Formen der Bezugnahme von Texten auf andere Texte und Textmuster“[11]und wird von Pfister und Lachmann vertreten. Die andere, die schon erwähnte poststrukturalistische, unter anderem vertreten durch Kristevas, ist ein weiter ontologischer Begriff, „zur qualitativen Bezugnahme auf sämtliche Arten von bedeutungstragenden Äußerungen“. [12] Einher geht die „Absage an die romantische Vorstellung vom genialisch-kreativen Schöpfungsakt eines autonomen Subjekts und die Dezentrierung der Sinnrepräsentationen von Texten [...].“ [13] Ein Kritikpunkt an Kristevas Intertextualitätsverständnis ist, dass Intertextualität „bereits mit der Textualität gegeben ist“[14]und somit kein Text existiert, der nicht durch Prätexte beeinflusst wurde. In dieser Hausarbeit werden beide Arten von Verständnis des Intertextualitätsbegriffes aufgegriffen, um so einen möglichst breiten Einblick in die Forschung der Intertextualität zu bekommen; das analysierte Werk wird nur in Hinblick auf Pfisters Intertextualitätsverständnis betrachtet, da sich dieser speziell mit dem Intertextualitätsbegriff in Bezug auf das Genre der Reiseliteratur beschäftitgt. Danneberg liefert eine dritte Form die sich mit der Begrifflichkeit der Intertextualität beschäftigt. Die Begriffe ,intertextuell‘ und ,extratextuell‘ werden angeführt, wobei ersterer mit der schon erläuterten Intertextualität nach Herwig gleichzusetzen ist, zweiter, „die Beziehung eines Textes zu nicht textuellen Gegebenheiten“ bedeutet. Somit gliedert Danneberg den poststrukturalistischen Begriff in zwei Teile. Bloom hat mit seinen psychoanalytisch orientierten Überlegungen zur Intertextualität einen weiteren Grundgedanken dargelegt. Anfang der 1970er Jahre kamen die Begriffe ,The anxiety of influence“ und ,Misreading‘ auf, mit deren Hilfe die Literaturgeschichte als „innerliterarischer Kampf von später geborenen Autoren gegen ihre kanonischen Vorbilder“ beschrieben wird.[15]Nach Bloom, gehe dem Schaffen eine „unweigerliche Liebe“ zum Werk eines anderen Autors voraus und aus dieser Liebe resultiere dann die Angst vor dessen Einfluss auf die eigenen Texte.[16]Bloom erklärt dieses Vonstattengehen mit Hilfe des ,Misreading‘: „Um zu leben, muß der Dichter den Vater fehldeuten - in jenem entscheidenden Akt des Mißverstehens, der in der Umschrift des Vaters bestehet.“ [17] [sic].

Um die Intensität eines intertextuellen Verweises zu bewerten, hat Pfister qualitative Kriterien erstellt, die diese messbar machen. Das erste Kriterium, die Referentialität, besagt, dass je deutlicher ein Bezug markiert ist, desto höher ist der Grad an Intertextualität. Die Kommunikativität drückt aus, dass je mehr sich Autor und Leser des intertextuellen Bezugs bewusst sind, desto stärker ist die Intertextualität. Die Autoreflexivität betitelt die intertextuelle Praktik, in der der Autor die Intertextualität selbst thematisiert. Die Strukturalität ist das einzige Kriterium, das eine recht geringe Intensität der Intertextualität ausdrückt; das beiläufige Anzitieren eines Prätexts ist hierbei gemeint. Die Selektivität drückt die Intensität der Intertextualität aus, je „pointierter und prägnanter die Bezugnahme (z.B. Zitate statt allgemeiner Gattungsanspielungen oder Nennung eines Namens)“ [18] [sic] ist. Das letzte Kriterium, die Dialogizität besagt, dass je stärker Texte zueinander in semantischer Spannung stehen, umso größer ist der Grad der Intertextualität.[19]

