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Das Identitätsproblem in Max Frischs Werk "Stiller"

Bachelorarbeit 2012 32 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kapitel Stiller und die Frauen
1.1 Julika und Stiller
1.2 Sibylle und Stiller
1.3 Stillers Neigung zur unerreichbaren Frau

Kapitel das Identitätsproblem
1.1 Wahrheit und Wirklichkeit
1.2 Bildnis, Identität und Rolle
1.3 Stiller und die Medien

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Max Frisch schrieb immer über dasselbe Thema: Über das Ich, das Bildnis und die Rolle. Man fragt sich, warum Frisch immer dieselbe Thematik besprochen hat. Er antwortete auf diese Frage, indem er dem Publizisten Heinz Ludwig Arnold in einem Gespräch sagte: „[…] wir haben wohl die Wahl der Mittel, aber die Wahl der Themen haben wir kaum.“[1] „Rolle, Maske, falsche Identität – diese Begriffe stehen alle für ein zentrales Thema Max Frischs: das Problem des Bildnisses.“[2] Wenn man einen Roman von Frisch liest, so merkt der Leser, dass es sich um das Rollenspiel handelt. Das kann er insbesondere im Stiller finden. Der Roman Stiller zählt zu den berühmtesten Romanen Frischs. Er bespricht verschiedene Themen, die aber alle durch eine zentrale Frage verbunden sind.[3] Das ist die Frage „nach dem eigentlichen Ich, dem Ich, der Identität, beziehungsweise […] dem Leugnen einer bestimmten Identität.“[4] Max Frisch benutzte die Ich-Form, wenn er schrieb. Aus diesem Grund ist Stiller ein Roman eines „»ichdramatischen Menschen«. Ein ichdramatischer Mensch im ständigen Widerspruch zu seinen Mitmenschen und auch zu sich selbst. Seine Beziehungen zu anderen Menschen bleiben ichbezogen.“[5]

Diese Arbeit basiert auf dem Roman Stiller. Es gibt viele Protagonisten im Roman, aber der hauptsächliche Protagonist ist Anatol Ludwig Stiller bzw. Jim White. Das sind zwar zwei Namen, aber sie gehören beide einer Person. Anatol Ludwig Stiller leugnet seine Identität und schafft sich eine neue Identität. Jim White verkörpert die erwünschte, neue Identität von Stiller. Das ist der Grund, der zur Entstehung des Identitätsproblems führt. Hier stellen sich die Fragen: Was sind die Gründe, die Stiller zum Identitätsproblem führen? Warum möchte er eine neue Identität haben? Was möchte dieser Roman bezwecken?

Das Ziel dieser Arbeit ist den Menschen zu zeigen, dass die Selbst-Fremdbildnisse eine Gefahr sein können. Diese Arbeit betrachtet im Allgemeinen das Bildnis kritisch und bittet die Menschen um den Verzicht darauf, denn es übt negative Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft aus. Sie folgt einem hermeneutischen Ansatz. Durch Zitate aus dem Roman Stiller und der benutzten Literatur versucht diese Arbeit, den Sinn dieses Romans zu erschließen. Für die Analyse der Identitätsproblematik ist es wichtig, zunächst einen kurzen Blick in Max Frischs Biographie und die Entstehung des Romans zu werfen, denn das hilft beim Verstehen der Ereignisse im Roman.

