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Die Theodizeefrage als Thema im evangelischen Religionsunterricht

Hausarbeit 2012 31 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Situative Voraussetzungen
2.1. Skizzierung einer 9. Klasse und die Vorbedingungen
2.2. Lehr- und Lernvoraussetzungen

3. Pädagogische Überlegungen

4. Einordnung der Stunde in die Einheit - Die Lernausgangslage

5. Fachwissenschaftliche Analyse / Sachanalyse
5.1. Wissenschaftlicher Hintergrund: Theodizee-Argumentationen
5.2. Materialanalyse

6. Didaktische Analyse

7. Didaktisch-methodische Strukturierung

8. Kompetenzen/Unterrichtsziele

9. Verlaufsplan

10. Resümee

11. Anhang
11.1. Kompetenzerwartungen in Bezug auf die gesamte Einheit
11.2. Tabellarische Gliederung der Einheit
11.3. Textimpuls
11.4. Arbeitsauftrag: Gruppenarbeit Teil 1
11.5. Arbeitsauftrag: Gruppenarbeit Teil 2
11.6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wenn es nicht so viel Unglück gäbe, Kriege, Erdbeben, Unfälle, Krebs und so, dann könnte ich an Gott glauben. So aber frag ich mich: „Warum tut er nichts dagegen, wenn es ihn gibt?“1 Dieses Zitat stammt von einer 17jährigen Schülerin. Sie ist ein Beispiel dafür, dass auch Jugendliche die Frage nach Gott und dem Leid in der Welt stellen und diese Frage Konsequenzen auf den eigenen Gottesglauben haben kann.

Doch wenn man gegenwärtige Untersuchungen betrachtet, scheint diese Schülerin eine Ausnahme zu sein. Die meisten Untersuchungen zeigen, dass für Jugendliche Gott zwar existiert, aber keine große Rolle in ihrem eigenen Leben spielt. Werner Ritter stellt Thesen auf, die die Beschäftigung mit dem Theodizeeproblem im Unterricht als gänzlich überflüssig erscheinen lassen: Demnach habe das Thema »Theodizee« für viele Jugendliche keinerlei Relevanz, es werde meistens keine Verbindung zwischen Gott und dem Leid hergestellt und die SchülerInnen seien offensichtlich nicht an einer abstrakten philosophischen oder theologischen Auseinandersetzung mit der Theodizeefrage interessiert.2

Angesichts dieser Behauptungen stellt sich die Frage, ob man das Thema überhaupt im Unterricht behandeln kann oder bei dem Versuch direkt auf Ablehnung seitens der SchülerInnen treffen würde. Herbert Rommel hat diesbezüglich eine veränderte didaktische Fragestellung formuliert, die die aktuellen Gegebenheiten berücksichtigt:

„Wie kann das Theodizee-Problem unterrichtlich im Kontext der Bedingungen behandelt werden, dass die Rede von Gott in der Öffentlichkeit nahezu verstummt, Gott im Denken Jugendlicher aber mehrheitlich präsent ist und ihre Gotteskonzepte divers geworden sind, dass die christliche Tradition die Gutheit Gottes behauptet, Jugendliche dieses Gottes-Prädikat aber eher relativieren, dass Jugendliche auf der einen Seite eine autonome Lebensführungskompetenz beanspruchen, auf der anderen Seite aber die Macht Gottes, auf menschliches Leben Einfluss nehmen zu können, depotenzieren und dass das Thema Leid für Jugendliche zwar eine gewisse Bedeutsamkeit hat, sie aber über eher leidresistente bzw. leidneutrale Gotteskonzepte verfügen.“3

Trotz aller Problematiken, die mit dem Thema »Theodizee« im Religionsunterricht verbunden sind, sehe ich auch große Chancen. Zum einen ist das Thema sehr komplex und bietet darum vielfältige Möglichkeiten Gruppen-Diskussionen und die eigene Meinungsbildung anzuregen.

