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Romeo und seine Freunde - Eine Analyse der Figuren Romeo, Mercutio und Benvolio in der Ballett-Inszenierung "Romeo und Julia" von Kenneth MacMillan

Seminararbeit 2008 15 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Missachtung von Romeos Freunden

2. Die Freunde als Einheit

3. Romeos Absetzung von Mercutio und Benvolio

4. Mercutio als Freund

5. Romeo als Freund

6. Die Missachtung von Romeo

Literaturverzeichnis

1.Die Missachtung von Romeos Freunden

Sieht man sich Kenneth MacMillans „Romeo und Julia“ an, so stellt man unweigerlich fest, dass besonders die Rolle der Julia hervorgehoben wird.

Einiges, was die Handlung des Balletts vorantreibt, wird durch sie motiviert. Julia, die von

Margot Fonteyn getanzt wird, ist gewissermaßen die Protagonistin.[1]

Sollte dies überhaupt jemanden stören, dann wohl nur aus dem Grund, dass Romeo dabei zu kurz kommen könnte. Womöglich bildet er keinen ausreichenden, interessanten Kontrast zu seiner Partnerin.

„Romeo und Julia“, das Drama von Shakespeare, ist schließlich eine Liebesgeschichte, die Konzentration liegt demnach – wie der Titel bereits andeutet – auf dem Liebespaar. Auf Romeo und Julia.

Das bedeutet aber nicht, dass der Zuschauer anderen Figuren nicht ebenso viel Beachtung schenken könnte. Und fällt sein Auge erst einmal auf Mercutio und Benvolio, die Freunde von Romeo, so wird ihm bewusst werden, dass auch sie tragende Elemente sind. Sowohl für die Handlung, als auch für Romeo.

( Benvolio ist gleichermaßen Romeos Cousin, aber das macht für die Handlung keinen Unterschied. Auch er fungiert in erster Linie als Freund.)

In meiner Arbeit werde ich mich weniger darauf konzentrieren, inwiefern Romeos Freunde in das allgemeine Geschehen eingreifen, beziehungsweise aus welchen Eigenschaften sich die Charaktere bilden.

Vielmehr werde ich auf die Beziehung der drei Freunde untereinander eingehen, was die drei Figuren miteinander verbindet, wie sich dies äußert, und inwieweit sich Romeo – hauptsächlich durch seine Verliebtheit in Julia – von den anderen beiden abhebt.

Niemand könnte bezweifeln, dass Benvolio oder vor allem Mercutio sich als „schlechte Freunde“ erweisen würden.

Doch wie verhält es sich mit Romeo?

Auf welche Art und Weise gibt er Anzeichen von Zuneigung von sich und was wiederum deutet an, dass ihm an seinen Freunden nicht allzu viel liegt?

Dies sind die Fragen, auf die ich im Folgenden eingehen werde.

Hierbei werde ich unter anderem die Zeichenerklärung des amerikanischen Semiotikers Charles Morris anwenden, welche von Erika Fischer-Lichte präzise und einfach erläutert wird.[2]

Dafür bieten sich insbesondere die Kinetischen Zeichen an, welche sich in die mimischen, proxemischen und die gestischen Zeichen unterteilen. Jeweils werden hier die Gesichtsbewegungen, die Bewegungen des Körpers und die Bewegungen der Extremitäten untersucht.[3]

Da es mir am sinnvollsten erscheint, bei den jeweiligen Szenen die selbe Untersuchungsebene der Zeichen zu gebrauchen, um einen Vergleich plastischer herauszuarbeiten, werde ich mich hauptsächlich auf die gestischen, aber auch auf die mimischen Zeichen stützen.

Im Falle eines Balletts ist dies wohl auch am ehesten angebracht.

Eins noch sollte vorneweg gesagt werden: es gibt nahezu keine Literatur, die sich mit den Nebenfiguren aus „Romeo und Julia“ beschäftigt, obgleich insbesondere in MacMillans erstem Handlungsballett die Freunde einiges an Romeos Charakter deutlich machen.

