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Homophobie am Spielfeldrand: Spieler im Abseits

Bachelorarbeit 2012 65 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Fußball - mehr als ein Spiel
2.1 Football Association
2.2 Entwicklung in Deutschland
2.3 Fußball als Beruf

3 Forschungslage zum Thema

4 Die gesellschaftliche Relevanz des Themas Homosexualität
4.1 Homophobie
4.2 Klischees
4.3 Coming-Out

5 Geschlecht als Konstrukt

6 Männerbild im Fußball

7 Fanverhalten im Stadion

8 Weitere relevante Einflussfaktoren
8.1 Medien
8.2 Fans
8.3 Verbände
8.4 Vereine
8.5 Spieler

9 Die Meinungsmacher des Profifußballs im Fokus

10 Beispiele für Homosexualität im Sport

11 FARE, BAFF und die Rainbow Borussen

12 Der Fall Marcus Urban
12.1 Homosexuelle Fußballer quälen sich
12.2 Homosexuelle Fußballer erkennen?

13 Umfrage Amateurfußball

14 Ausblick

15 Literaturverzeichnis

16 Anhang

Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Ich habe mich für das Thema „Homosexualität im Profifußball“ entschieden, weil der Profifußball als Synonym für den Leistungssport in Deutschland ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellen kann. Im Gegensatz zur Politik, in der dies schon lange kein Tabuthema mehr ist, wofür der langjährige amtierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit ein gutes Beispiel bietet, gibt es in der Parallelwelt Fußball nur vereinzelt Profis, die den Mut haben, zu ihrer Sexualität zu stehen. Folgt man den gängigen Statistiken, so müsste sich jedoch auch dort zwischen 5 und 10% der Männer vom eigenen Geschlecht erotisch angezogen fühlen (Blaschke, 2008, S. 10). Im Laufe der Arbeit wird deutlich, welchen Einfluss der Profifußball auf die Gesellschaft hat und wieso dieser kein Hort der Diskriminierung sein darf.

In meiner Arbeit werden die möglichen Ursachen untersucht, die zu einem Versteckspiel der Leistungssportler führen, die Idole der Gesellschaft sind und doch die Konsequenzen eines Outings fürchten müssen. Ein passendes Beispiel ist der ehemalige Jugendauswahlspieler Marcus Urban, der in seinem Buch „Versteck Spieler“ die Konflikte darlegt, die einen Menschen begleiten, der nicht zu seiner Sexualität stehen kann, will oder darf. Mit seiner Offenheit stellt er einen Einzelfall dar.

Auf die Frage des „SPIEGEL“ an Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Universitätsklinikums Aachen, ob auch homosexuelle Sportler seine Dienste in Anspruch nehmen und inwieweit zunehmende psychische Krankheiten mit der Sexualität des Sportlers im Zusammenhang stehen, erwiderte er: „Natürlich, häufig sind es Fußballer. Aber die sind ja nicht wegen ihrer sexuellen Neigung psychisch krank. Der Umgang mit Homosexualität, bei manchen der Zwang, sie verheimlichen zu müssen, kann aber unter Umständen einer der Auslöser sein.“ (SPIEGEL, Nr.31, 01.08.2011, S. 114) Die Aussage deutet an, wie sehr Homosexualität zumindest im deutschen Profifußball verbreitet zu sein scheint und wie stark viele dieser Sportler unter dem Versteckspiel leiden. Was aber ist dann der Grund dafür, dass diese Sportler sich nicht öffentlich zu ihrer sexuellen Neigung bekennen und so die Last der Heimlichkeit von sich werfen? Ist es einfach der fehlende Mut, die erwartete Haltung der Teamkollegen oder erhöht sich gar im Folgenden der Druck einer Öffentlichkeit auf sie, die zwar Toleranz fordert, aber diese Spieler trotzdem nicht als gleichberechtigten Mannschaftsteil auffasst? Diesen Fragen möchte ich in meiner Arbeit nachgehen.

