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ar-Ribā im Koran

Ein exegetischer Zugang zum „Zinsverbot“

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Methodik
at-Tafsīru l-mawḍūʿi
Vorgehensweise

ar-Ribā im Koran
Zum Begriff
Zu den Versen

Konklusion

Literaturverzeichnis

Einleitung

Schon lange vor dem Islam und der koranischen Offenbarung existierten verschiedene „Denktraditionen“, die sich mit der Thematik der „Zinsgeschäfte“ beschäftigt haben. Zu den religiösen Anschauungen, die sich relativ stark mit der Thematik auseinandergesetzt haben, zählen auch das Judentum und das Christentum. Im 5. Buch Mose 23,20-21 heißt es etwa: „Du sollst deinem Bruder keinen Zins auferlegen, Zins für Geld, Zins für Speise, Zins für irgendeine Sache, die man gegen Zins ausleiht. Dem Fremden magst du Zinsen auferlegen...“.[1] So ist es auch heute noch üblich, dass Juden unter sich einem Zinsverbot folgen aber einem Nicht-Juden gegenüber diese Reglung ihre Gültigkeit verliert.[2]

Obwohl das „Zinsverbot“ an sich nichts Neues und im Ursprung auch nichts spezifisch „islamisches“ ist, ist das islamische Finanzsystem in Zeiten von Wirtschaftskrisen eine der wohl meist diskutierten Themen unserer Tage. Eine der primären Quellen, die für die Ausformung des islamischen Finanzsystems herangezogen wird, ist der Koran. Das Verständnis der Offenbarungsschrift spielt meist eine entscheidende Rolle dafür Ge- und Verbote verstanden werden. So ist es umso wichtiger darauf zu blicken wie mit solch’ einer Offenbarungsschrift umgegangen wird.

Zu oft wird der Koran nur partiell betrachtet und aus seinem textlichen als auch historischem Kontext „herausgerissen“. In der Regel sind die verschiedenen Verse, die zu einem Thema X offenbart wurden, innerhalb des Korans verstreut und haben oft einen anderen „Offenbarungskontext“. Aber auch schon allein die Frage welche Verse bzw. welche Inhalte nun doch noch eine Relevanz für das Thema X haben, ist nicht immer einfach zu lösen.

In dieser kurzen Betrachtung soll ein exegetischer Zugang zum Thema ribā gesucht werden. Dabei wird der Blick zunächst auf die Methodik gerichtet um im Anschluss daran den Begriff ribā aufzugreifen. Schließlich werden auch verschiedene Verse aus dem Koran beleuchtet und in einen textuellen als auch historischen Kontext gesetzt, um somit eine möglichst ganzheitliche „koranische“ Perspektive auf die Thematik zu gewährleisten.

Methodik

Es gibt verschiedene Methoden und Vorgehensweisen den Koran auszulegen. Zum Beispiel ist es bei der exegetischen Literatur oft der Fall, dass sich an der überlieferten Reihenfolge der Suren entlang orientiert wird und somit der Reihe nach Vers für Vers ausgelegt wird. Ein wesentlicher Nachteil dieser Vorgehensweise ist, dass der Blick auf das Gesamte eines bestimmten Themas zu kurz kommen kann. Da der Koran bekannterweise nicht etwa thematisch angeordnet ist, besteht eigentlich immer die Problematik, dass bei einer Vers- für Vers- Betrachtung die verschiedenen Themen nicht als Ganzes, also mit anderen relevanten Versen aus anderen Stellen im Koran gelesen werden können.[3]

Eine Methodik, die genau dieses Problem möglichst minimieren möchte und einen ganzheitlichen Blick auf ein bestimmtes koranisches Thema X ermöglichen möchte ist at-Tafsīru l-mawḍūʿi.

at-Tafsīru l-mawḍūʿi

Bei dem at-Tafsīru l-mawḍūʿi handelt es sich um die Exegese eines spezifischen Themas des Korans. Dabei werden die gesamten relevanten Stellen aus dem Koran unter Beachtung der Offenbarungsreihenfolge zusammengebracht und gemeinsam „gelesen“.

Die themenspezifische Exegese hat wichtige Vorteile gegenüber anderen (partiellen) Exegese Methoden. Dazu zählt, dass der Exeget ein bestimmtes Thema aus den verschiedensten Blickwinkeln aus der koranischen Gesamtheit betrachten kann. Um den Koran zu verstehen, müssen die einzelnen „Aussagen“ des Korans in ihrer Gesamtheit betrachtet werden. Wobei die „Grundideen“ (etwa ethische Prinzipien) des Korans erst in der Erarbeitung der einzelnen Aussagen im Lichte des gesamten Korans deutlich und verständlich werden können.[4]

Nach dieser sehr knappen Einführung in diese Exegese Methodik, soll nun ein kurzer Blick in die Vorgehensweise der themenspezifischen Exegese geworfen werden, um im Anschluss daran das Thema „ ar-Ribā im Koran“ in das Zentrum der Betrachtung zu rücken.