3. Intertextualität im Reisebericht

Manfred Pfister, dessen Ansicht von Intertextualität schon erwähnt wurde, beschäftigte sich als einer der ersten mit dem Reisebericht als Gattung und dessen individuellen Verständnisses von Intertextualität. Dieser Ansatz ist Grundlage für den hier analysierten Reisebricht. Dadurch, dass der Reisebericht als Gattung, die sich vor allem durch den „voraussetzungslosen, unverstellten, originären und individuellen Blick auf das Fremde“ auszeichnet, zu sehen ist, wurde er kaum in Verbindung mit Intertextualität betrachtet. [20] Päplow proklamiert sogar, dass Reisetexten im Allgemeinen viel zu wenig zugetraut würde. [21] Weiter führt Päplow an, dass das missverstandene Grundverständnis von Reisetexten, nämlich dass diese oft als „[...] nicht-fiktionale Texte angesehen und losgelöst von ihrer Textlichkeit - und somit ihrer Zwischentextlichkeit - untersucht wurden und werden [.. .]“[22], irreführend sei.

Die berühmten Autoren Mark Twain und Daniel Defoe behaupten, dass ihre Reiseberichte genau diese Eigenschaften tragen würden, ihre Texte frei von Textbezügen jeglicher Art seien. Jedoch kann, nach Pfister, kein Reisebericht, insbesondere der eines Literaten, frei von intertextuellen Bezügen sein, da das Gelesene und Gelebte im Geschriebenen hervortritt, ob gewollt oder nicht. [23] Die Frage, die sich auch Päplow [24] stellt, ist, ob ein Reisebericht überhaupt ,intertextualitätsfähig‘ sei. Pfister gibt eine Antwort darauf:

Die Theorie der Intertextualität ist die Theorie der Beziehungen zwischen Texten. Dies ist unumstritten; umstritten jedoch ist, welche Arten von Beziehungen darunter subsumiert werden sollen. Und je nachdem, wie viel man darunter subsumiert, erscheint Intertextualität entweder als eine Eigenschaft von Texten allgemein oder als eine spezifische Eigenschaft bestimmter Texte oder Textklassen.[25]

Also kann, nach dieser Auffassung, auch die Gattung Reiseliteratur intertextuell sein. Nach dem poststrukturalistischen Ansatz der Intertextualität ist es einem Reisebericht überhaupt nicht möglich frei von Intertextualität zu sein, da Geschichtliches, Gesellschaftliches und Kulturelles automatisch auftreten muss. Ein Reisebericht lebt davon, dass die Landschaft und Sehenswürdigkeiten, die geschichtlich und/oder gesellschaftlich und/oder kulturell sind, beschrieben werden. Sobald eine Stadt, ein bestimmter Ort, oder eine Landschaft, eine Sehenswürdigkeit oder ähnliches benannt werden, ist der Text nach dieser Auffassung intertextuell geprägt.

Diese offensichtlichen Bezüge müssen nicht weiter theoretisch erklärt werden, da sie selbsterklärend sind, die Kategorien nach Pfister jedoch schon, diese gliedern sich in vier verschiedene Formen der Intertextualität, in die verdrängte und negierte Intertextualität, die kompilatorische Intertextualität, die huldigende und die dialogische Intertextualität.

[...]


[1]Hallet 2006: 55.

[2]Neumann et al. 2006: 11.

[3]In: Pfister 1993.

[4]Neumann et al. 2006: 4.

[5]ebd. 4.

[6]Grübel et al. 2001: 163.

[7]Buß 2006: 13.

[8]Scheiding 2005: 53.

[9]ebd. 54.

[10]Herwig 2002: 163.

[11]ebd. 164.

[12]ebd. 164.

[13]Buß 2006: 22.

[14]Buß 2006: 22.

[15]ebd. 29.

[16]ebd. 30.

[17]ebd. 30.

[18]ebd. 38.

[19]Alle Kriterien: Buß 2003: 38.

[20]Pfister 1993: 110.

[21]Päplow 2008: 33.

[22]ebd. 34.

[23]Pfister 1993: 111.

[24]Päplow 2008: 33.

[25]ebd. 33. (Aus Pfister 1985).

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656196594
ISBN (Buch)
9783656197621
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194305
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Schlagworte
intertextualität heinrich bölls irisches tagebuch

Autor

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    Jil F (Autor)

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