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Prager Straße von Otto Dix

Beschreibung und Analyse einer sozialkritischen Bildquelle

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 16 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einführung

II Prager Straße (Meinen Zeitgenossen gewidmet)
1. Bildbeschreibung Prager Straße
2. Bildanalyse Prager Straße

III Fazit

IV Quellen- und Literaturverzeichnis

V Ehrenwörtliche Erklärung

I Einführung

„Es ist mein Wunsch, unserer Gegenwart ganz nahe zu kommen, erschlagend zeitnah zu sein, ohne mich einem künstlerischen Dogma zu unterwerfen (…). Ich brauche die Verbindung zur sinnlichen Welt, den Mut zur Häßlichkeit, das Leben ohne Verdünnung.“[1]

Gerade der schweigsame Otto Dix, jener Künstler, der seine Kunstwerke aus sich heraus sprechen lassen möchte, der keine Vorgaben, keine Erklärungen liefert, gerade dieser Otto Dix offenbart mit dem prägnanten Ausspruch den Kern seines Schaffens. Beobachtend, lauernd nimmt er seine Umgebung wahr. Er analysiert, wertet seine Erlebnisse aus und hält dem Publikum schonungslos den Spiegel vor. Vielleicht bescherte genau aus diesem Grund zu Lebzeiten Otto Dixs das Ölgemälde Mädchen vor dem Spiegel[2] von 1921, welches wahrscheinlich im zweiten Weltkrieg vernichtet wurde, einen großen Skandal um den Künstler.[3] In diesem Kontext findet vom 10. November 2012 bis 7. April 2013 die Ausstellung Das Auge der Welt. Otto Dix und die Neue Sachlichkeit 1920 – 1945. im Kunstmuseum Stuttgart statt.[4]

Wie wir sehen, ist Otto Dix auch in der heutigen Zeit noch aktuell. Gerade für den Historiker sind Werke von sozialkritischen Künstlern sehr interessant. Die Kunstwerke gewähren einen Zugang zur Gesellschaft der damaligen Zeit. Wenn der Künstler, wie Otto Dix, nachweislich seine Geisteshaltung selbst bestätigt, ist das natürlich ein guter Beleg, um die Kunst jener Maler genauer zu analysieren. Kunst ist ein guter Indikator um die Veränderungen in der Gesellschaft anzuzeigen. Denn die Künstler, mit ihrer feinen Wahrnehmung, sind oftmals der Zeit ein Stück voraus. Sie erkennen Prozesse in ihrer Umwelt und haben den Spielraum unter dem Deckmantel der Kunst Kritik an der Gesellschaft zu üben. Ihre kreative Arbeit ermöglicht ihnen die große Freiheit schonungslos ehrlich zu sein, ohne Lösungen mitliefern zu müssen.

Diese Arbeit möchte die gesellschaftlichen Umstände und Probleme der 1920er Jahre in Deutschland aufgrund dem Gemälde von Otto Dix Prager Straße von 1920 sozialkritisch hinterfragen. Zunächst wird deshalb das Kunstwerk, welches als sozialhistorische Quelle dient, in seine Bestandteile zerlegt und genau beschrieben. Die Beschreibung gliedert sich in die Bereiche: Thema, Gattung, Funktion, Bildgegenstände und Formen, Technische Verfahren, Zeichnerische Mittel, Raumdarstellung sowie Struktur und Komposition. Auf Basis der Werksbeschreibung erfolgt die Bildanalyse. Diese wird mit Informationen vom Leben und Arbeiten des Künstlers sowie des gesellschaftlichen Umfelds umrahmt. Es wird zunächst nach dem werkimmanenten Zusammenhang und den künstlerischen Absichten gefragt, um dann schließlich zu den biografischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge zu gelangen.

Zur Unterfütterung wird, neben der bildlichen Quelle Prager Straße von Otto Dix[5], Literatur von Arnheim, über die Bildgestaltung, Asmuss, Beck, Kracher, Löffler, Schwarz und Strobl, über die Biografie und die Werke von Otto Dix, sowie von der Stiftung Kunstmuseum Stuttgart, über aktuelle Projekte mit Kunstwerken von Otto Dix, verwendet.