Leben und Werk

Max Frisch ist am 15. 5. 1911 in Zürich geboren. Sein Vater war Architekt. Er studierte Germanistik an der Universität Zürich von 1931 bis 1933. Danach arbeitete er als freier Journalist. Später studierte er Architektur. Frisch war viel auf Reisen. Er war zum Beispiel in Rom, Berzona, Berlin, New York, Prag, Ungarn, Serbien, Kroatien, in der Türkei, Griechenland und Israel. Er schrieb viele Erzählungen, Prosastücke, Tagebücher und Romane und kannte berühmte Schriftsteller z. B. Bertolt Brecht. Frisch bekam ein Stipendium von der Rockefeller-Foundation. Mit diesem Grund hielt er sich in den USA auf. Da besuchte er auch viele Städte und auch Mexiko. Als er in die Schweiz zurückkehrte, hatte er ein Manuskript, das Was macht ihr mit der Liebe hieß. Mehrere Teile davon gehen in den Roman Stiller ein.[6] Der Roman Stiller wurde im Jahr 1954 geschrieben. Sein Name war zuerst Was macht ihr mit der Liebe. Frisch sagte seinem Verleger: „ich glaube zu wissen, dass meine Arbeit, also die Arbeit meines amerikanischen Sommers und Herbstes, ein Prosa-Buch sein wird, ein Roman, der nichts mit Amerika zu tun hat.“[7] Als er in den USA war, schrieb er einen Brief an die Schauspielerin Helga Roloff. Da beschrieb er ein bisschen den Roman. Im Brief steht: „Der Roman […] hat viel Gestalten […] zwei Männer, zwei Frauen; ein Mann der Tat, Manntier, Arzt, und ein Träumer, Halbkünstler, Mann der Angst und Ahnung, gewissenskrank; eine Frau, die unmittelbar zu leben unternimmt, Schranken überschreitet, und eine andere, spinnenhafte, lungenkranke, die stirbt […]“[8] Das sind die Figuren Stiller, Rolf, der kein Arzt ist, sondern ein Staatsanwalt, Sibylle und Julika. Es gab ein Treffen zwischen Frisch und seinem Verleger Suhrkamp. Sein Verleger half ihm bei der Arbeit. Das ist klar in seinem Brief an Suhrkamp: „Ich danke Ihnen noch einmal für unser Gespräch über Stiller. Es hat mir viel und wichtigen Anstoss gegeben.“[9] Danach wurde der Roman im Jahr 1954 vom Suhrkamp Verlag veröffentlicht.

In Max Frischs Werken fragen seine Figuren genau wie er nach dem wahren Sinn ihres Lebens.[10] Im Stiller beantwortet Frisch seine alte Frage: Was bin ich?[11] Durch den Protagonisten Stiller antwortete er darauf. Der Roman ist eigentlich eine Debatte über die Identität zwischen ihm und seinem Umfeld. Sein Umfeld macht sich von ihm ein Bildnis und drängt ihn in eine Rolle. Das verschmäht er und schafft sich deshalb eine neue Identität, die sein eigentliches Wesen darstellt. So entsteht bei ihm das Identitätsproblem.

Zwischen den Jahren 1946-1949 interessierte er sich mehr für seine Arbeit als Architekt. Aber das heißt nicht er hörte mit dem Schreiben auf. Er schrieb seine Ideen in ein Tagebuch: „Das hat mit der Biographie zu tun, mit der Zeit, (...) das Tagebuch war also zuerst eine Notform für mich.“[12] Dieses Tagebuch enthält Entwürfe, Geschichten, Motive und Überlegungen für spätere Werke. Es enthält Prosastücke wie z. B. Andorra. Es enthält auch Teile, die „das für Frisch zentral wichtige Bildnis-Problem“[13] besprechen. Der Roman Stiller beinhaltet auch das Thema des Bildnisses. Das zeigt, dass dieses Tagebuch sehr wichtig betreffend seine späteren Werke war, da er keine Zeit hatte. Man kann sagen, dass es wie eine Basis seiner späteren Werke ist. Das bedeutet auch, dass Stiller aus diesem Tagebuch stammte. Max Frisch starb am 4. 4. 1991.

Kapitel die Frauen im Stiller

Alle Figuren von Max Frisch spielen eine Rolle, darunter die Frauen, deshalb konzentriert sich dieses Kapitel besonders auf die Frauen, weil sowohl Julika als auch Sibylle eine bestimmte Rolle spielen und die Identität der meisten Hauptfiguren von ihrer Partnerin abhängt.[14] Es bespricht verschiedene Themen. Es behandelt zuerst Stillers Umgang mit seiner Ehefrau Julika, der zum Schluss sein Identitätsproblem zeigt. Das Bildnis verursacht diese Identitätsproblematik, deshalb versucht Stiller neu, eine Beziehung zu einer anderen Frau, also zu Sibylle zu führen, weil er denkt, sie würde das annehmen. Diese Beziehung misslingt auch, da das passiert, wovor er Angst hat. Eine Seite seiner Freundschaft mit der weiblichen Figur Florence wird auch besprochen.

