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Die Anfänge der NATO - analysiert anhand der Theorie der hegemonialen Stabilität

Essay 2011 8 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Int. Organisationen u. Verbände

Leseprobe

Die Anfänge der NATO - analysiert anhand der Theorie der hegemonialen Stabilität

1 Einleitung

„We are doing now what we should have done in 1919 and in 1936. (...) If we had realized then, as we do now, that war anywhere is war for us (...) the war would not have come. (...) The third World War must be prevented, and I regard this alliance as one of the ways in which that objective can be attained."

(McMahon nach Lawrence 1949)

Die Allianz, die der US-amerikanische Senator Brien McMahon hier als einen Beitrag zur Verhinderung des dritten Weltkriegs beschreibt, ist die zu diesem Zeitpunkt in der Gründung befindliche NATO (North Atlantic Treaty Organization). Zudem stell er fest, dass die USA bereits in der Zeit zwischen den Weltkriegen ihre globale Bedeutung hätten erkennen und schon damals dieser entsprechend hätten handeln sollen. Warum aber wurde erstmals 1949 ein transatlantisches Verteidigungsbündnis initiiert?

Verschiedene Autoren des Neorealismus entwarfen und entwickelten ab den 1980er-Jah- ren die Theorie der hegemonialen Stabilität, die davon ausgeht, dass die Existenz einer uneingeschränkten Hegemonialmacht zu internationaler Kooperation und Stabilität führt (Jørgensen 2010: 142). Diese Theorie wird in diesem Essay auf die Anfänge der NATO angewandt, wobei zunächst ein Überblick über die Theorie gegeben wird. Im Anschluss wird überprüft, inwieweit die Gründung der NATO, die weitreichende Folgen hatte und das Ende US-amerikanischer Isolation bedeutete (Kaplan 1988: 1), mit ihr zu erklären ist.

2 Die Theorie der hegemonialen Stabilität

Die Theorie der hegemonialen Stabilität, die ursprünglich von Charles P. Kindleberger entworfen wurde (Kindleberger 1975: 291ff.), ist der Strömung des Neorealismus zuzuordnen und geht deshalb von dessen Prämissen, das heißt von einer „anarchische[n] Struktur des internationalen Systems“, in der rational handelnde Staaten nach relativen Gewinnen streben, aus (Rittberger & Zangl 2003: 36f.).

Damit ist der entscheidende Punkt bereits genannt, denn dauerhafte Kooperation gestaltet sich unter diesen Annahmen sehr schwierig, da allein ein absoluter Gewinn als Motivation hierfür nicht ausreicht. Vielmehr ist, im Gegensatz zur Meinung des Institutionalismus (Tischner 2007: 4f.), zusätzlich für alle beteiligten Länder auch ein relativer Gewinn Vo- raussetzung für den Willen zur Kooperation. Wenn aber ein Staat durch mehr absolute Gewinne als andere auch einen relativen Gewinn erzielt, bedeutet dies für andere einen relativen Verlust, sodass diese dann nicht bereit sind, zu kooperieren (Rittberger & Zangl 2003: 37).

Erst wenn eine hegemoniale Macht existiert, das heißt ein Staat, der nach Keohane ein Übergewicht an „Kontrolle über Rohstoffe, Kontrolle über Kapitalquellen, Kontrolle über Märkte und Wettbewerbsvorteile bei der Produktion von hochwertigen Gütern“ hat (Keo- hane 1984: 32), kann langfristige Kooperation und dadurch Stabilität auf internationaler Ebene entstehen (Rittberger & Zangl 2003: 37). Die Bedeutung von militärischer Überle- genheit kann zudem als Merkmal einer hegemonialen Stellung betrachtet werden (Jack- son & Sørensen 2010: 200). Eine zwingende Voraussetzung ist jedoch, dass der hegemo- niale Staat willens ist, die Kosten dieser Position „überproportional zu tragen“ (Rittberger & Zangl 2003: 37) und einen relativen Verlust im Vergleich zu den anderen beteiligten Län- dern hinzunehmen (Jørgensen 2010: 142). Dies setzt eine so große Überlegenheit der hegemonialen Macht voraus, dass sie dies in Kauf nehmen kann, um lediglich absolute Gewinne zu erzielen (Rittberger & Zangl 2003: 37).