Ein aktuelles Beispiel stellt der schwedische Profi Anton Hysén dar, Sohn des schwedischen Ausnahmefußballers und „Nationalhelden“ Glenn Hysén. Als erster der über 600 männlichen schwedischen Profifußballer bekannte er sich Anfang 2011 in einem Interview mit der schwedischen Fußballzeitschrift „Offside“ zu seiner Homosexualität und löste damit in der Öffentlichkeit gespaltene Reaktionen aus. Während die schwedische Presse, Sinnbild für Liberalität und Aufklärung, durchweg positiv auf das Outing reagierte, von einem „willkommenen und mutigen Schritt“ („Götebergs-Posten“, zitiert in Taz, 10.03.2011) sprach und ihn gar, wie die Malmöer Tageszeitung „ Sydsvenska Dagbladet“, als Pionier betitelte, der großen Respekt für seinen Mut verdiene, wurde er von den Zuschauern angefeindet. Dies zeigt die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Meinung, wie sie Zeitungen oder Intelektuelle wahrnehmen und verbreiten und der Ansicht der „hartgesottenen“ Fußballfans, die sich oftmals in Fußballstadien durch homophobe Äußerungen bemerkbar machen.

Möglicherweise rühren die Hemmungen mancher Spieler sich zu outen daher, dass Fußball in großen Teilen der Gesellschaft immer noch als eine Art Kampfsport wahrgenommen wird, in dem nur „harte“ Männer bestehen können; und die müssen natürlich Frauen begehren, so ein gängiges Bild in der Fankurve. Laut Leibfried und Erb (2011, S. 24), die sich in ihrem Buch „Das Schweigen der Männer“ ausführlich diesem Thema widmen, ist Fußball jedoch eigentlich wie gemacht für Homosexuelle. Männer, die sich schwitzend um den Hals fallen und bei Zweikämpfen engen Körperkontakt haben, gemeinsam Niederlagen beweinen und einen Torerfolg mit engen Umarmungen feiern, Szenen, die wir bei nahezu jedem Fußballspiel zu sehen bekommen und die durchaus homoerotische Assoziationen wecken können. Was liegt da näher als zu vermuten, dass wenigsten innerhalb des „Mikrokosmus Profifußball“ die Homosexualität kein Tabuthema ist und nur der Gang an die Öffentlichkeit nicht gewagt wird? Dass dies nicht so ist, belegen unter anderem die Erinnerungen des ehemaligen Profispielers Marcus Urban, auf die ich in meiner Ausarbeitung vertieft eingehen möchte. Wie wenig tolerant es im Fußballbusiness zeitweise zugeht, zeigt die Aussage des Präsidenten des kroatischen Fußballbundes Vlatko Markovic: „ Solange ich Präsident bin, wird kein Homosexueller in der Nationalmannschaft spielen.“ (Leibfried und Erb, 2011, S. 11) Ein weiterer Fall für die offen ausgetragene Homophobie im Fußball ist der Fall des französischen Yoann Lemaire, der von seinem Verein FC Chooz aus der Vereinsgemeinschaft ausgeschlossen wurde, weil er sich outete und die Vereinsseite dies als nicht akzeptabel empfand. Welchen psychischen und physischen Leidensweg solche Spieler durchstehen müssen, gerade an dieser Fragestellung soll sich meine Bachelorarbeit wie an einem Faden immer wieder entlang hangeln.

Auch die Rolle der Medien soll kritisch hinterfragen werden. So ähnelt vor allem die Boulevardpresse einem Brandbeschleuniger, der alle erdenklichen Themen überzogen darstellt, fortwährend darauf bedacht eine hohe Auflage zu erzielen. Erwähnenswert ist hierbei das autobiografische Buch des Nationalspielers Philipp Lahm „Der feine Unterschied“, welches im September 2011 auf den Markt kam. Schon vor der Erscheinung hatte die BILD-Zeitung Auszüge gedruckt, bei denen der Verdacht aufkam, dass bewusst jeder erdenkliche Satz ausgewählt wurde, der auch nur im Ansatz ein Skandalpotential zu bieten schien, obwohl es davon, eigentlich, kaum welche gab. Den LeserInnen der Zeitung musste dies jedoch anders vorkommen und im Zusammenspiel mit dem prägnanten Begriff „Abrechnung“ kam die übliche Hysteriewelle des Fußballgeschäfts ins Rollen, woraufhin sogar der Deutsche Fußball Bund (DFB) sich genötigt sah, eine Pressekonferenz zu diesem Thema zu geben. Zur gleichen Zeit musste Lahm zu einem Gespräch beim Bundestrainer antreten; obwohl, wie sich hinterher herausstellte zu diesem Zeitpunkt kaum einer das Buch überhaupt gelesen hatte. Alleine die Macht der BILD-Zeitung hatte die höchsten Fußballfunktionäre Deutschlands zum Handeln bewogen.