Die Frauen im Allgemeinen spielen eine sehr wichtige Rolle in Frischs Romanen, deswegen soll dieser Abschnitt durch die Frauen dieses Romans versuchen, zu zeigen, ob sie einen Einfluss üben, wenn es sich um die Bestimmung seiner Identität handelt und auch ob sie an der Verursachung dieses Problems teilnehmen oder nicht.

1.1 Julika und Stiller:

Die weiblichen Figuren spielen eine sehr wichtige Rolle. Im Stiller beispielsweise ist die weibliche Figur die Stärkere[15]. Der Protagonist Stiller arbeitet als Bildhauer und bekommt fast nichts. Das ist nicht nur der Fall im Roman Stiller, sondern auch im Roman Mein Name sei Gantenbein. Da arbeitet die hauptsächliche Figur nicht, weil er blind ist. Aber die Frauen im Stiller sind berufstätig und sorgen selbst für ihren Unterhalt. Man kann sagen, “Stiller ist ein Sklave der Frauen, seelich wie finanziell.“[16]

Mit „Ich bin nicht Stiller“ (Stiller S. 9) beginnt Frischs Roman Stiller. Das sagt er, nachdem er verhaftet wurde. Von Anfang an leugnet Jim White, dass er Anatol Ludwig Stiller sei. Dann sollte er sein Leben niederschreiben, um zu beweisen, ob er Stiller ist oder nicht. White hat viele Elemente beschrieben, z.B. die Stadt Zürich und auch die Menschen, darunter Stiller, und er hat viel kritisiert.

White beschreibt den Umgang von Stiller mit seiner Ehefrau Julika und ihr Verhalten ihm gegenüber.

Stillers Umgang mit Julika war sehr schlecht, Julika halte sich für einen lieben Menschen, behauptet Stiller, aber er hält sie für einen narzisstischen Menschen: „[…] »du hältst dich für die Liebe und die Hingabe in Person, ich weiß, ich halte dich für den Narzißmus in Person.“ (ST S. 148)

Julika hat schon gemerkt, dass ihr Gatte ihre Krankheit nicht ernst nimmt. Das zeigt sein Desinteresse an ihr. Es ist ihm auch gleichgültig, ob sie daran stirbt oder nicht. Als Julika mit ihm davon sprach, hat er gelächelt: „[…] Stiller lächelte sogar, während Julika von ihrem möglichen Tode sprach.“ (ST S. 96) Im Gegenteil dazu verhält sich Julika mit ihm ganz nett. Sie kümmert sich um ihn. Sie interessiert sich für seine Gefühle. Zum Beispiel, muss Julika ins Sanatorium wegen ihrer Krankheit gehen. Sie hat ihm das nicht gesagt, damit er nicht spürt, dass er fast nichts verdiente: „Julika ging sogar so weit, den ärztlichen Rat vor Stiller zu verschweigen, um ihn zu schonen, um ihm nicht das Gefühl zu gebende er zu wenig verdiente.“ (ST S. 90) Sie hoffte nur, dass er sich um sie auch kümmert, aber vergeblich.

Da fängt White an, ihn zu kritisieren. Er sagte ihr, dass sich Stiller gemein mit ihr verhalten habe: „»Meine liebe Julika«, sage ich, die ganze Zeit redest du mir, wie scheußlich dein Stiller sich benommen hat. Wer bestreitet das denn?“ (ST S. 82) Diese scharfe und direkte Kritik an Stillers Verhalten zeigt, dass White das unakzeptabel findet. Außerdem gesteht er, dass Stillers Umgang sie krank gemacht hat: „Er hat dich krank gemacht, behauptest du, krank auf den Tod, er hat dich liegen lassen, du hättest sterben können […]“ (Ebd.)