Die Beschäftigung mit menschlichem Leiden und die Reflexion über den Einfluss Gottes auf das Leben der Menschen bzw. auf die Welt an sich zwingen zum anderen praktisch dazu, das eigene Gottesbild zu überdenken. Die einen mag die Auseinandersetzung mit dem Thema eher von Gott wegziehen, die anderen werden dadurch in ihrem Glauben an Gott eher gestärkt.

Dennoch ist und bleibt die Theodizeefrage ein schwieriges Thema. Schwierig zu unterrichten ist das Thema nicht nur wegen der scheinbar sinkenden Relevanz für das Leben der SchülerInnen, sondern auch wegen der eigentlichen Unlösbarkeit des Problems. Die besondere Herausforderung liegt denke ich darin, sich mit einer Vielzahl von Standpunkten auseinanderzusetzen und sich gleichzeitig damit abzufinden, dass es auf die Theodizeefrage wohl nie eine allgemeingültige Antwort geben wird.

Nachdem ich mich selbst mit unterschiedlichen Ansätzen auseinandergesetzt und eigene Lebenserfahrungen bedacht habe, habe ich für mich zwar eine persönliche Antwort auf die Theodizeefrage gefunden, bin mir aber durchaus bewusst, dass diese stets anfechtbar ist und auch jederzeit revidiert werden kann. Mein vorrangiges Ziel für eine Unterrichtseinheit zum Thema ist darum auch, dass die SchülerInnen am Ende einen eigenen Standpunkt zum Theodizeeproblem formulieren können, sich aber zur gleichen Zeit der Fehlbarkeit der eigenen Sichtweise bewusst sind und daher auch andere Meinungen zu respektieren wissen. Im Folgenden skizziere ich einen möglichen Unterrichtsentwurf zur Theodizeefrage im Religionsunterricht. Die geplante kompetenzorientierte Einheit umfasst insgesamt zehn Unterrichtsstunden.

2. Situative Voraussetzungen

2.1. Skizzierung einer 9. Klasse und ihre Vorbedingungen

Bei der Klasse, die der Unterrichtsplanung zugrunde liegt, handelt es sich um eine 9. Klasse eines Frankfurter Gymnasiums, in der ich während meines Schulpraktikums häufiger hospitiert habe. Die Klasse besteht aus insgesamt zehn Schülerinnen und sechs Schülern. Sie setzt sich aus zwei verschiedenen Lerngruppen zusammen. Die neunten Klassen haben an der Schule zweimal 65 Minuten in der Woche evangelischen Religionsunterricht. Am Gymnasium wird in den Klassenstufen 5-13 durchgehend Religion nach Konfessionen getrennt unterrichtet. Dabei haben die SchülerInnen die Wahl zwischen evangelischem oder katholischem Religions- bzw. Ethikunterricht. In der Sekundarstufe 1 werden je nach Jahrgangsgröße immer zwei bis drei Klassen gemischt.

Im Allgemeinen besteht an der Schule eine überwiegend positive Einstellung gegenüber dem Religionsunterricht, sowohl von Seiten der Schülerschaft als auch von Seiten des Kollegiums und der Schulleitung. Viele SchülerInnen äußern sich positiv über die Themen, die im (evangelischen) Religionsunterricht vermittelt werden. Die Schule arbeitet zusätzlich mit einer katholischen Jugendkirche zusammen. Beispielsweise werden gemeinsame Projekttage zu Themen wie Sucht, Kommunikation, Konfliktmanagement, oder Teamfähigkeit angeboten. Ebenfalls besteht die Möglichkeit für siebte Klassen an einem mehrtägigen Seminar zur Stärkung der Klassengemeinschaft teilzunehmen. Für zehnte Klassen werden sogenannte Tage zur Orientierung angeboten, an denen sich die Schüler mit Fragen nach der eigenen Identität und Themen wie Tod und Sterben oder Spiritualität auseinandersetzen können.