II Prager Straße (Meinen Zeitgenossen gewidmet)

1. Bildbeschreibung Prager Straße

Prager Straße (Meinen Zeitgenossen gewidmet) ist ein gesellschaftskritisches Gemälde von Otto Dix, welches 1920 entstanden und heute in der Galerie der Stadt Stuttgart beheimatet ist.[6] Das 100 x 80 cm große, hochformatige Ölgemälde ist eine Collage auf Leinwand. Das Kunstmuseum Stuttgart, die Galeriesammlung der Stadt Stuttgart, ist ein Sammlungszentrum der Otto Dix-Kollektion. Neben der Prager Straße ist es auch der Standort von vielen bekannten Werken des Künstlers, wie das Triptychon Großstadt, Stillleben im Atelier sowie das Bildnis der Tänzerin Anita Berber.[7]

Auf dem Gemälde Prager Straße wird ein Ausschnitt eines Bürgersteigs in einem geschäftigen Stadtteil dargestellt. Zu sehen sind zwei männliche Personen, welche vor einem prall gefüllten Schaufenster auf dem Gehweg platziert wurden. Die Hauptpersonen werden von weiteren Passanten eingerahmt, welche aber nur teilweise zu sehen sind. Bei den zwei Personen handelt es sich um Kriegsveteranen. Zudem kann man ein kleines Kind zum Schaufenster gerichtet im Hintergrund erkennen. Im Schaufenster sind verschiedene Gegenstände zur Auslage aufbereitet. Das angebotene Sortiment reicht von Perücken über Korsetts zu Prothesen. Die zwei Veteranen unterscheiden sich jedoch grundlegend. Der erste Veteran, mit dem Kopf zum Betrachter gerichtet und im Bild mittig platziert, wirkt ärmlich und schwach. Seine beiden Füße und sein linker Arm bestehen aus einfachen Holzprothesen. Seine rechte, relativ große Hand ist bittend geöffnet. Seine Augenhöhlen sind dunkel. Es sind keine Augäpfel zu erkennen. Man kann davon ausgehen, dass der Veteran blind ist. Insgesamt ist die Person in einem dunklen braun gehalten. Die zweite zu sehende Person scheint aktiver zu sein. Sie wurde am unteren Bildrand mittig eingeordnet. Der Betrachter kann nur das Profil des Gesichts erkennen, welches zielstrebig zum linken Bildrand blickt. Wie der erste Veteran besitzt auch der zweite Veteran keine Beine mehr. Ein kleiner Wagen mit Rollen schafft dieser Behinderung Abhilfe. Seine beiden gesunden Arme setzt er dynamisch ein, um mit zwei Stöcken zügig voran zu kommen. Sein Gesichtsausdruck ist starr, aber bestimmt. Sein Äußeres ist im Gegensatz zur ersten Person gepflegt und ordentlich. Der Veteran trägt einen dunkelblauen Blazer mit Verdienstkreuz an der Brust, eine dunkelgrüne Krawatte und eine hellbraune Melone auf dem Kopf. Sein Schnauzer ist gut gestutzt. Mit seinem Wagen fährt dieser über ein am Boden liegenden Zeitungsausschnitt oder Flugblatt. Auf Zeitungsartikel ist ein prägnanter Schriftzug zu erkennen: „Juden raus!“. Etwas weiter rechts am Bildrand ist ebenfalls ein Zeitungsausschnitt zu sehen. Dies ist die Liste 1 der Sozialdemokratischen Partei mit Herrn Buck als Spitzenkanidat.[8] Am linken unteren Bildrand sieht der Betrachter die Schnauze und die Augen eines Dackels, welcher zum zweiten Veteran aufschaut. Als wäre es das Hinterteil des Hundes, kann man am rechten unteren Bildrand den Schwanz und die Hinterbeine eines zweiten Hundes erkennen. Es scheint als wäre das Bild dadurch geschlossener. Am rechten Bildrand kann man noch den Fuß einer passierenden Frau mit schwarzen Plateauschuhe erkennen. Sie trägt zudem ein lachsfarbenes Kleid. Neben dem Hund am linken Bildrand sieht man eine Hand mit Gehstock. Direkt über dem Gehstock am linken Bildrand mittig ist der rechte Arm eines Passanten zu erkennen. Hinter dem ersten Veteran am rechten Bildrand mittig befindet sich ein kleines Mädchen mit blonden schulterlangen Haaren, welche mit einer weißen Schleife zusammengehalten werden. Das Mädchen zeichnet barfuß mit Kreide an die Wand des Geschäftes. Es ist nur das Profil ihres Gesichtes zu sehen. Über dem ganzen Bild wurde ein dunkles Skelett gelegt. Das Skelett spielt sich sozusagen auf einer zweiten Bildebene ab und erstreckt sich mittig vom linken bis zum rechten Bildrand.[9]