Der Umgang zwischen Stiller und dessen Gattin unterscheidet sich. Man sieht, dass Stiller der Böse ist, und Julika die Opferrolle verkörpert. Dieser Unterschied ist ein Beweis, dass Stiller ein Identitätsproblem hat. Zuerst war er der Böse, und wie Sibylle ihm sagte, nachdem er mit der kranken Julika Schluss gemacht hat, dass das ein Mord sei: „[…] Stiller, das ist doch Mord […]“ (ST S. 302) und danach, als er seine alte Identität leugnet, kritisiert White Stiller, also sich selbst.

Julika redet mit White von ihrer gescheiterten Ehe. Sie redet pausenlos davon. Da wusste White, dass ihre Ehe unglücklich war. Er meinte auch, dass eine Ehe nicht so sein solle: „Die ganze Zeit redet sie von ihrer Ehe, die, wie ich vernehme, auch nicht so gewesen ist, wie eine Ehe sein sollte.“ (ST S. 57)

Sie gibt in der Tat Stiller die Schuld daran, dass ihre Ehe scheiterte. Aber der „Sanatoriums-Freund“ ist nicht ihrer Meinung. Er merkt bereits, dass Julika sich selbst für Opfer hält und dass Stiller allein an ihrer gescheiterten Ehe Schuld ist. Das denkt er aber nicht. Er meinte, nicht nur Stiller sei daran schuld, sondern auch Julika: „»Wer sich selbst nur immerzu als Opfer sieht, meine ich, kommt sich selbst nie auf die Schliche, und das ist nicht gesund. Ursache und Wirkung sind nie in zwei Personen getrennt, schon gar nicht in Mann und Frau, selbst wenn es zuweilen so aussehen mag, Julika, weil die Frau scheinbar nicht handelt.“ (ST S. 133)

Man könnte Julika für schlecht halten, wenn es sich um die sozialen Beziehungen handelt. In dieser Hinsicht sagt Heidenreich: „Ein Zusammenleben mit Julika von der Anlage ihres Wesens her unmöglich, weil sie sich konsequent verschließt, auch sich selbst gegenüber.“[17] Und „Auch die Freundschaft mit dem Jesuiten wird keine wirkliche Beziehung.“[18] Darüber hinaus sagt White, dass Julika geschlechtlich nicht erregbar ist: „[…] nur machte er einen Vorwurf daraus, scheint es, einen in Zärtlichkeit verborgenen Vorwurf, daß Julika ihre Wollust nie mit ihm erlebte […]“ (ST S. 100) In diesem Zusammenhang sagt Heidenreich, dass Julika nicht fähig war, den Geschlechtsverkehr mit einem Mann auszuüben.[19]

Julika hat Angst, keine Frau zu sein. Stiller hat ihr mal gesagt, dass er seine Gattin als Frau nicht zu erfüllen vermögen würde. Er meinte, ein Kind könnte das tun. Aber wegen ihrer Tuberkulose hat sie das verschmäht: „[…] nach ihrer Frage: Wozu ein Kind von einer tuberkulösen Frau? Damit war das Kind für immer begraben.“ (ST S. 91) Außerdem geht der Jesuit mit ihr wie Neutrum um: „Der junge Sanatoriums-Veteran mit dem immer etwas pfiffigen Gesicht behandelte Julika wie eine Nonne, nicht einmal wie eine Nonne, sondern wie ein Neutrum […]“ (ST S. 132) und so hat Stiller seine Ehefrau behandeln müssen, nachdem sie ihm ganz klar gesagt hat, dass er sie schmutzig mit seiner Liebe gemacht hat.[20].

Die Ehe zwischen Stiller und Julika basiert nicht auf der Liebe. Was Stiller und Julika verbindet, ist ihre gemeinsame Angst. In diesem Zusammenhang sagte White/Stiller: “[…] diese Frau […] eine großartige Frau, nicht leicht zu lieben, mag sein, eine Frau, die noch nie geliebt worden ist und noch nie geliebt hat.“ (ST S. 340) Das war „eine Ehe ohne Echo, eine Ehe aus Angst.“[21] Jeder von ihnen hat eine bestimmte Angst: „Sie brauchten einander von ihre Angst her. Ob zu Recht oder Unrecht, jedenfalls hatte die schöne Julika eine heimliche Angst, keine Frau zu sein. Und auch Stiller, scheint es, stand damals unter einer sich entweder auf den Mann oder auf ihr Geschlecht. Auch bei der Ausübung ihrer Arbeit fühlt sie sich niemals ganz frei von Angst. Stiller fürchtet, nicht zu genügen […]“ (ST S. 89)

Zum Schluss kann der Leser dieses Romans erkennen, dass was die beiden verbindet nicht mehr als die Angst ist.