Die SchülerInnen der neunten Klasse sind alle zwischen 14 und 15 Jahren alt. Das Alter spielt insbesondere in Bezug auf entwicklungs- und religionspsychologischen Aspekte eine signifikante Rolle. Das Interesse an einer Auseinandersetzung mit religiösen Themen hängt sicherlich stark von der jeweiligen religiösen Sozialisation ab, also wie stark Glaube und Religion auch zum Leben der Eltern oder anderen Bezugspersonen dazugehören bzw. wie stark Kinder religiös erzogen wurden.

Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren befinden sich in Fowlers Glaubensstufenmodell wohl mehrheitlich am Übergang von der dritten zur vierten Stufe. Die dritte Stufe wird als »synthetisch-konventioneller Glaube« bezeichnet. „Der Glaube ist auf dieser Stufe noch kein persönlich angeeigneter Glaube; er ist vielmehr von anderen übernommen und von anderen abhängig.“4 Auch wird noch kein eigenes, kritisches Urteil gefällt. Wenn auf dieser Stufe eine kirchen- oder traditionskritische Haltung vertreten wird, dann beruht diese zunächst nicht auf einer eigenen ablehnenden Haltung, sondern die Meinung orientiert sich an Aussagen anderer - z.B. wenn Eltern oder Freunde eine solche kritische Meinung vertreten.5 Einzelne Inhalte oder Überzeugungen werden auch nicht geprüft, „ob sie sich zueinander fügen und ein stimmiges Ganzes ergeben“6. Im Gegensatz dazu besteht bei der vierten Stufe, dem »individuierend-reflektierenden Glauben«, nun die Fähigkeit sich ein eigenes Urteil bilden zu können. Charakteristisch für diese Stufe ist „ein klares, fast überzogenes Bewußtsein der eigenen Individualität und Autonomie“7. Voraussetzung ist demnach auch ein hohes Maß an Selbstreflexion und an traditionskritischem Bewusstsein.8

Für das Thema »Theodizee« ist ein solches kritisches Hinterfragen eine notwendige Bedingung. Ziel ist es, sich am Ende der Unterrichtseinheit eine eigene Meinung bilden zu können. Die SchülerInnen sollten zudem in der Lage sein, den theoretischen Input, den sie vor allem durch die Präsentation fremder Argumentationen erhalten, begründet zu hinterfragen. Die Herausforderung besteht darin, seine eigenen Gedanken mit neuen, vielleicht zunächst befremdlich erscheinenden Gedanken, zu einem stimmigen Ganzen zu bringen - was eben laut Fowler in der dritten Stufe noch nicht gelingt. Gerade die Beschäftigung mit der Theodizeefrage im Unterricht kann Jugendlichen helfen, den Schritt in eine höhere Glaubensstufe zu vollziehen. Zu beachten wäre allerdings, dass das Theodizeeproblem niemals vollständig und zufriedenstellend gelöst werden kann und dass offene Fragen auf jeden Fall legitim, wenn nicht gar wünschenswert sind.

In der Lerngruppe herrscht im Allgemeinen ein sehr positives Lernklima und Sozialverhalten. Die SchülerInnen kommen gut miteinander aus und können produktiv zusammenarbeiten. Insgesamt ist die Klasse sehr interessiert und aufmerksam. Wie in jeder Klasse gibt es einen Teil, der sich eher zurückhält und einen Teil, der sich stärker am Unterricht beteiligt. Vor allem zwei Schülerinnen heben sich durch viele qualitativ hochwertige Redebeiträge hervor. Dabei ist zu erkennen, dass sie die im Religionsunterricht behandelten Themen stets kritisch und reflektiert hinterfragen. Es wird ebenso deutlich, dass sie zu bestimmten Themen ihren eigenen Standpunkt haben und diesen, wenn es sein muss, vehement - und dabei eher konfrontativ als kommunikativ - gegen andere Meinungen verteidigen.