Vorgehensweise

Wie schon erwähnt, sind die verschiedenen Themen, die der Koran bereithält im ganzen Koran verstreut wiederzufinden. Um ein umfassendes Bild von der ausgewählten Thematik zu bekommen, müssen in einem ersten Schritt die verschiedenen Verse die in den Suren vorhanden sind, zusammengebracht werden. Dabei sollte auch geprüft werden, ob nicht auch andere themenverwandte Verse mit berücksichtigt werden müssen. Diese erste Phase innerhalb der Methodik ist für die weitere Betrachtung äußerst wichtig und sollte mit Sorgfalt erarbeitet werden. Nach der Sammlung folgt die Bestimmung der chronologischen Reihenfolge anhand der Offenbarungsfolge und der Unterteilung in „mekkanisch“ und „medinensisch“. Denn häufig ist die inhaltliche Ausrichtung der Verse mit den Umständen des „Offenbarungskontextes“ verbunden. Während sich die meisten mekkanischen Verse oft auf Glaubensinhalte und ethische Prinzipien beziehen, beinhalten die medinensischen Verse meist verschiedene Ge- und Verbote, die das individuelle aber auch das gemeinschaftliche Leben beeinflussen.[5]

Es gibt noch wesentlich mehr Punkte die beim at-Tafsīru l-mawḍūʿi beachtet werden sollten. Dazu gehören z. B. philologische, etymologische und semantische Analysen, die Heranziehung von anderen Quellen wie die Sunna sowie andere Überlieferungen von den aṣhāb und die Miteinbeziehung von unterschiedlichen Lesearten.[6]

In der folgenden Betrachtung zum Thema ribā können lediglich ausgewählte Analysetechniken angewendet werden. Dennoch soll versucht werden, im Rahmen der zu betrachtenden Verse, eine zumindest im Rahmen des Korans, ganzheitliche Perspektive auf das genannte Thema zu ermöglichen.

ar-Ribā im Koran

Zum Begriff

Das Wort ribā mit der Wurzel r-b-w heißt in seiner Grundbedeutung „sich mehren, zunehmen, wachsen, übersteigen“.[7] In der fachspezifischen Bedeutung des Islamischen Rechts wird es i. d. R. mit „Zins“ übersetzt und auf folgende Weise definiert: „Der Anteil, der innerhalb eines (Tausch-) geschäftes ohne Gegenleistung erbracht wird.“[8]

Im Koran kommt die Wurzel r-b-w insgesamt zwanzig mal in fünfzehn verschiedenen Versen vor. In der Bedeutung des Zinses kommt es zehn mal in sechs verschiedenen Versen vor. (2:275, 275, 275, 276, 278; 3:130; 4:161; 30:39, 39, 39)[9]

In dem Vers 16:92 heißt es:

„Und seid nicht wie jene, die ihr Garn, nachdem es fest gesponnen war, wieder in aufgelöste Strähnen bricht, indem ihr eure Eide untereinander als Mittel des Betrugs nehmt, weil ja eine Gemeinschaft zahlreicher ist als eine andere Gemeinschaft. Gott prüft euch damit...“[10]

In diesem Vers wird ʾarbā mit „zahlreicher“ übersetzt. In einem anderen Vers heißt es:

„Und du siehst die Erde regungslos. Wenn Wir aber Wasser auf sie herabkommen lassen, regt sie sich, wächst zu und lässt verschiedene erfreuliche Pflanzenarten sprießen.“ 22:5

Hier wird rabat mit „wächst“ übersetzt. In der Bedeutung des Zinses kommt es beispielsweise im folgendem Vers vor:

„Und was ihr auf Zins ausleiht, damit es sich aus dem Vermögen der Menschen vermehre, es vermehrt sich bei Gott nicht. Und was ihr an Almosen gebt in der Suche nach dem Antlitz Gottes ... - das sind die, die das Doppelte erzielen.“ 30:39

Die Wurzel r-b-w kommt also durchaus in seinen verschiedenen Bedeutungen im Koran vor. Als nächstes sollen die Verse, die inhaltlich unmittelbar mit dem „Zins“ in Verbindung stehen, beleuchtet werden.

[...]


[1] Elberfelder Bibel.

[2] Vgl. Özsoy S. 110.

[3] Vgl. Demirci S. 35.

[4] Vgl. Güven S. 116.

[5] Vgl. Demirci S. 115.

[6] Vgl. ebd. S. 113ff.

[7] Vgl. Wehr „ r-b-w”.

[8] Vgl. Ateş „Ribâ”. (Frei übersetzt)

[9] Vgl. Kalkan „Ribâ/Fâiz“.

[10] Für die Verse aus dem Koran wird die Übersetzung von Khoury verwendet.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656198727
ISBN (Buch)
9783656200352
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193991
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Arabistik und Islamwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
islam islamic finance zinsen zins offenbarung koran islamisches finanzsystem exegese islamisches recht zinsverbot riba

Autor

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