Als White Julika sieht und anspricht, beginnt er, sie zu lieben. Und er freut sich darüber, dass sie ihre gescheiterte Ehe überschritten hat. White wollte und hoffte, dass sie ihn nicht für ihren verschollenen Gatten hält. Aber das passierte nicht. Für Julika gibt es nicht White. Man kann sagen, sie erkennt sein neues Leben bzw. seine neue Identität nicht an: „[…] jede Handlung, die mir jemals einfallen mag, ist schon im Voraus gedeutet, meinem augenblicklichen Wesen entfremdet, indem sie in jedem Fall nur als eine angemessene oder unangemessene, eine erwartete oder unerwartete Handlung des verschollenen Stiller erscheinen wird, nie als die meine! …“ (ST S.83) Außerdem sagt sie ihm bei der ersten Begegnung: „[…] »du bist noch immer der gleiche […]“ (ST S. 57) White findet Julika sehr schön und er verliebt sich in sie. Das gesteht er ihr. Er wollte damit vermitteln, dass er nicht Stiller ist. Darüber hinaus wollte er ihr zeigen, dass er sie nicht wie Stiller behandeln wird. Das geschieht aber nicht nach dem Urteil des Gerichts, das White als Stiller zeigte. In diesem Zusammenhang sagt Heidenreich: „Stiller will Julika nach wie vor als sein Werk sehen.“[22]

Jurgensen betrachtet die Figur Julika als einen Menschen, der episch ist, einen Menschen, der seine Identität ohne Fragen akzeptiert[23]: “Selbst die künstlerische Berufung wird in naiver Selbstverständlichkeit ausgeübt. Ihr Leben besteht nicht wie Stillers aus einem ständigen Gegenüber, mit dem dennoch keine echte Verbindung aufgenommen wird, sondern aus einem täglichen Nebeneinander. Dieses unterschiedliche Selbstbewusstsein der beiden Ehepartner wird von Anfang an hervorgehoben. Im Nebeneinander ihrer ersten Ehejahre war Julika ,ganz zufrieden mit ihrem Leben.“[24]

Stiller liebte Julika, bevor er in die USA floh, weil das für ihn wie eine Pflicht war. Das ist wegen ihrer Krankheit. Ihre Krankheit tat ihm sehr leid. Der Grund, weswegen sie sich nicht seit langer Zeit voneinander getrennt haben, liegt in ihrer Angst, dass sie von einem anderen Partner nicht akzeptiert würden, meinte Stiller: „Unsere verhältnismäßige Treue war die Angst vor der Niederlage mit jedem anderen Partner, so wie ich sie jetzt erlitten habe, nichts weiter.“(ST S. 150) Ein anderer Grund, der Stiller zu der Trennung zwang, liegt darin, dass ihr gesundheitlicher Fall ihn nicht mehr interessierte. Außerdem verließ Stiller sie aufgrund des Bildnisses, das sie sich von ihm machte. Sie hielt und hält ihn noch für eine Person, die er gar nicht sein will. Er fühlte sich unbehaglich in seiner Ehe: “»Du hast dir nun einmal ein Bildnis von mir gemacht, das merke ich schon, ein fertiges und endgültiges Bildnis, und damit Schluß.“ (Ebd.). White/Stiller wollte wieder nach seiner Rückkehr in die Heimat ein Liebesverhältnis zu Julika führen. Aber ohne ihre Verwandlung geht das nicht, deswegen hoffte er, dass sie sich verwandelt.[25] Diese Verwandlung ist wie eine Pflicht für Stiller/White, um eine neue, wirkliche Beziehung aufbauen zu können.[26] Das Verhältnis ist hoffnungslos, da Stiller seiner Gattin zu entkommen vermag, und dasselbe gilt aber auch für Julika. Außerdem ist es hoffnungslos, denn es muss scheitern,[27] weil sie sich von ihm ein Bildnis macht und nicht verwandeln möchte und auch was sie verbinden, ist nicht die Liebe, sondern die Angst. Darüber hinaus wollte White/Stiller eine Beziehung zu ihr führen, die weit weg von dem Bildnis ist, deshalb hofft er, dass er sich von ihrem Bildnis befreit, aber er kehrt wieder in die alte Ehe zurück.[28] Das bedeutet, Julika drängt White in die alte Rolle von Stiller, wovor er floh. Das ist wie eine Art Bestimmung seiner Identität. Und der Fall, dass sie sich von ihm ein Bildnis macht und damit nicht aufhören will, zeigt, sie ist eine der Ursachen, die ihn zu der Identitätskrise führt.