Die Darstellung der geschilderten Situation ist vereinfacht und auf eine abstrakte Weise stark verfremdet. Plakativ und gezielt setzt der Künstler Dix geometrische Formen ein. Figurativ wird das Bild auf einer zweidimensionalen Ebene reduziert. Prager Straße ist ein Genrebild, welches das alltägliche Leben in einer größeren westlichen Stadt aufzeigt. Die deutsche Gesellschaft um das Jahr 1920 wird aufgegriffen und im Kunstwerk verarbeitet. Der Bildausschnitt der Straßenszene ist drei geteilt. Zum einen wird der erste Blick des Betrachters auf die im Vordergrund sitzenden Personen gelenkt. Danach schweift man auf den Hintergrund, die Schaufenster und Auslagen, ab. Zuletzt erkennt man schattenhaft das eingearbeitete Skelett, welches über dem ganzen Gruppenbild schwebt. Das Gemälde hat die Funktion repräsentativ die Gesellschaft der damaligen Zeit zu kritisieren und kann damit als sozialkritische Quelle anerkannt werden. Das Gemälde sollte aufklärend und mobilisierend wirken. Der Künstler Otto Dix erregte zur Zeit der Veröffentlichung des Kunstwerkes auch große gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Grundsätzlich wurden die gesellschaftlichen Kriegsschäden am Volk, den Umgang mit den Veteranen und der daraus resultierenden Profit der Wirtschaft angeprangert.[10] In der folgenden Analyse wird auf dieses Thema noch genauer eingegangen.

[...]


[1] Otto Dix in: Eva Kracher, Otto Dix 1891 – 1969. Entweder ich werde berühmt – oder berüchtigt, Köln 1992, Umschlag.

[2] Birgit Schwarz, Werke von Otto Dix, Karlsruhe 1986, S. 5.

[3] Eva Kracher, Otto Dix 1891 – 1969, Köln 1992, S. 76.

[4] Stiftung Kunstmuseum Stuttgart gGmbH, Otto Dix, in: Kunstmuseum Stuttgart, URL: http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/index.php?site=Ausstellungen;Vorschau_Details&id=58 (28.01.2012), Stuttgart 2011.

[5] Eva Kracher, Otto Dix, Köln 1992, S. 53.

[6] Eva Kracher, Otto Dix, Köln 1992, S. 53.

[7] Stiftung Kunstmuseum Stuttgart gGmbH, Otto Dix, in: Kunstmuseum Stuttgart, URL: http://www.kunstmuseum-stuttgart.de/index.php?site=Sammlung;Kuenstler_Details&id=12 (24.01.2012), Stuttgart 2011.

[8] Fritz Löffler, Otto Dix. Leben und Werk, Dresden 1960, S. 37.

[9] Ebd.

[10] Fritz Löffler, Otto Dix, Dresden 1960, S. 36 – 37.

Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656195122
ISBN (Buch)
9783656200451
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v194034
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Otto Dix Kunstgeschichte Bild Quelle Kunst Bildquelle Dresden Neue Sachlichkeit Prager Straße 1920 Dresdner Sezession Gruppe 1919

Autor

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Titel: Prager Straße von Otto Dix