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Neidharts Winterlied 37 - ein typisches Kreuzzugslied?

Seminararbeit 2012 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Winterlieder
2.1 Merkmale von Winterliedern
2.2 Winterlied 37 ein typisches Winterlied?

3. Winterlied 37 und die Kreuzzugslyrik
3.1 Der Kreuzzug und die Kreuzzugslyrik
3.2 Winterlied 37 ein typisches Kreuzzugslied?

4. Historischer Bezug des Winterliedes 37

5. Weitere Kreuzzugslyrik in den Liedern Neidharts

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Einteilung der Lieder Neidharts in Sommer- und Winterlieder beruft sich auf das Prinzip von Rochus von Liliencrons. Jener stellte den typischen Natureingang beider Gattungen fest.

In der ersten Strophe der sogenannten Sommerlieder ist ein Frühlingseingang zu verzeichnen. Der Dichter wendet sich in seinen Beschreibungen der frühlingshaften und sommerlichen Natur zu.

Im Winterlied hingegen bestimmt der Herbsteingang die ersten Verse des Liedertypus. In ihnen wird der Verlust des Sommers angeklagt.

Folgende vier Zeilen sind dem Winterlied 37 der Neidhartausgabe von Edmund Wießner entnommen:

,,Marke, dû versinc!

dîn laut daz lît uneben.

ich unde manec Flaeminc

muoz hie unsanfte leben.

[…]‘‘[1]

Rückblickend auf die Merkmale jener Gattungszuordnung stellt sich die Frage nach dem typischen Natureingang. Die Beschreibung der Naturbeschaffenheit und die Klage über den schwindenden Sommer sind weder in der ersten Strophe noch inhaltlich im gesamten Lied zuverzeichnen. Ist das Winterlied 37 folglich überhaupt in seiner Bezeichnung und Stellung gerechtfertigt?

In der Neidhart-Forschung gibt es verschiedene Meinungen, was die Zuordnung dieses Liedes betrifft. Viele unterschiedliche Gattungsbezeichnungen lassen sich dort wiederfinden: Hans Becker bezeichnet es als ein ,,Heimkehrerlied‘‘[2].Günther Schweikle wiederum ordnet jenes den ,,Reise- und Kreuzzugsliedern‘‘[3] zu. Reinhard Bleck streitet die These Schweikles ab. Er meint, dass im Winterlied 37 keine Verbindungen zu einem Kreuzzugslied zu erkennen seien.[4]

Die drei unterschiedlichen Ansichten aus der Neidhart-Forschung zeigen die unsichere und umstrittene Gattungszuordnung des Winterliedes 37.

Die folgende Arbeit soll die Merkmale des Winterliedes 37 analysieren und besonders den Standpunkt Günther Schweiklesüberprüfen. Die zentrale Frage ist: ,,Kann das Winterlied 37 der Gattung der Kreuzzugslyrik zugeordnet werden?‘‘

In der Neidhartausgabe von Edmund Wießner, auf welche ich mich in dieser Arbeit beziehe, ist das Lied den Winterliedern zugeordnet. Um die mögliche Gattungszuordnung Schweikles in Betracht zu ziehen, scheint es sinnvoll, das Gedicht auf gattungsspezifische Merkmale eines Winterliedes hin zu untersuchen,.

Anschließend setze ich mich mit der These Schweikles auseinander.Das Winterlied 37 wird daher auf das Vorhandensein von Besonderheiten der Kreuzzugslyrik überprüft. Grundlage dieser Untersuchung ist das Buch von Goswin Spreckelmeyer: ,,Das Kreuzzugslied des lateinischen Mittelalters‘‘[5].Anhand des Vergleiches verschiedener lateinischer Kreuzzugslieder bietet es eine Auflistung an Motiven dieser Gattung.

Des Weiteren verleiht der im Winterlied 37 erwähnte Bischof Eberhart dem Text eine besondere Qualität. Auch hier gehen die Ansichten,was die Echtheit des Winterliedes 37 betrifft, in der Forschung auseinander. Zu der Frage nach der historischen Echtheit/Qualität werde ich im 4. Punkt dieser Arbeit Stellung beziehen.

Um nicht nur das Winterlied 37 als eine Sondergattung zu betrachten, möchte ich den Blickwinkel erweitern und auf zwei weitere Lieder Neidharts Bezug nehmen. Jene ähneln der Thematik des Winterliedes 37 und geben möglicherweise Aufschluss über die Gattungszuordnung.

2. Winterlieder

2.1 Merkmale von Winterliedern

Werden die Winterlieder Neidharts miteinander verglichen, lassen sich typische Merkmale feststellen.Sie gelten als Kriterien für die Gattungseinordnung der Sommer- und Winterlieder.

In den Winterliedern Neidhartssindin der Regel dreiteilige Gliederungenzu erkennen.

