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Siegfried – Das Idealbild eines Helden?

Hausarbeit 2010 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Das Idealbild des Helden bzw. das traditionelle Siegfriedbild
2.1 Definition des Wortes Held und seine Bedeutung im Nibelungenlied
2.2 Heldenhafte Charakteristika Siegfrieds
2.3 Heroische Siegeszüge und übernatürliche Begebnisse

III Brüche in der Heldenkonzeption bzw. die Problematisierung des Siegfriedbildes
3.1 Siegfrieds Tod
3.2 Die Schuld Siegfrieds

IV Fazit

V Bibliographie

I. Einleitung

„Siegfried ist ein Held, wie die Sonne keinen zweiten gesehen hat, voll kühnsten Mutes und übermenschlicher Kraft. Sein Erscheinen ist wie das Strahlen der Sonne an einem heiteren Frühlingsmorgen, sein Tod wie das Sterben einer Blume voll sonnigen Glanzes und lieblichen Duftes.“[1]

Würde man heute eine Person nach Siegfried aus dem Nibelungenlied fragen, bekäme man wahrscheinlich eine dem Zitat sinngemäße Antwort.

Doch entspricht diese makellose, idealisierte, aber auch klischeebehaftete Darstellung Siegfrieds den Fakten?

Die frühe Siegfriedforschung und nicht zuletzt die Filmindustrie sind dafür verantwortlich, dass dieses Bild in dem Bewusstsein der Menschen vorherrscht. Siegfried als Inbegriff eines Helden, der durch eine tückische List ums Leben kommt. Aber lässt sich dieses Bild auch anhand des Textes nachweisen?

In der frühen Forschung wurde Siegfried, wie zuvor erwähnt, primär positiv skizziert. Danach erfuhr das Siegfriedbild eine radikale Wandlung und man akzentuierte vordergründig die negativen Züge des Heros.

In den heutigen Untersuchen ist ein weitestgehend egalisiertes Siegfriedbild dominierend. Jedoch existieren auch Gegenstimmen und –meinungen über den Held aus Xanten.

In dieser Arbeit werde ich versuchen, ein möglichst ausgewogenes Bild des Helden aus dem Nibelungenlied zu zeichnen und sowohl die positive, als auch die negative Seite näher zu beleuchten.

II. Das Idealbild des Helden bzw. das traditionelle Siegfriedbild

2.1 Definition des Wortes Held und seine Bedeutung im Nibelungenlied

Die Bedeutung des Wortes „Held“ durchlebte „im kulturellen Kontext verschiedener Zeiten einen historischen Wandel“[2]. Der Begriff ist also zeitabhängig. Im 9. Jahrhundert taucht erstmals das altsächsische Wort „helid“, welches aber die einen „Mann allgemein“ ausdrückt. Außerdem existierte der mittellateinische Begriff „heros“ für Heroen, doch bestand in der Volkssprache noch kein Ausdruck dafür. In der mittelhochdeutschen Literatur des 12. Jahrhunderts wurde die Bezeichnung „helt“ erstmals synonym für einen hervorragenden Kämpfer benutzt.

„Aber erst im ‚Nibelungenlied‘, das die Gattung Heldendichtung par excellence repräsentiert, erhält das Wort seine poetisch überhöhte Bedeutung, die den bewunderungswürdigen, besonders qualifizierten einzelnen Kämpfer und Menschen aus der Pluralität der helden heraushebt“[3]

Im ersten Teil des Nibelungenlieds ist die Bezeichnung „held“ auf Siegfried konzentriert. Es kristallisiert sich eine Doppelbedeutung heraus, da Siegfried als ausgezeichneter, bewunderungswürdiger Kämpfer und Protagonist des Epos charakterisiert wird.

Das Interesse an den „Helden“ wird besonders an der Prologstrophe der überlieferten Handschriften A und C deutlich:

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit
von helden lobebæren, von grôzer arebeit,
von freuden, hôchgezîten, von weinen und von klagen,
von küener recken strîten muget ir nû wunder hœren sagen.[4]

Die Prologstrophe kennzeichnet die funktionalen Aspekte für die nibelungische Heldenvorstellung: Helden werden als Figuren der Erinnerung und Produkte des Erzählens dargestellt. Das erklärte Ziel ist die emotionale Anteilnahme der Hörer.

Die Forschung unterscheidet zwei verschiedene Heldentypen. Einerseits den höfischen Helden und andererseits den Held des Epos. Den höfischen Heldentypus verkörpert beispielsweise der arthurische Ritter, der als vorbildlich gilt und zur Identifikation anreizt[5]. Im Kontrast dazu steht der Held des Epos, dem keine exemplarische Funktion anerkannt wird. Hier basiert die Vorstellung darauf, dass der Heros für etwas Außergewöhnliches steht, „dass die Sympathie und Bewunderung der Hörer herausfordere“[6]. Außerdem muss er sich nicht gegenüber allgemeingültigen ethischen Regeln und Prinzipien verantworten. Dies lässt sich anhand der Prologstrophe belegen. Zweimal lässt sich das Wort „wunder“ auffinden. Es handelt sich um etwas Mythisches, etwas Wunderbares, was Sprachlosigkeit und Erstaunen auslöst. Und eben „dieses Bewunderungswürdige übersteigt das Normalmaß“[7].