Das Geschäft Fußball lebt auch, oder vielleicht sogar vor allem, von seinen Fans und deren Emotionen im Stadion. Unflätige Beleidigungen wie „Du Wichser“, „Arschloch“ oder „schwarzes Schwein“ werden im Stadion zwar regelmäßig beobachtet, jedoch ist ein positiver Trend der Abnahme zu verzeichnen. Das konsequente Eingreifen der Vereine, oftmals im Zusammenspiel mit Fangruppen und Sozialarbeitern, zeigt Wirkung, auch weil rassistische Schmähgesänge gegen Fangruppierungen oder Spieler schnell mit empfindlichen Geldstrafen oder Stadionverboten geahndet werden. Auch der DFB ist hinsichtlich seiner Außendarstellung sehr bemüht zu verdeutlichen, dass solches Verhalten im Stadion nicht toleriert wird. Das wirft die Frage auf, wieso einerseits Verhaltensweisen wie Beleidigungen oder rassistische Bemerkungen stark verfolgt und geahndet werden, auf der anderen Seite homophobe Beleidigungen oder Gesänge zwar in den Medien und von Verantwortlichen angesprochen aber nicht nachhaltig sanktioniert werden. Im Laufe der Arbeit werde ich auf Zitate von namhaften Funktionären eingehen, die mit Blick auf ihr Amt, vorsichtig ausgedrückt, eine gewisse Verwunderung hervorrufen. Sicherlich spielt auch dies für betroffene Spieler eine zu berücksichtigende Rolle, sind doch letzten Endes auch die hochbezahlten Fußballer Angestellte, die sich in manchen Situationen um ihren Job sorgen.

Im Folgenden möchte ich kurz auf die markantesten Schwerpunkte und die Struktur meiner Arbeit eingehen. Das Thema Homosexualität soll in verschiedenen Facetten dargestellt werden, besonders mit Bezug auf die Entwicklung, die es in der deutschen Gesellschaft genommen hat. Im Fokus steht dabei vor allen Dingen der männliche Fußballsport. Darauf aufbauend werde ich auf das Geschlecht als Konstrukt eingehen, mit besonderem Augenmerk auf die Gender-Forschung, da das vorgefertigte Geschlechterbild einen Einblick darauf geben könnte, weshalb Homosexualität im Fußball im Gegensatz zur Politik und anderen Bereichen der Gesellschaft immer noch ein Tabuthema ist. Auch wird das Erscheinungsbild „Stadion“ genauso Beachtung finden wie das Verhalten der Fans untereinander und im Dialog mit den Spielern auf „dem Platz“. Wie bereits erwähnt, sollen auch wichtige Meinungsmacher in Fußball und Medien, sogenannte Experten, nicht unberücksichtigt bleiben. Es kann vermutet werden, dass hier eine Ursache für die intolerante Haltung im Profifußball zu suchen ist. Die vielen Kampagnen, die sich dem Thema der Enttabuisierung von Homosexualität in der Fußballwelt verschrieben haben, oftmals unter Mithilfe des Deutschen Fußball Bundes, sind politische Versuche mit diesem Thema umzugehen und werden genauso kritisch beleuchtet zahlreiche andere Projekte, unter anderem die Etablierung von homosexuellen Fangruppen in Fußballstadien. Um ein Meinungsbild der Stimmungslage innerhalb dieser Fangruppierungen zu erhalten, führte ich ein Interview mit dem Pressesprecher der Rainbow-Borussen, eine jener Fangruppierungen, die in der höchsten deutschen Profifußballliga, der „Bundesliga“, aktiv sind. Am Beispiel des Fußballers Marcus Urban möchte ich schließlich verdeutlichen unter welchen Druck die „betroffenen“ Spieler stehen.

Die Bachelorarbeit schließt mit einem Fazit, in dem ich das Thema noch einmal reflektiere. Möglicherweise können zukünftige Entwicklungen erkannt und diese mit dem Anspruch verknüpft werden, Verbesserungen im Verhalten aller beteiligten Parteien aufzuzeigen. Diese können zu einer Enttabuisierung des Themenkomplexes Homosexualität im männlichen Profifußball beitragen.