2.2. Lehr- und Lernvoraussetzungen

Für die Analyse der Lehrvoraussetzungen ist es wichtig zunächst die Frage zu klären, welche Einstellungen die SchülerInnen zum Thema »Theodizee« haben und welche Rolle die religiöse Sozialisation, die Vorbildung und ihr Interesse spielt.

Während Fowler den Fokus auf die Glaubensentwicklung richtet, haben Oser/Gmünder mehr die Entwicklung des religiösen Urteils im Blick. Für das Thema »Theodizee« besitzt die dritte Stufe des religiösen Urteils laut Rommel eine wichtige Gelenkfunktion. Jugendliche, die sich auf dieser Stufe befinden, würden stark zwischen einem göttlichen und einem menschlichen Bereich unterscheiden. Somit werde die Einflussmöglichkeit Gottes auf das eigene Leben - zugunsten eines gesteigerten Selbstbewusstseins und Autonomieanspruches - immer mehr zurückgedrängt und dagegen das selbstständige Handeln in den Vordergrund gestellt.9

Dementsprechend hätten die meisten Jugendlichen auch ein abstraktes, deistisches Gottesbild, das sie aber prinzipiell nicht an der Existenz eines Gottes (als eine Höhere Macht) zweifeln lasse.10 Es dominiert laut Rommel „die Vorstellung, dass sich dieser kosmische Schöpfer aus seiner Schöpfung zurückgezogen und dem Menschen einen eigenen Kompetenzbereich überlassen hat“11. Aus diesem vorherrschenden Welt- und Gottesbild ergeben sich Konsequenzen für Beurteilung der Theodizeefrage. Während auf der zweiten Stufe das Leiden noch als Strafe Gottes gedeutet wurde, werden diese Einflussmöglichkeiten Gottes auf der dritten Stufe nicht mehr gesehen. Darum verliert auch das eigentliche Theodizeeproblem in der Jugendphase an Brisanz.

Dennoch hat die Beschäftigung mit dem Thema für die SchülerInnen eine zukunftsweisende Funktion. Zum einen ist es möglich, „dass sich das deistische Gottesbewusstsein zu einer personalen Gottesbeziehung ausbaut“12, indem es innerhalb der vierten Stufe zu einer neuen Vermittlung kommt. „Zum anderen stehen aber auch die Optionen offen, dass sich das jugendliche Gottesbewusstsein zu einem Agnostizismus oder zu einem Atheismus weiterentwickelt.“13 „Diese optionale und zugleich richtungsweisende Gelenkfunktion verleiht der 3. Stufe eine hohe religionspädagogische Relevanz, wenn es um einen entwicklungsorientierten Religionsunterricht im Jugendalter geht.“14

Im Folgenden soll kurz skizziert werden, welche Inhalte aus dem bisherigen Religionsunterricht als bekannt vorausgesetzt werden. Eine wichtige Voraussetzung für die Behandlung der Theodizeefrage im Unterricht ist, dass die SchülerInnen sich vorher bereits mit der Frage nach Gott auseinandergesetzt haben. Die SchülerInnen haben sich im bisherigen Religionsunterricht bereits mit der Fragestellung beschäftigt, wer oder was Gott eigentlich ist, sie haben sich Gedanken gemacht um eigene und fremde Gottesvorstellungen, sie haben das Thema (Gottes) Gerechtigkeit behandelt und persönliche Erfahrungen verschiedener Menschen, auch anhand biblischer Geschichten, mit Gott reflektiert. Darüber hinaus wurde auch darüber gesprochen, wie Menschen angemessen miteinander leben und handeln können. Die SchülerInnen sind daher in der Lage, die eigene Verantwortlichkeit für andere und für die Welt wahrzunehmen. Zudem wurde auch der Umgang mit Erfahrungen von Scheitern und Schuld im bisherigen RU behandelt.