[...]


[1] Arnold, Heinz Ludwig: „Was bin ich?“: über Max Frisch, in: http://www.etk-muenchen.de/sixcms/media.php/358/pdf_frisch.pdf (30.03.2012). S. 1.

[2] Heidenreich, Sybille: Analysen und Reflexionen, 9. überarbeitete Auflage, Hollfeld: Beyer 2007, S. 45.

[3] Vgl. ebd., S. 37.

[4] Ebd.

[5] Jurgensen, Manfred, 1972, S. 66 (zitiert nach: Sadouk, Aicha: zur Identitätsproblematik in Max Frischs Werken: ,Mein Name sei Gantenbeinʻ, ,Stillerʻ, ,Biographie: Ein Spielʻ. Universität Fes 2000, S. 32.

[6] Vgl. Arnold, a. a. O., S. 7.

[7] o.V: „Ich brauche ja Anstoss …“/ Eine leidensgeschichte – Max Frischs Arbeit am „Stiller“, in: Neue Zürcher Zeitung, 18. 12. 2004.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] García Hernández, Yolanda: Bildnistheorie und Identitätssuche im Werk von Max Frisch: Die Selbstentfremdung des modernen Menschen, in: http://www.bundesmuseen.ch/cdn/00129/00220/index (03.04.2012). S. 7.

[11] Vgl. Arnold, a. a. O., S. 7.

[12] Arnold, a. a. O., S. 5.

[13] Max Frisch, in: Reclams Romanlexikon: deutschsprachige erzählende Literatur vom Mittelalter bis zur Gegenwart, hrsg. v. Frank Rainer und Christine Ruhrberg, Stuttgart: Reclam 2000, S. 295.

[14] Awad-Poppendiek, Nele: Die Problematik der Identitätsfindung im Werk Max Frischs, in: http://www.ub.uni-heidelberg.de/archiv/10945 (17.04.2012). S. 77.

[15] Vgl. Heidenreich, a. a. O., S. 68.

[16] Ebd.

[17] Heidenreich, a. a. O., S. 71.

[18] Ebd.

[19] Vgl. ebd., S. 73.

[20] Vgl. ebd.

[21] Ebd., S. 48.

[22] Ebd., S. 89.

[23] Vgl. ebd., S. 70.

[24] Ebd., S. 70.

[25] Petersen, Jürgen, 1994, S. 81 (zitiert nach: Klett, Kristian: Identitätsproblematik im Max Frischs Werk ´Stiller`, in: http://www.grin.com/de/e-book/29417/identitaetsproblematik-in-max-frischs-stiller (17.04.2012). S. 13).

[26] Vgl. Klett, Kristian: Identitätsproblematik im Max Frischs Werk ´Stiller`, in: http://www.agrin.com/de/e-book/29417/identitaetsproblematik-in-max-frischs-stiller (17.04.2012). S. 13.

[27] Vgl. ebd., S. 6.

[28] Vgl. Reclams Romanlexikon, a. a. O., S. 296.

Details

Seiten
32
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656193715
ISBN (Buch)
9783656194019
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194120
Institution / Hochschule
Université Sidi Mohamed Ben Abdellah
Note
Schlagworte
identitätsproblem frischs werk stiller

Autor

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Titel: Das Identitätsproblem in Max Frischs Werk "Stiller"