2 Fußball - mehr als ein Spiel

Bevor das Thema „Homosexualität im Profifußball“ erläutert wird, ist es wichtig zu verstehen, wieso Fußball in der Öffentlichkeit, bei den Fans oder auch den Medien solch einen hohen Stellenwert genießt. Fußballgegner[1] stellen sich manchmal die Frage, weshalb 22 Männer oder Frauen 90 Minuten lang einem Ball hinterherjagen und dabei ihren Emotionen und Gefühlen vor allen Zuschauern freien Lauf lassen.

Gröbner (2010, S. 1) erklärt, dass Fußball weltweit nach den gleichen Regeln gespielt wird und sich über diesen Sport schon ganze Nationen definiert haben. Tatsächlich sieht man Politiker, die über ihre Lieblingsmannschaften debattieren oder mit Fanschals im Stadion stehen. Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder besucht regelmäßig die Spiele seines Lieblingsvereins Hannover 96. Doch besonders ist das Miteinander im Stadion hervorzuheben. Die Grenzen zwischen Arm und Reich treten während eines Spiels genauso in den Hintergrund wie persönliche Sorgen und Konflikte. Fußball schafft ein Zugehörigkeitsgefühl quer durch alle Milieus, was in diesem Ausmaß im deutschen Sport wohl einzigartig ist. Da die Regeln für die Fans leicht zu verstehen sind, ist es uninteressant welche kognitiven Fähigkeiten der Fan mitbringt. Ein großer Faktor ist die Spannung. Der Fan kann mit seiner Mannschaft mitfiebern und diese lautstark unterstützen. Da jedes Wochenende (außer in der Sommer- und Winterpause) die Lieblingsmannschaft „um den Sieg“ spielt, wird ein festes Ritual für die Fans geschaffen. Die Welt- und Europameisterschaften schaffen es, dass ein signifikanter Anteil an der deutschen Bevölkerung hinter der deutschen Nationalmannschaft steht und sie unterstützt. In dieser Zeit werden selbst die Nichtfußballinteressierten des Öfteren zu Fans und Unterstützern der Mannschaft. Es kann deutlich gesagt werden, dass Fußball für die Öffentlichkeit mehr ist, als ein Spiel. Die „Sprache“ des Fußballs versteht jeder, Arm und Reich oder Alt und Jung. Es scheint als ob der Fußball die Fans zusammen schweißt. Jedoch hat der Fußball auch negative Facetten. Homophobe Äußerungen sind in den Stadion oft zu hören, was die davon Spieler abhält, sich zu outen. Im folgenden Kapitel wird beschrieben, wie der Fußball seinen ersten Schritt in die Moderne vollzogen hat.

2.1 Football Association

Wie Gröbner (2010, S. 2) darstellt, war die Gründung der Football Association (FA) in England 1863 die Geburtsstunde für den modernen Fußball. Als erste Organisation erschuf die FA ein einheitliches und verbindliches Regelwerk, an das sich die Mannschaften zu halten hatten. Sie schuf eine Liga, in der anschließend ein geregelter Spielbetrieb stattfinden konnte. Der FA Cup, der im selben Jahr initiiert wurde, wird unter demselben Namen auch heutzutage noch ausgespielt. Anhand dieser Informationen wird deutlich, dass der moderne Fußball in England entstanden ist. Das Besondere am Fußball war, dass das Spiel von jedem ausgeübt werden konnte. Eisenberg (2004, S. 7 f., zit. in Gröber, 2010, S. 2) betont die zu dieser Zeit stattfindende Metamorphose eines von Region zu Region nach unterschiedlichen Regeln ablaufenden „Kampfspiel[s]“ zu einem organisierten Sport, der die Menschen begeisterte. 1870 wurde der Fußball auch im deutschen Reich populär und mehr und mehr zu einer Alternative zum dort beliebten Turnen. Laut Müller (2009, S. 61) hatte der Fußball in England, wie übrigens später auch im Dritten Reich zur NS-Zeit, ebenfalls einen erzieherischen Hintergrund, nämlich Jugendlichen und Kindern ein neues Körperbewusstsein zu vermitteln, sie in einem Gruppengefüge zu stärken und Disziplin zu lehren. Diese Aspekte flossen auch in die Denkweise der deutschen Bevölkerung ein, wie das nächste Kapitel zeigt.