Was die Sozialformen betrifft, ist die Klasse sowohl mit (frontalem) Klassenunterricht als auch mit Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit vertraut. Bevorzugt wird normalerweise mehrheitlich die Arbeit in Kleingruppen, da die SchülerInnen sich Unterrichtsinhalte gerne gemeinsam erarbeiten und gerne miteinander ins Gespräch kommen bzw. diskutieren.

3. Pädagogische Überlegungen

Wenn man sich im Unterricht mit der Frage nach Gott beschäftigt, kommt man um kritische Anfragen nicht herum. Sowohl die Theodizeefrage als auch die Frage nach der generellen Existenz Gottes sind bedeutende Teilaspekte. Laut Rommel beinhaltet die Gottesfrage bei den meisten Jugendlichen Gottesglaube und Gotteszweifel zugleich.15 Diesbezüglich kann die Beschäftigung mit der Theodizeefrage sehr fruchtbar sein für die Stärkung, aber möglicherweise auch für die Revision des eigenen Gottesbildes.

Grundsätzlich wird mit dem Thema die Frage nach Gott und dem Leid in der Welt aufgeworfen. Selbst wenn Schüler noch nicht mit schwerem persönlichem Leid konfrontiert worden sind, bekommen sie doch ständig durch die Medien menschliche Leiderfahrungen präsentiert. Der Religionsunterricht kann und sollte daher auch mögliche Umgangsformen mit Leid oder Schmerzenserfahrungen thematisieren - unter einem theologischen und einem eher persönlichen, d.h. auf eigenen Erfahrungen basierenden, Aspekt.

Innerhalb der gesamten kompetenzorientierten Einheit können SchülerInnen folgende Kompetenzen erwerben: Im Bereich „deuten und verstehen“ lernen SchülerInnen biblische Texte vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit und im Kontext der Bibel zu deuten und Glaubensaussagen biblischer Texte und anderer Zeugnisse zu erschließen sowie Bezüge zum eigenen Leben und Handeln herzustellen. Als biblische Quelle werden hauptsächlich Auszüge aus dem Hiob-Buch herangezogen. Im Bereich „fragen und begründen“ lernen SchülerInnen grundlegende religiöse Fragen zu stellen, eigene Überlegungen zu religiösen Fragen zu formulieren und differenziert zu begründen, indem sie sich mit ihrem eigenen Standpunkt zur Theodizeefrage auseinandersetzen. Ebenfalls erwerben können sie die Fähigkeit religiöse Deutungsangebote für Lebenserfahrungen zu vergleichen und ihre Plausibilität zu prüfen, indem sie sich mit fremden Standpunkten befassen, diese der eigenen Meinung gegenüberstellen und sich schließlich argumentativ zu den verschiedenen Argumenten äußern. Im Bereich „kommunizieren und bewerten“ lernen die SchülerInnen einerseits den eigenen Standpunkt zum Thema darzustellen und gegenüber anderen Positionen begründet zu vertreten, andererseits aber auch anderen Positionen aufgeschlossen und respektvoll zu begegnen. Außerdem können sie die Fähigkeit erwerben, Positionen zu bewerten und aus dem Dialog Schlussfolgerungen für die eigene Auffassung zu ziehen, was ebenfalls durch die Auseinandersetzung mit fremden Ansätzen zur Lösung des Theodizeeproblems geschehen kann.

Auch überfachliche Kompetenzen können in verschiedenen Bereichen erlangt und ausgebaut werden. Im Bereich der „personalen Kompetenz“ kann insbesondere die eigene Selbstwahrnehmung gestärkt, im Bereich der „Sozialkompetenz“ können vor allem die soziale Wahrnehmungsfähigkeit, die Kooperation bzw. Teamfähigkeit und die gesellschaftliche Verantwortung gefördert und schließlich im Bereich der „Lernkompetenz“ die Problemlösefähigkeit ausgebaut werden.

