Lade Inhalt...

„Für viele“ oder „für alle“? - Zur Diskussion über die Wandlungsworte

Exegetischer Befund und theologische Bedeutung

Bachelorarbeit 2012 36 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Die richtige Übersetzung und die Stellung der Kirche
2.1.1. Das „ὑπὲρ πολλῶν“
2.1.2. Die Konsekrationsworte verändern sich – „Das Schicksalsjahr 1968“
2.2. Jesu Leben für die Menschen und die Bedeutung für die Gesellschaft
2.2.1. Der Begriff der ‚Stellvertretung‘
2.2.1.1. Die Stellvertretung Jesu Christi im Allgemeinen
2.2.1.2. Exkludierende oder inkludierende Stellvertretung?
2.2.2. Die Proexistenz Jesu Christi
2.2.3. Das Opfer Jesu Christi und seine Bedeutung in der heutigen Gesellschaft

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Das ist mein Blut, das Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“[1] Die Worte, die Jesus bei der Bereitung des Paschamahls spricht klingen bis heute in den Ohren der Christen dieser Welt. Jene berühmten Worte, die die Einheit zwischen Gott und den Menschen seiner Gnade wie kaum etwas anderes zum Ausdruck bringt. Der Bund zwischen Gott und den Menschen, der mit Mose im Alten Testament seinen Ursprung hat – „Da nahm Mose das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den der Herr aufgrund all dieser Worte mit euch geschlossen hat.“[2] – wird durch diese Tat Jesu Christi erneuert, wie Jeremia es schon angekündigt hatte: „Seht, es werden Tage kommen - Spruch des Herrn -, in denen ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund schließen werde“[3]. Die Menschen können sich glücklich schätzen, sie sind Teil des Heilsplans Gottes und dadurch offenbart sich ihnen hierin die größte Gnade, die Errettung der Menschen vor dem Tod und das ewige Leben bei ihm.

Und auch heute wird dieser wichtigen Stelle des Evangeliums eine ungeheure Aufmerksamkeit gewidmet. Die Feier der Eucharistie ist Grundbestandteil des christlichen Glaubens. In ihr findet die Begegnung zwischen den Menschen und Gott bzw. Jesus Christus statt. Die Katholiken dieser Erde kommen zusammen, um Gott zu loben und sich auf die Spuren Jesu Christi zu begeben, ihm zu begegnen im Brot und Wein des Abendmahls. Dementsprechend ist die Feier der Kommunion ein wichtiger Bestandteil der Eucharistie. Die oben angesprochenen Worte Jesu aus dem Evangelium nach Matthäus finden sich in dieser Kommunionsfeier wieder. Die Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, die vom Priester vollzogen wird, beinhaltet eben jenen Einsetzungsbericht. Das Brot wird gebrochen, es ist sein Leib, der für uns hingegeben wird. Und der Wein wird gereicht; „Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes. Mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird, zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis“[4]. Für euch und für alle? Warum unterscheiden sich die Worte der Wandlung von den Worten Jesus Christus, wie wir sie aus den Evangelien kennen. Heißt es nun ‚für viele‘ oder ‚für alle‘? Diese Frage entfacht Diskussionen über die richtige Deutung der Worte und das richtige Verständnis eben jener. Es geht sowohl um die Frage nach der Heilsbedeutung Jesu, als auch, in gewisser Weise, um die Adressaten seiner Botschaft und seines Handelns.

Wie ist die Hingabe des Sohnes Gottes zu verstehen, wie muss man das Verhalten, das Handeln Gottes selbst betrachten? Die Menschen werden von ihren Sünden befreit durch den Tod am Kreuz? Bischof Robert Zollitsch antwortete auf eine Reporterfrage zur Hingabe Jesu für die Sünden der Menschen exemplarisch für das Grundproblem der Diskussion:

„Nein, er hat seinen eigenen Sohn in Solidarität mit uns bis in diese letzte Todesnot hineingelassen, um zu zeigen, so viel seid ihr mir wert. Ich geh mit euch, ich bin ganz bei euch in jeder Situation.“[5]

Jesus gibt sich hin für die Sünden der Menschen, Gott begleitet ihn zum Zeichen seiner Fürsorge bis in den Tod am Kreuz. Zwei Seiten der ein und derselben Medaille, oder doch zwei komplett unterschiedliche Ansätze? Welche ist die richtige Deutung der Worte „ὑπὲρ πολλῶν“ bzw. „pro multis“, wie man sie in der Septuaginta und der Vulgata findet?