2.2 Entwicklung in Deutschland

Welchen politischen Stellenwert der Fußball in Deutschland genießt, wurde schon im Deutschen Reich deutlich. Fußball wurde gespielt und genutzt, um die Wehrhaftigkeit der deutschen Männer zu erhöhen. In diesen Zusammenhang passt der Satz aus einem Fußballlehrbuch des Jahres 1914: „Ein Fußballwettkampf hat Ähnlichkeit mit dem Krieg“ (Heinrich, 2000, S. 37, zit. in Gröber, 2010, S. 10). Dem Militär kamen die Begleiterscheinungen des Fußballs, wie zum Beispiel die notwendige Disziplin einer Mannschaftssportart, körperliche Ertüchtigung und der besondere Mannschaftsgeist nicht gerade ungelegen, vor allem in Bezug auf die zunehmende politische Zuspitzung und Kriegslüsternheit in Europa, die letztlich in den Ersten Weltkrieg führte. In der NS-Zeit wurde der Fußball abermals für die Politik missbraucht. Denkbar sind hier Anknüpfungspunkte an die fortschreitende Isolation in und bewusste Separation von großen Teilen Europas und der Welt, was logischerweise zu einer starken emotionalen Bewertung der Nationalmannschaftsspiele führte – der Sieg als Synonym für die Überlegenheit des deutschen Volkes und die Niederlage als große Schmach. Einige Fußballausdrücke sind noch immer militärisch geprägt. Ein Spielzug, der an der Außenlinie entlang läuft, wird beispielsweise als „Flügelangriff“ bezeichnet, ein Ball, der auf das gegnerische Tor gebracht wird, ist ein „Schuss“, wobei ein fester Schuss, der für den Torwart kaum haltbar ist, gar als „Granate“ gilt.

Adolf Hitler, so Brüggemeier (2006) interessierte sich nicht sonderlich für Fußball. Jedoch blieb auch ihm nicht verborgen, welche Perspektive und Möglichkeiten der Sport bot. Gingen vor dem ersten Krieg nur an die tausend Fans ins Stadion, so steigerte sich die Zahl der Fußballbegeisterten danach enorm. Neue Vereine gründeten sich und die Anzahl der Spieler und Mitglieder stieg rasant an. So besuchten das deutsche Länderspiel gegen Italien nach den Olympischen Spielen in Berlin fast 100.000 Fans. Durch die gut besuchte deutsche Meisterschaft wurden neue Gelder und Märkte geschaffen. Die Zeitungen interessieren sich für den Fußball, die auch populäre Sportzeitschrift Kicker entstand. Der DFB war bemüht am Amateursport festzuhalten und verbot in der Folge den Berufsfußball, was jedoch von vielen Vereine nicht beachtet wurde. Sie boten den besten Spielern Gelder oder Materialwerte an, damit diese zu ihnen wechselten. Das steigernde Interesse machte auch vor den Kommunen nicht halt. So wurden neue Sportanlagen oder gar große Stadien gebaut. Fußball in Deutschland war eindeutig auf dem Vormarsch.