4. Einordnung der Stunde in die Einheit - Lernausgangslage

Im Folgenden werde ich eine mögliche kompetenzorientierte Einheit zur Theodizeefrage im Religionsunterricht skizzieren. Im Rahmen einer solchen Einheit steht die zu beschreibende (Doppel-)Stunde an der Stelle „Kompetenzen stärken und erweitern“.16

Zum 1. Schritt: „Lernen vorbereiten und initiieren“

Um in die Unterrichtseinheit einzusteigen, sollen die SchülerInnen zunächst mit einigen Bildimpulsen17 kognitiv aktiviert werden. Hierzu hängt die Lehrkraft einige Bilder, die Kinder in unterschiedlichen Leidsituationen zeigen, im Klassenraum auf bzw. legt die Bilder direkt auf Gruppentischen aus. Jeder Schüler bekommt die Aufgabe, sich eins der Bilder auszusuchen und sich zunächst eigene Gedanken bzw. Notizen zu machen. An der Tafel stehen als Hilfestellung Leitfragen wie „Was fühlst du, wenn du das Bild anschaust?“ oder „Welche Fragen stellst du dir?“. Anschließend sollen die Schüler, die sich das gleiche Bild ausgesucht haben, in einem stillen Schreibgespräch eine zum Bild passende provozierende These diskutieren. Die Schüler haben so die Möglichkeit, sich zu Anfang ein eigenes Bild vom Leid in der Welt zu machen und ihre Gedanken bzw. Gefühle mit ihren Mitschülern zu teilen und ggf. zu hinterfragen. Das entstandene Produkt dient der Lehrkraft gleichzeitig als eine Sicherung der Lernausgangslage.

Auf das stille Schreibgespräch folgt ein Gespräch mit der gesamten Klasse, in dem vor allem die Ergebnisse reflektiert werden sollen. An dieser Stelle kann zur eigentlichen Theodizeefrage übergeleitet werden. Es ist möglich, dass Schüler bereits in der Auseinandersetzung mit den Bildern auf die Frage nach Gott und dem Leid gekommen sind. Darauf ließe sich an geeigneter Stelle aufbauen.

[...]


1 Kursbuch Religion elementar. Ein Arbeitsbuch für den Religionsunterricht, 9./10. Schuljahr, hrsg. von Wolfram Eilerts, Stuttgart 2010, S. 72.

2 vgl. Ritter, Werner u.a.: Leid und Gott. Aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, Göttingen 2006, S. 159f.

3 Rommel, Herbert: Mensch-Leid-Gott. Eine Einführung in die Theodizee-Frage und ihre Didaktik, Paderborn 2011, S. 223.

4 Schweitzer, Friedrich: Lebensgeschichte und Religion. Religiöse Entwicklung und Erziehung im Kindes- und Jugendalter, 6. Auflage, Gütersloh 2007, S. 146.

5 vgl. Schweitzer: a.a.O., S. 147.

6 Schweitzer: a.a.O., S. 147.

7 Schweitzer: a.a.O., S. 148.

8 vgl. Schweitzer: a.a.O., S. 148.

9 vgl. Rommel: a.a.O., S. 36.

10 vgl. Rommel: a.a.O., S. 50.

11 Rommel: a.a.O., S. 51.

12 Rommel: a.a.O., S. 37.

13 Rommel: a.a.O., S.37.

14 Rommel: a.a.O., S. 37.

15 vgl. Rommel: a.a.O., S. 32.

16 Vgl. Hessisches Kultusministerium: Bildungsstandards und Inhaltsfelder. Das neue Kerncurriculum für Hessen, Sekundarstufe I - Realschule, Evangelische Religion, Wiesbaden 2011, S. 12.

17 Siehe Anhang, S. 25. Es handelt sich hierbei um eine beispielhafte Auswahl.

Details

Seiten
31
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656190851
ISBN (Buch)
9783656191360
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193876
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
14
Schlagworte
Theodizeefrage Gottesbilder Religionsunterricht Gott und Leid Hiob Plötzenseer Totentanz

Autor

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