Jene Gattung setzt sich ,,mit den Zerstörungen und Zwängen des Winters‘‘[6] auseinander. Auf diese Weise ist der Natureingang zu erklären, welcher zu Beginn des Winterliedes steht. In ihm beklagt der Dichter den Verlust des Sommers.

Im zweiten Teil kommt die Belustigung in der Winterstube bzw. die Minneklage zum Ausdruck. Beschrieben wird zumeist Tanz oder Spiel in der Bauernstube. Das auftretende lyrische Ich ist der Werbende. Sein Interesse gilt dem Bauernmädchen. Gegenüber seinen Rivalen, den dörpern,ist er jedoch erfolglos.

Im dritten Teil der Winterlieder wird das Aufeinandertreffen der beiden Parteien - das lyrische Ich, welches den Ritter darstellt und den Bäuerlichen- dörpern - thematisiert. Die Auseinandersetzung erfolgt zu meist mit Drohungen und Handgreiflichkeiten. In den Winterliedern sind zunehmende ,,anarchisch-aggressive Züge‘‘[7] zu erkennen.

Die Winterlieder an sich werden zumeist als Minneklagen, Zeit-und Weltklagen oder sogenannte ,,Werlsüeze‘‘-Lieder bezeichnet.

Formal weisen die (meisten) Winterlieder eine dreizeilige Kanzonenform auf, mit einer Wiederholung der Stollenmelodie AA/B.

Die auftretenden Personen sind hauptsächlich von männlicher Gestalt.

In einigen Winterliedern wird erwähnt, dass Engelmar der Friderum einen ,,Spiegel‘‘ raubte. Das Leitmotiv des ,,Spiegels‘‘, welches sich wie ein roter Faden durch die Winterlieder zieht, ist ebenso typisch für jene Gattung.

Des Weiteren lässt sich ein neuer Strophentyp, die ,,Trutzstrophe‘‘, feststellen. In ihr werden Vorwürfe der dörper gegenüber Neidhart geäußert.

Nachdem die Kriterien für die Winterlieder aufgezeigt wurden, soll es im folgenden Themenpunkt um die Frage gehen: Ist das Winterlied 37 bezüglich der Gattungskriterien ein typisches Winterlied?

2.2 Winterlied 37 ein typisches Winterlied?

Die Frage, ob es sichbei dem Winterlied 37 um ein typisches Winterlied handelt, soll mithilfe der aufgeführten Merkmale untersucht werden. Die Vorgehensweise richtet sich dabei chronologisch nach den in Punkt 2.1 aufgeführten Kriterien der Winterlieder.

Es lässt sich keine typische dreiteilige Gliederung feststellen.

Deutlich wird dies u. a.bezüglich des fehlenden Natureinganges. Bereits in der ersten Strophe legt das lyrische Ich seine Klage an die gegenwärtige Situation dar.

Die Klage (Vgl. Str. 1, V. 4, 7) ist wiederum typisch für ein Winterlied. Der Sprecher beklagt seine und die Lebensumstände seiner ,,Leidensgenossen‘‘.

[...]


[1] Ich zitiere nach: Die Lieder Neidharts. Herausgegeben von Edmund Wießner, fortgeführt von Hanns Fischer. 5. verbesserte Auflage. Hrsg. von Paul Sappler, mit einem Melodieanhang von Helmut Lomnitzer. Tübingen: Niemeyer Verlag 1999.

[2] Becker, Hans: Die Neidharte. Studien zur Überlieferung, Binnentypisierung und Geschichte der Neidharte der Berliner Handschrift germ. Fol. 779 (c). Göppingen: Kümmerle Verlag 1978 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 255), S. 315.

[3] Schweikle, Günther: Neidhart. Stuttgart: Metzler 1990 (= Sammlung Metzler 253), S. 87.

[4] Vgl. Bleck, Reinhard: Neidharts Kreuzzugs-, Bitt- und politische Lieder als Grundlage für seine Biographie. Göppingen: Kümmerle Verlag 1998 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 661), S. 9.

[5] Spreckelmeyer, Goswin: Das Kreuzzugslied des lateinischen Mittelalters. München: Wilhelm Fink Verlag 1974 (= Münstersche Mittelalter-Schriften 21).

[6] Müller, Jan-Dirk: Männliche Stimme - weibliche Stimme in Neidharts Sommerliedern. In: Minnesang und Literaturtheorie. Aufsätze. Festgabe anläßlich seines 60. Geburtstags. Hrsg. von Ute von Bloh. Tübingen: Niemeyer 2001. S. 233-244, S. 235.

[7] Ebd.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656190332
ISBN (Buch)
9783656190806
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193820
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
2,0
Schlagworte
neidharts winterlied kreuzzugslied

Autor

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Titel: Neidharts Winterlied 37 - ein typisches Kreuzzugslied?