Der hegemoniale Staat hat demnach also bei der Kooperation eine besondere Rolle inne. Die Aufgaben und Kosten, die er zu tragen hat, können unterschiedlicher Natur sein. Eine entscheidende Bedeutung kommt hierbei dem Unterbinden von free-riding (Trittbrettfah- ren) zu. Wenn nämlich Kooperation erst einmal stattgefunden hat, besteht für die schwä- cheren Länder ständig der Anreiz, nicht weiter für die dazu erforderlichen Kosten aufzu- kommen, also die Vereinbarungen nicht einzuhalten (Jackson & Sørensen 2010: 200). Normalerweise befolgen diese Staaten die Regeln der hegemonialen Macht wegen deren „Prestige und Status im internationalen politischen System“ (Gilpin 1987: 73). Ist dies nicht der Fall, ist es an dem hegemonialen Staat, seine Position zu nutzen und die Vorschriften der Kooperation beispielsweise mit Sanktionen durchzusetzen (Jackson & Sørensen 2010: 200; Keohane 1984: 34).

Dabei kann es häufig hilfreich sein, die Kooperation zu institutionalisieren, das heißt eine internationale Organisation zu gründen. Auch hierbei kommen der hegemonialen Macht besondere Funktionen zu, denn sie muss die Kosten für die Gründung der Organisation bereits im Voraus übernehmen (Rittberger & Zangl 2003: 36), um diese überhaupt erst zu ermöglichen. Danach kann sie mit einer „Mischung von Zwang und Anreizen andere Staaten in die Organisation [einbinden]“ (Rittberger & Zangl 2003: 36).

Dazu können noch weitere Kosten und Nachteile für den hegemonialen Staat kommen, wie etwa die Zahlung von „side-payments“ oder die Tatsache, „endlos von den schwächeren Staaten erpresst werden“ zu können (Jørgensen 2010: 142).

So ergibt sich, dass für den Fortbestand von Kooperation und internationalen Organisatio- nen in gleichem Maße die dauerhafte Hegemonialstellung eines Landes von besonderer Bedeutung ist (Keohane 1984: 31). Verliert ein Staat diese Position, so reduziert sich der Theorie zufolge die Bedeutung der von ihm initiierten Kooperationen und internationalen Organisationen (Rittberger & Zangl 2003: 36), was dem Neorealismus nach in regelmäßi- gen Zyklen der Fall ist, es sei denn, „die Menschheit vernichtet sich entweder selbst oder lernt, einen effektiven Mechanismus des friedlichen Wandels zu entwickeln“ (Gilpin 1981: 210).

3 Die Anfänge der NATO

Nun soll anhand der oben dargestellten Theorie die Gründung der NATO analysiert werden, wobei das Hauptaugenmerk auf der Bedeutung der USA liegt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnete sich schnell ab, dass die gemeinsame Koalition gegen Hitler zerfallen und sich eine bipolare Machtverteilung zwischen den USA und der Sowjetunion ergeben würde. Diese beiden Länder standen sich von nun an unversöhnlich gegenüber (Knorr 1985: 24f.; Poser 1979: 15). In einzelnen Staaten Nordamerikas sowie Nord-, West- und Südeuropas, besonders aber in den dem jetzt vor allem auch ideologi- schen Erzfeind der Sowjetunion, den USA, führte dies zu einer ständigen Angst vor der militärischen Bedrohung durch die Sowjetunion und es entstand in jedem einzelnen Land das Bedürfnis, die eigene Sicherheitslage zu verbessern (Poser 1979: 16; Rebhan 2003: 197ff.).

Ein Weg dazu schien die militärische Kooperation der verschiedenen westlichen Staaten untereinander zu sein. 1949 kam es zwischen den USA, Kanada und zehn europäischen Ländern, darunter Frankreich und Großbritannien, zunächst zum Abschluss des Nordat- lantikvertrages (Poser 1979: 17) und schließlich zur Gründung der NATO, einer internatio- nalen Organisation (Rittberger und Zangl 2003: 25), die mit der Umsetzung des Bündnis- ses betraut wurde. Zum Zustandekommen dieses transatlantischen Verteidigungsbündnis- ses waren gemäß der Theorie der hegemonialen Stabilität verschiedene Voraussetzungen nötig.