Bedeuten sie weitergehend tatsächlich, dass Christus sich für alle Menschen, also auch für Nicht- oder Andersgläubige hingegeben hat? Oder, um in der Sprache unserer heutigen Zeit zu sprechen, für alle Menschen, also für Christen ebenso wie für Muslime, Buddhisten oder Hindus, für Terroristen und Diktatoren? Oder ist es so, wie es in der Bibel steht, er habe sich für viele Menschen hingegeben, vielleicht für jene, die ihm nacheifern, ihm folgen und seine Lehre annehmen und leben. Wer genau hat nun Teil am Heilsplan Gottes?

Diese Arbeit befindet sich im weiteren Verlauf auf den Spuren der oben angesprochenen Diskussion und betrachtet den Versuch, einen einheitlichen Standpunkt zu formen. Sie gibt einen Überblick über den exegetischen Befund zu den Worten Jesu, wie man sie in den Evangelien nach Matthäus und Markus findet und versucht, die theologische Bedeutung eben jener, wie sie – verbunden mit der Formulierung des lukanisch-paulinischen Typs „für euch“[6] – in der Feier der Eucharistie, genauer gesagt in der Feier der Kommunion, zu finden sind, herauszustellen und zu erläutern.

2. Hauptteil

2.1. Die richtige Übersetzung und die Stellung der Kirche

Die katholische Kirche hat die Liturgie der Eucharistiefeier festgelegt, das Blut wurde ‚für alle‘ vergossen. Trotz dieser vielleicht eindeutigen Geste ist dennoch eine Diskussion entstanden, die die Kirche in Atem hält.

Die Frage nach der Hingabe Jesu Christi für viele oder für alle verlangt nach einer genauen Untersuchung der Sachverhalte. Zunächst einmal ist die Ausgangslage von Bedeutung. Was genau findet man in den Evangelien der Septuaginta oder der Vulgata, das heißt, welcher griechische oder lateinische Ausdruck bietet die Vorlage für die heutige Einheitsübersetzung der Worte Jesu beim letzten Abendmahl? Und dementsprechend interessiert natürlich auch die korrekte Übersetzung und Deutung der Begriffe dieser antiken Sprachen. Die Klärung dieser Sachverhalte wird sicherlich schon in gewisser Weise Licht ins Dunkel der Diskussion um die Wandlungsworte bringen.

Ebenso wird die Frage nach der Einschätzung der Kirche sicherlich weiter Aufschluss über den korrekten Gebrauch der Worte auf der Basis der möglichen Übersetzungen geben. Natürlich gibt es heute, wie oben angesprochen, in der Liturgie eine einheitliche Auffassung, wie die Einsetzungsworte zu gebrauchen sind. Dennoch ist es wichtig, die Veränderungen im Laufe der Jahre in den Blick zu nehmen um zu verstehen, welche Begründung hinter der einen oder der anderen Auffassung steckt und vor allem, ob diese als annehmbar erscheint, oder nicht. Die immer noch anhaltende Diskussion zu diesem Thema ist Anlass genug für die Frage, ob die Kirche hier eine richtige Entscheidung getroffen hat bzw. ob diese Entscheidung glaubhaft und eindeutig begründet bzw. legitimiert werden kann. Allerdings muss hierbei vorher angemerkt werden, dass eine solche Wertung sehr schwierig und subjektiv ist. Daher wird versucht, die Fakten aufzuzeigen und miteinander in Korrelation zu setzen.

Diese Aspekte werden in den nächsten beiden Unterkapiteln in den Blick genommen.

2.1.1. Das „ὑπὲρ πολλῶν“

Bei der Betrachtung des Abendmahlgeschehens in den ‚Originaltexten‘ der Evangelien im Vergleich zur Einheitsübersetzung fällt der Blick auf die Aussage Jesu ‚ὑπὲρ πολλῶν‘. Dies ist die griechische ‚Ausgangsformel‘, direkt aus der hebräischen Bibel übersetzt, die dann in der Vulgata mit ‚pro multis‘ und letztendlich im Deutschen mit ‚das für viele vergossen wird‘ übersetzt wurde. Die Konsekrationsworte in der heutige Eucharistiefeier unterscheiden sich jedoch von der deutschen Übersetzung: „[…]für euch und für alle[…]“[7]. Die wörtliche Übersetzung lautet zunächst einmal eindeutig ‚für viele‘. Was ist jedoch damit gemeint? Keineswegs kann davon ausgegangen werden, dass ‚für viele‘ eine vollkommen eindeutige Interpretation nach sich zieht. Für die Diskussion von Interesse ist hierbei die Frage nach dem Sinn der Worte: ist dieser inklusiv oder exklusiv[8], das bedeutet, kann man von den Vielen als ‚viele, aber nicht alle‘ oder aber tatsächlich als ‚alle‘[9] sprechen? Ebenso, wie die sinngetreuen Hebräischen Worte als „die nicht zu zählenden Vielen, die große Schar, alle[10], schließt auch im Griechischen, sowie in jeder anderen Sprache, das ‚viele‘ das ‚alle‘ nicht aus, die Gesamtheit setzt sich aus vielen zusammen.[11] Dies spricht somit gegen keine der beiden Seiten, weder ein ‚für viele‘ hingegeben, noch ein ‚für alle‘ vergossen.