2.3 Fußball als Beruf

Wie im vorherigen Kapitel beschrieben, war es anfangs unerwünscht, dass sich der Fußball als Beruf durchsetzte. Der DFB mühte sich, diesen als Amateursport zu bewahren. Doch es entwickelte sich in Deutschland - und natürlich auch international - eine Eigendynamik, die diesem hehren Ziel entgegenwirkte. Durch den Bau neuer Stadien und der steigenden Zahl von Spielern und Zuschauern erwirtschafteten laut Eisenberg (2004) die Vereine kontinuierlich wachsende Überschüsse. Zu dieser Zeit entstanden auch die bekanntesten Stadien der Welt, wie etwa das Londoner Wembley Stadion. Da die Vereine in organisierten Ligen spielten, die nach ihrer spielerischen Stärke gegliedert wurden, wuchs die Belastung für die Spieler, die neben ihrem Hobby Fußball auch einen richtigen Beruf ausübten, stetig. Der Durchbruch des Berufsfußballs geschah in den meisten Ländern in den dreißiger Jahren. Dies hat laut Eisenberg (2004) verschiedene, teilweise globale Ursachen. Der südamerikanische Fußballverband führte den Berufsfußball ein, damit die Spieler in ihren Vereinen, beziehungsweise Land verweilten. Da England vierzig Jahre vorher den Berufsfußball einführte, war die englische Liga eine aus finanzieller Sicht interessante Alternative zu den einheimischen Vereinen. Einen weiteren wichtigen Aspekt stellt die Weltwirtschaftskrise dar. Die aufkommende Arbeitslosigkeit zwang die Menschen, sich nach einer weiteren Einkommensmöglichkeit umzusehen und die gute Fußballer versuchten ihr Talent dahingehend zu nutzen, mit Fußballspielen ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die erstmals durchgeführte Weltmeisterschaft in Uruguay war der Beginn eines globalen Transfermarktes (Arbeitsmarkt für Fußballer) und steigerte den Bekanntheitsgrad der Spiele. Der Berufsfußball konnte in der Konsequenz mit seinen Verträgen und Gehältern eine vermehrte Emigration der Spieler verhindern.

Auch aus diesem Grund hat sich der Berufsfußball mittlerweile weltweit etabliert. Spitzenspieler schließen langjährige Verträge zu Konditionen ab, die meist deutlich über dem Pro-Kopf-Einkommen des jeweiligen Landes liegen. Freiberg (2009) nennt als Beispiel den portugiesischen Spitzenspieler Cristiano Ronaldo, der vom englischen Team Manchester United für eine Rekordsumme von vierundneunzig Millionen Euro zum spanischen Erstligisten Real Madrid wechselte. Für diese Summe unterschrieb dieser einen Vertrag für sechs Jahre. Kaka, ebenfalls Spieler von Real Madrid wechselte für 65 Millionen Euro den Verein. Diese beiden Beispiele sollen aufzeigen, welche Investitionen heutzutage in der Parallelwelt Fußballsport getätigt werden. Nur aufgrund einer wachsenden medialen Vermarktung der jeweiligen Vereine im Besonderen (Sponsoring) und des Produktes Fußball im Allgemeinen sind eben jene Vereine in der Lage solche Summen zu investieren - die klassischen Einnahmequellen, Zuschauereinnahmen und Merchandising, reichen dafür alleine nicht aus. Im Gegenzug verlangen die Vereine von den Spielern kontinuierlich Höchstleistungen, großen Einsatz und Engagement. In einer Allianz mit der allgegenwärtigen Medienpräsenz entsteht ein aus physischer und psychologischer Sicht gefährlich hoher Druck auf die Spieler. Jene, die ihre Homosexualität verstecken müssen sind diesem Druck oftmals in mehrfacher Hinsicht ausgesetzt und nicht gewachsen. Die Arbeit lässt diese Thematik nicht außer Acht.