Kaum jemand sagt mehr über einen Menschen aus, als der Freundeskreis, den man sich im Normalfall selbst ausgewählt hat, während man in eine Familie hineingeboren wurde und bei dem Partner einfach nur „die Hormone verrückt gespielt haben“ könnten.

Kurz dürfte man sagen, dass es „kein höheres Gut geben kann als die Freundschaft“.[4]

2. Die Einheit der Freunde

Es gibt wahrlich viele Definitionen von Freundschaft, ein Punkt jedoch findet sich besonders häufig.

Freundschaft hat nahezu immer etwas mit Gemeinsamkeit zu tun.

Es lässt sich erkennen, dass Menschen, die unter dem Begriff „Freunde“ laufen, ähnliche Interessen haben oder die gleichen politischen Ansichten. Einige sprechen sogar gleich oder weisen synchrone Bewegungsmuster auf; mindestens aber dürfte man Siegfried Kracauer zustimmen, dass „Wahrhafte Freundschaft (…) in der Pflege ähnlicher Gesinnungen (besteht)“[5].

Nun ist es doch recht auffällig, dass in Kenneth MacMillans Ballett einige Szenen auftauchen, in denen die drei Figuren Romeo, Mercutio und Benvolio ein recht ähnliches Verhalten aufweisen.

Gleich in der ersten Szene, die sich am Marktplatz abspielt, gibt es einen Moment, in dem sich die drei Freunde zusammen von hinten an die Mädchen heranschleichen, ihnen auf den Rücken schlagen, wegspringen und dann lachen.[6]

Auch aus diesem noch so kleinen Bild lässt sich bereits einiges erschließen.

Es ist eine Handlung, die sie gemeinsam ausführen und die sie offensichtlich vorher geplant hatten, berücksichtigt man das einheitliche Anschleichen. Man kann also davon ausgehen, dass sie sich leicht darin einig werden, wenn es um diverse Aktionen geht. Dies kann sich nur auf eine gleiche Gesinnung zurückführen lassen.

Ferner gibt es natürlich keinen besonderen Sinn hinter der ganzen Unternehmung, mal abgesehen davon, dass sie die Mädchen ein bisschen necken wollen. Daraus wird ersichtlich, wie albern und in dem Zusammenhang jung die drei noch sind, und dass sie den gleichen Humor besitzen.

Die Freundschaft junger Menschen lässt sich durchaus nicht auf die gleiche Stufe der Freundschaft älterer Menschen stellen. Je jünger der Mensch, desto formbarer noch sein Leben.

Junge Menschen sind noch leichter zu beeinflussen, es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass „der Sinn einer Verbindung (zwischen jungen Menschen) (…) am kräftigsten und reinsten zutage tritt.“[7]

Doch mal abgesehen davon, dass es den drei Figuren Spaß zu machen scheint, Mädchen zu ärgern, gibt es noch wesentlich bedeutendere Szenen, die auf ihre starke Einheit hinweisen.

Sobald Tybalt auf der Bühne aufgetreten ist, beginnen Romeo, Benvolio und Mercutio diesen wie auf Absprache zu provozieren. Erst verneigen sie sich vor ihm – in geheucheltem Respekt – danach geben Romeo und Benvolio vor, den Feind von hinten zu erstechen, während Mercutio sich von diesem rückwärts entfernt, als wolle er ihn dazu auffordern, ihm zu folgen.

(Die ganze Szene kann natürlich auch bereits auf eine spätere verweisen, in welcher Tybalt Mercutio von hinten ermordet. In jener Anfangsszene geht Romeos Freund von dem anderen weg, während er diesem seine Vorderseite hinhält, als meine er, man sollte ihm lieber nicht den Rücken zuwenden. Dass die anderen beiden zur gleichen Zeit den Meuchelmord andeuten, macht das Ganze noch offensichtlicher.)

In dem darauf folgenden Kampf gegen die Capulets kämpfen die drei Freunde Seite an Seite, vor und zurück. Mit einem einheitlichen Lächeln wirken sie beinahe so, als hätten sie eine Mauer gebildet.