Betrachten wir die relevanten hebräischen Worte des Alten Testamentes und deren Bedeutung einmal genauer, vor allem im Vergleich zu unserer Sprache. Die verschiedenen Übersetzungen lauten wie folgt: ‚רבים‘ wird mit ‚πολλοί‘ und schließlich mit ‚viele‘ übersetzt, ‚הרבים‘ lautet im Griechischen ‚οἳ πολλοί‘ und im Deutschen dann ‚die Vielen‘ und ‚כל‘ letztlich findet man mit ‚πάντοι‘ übersetzt in der Septuaginta und mit ‚alle‘ in unserem Sprachgebrauch. Der semitische Sprachgebrauch im Alten Testament, also das ‚רבים‘, kann ebenso wie das griechische ‚πολλοί‘ oder das deutsche ‚viele‘ einen abwertenden Beigeschmack haben – „Ihr seid eine große Schar“[12] (im Hebräischen steht an der gleichen Stelle ‚כי אתם הרבים‘[13] ) zeigt zum Beispiel, dass der Redner zwar eine große Schar, also ‚πολλοί‘, anspricht, sich selbst jedoch auszunehmen scheint – jedoch verhilft der semitische Sprachgebrauch zu einer Betonung der positiven Bedeutung[14]. Nicht unbedingt erwartet man hierbei beim Sprechen von ‚den Vielen‘, dass es zwar „viele [sind], aber nicht genug“[15]. Ganz im Gegenteil: „Besteht die Menschheit nicht aus Vielen?“[16] zeigt, dass der Hebräer unter ‚den vielen‘ die gesamte Menschheit versteht und somit ‚alle‘ nicht ausschließt. Dennoch darf dieser Sachverhalt nicht als Pauschalbeispiel für jeden Fall gelten. Vielmehr ist der Kontext, in dem die Worte auftauchen, für die korrekte Übersetzung und Bedeutungsfindung verantwortlich. „Die Vorräte dieser Welt müssen für viele reichen“[17] ist aus dem Kontext heraus so zu verstehen, dass die Vorräte natürlich für alle reichen müssen, einzig die Tatsache, dass ‚alle‘ natürlich auch ‚viele‘ sind, schafft das Problem der Formulierung.[18] Aus dem semitischen Sprachgebrauch kann man hierzu verschiedene vergleichbare Sätze anbringen, die diese Problematik oder auch Tatsache teilen, wie zum Beispiel ein „Satz aus der Mischna […] über das Geschaffensein der vielen Lebewesen […]“[19].

Die Frage nach der richtigen Kontextinterpretation jedoch ist eine, die im Umkehrschluss keinesfalls durch die Übersetzungsmöglichkeiten vorgegeben werden oder eindeutig aufgestellt werden kann. Ein unklarer Kontext erfordert dann, dass man bei der Interpretation mancher Ausdrücke, wie dem ‚רבים‘, auf alle Möglichkeiten achten muss, was in diesem Fall bedeutet, dass der allgemein das Positive betonende semitische Sprachgebrauch jedoch auch einen gewissen Grad an negativem Tonus mit sich bringen kann.