3 Forschungslage zum Thema

Nach Tanja Walther-Ahrens (2011, S. 13) hat Sport in Europa eine große Bedeutung, was an der steigenden Zahl der Sportbegeisterten abzulesen ist. Der Sport dient als Freizeit- und auch als Wirtschaftsfaktor. Als „gewichtige und bedeutende gesellschaftliche Institutionen“ (Walther-Ahrens, 2011, S.13) werden Vereine, Verbände und Organisationen bezeichnet. Somit hat der Sport eine wichtige Funktion in der Gesellschaft und Politik und sollte sich wichtigen und aktuellen Fragen und Problemen nicht verschließen. An diesem Punkt geschieht die Verknüpfung zum Profifußball in Deutschland. Laut Theo Zwanziger, Präsident des DFB, ist der Fußball mehr als eine Freizeitbeschäftigung in Deutschland (Walther – Ahrens, 2011, S.8). Mit über sechs Millionen Mitgliedern ist der DFB der größte Sportverband der Welt und eines der einflussreichsten Netzwerke in Deutschland. Dieser Einfluss könnte für ein tolerantes Miteinander und einen respektvollen Umgang genutzt werden. In diesem Zusammenhang ist der thematische Umgang mit dem Aspekt Homosexualität besonders zu nennen. Aufgrund des medialen Interesses sind in den letzten Jahren viele Artikel und Bücher zu diesem Thema erschienen. Zu nennen sind hier zum Beispiel das Buch von Blaschke „Versteck Spieler“, das die Karriere des homosexuellen Spielers Marcus Urban sowie seine Gefühlswelt darstellt. Außerdem engagiert sich Tanja Walther-Ahrens, eine ehemalige Bundesligaspielerin, auf dem Gebiet der Toleranz gegenüber homosexuellen Spieler/innen. Eine häufig gestellte Frage an Interviewpartner ist stets, ob er oder sie einen männlichen Profifußballer in Deutschland kenne; so auch an Katrin Müller-Hohenstein, welche sich täglich mit Fußballer auseinander setzen muss (Moderatorin des aktuellen Sportstudios Im ZDF und Berichterstatterin der Männer-Weltmeisterschaft 2010, ebenfalls ZDF) und die Frage verneinte (Leibfried & Erb, 2011, S. 7). Augenscheinlich herrscht hier jedoch eine zu große Diskrepanz zu den statistischen Kennzahlen, welche nahelegen, dass es auch im Profifußball einen signifikanten Anteil von Homosexuellen geben muss. Daher rührt die fortwährende Befragung sogenannter Insider wie Frau Müller-Hohenstein durch die Medien, denen man am ehesten zutraut, das sprichwörtliche Insiderwissen zu besitzen. Zum Anreiz liefern die Medien selber Namen. Als Beispiel kann hier Philipp Lahm genannt werden. Auch Kommentare wie von jener Corny Littmann, Präsident von Hamburger Fußballvereins FC St. Pauli, dass es seiner Kenntnis nach Homosexuelle auch in der Nationalmannschaft gebe (Leibfried, Erb, 2011, S. 12), steigern das mediale Interesse an dieser Thematik. Des Weiteren berichtet der ehemalige FIFA- Schiedsrichter John Blankenstein, der immer zu seiner Homosexualität stand, von schwulen Spielern in der holländischen Nationalmannschaft. Alles nur erfunden? Schließlich gibt es bisher keine Outings, die dies belegen. Die aktuelle Forschung sich in Büchern wie von Tanja Walther-Ahrens oder Leibried und Erb nach den Gründen, die einen Spieler von einem Outing abhalten. In meiner Arbeit werden die möglichen Ursachen differenziert darlegt.

Weitere Bücher, die den Fußball, Homosexualität und das Geschlecht als Debattierungsansatz vereinen sind z.B. „Ernste Spiele. Zur politischen Soziologie des Fußballs“ von Gabrielle Klein und Michael Meuser als Herausgeber oder „Arena der Männlichkeit“ von Eva Kreisky und Herausgeber Georg Spitaler. Gerd Dembowski und Jürgen Scheidle veröffentlichen in ihrem Buch „Tatort Stadion“ Aufsätze, die sich mit Faktoren wie Rassismus oder Sexismus im Fußball auseinandersetzen, denen sich auch Thomas Gröbners Werk „Tatort Stadion, Wandlung der Zuschauergewalt im Profifußball“ widmet. Marion Müller referiert in ihrem Buch „Fußball als Paradoxon der Moderne“ über die Herkunft des Fußballs sowie den Einfluss der Geschlechter. Das Thema Homophobie im Fußball behandelt Daniel Haller in seinem Buch „Homosexualität und Homophobie im Fußball“.

Im nächsten Kapitel der Arbeit wird die gesellschaftliche Relevanz des Themas Homosexualität untersucht und mit der Wirkung von homophoben Äußerungen verknüpft. Einen wichtigen Aspekt nimmt dabei das Coming-out ein, welches sich unmittelbar auf das Wohlbefinden der Menschen auswirken kann.

[...]


[1] Der Ausdruck bezieht sich nicht auf das biologische Geschlecht und ist als neutral zu verstehen. Demgegenüber verwende ich den Ausdruck „Profifußballer“ sinngemäß generell in der männlichen Form.

Details

Seiten
65
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656195603
ISBN (Buch)
9783656197331
Dateigröße
915 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194197
Institution / Hochschule
Fachhochschule Düsseldorf
Note
1,3
Schlagworte
Homosexualität im Profifußball Homophobie Outing Schwul

Autor

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Titel: Homophobie am Spielfeldrand: Spieler im Abseits