Es lässt sich erkennen, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes auf der gleichen Seite kämpfen und im Kampf füreinander einstehen.

Die wohl offensichtlichste Szene spielt sich vor dem Haus der Capulets ab, kurz bevor die drei Freunde sich dort hineinschleichen, um an der Party teilzunehmen.

Sobald alle anderen Gäste verschwunden sind, tanzen Romeo, Mercutio und Benvolio völlig synchron.[8] In etwa zwei bis drei Meter Abständen voneinander entfernt sind sie jeweils parallel zueinander und dem Publikum zugewandt auf der Bühne postiert.

In erster Linie sind grand battements zu sehen und die meiste Zeit halten die drei ihre Arme weit nach oben oder nach außen gestreckt, ebenso ihre Beine.

Es macht den Anschein, als wollten sie den Platz für sich beanspruchen. Ihr Zusammensein macht sie recht selbstbewusst und stärker, „die Kraft der Freundschaft liegt ja darin, daß mehrere Seelen gleichsam zu einer einzigen Seele vereinigt werden“.[9]

Ihr teilweise synchrones Tanzen deutet auf simpelste Art und Weise an, dass sie einander gleich sind, dass sie zueinander gehören, dass sie Freunde sind.

Wenn man sich die drei jungen Männer so ansieht, könnte man beinahe an den Anblick einer „Boyband“ erinnert werden. Aber daran hat damals natürlich noch keiner gedacht.

Die letzte Szene, in der die drei Figuren als Einheit auftreten, taucht erst ein bisschen später wieder auf, wenn die Amme dem Romeo einen Brief von Julia übergeben will.[10]

Wieder sind sie sich völlig einig darin, jemanden zu provozieren. Erst zeigt jeder von ihnen in eine andere Richtung, nachdem sich die Amme offenbar nach Romeo erkundigt hat.

Kurz darauf tanzen sie alle – wieder einmal synchron – hinter ihrem Rücken passé, während sie nicht nur Masken tragen, sondern auch ihre Arme hinter ihrem eigenen Rücken versteckt halten. Dies sind nur weitere Anzeichen dafür, dass sie momentan nicht gerade offen und aufrichtig sind.

Die Amme erhält von allen dreien zwei Wangenküsschen und verzeiht ihnen wohl aufgrund ihres jugendlichen Charmes.

Es wird festgehalten, zusammen haben die drei Spaß, zusammen sind sie stark, zusammen gehört ihnen vielleicht nicht die Welt, aber die Bühne.

Romeo, der von Rudolf Nureyev getanzt wird, mag vermutlich innerhalb der Handlung eine bedeutendere Figur sein, als die anderen beiden. Doch in diesen Szenen, in denen er mit Mercutio (dargestellt von David Blair) und Benvolio (dargestellt von Anthony Dowell) tanzt, ist das kaum ersichtlich. Für ein paar Minuten sind die drei eins.

[...]


[1] Martha Bremser: International Dictionary of Ballet. Volume 2 L-Z. Detroit 1993, S. 1213

[2] Erika Fischer-Lichte: Semiotik des Theaters. Band 1. Das System der theatralischen Zeichen. Tübingen 1988, S. 8

[3] Fischer-Lichte, S. 38

[4] Marcus Tullius Cicero: Laelius de amicitia. München 1961, S. 119

[5] Siegfried Kracauer: Über die Freundschaft. Frankfurt am Main 1971, S.45

[6] 0:07:49

[7] Kracauer, S. 26

[8] 0:21:36

[9] Cicero, S.105

[10] 1:04:11

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656191148
ISBN (Buch)
9783656191681
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194084
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
3,0
Schlagworte
romeo freunde eine analyse figuren mercutio benvolio ballett-inszenierung julia kenneth macmillan

Autor

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Titel: Romeo und seine Freunde - Eine Analyse der Figuren Romeo, Mercutio und Benvolio in der Ballett-Inszenierung "Romeo und Julia" von Kenneth MacMillan