2.2 Heldenhafte Charakteristika Siegfrieds

Zunächst einmal lässt sich feststellen, dass Siegfried als einzige männliche Figur im Nibelungenlied eine Biographie aufweist, was durchaus nicht als selbstverständlich betrachtet werden kann. Von seiner Abstammung, seiner Familie, seinem Erwachsenwerden, über den Auszug in die Welt, seine große Liebe bis hin zu seiner Herrschaft und seinen Tod, weiß man nahezu alles über Siegfried.

Die 2. Aventiure dient hierbei der Einführung des Helden in die Dichtung. Doch bereits in der 1. Aventiure werden Teile von Siegfrieds Geschichte, insbesondere sein Tod, in die Handlung mit eingeflochten.

In disen hôhen êren / troumte Kriemhilde,

wie si züge einen valken, / starc schœn und wilde,

den ir zwên arn erkrummen, / daz si daz muoste sehen

ir enkunde in dirre werlde /leider niemer geschehen. (Str. 13)[8]

Siegfried wird hier als Falke dargestellt, der zwei Adlern zum Opfer fällt[9]. Die Eigenschaften starc, scoen und wilde können das Tier bzw. Siegfried nicht vor dem Tod retten.

Desweiteren ist auffällig, dass der Held häufig mit verschiedenen Bezeichnungen betitelt wird. „Die Wendungen der edel künic von Niderlant (Str. 615,4), ein edel riter guot (Str. 292,3), an allen tugenden ein ritter küen unde guot (Str. 230,4) situieren Siegfried in der höfischen Welt, während die Benennungen der starke Sîvrit, der held von Niderlant (90,4), der waetlîche recke (Str. 241,3), der vreislîche man (Str. 97,4) eine andere, vorliterarische Tradition aufrufen.“[10]

Außerdem wird Siegfried sowohl eine historische, als auch eine mythische Dimension zu Teil. Da er herkunftsmäßig, ständisch und geographisch determiniert ist, erhält er eine historische Dimension.

Die mythische Dimension betrifft die Auflösung der Grenzen der menschlichen Natur. Also unter anderem das Reich der Nibelungen, welches durch übernatürliche Begebenheiten, wie Riesen, Zwerge, Drachen, Schätze, Unsichtbarkeit und Unverletzlichkeit charakterisiert ist. Ferner wird Siegfried der Besitzer der mythischen Insignien wie Schwert und Tarnkappe. Überdies gewinnt er noch den Nibelungenhort und bezwingt den Drachen.

Die wohl wichtigsten heldenhaften Qualitäten von Siegfried sind seine Stärke und sein Selbstbewusstsein. Laut Ursula Schulze wird die Bewährung von Siegfrieds Stärke in „seiner Lebensgeschichte in verschiedenen Phasen und Diskurssträngen erzählerisch entfaltet und zugleich durch gegenläufige Motive abgelenkt und überdeckt.“[11]

[...]


[1] Stuhrmann, Johannes: Die Idee und die Hauptcharaktere der Nibelungen. Paderborn 1910. S.70.

[2] Schulze Ursula: Siegfried – ein Heldenleben? Zur Figurenkonstellation im ‚Nibelungenlied‘, in: Literarische Leben (FS Volker Mertens), hg. V. Matthias Meyer und Hans-Jochen Schiewer. Tübingen 2002. S. 670.

[3] Schulze Ursula: Siegfried – ein Heldenleben? Zur Figurenkonstellation im ‚Nibelungenlied‘, in: Literarische Leben (FS Volker Mertens), hg. V. Matthias Meyer und Hans-Jochen Schiewer. Tübingen 2002. S. 670.

[4] De Boor, Helmut; Wisniewski Roswitha: Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch. 22., rev. U. von Roswitha Wisniewski erg. Aufl., 1. Aventiure. Wiesbaden 1996. S. 3.

[5] Schulze, Ursula: Siegfried – ein Heldenleben? Zur Figurenkonstellation im ‚Nibelungenlied‘, in: Literarische Leben (FS Volker Mertens), hg. V. Matthias Meyer und Hans-Jochen Schiewer. Tübingen 2002. S. 672.

[6] Ebd.

[7] Ebd. S. 673.

[8] De Boor, Helmut; Wisniewski Roswitha: Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch. 22., rev. U. von Roswitha Wisniewski erg. Aufl., 1. Aventiure. Wiesbaden 1996. S. 6.

[9] Zitiert nach: Schulze Ursula: Siegfried – ein Heldenleben? Zur Figurenkonstellation im ‚Nibelungenlied‘, in: Literarische Leben (FS Volker Mertens), hg. V. Matthias Meyer und Hans-Jochen Schiewer. Tübingen 2002. S. 673.

[10] Schulze Ursula: Siegfried – ein Heldenleben? Zur Figurenkonstellation im ‚Nibelungenlied‘, in: Literarische Leben (FS Volker Mertens), hg. V. Matthias Meyer und Hans-Jochen Schiewer. Tübingen 2002. S. 674.

[11] Ebd. S. 678.

Details

Seiten
13
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656190288
ISBN (Buch)
9783656192077
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193867
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,0
Schlagworte
Nibelungenlied ÄdL Siegfried Held

Autor

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Titel: Siegfried – Das Idealbild eines Helden?