Zunächst einmal bedurfte es ihr zufolge einer eindeutigen und unangefochtenen Hegemo- nialmacht. Diese bestand in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in der westlichen Sphäre mit den USA eindeutig. Noch mehr als Großbritannien im 19. Jahrhundert waren sie in- dustriell und wirtschaftlich führend (Keohane 1984: 32; 35ff.). Außerdem waren die USA in der westlichen Welt der mit Abstand bevölkerungsreichste Staat (Ismay 1956: 21) und be- saßen eine überragende militärische Stärke (Jackson & Sørensen 2010: 201). Durch die zunehmende Konfrontation mit der Sowjetunion war ihnen vor allem daran gelegen, die Sicherheit gegenüber dieser zu verbessern, sodass sie nicht nur fähig zur Kooperation wa- ren, sondern sich auch aus der Isolation lösen wollten (Jackson & Sørensen 2010: 199).

Zudem war es der Theorie der hegemonialen Stabilität zufolge von Nöten, dass alle betei- ligten Parteien durch die Mitgliedschaft in der NATO einen absoluten Gewinn erzielten. Dieser bestand in einer Verbesserung des Schutzes vor der Bedrohung durch die Sowjet- union, da sich alle NATO-Staaten verpflichteten, sich im Falle eines bewaffneten Angriffs auf ein Mitglied gegenseitig mit den „Maßnahmen, einschließlich der Anwendung von Waf- fengewalt, (..) die sie für erforderlich erachte[n]“, beizustehen (NATO 1949: Art. 5). Damit war die Sicherheit aller Mitgliedsländer, auch die der USA, gestärkt, denn im Falle eines Angriffs auf eine Vertragspartei stünden dem Aggressor nun neben dem Militär dieses Staates auch solches aus den anderen Ländern auf verschiedenen Kontinenten gegen- über.

Weiterhin besagt die Theorie der hegemonialen Stabilität, dass die Hegemonialmacht be- reit gewesen sein musste, relative Verluste in Kauf zu nehmen. Dass die USA dies waren zeigt sich daran, dass die anderen NATO-Mitgliedsstaaten durch das Verteidigungsbünd- nis größere absolute Gewinne erzielten als die USA selbst. Beispielsweise ist der Zuwachs an militärischer Schlagkraft und an Sicherheit, den Luxemburg durch ein Bündnis mit den USA erfuhr, deutlich größer als umgekehrt. Außerdem wurde die militärische und politische Souveränität der Mitgliedsstaaten, also auch der USA, beschränkt (Kaplan 1988: 2). So sind im höchsten militärischen Entscheidungsorgan der NATO, dem Militärausschuss, Of- fiziere aller Mitgliedsstaaten gleichermaßen vertreten und „der Vorsitz (...) rotiert unter den Mitgliedsstaaten“ (Poser 1979: 38), wodurch die USA Einschränkungen ihrer Macht zu er- tragen hatten. Allerdings waren sie zu diesem Zeitpunkt so mächtig, dass sie diese relati- ven Verluste hinnehmen konnten.

Als Voraussetzung für das Zustandekommen internationaler Kooperation sieht die Theorie der hegemonialen Stabilität die Bereitschaft der Hegemonialmacht, die Kosten hierfür zu tragen. Am Beispiel der NATO zeigt sich dies unter anderem daran, dass die USA viele militärische Verpflichtungen übernahmen. So war es an ihnen, die „Seewege offen zu hal- ten und die Kapazitäten für strategische Bombardements zu sichern“ (Schneider 2000: 22). Hinzu kommt, dass die Verteidigungsstrategie des Bündnisses zu Beginn auch in Eu- ropa vor allem auf den atomaren Fähigkeiten der US-Armee und ihrer dort stationierten Truppen aufbaute (Schneider 2000: 22; 29).

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Details

Seiten
8
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656195061
ISBN (Buch)
9783656466123
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194155
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Internationale und Europäische Politik
Note
1,0
Schlagworte
NATO USA Neorealismus Hegemoniale Stabilität Internationale Politik Kooperation

Autor

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