Welche Folgen dies jetzt genau für die Übersetzung des griechischen ‚ὑπὲρ πολλῶν‘ nach sich zieht, diese Frage kann rein aus der Bedeutung der Worte nicht geklärt werden. Allerdings hat die Tatsache, dass das ‚viele‘, nicht nur im semitischen Sprachgebrauch, sondern auch im Griechischen und im Deutschen das ‚alle‘ nicht unbedingt ausschließt, wichtige Nach- und gleichzeitig auch Vorteile. Ein Nachteil ist schnell aufgezeigt. Die Verschwommenheit der Bedeutung macht die Interpretation oberflächlich betrachtet zu einer absolut subjektiven Angelegenheit. Der jeweilige Betrachter entscheidet für sich, wie das ‚ὑπὲρ πολλῶν‘ zu verstehen ist. Dementsprechend kommt es bei dieser Uneindeutigkeit automatisch zur Diskussion zweier unterschiedlicher Parteien. Allerdings ergibt sich eben aus dieser Uneindeutigkeit ein gewisser Vorteil. Der Zwang, einen inklusiven oder exklusiven Sinn in die Übersetzung zu interpretieren, wird durch die schwimmenden Grenzen gelöst, einer voreiligen Pauschalisierung wird entgegengewirkt[20]. Für den konkreten Fall ‚Wandlungsworte‘ bedeutet dies zumindest, dass beide Seiten übersetzungstechnisch korrekt wären und damit aus dieser Sicht keine Einsprüche dagegen erhoben werden können. Weiterhin kann dadurch im Allgemeinen eine qualitativ minderwertige Interpretation mancher Textstellen der Bibel oftmals verhindert werden, denn eine zwanghafte Einordnung des Wortes ‚viele‘ birgt oftmals die Gefahr eines Dilemmas[21]:

„[…] wird Mt 20,16b einschließend… Lk 13,30b ausschließend… verstanden.“ Dieses Beispiel zeigt, wie problematisch eine Deutung sein kann, wenn das mehrdeutige Wort ‚viele‘ unbedingt inklusiv oder exklusiv gedeutet wird. Lukas Worte sind hierbei keineswegs auf die eine oder die andere Art zu deuten, die offene Anzahl gibt hierzu keinen Anlass, ermöglicht vielmehr beides. Eine Zuordnung zu einem der beiden ‚Lager‘ würde demnach den Sinn des Textes des Evangelisten verfälschen und zu einer unzufrieden stellenden Interpretation beitragen.

Rein aus der Übersetzung und der Wortbedeutung heraus kann jedenfalls nicht festgestellt werden, auf welche Art und Weise das Blutvergießen Jesu jetzt zu deuten ist, ob ‚für viele‘ oder ‚für alle‘. Auf der anderen Seite kann auch keine der beiden Standpunkte ausgeschlossen werden. Ob das ‚πολλοί‘ nun einen positiven Gedanken aufgreift und somit auch eine inklusive Botschaft versenden möchte, oder ob das ganze exklusiv zu sehen ist und sich nur an eine bestimmte Gruppe oder ähnliches richtet, bleibt hierbei zunächst einmal verborgen. Zur genaueren Untersuchung reicht diese sprachwissenschaftliche Exegese nicht aus. Es verlangt nach einem tieferen Einblick, wie er in der obigen Betrachtung des semitischen Sprachgebrauchs zum hebräischen ‚רבים‘ schon angeklungen ist. Denn eine Interpretation eines einzelnen Wortes oder Ausdrucks verlangt fast immer, in diesem hier behandelten Fall ganz besonders, einen Blick und eine Einordnung in den Gesamtzusammenhang, den gesamten Kontext. Für das ‚ὑπὲρ πολλῶν‘ aus den Evangelien bedeutet dies, dass das Leben und Wirken Jesu, welches in den Evangelien geschildert wird, parallel dazu auch andere Texte und Berichte des Neuen und auch Alten Testamentes herangezogen werden müssen, um zu verstehen, was diese Worte bedeuten, welchen Sinn sie beinhalten. Erst dadurch ist die Möglichkeit gegeben, eine annähernd korrekte Interpretation und Bedeutungsfindung zu gewährleisten, auch wenn dies noch nicht heißt, dass auch eine klare ‚Definition‘ entsteht und die Diskussion somit zur Ruhe kommt.[22]

2.1.2. Die Konsekrationsworte verändern sich – „Das Schicksalsjahr 1968“

Die Wandlung, wie wir sie aus der katholischen Eucharistiefeier kennen, stützt sich, wie in der Einleitung schon angedeutet, auf den Berichten der Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas, die die Leidensgeschichte Jesu mit dem letzten Abendmahl beginnen und erzählen. Jesus hält dieses zusammen mit seinen Jüngern am Abend des Paschafestes und somit unmittelbar vor seiner Verhaftung ab. Die Worte, die der Priester während der Wandlung spricht sind, in gewisser Weise, den Evangelien entnommen. Sie spiegeln das Leiden Jesu, dessen Leben und Hingeben für die Menschen wieder, was der Barmherzigkeit, Liebe und Fürsorge Gottes für die Menschen sowie deren Erlösung durch den Kreuzestod gleichkommt. Dieser ‚Symbolcharakter‘ ist ein wichtiger Bestandteil der Beurteilung der Worte ‚pro multis‘, wie an anderer Stelle gezeigt wird. Es stellt sich die Frage, ob Jesu Blut ‚für viele‘ oder ‚für alle‘ vergossen wurde. „Mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird, zur Vergebung der Sünde. Tut dies zu meinem Gedächtnis“[23], so lauten die Worte der Priester während der Eucharistiefeier, festgehalten in allen vier Hochgebeten. Die Vergangenheit zeigt jedoch, dass diese Formulierung in den Hochgebeten die jüngere Entwicklung der Liturgie der katholischen Kirche darstellt. In früheren Zeiten gab es diese konkrete Formulierung nicht. Im Allgemeinen herrschte die Auffassung, dass das ‚πολλοί‘ an den besagten Stellen der relevanten Evangelien keineswegs inklusiv, sondern exklusiv zu deuten sei:

„Polloi ist […] zunächst aus dem unmittelbaren Kontext zu deuten: Der eine Becher kreist unter den vielen zu Tische liegenden Jüngern, und so kommt die sühnende Kraft des Opfertodes des einen Christus vielen zugute: Mit den aus dem einen Becher trinkenden Jüngern identifiziert sich die das Herrenmahl feiernde Gemeinde, die bei peri pollon in erster Linie an sich selbst denken wird.“[24]

Diese, eigentlich neuere Aussage ist jedoch beispielhaft für die Zeiten vor den Änderungen in der Liturgie, vor Allem vor dem 2. Vatikanischen Konzil. Danach allerdings fing diese Auffassung an zu bröckeln, zunächst jedoch eher auf Länderebene. Nicht alle Nationen zogen gleichermaßen und zur gleichen Zeit mit, eine einheitliche Vorgabe gab es zunächst nicht. Eine der ‚Vorreiterinnen‘ für die Hingabe ‚für alle‘ war die katholische Kirche des deutschen Sprachgebietes: „Bei der offiziellen Übersetzung des Römischen Kanons für den liturgischen Gebrauch entschied sich die Internationale Übersetzungsgruppe der Liturgischen Kommission des deutschen Sprachraums für die Wiedergabe ‚für die Vielen‘, katechetisch zu interpretieren ‚für alle‘[…]“[25]. Mit dieser Interpretationsweise bewegte sich die deutschsprachige katholische Kirche auf eine exklusive Deutung mehr denn je zu. Nicht mehr nur ‚für viele‘, sondern nun auch ‚für die Vielen‘ gilt das Opfer Jesu Christi ab diesem Moment für die deutschsprachigen Bischöfe. Mit dieser Übersetzung verdeutlichte man also den universalen Heilsgedanken des österlichen Opfers.

[...]


[1] Mt 26,28

[2] Ex 24,8

[3] Jer 31,31

[4] Gotteslob (1998), Nr. 360/4

[5] Fehling (2010), S. 14

[6] Vgl. Richter, zu finden unter http://www.muenster.de/~angergun/pro-multis.pdf

[7] Gotteslob (1998), Nr. 360/4

[8] Prosinger (2007), S. 48-53

[9] Vgl. von Rad (1987), S. 265

[10] Jeremias (1959), S. 536,22-26

[11] Vgl. Prosinger (2007), S. 38

[12] Jeremias (1959), S. 536,33

[13] 1Kön 18,25

[14] Vgl. Prosinger (2007), S. 45

[15] Prosinger (2007), S. 45

[16] Prosinger (2007), S. 40

[17] Pigulla (1972), S. 73

[18] Vgl. Prosinger (2007), S. 46

[19] Prosinger (2007), S. 46; vgl. Ber 6,8-540, 5-7 und Jeremias (1959), S. 540,5-7

[20] Vgl. Prosinger (2007), S. 49

[21] Vgl. Zum folgenden Abschnitt: Prosinger (2007), S. 48-50

[22] Hauke (2008), S. 66

[23] Gotteslob (1998), Nr. 360/4

[24] Lutz (2002), S. 115f.

[25] Hauke (2008), S. 67, zitiert aus einem nicht veröffentlichtem Schreiben von Heinrich Haug (1976): Die Übersetzung des „pro multis“ im neuen Deutschen Messbuch, S. 1

Details

Seiten
36
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656193821
ISBN (Buch)
9783656194309
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194082
Institution / Hochschule
Universität Trier – Katholische Fakultät
Note
2.0
Schlagworte
diskussion wandlungsworte exegetischer befund bedeutung

Autor

Zurück

Titel: „Für viele“ oder „für alle“? - Zur Diskussion über die Wandlungsworte