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Nationsbildung und Zusammenbruch der multiethnischen Gesellschaft im ehemaligen Jugoslawien

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 29 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Nationalismstheorien
2.1. Ernest Gellner
2.2. Benedict Anderson
2.3. Eric Hobsbawm
2.4. Ernest Renan
2.5. Anthony D. Smith

3. Geschichte Jugoslawiens von 1918 bis 1991

4. Nationsbildung im ehemaligen Jugoslawien

5. Schlussbetrachtungen

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

"Wir werden niemals die Unabhängigkeit Kosovos anerkennen", kündigte der serbische Außenminister Vuk Jeremic nach der Urteilsverkündung des Internationalen Gerichtshofs aus Den Haag (IGH) am 22.07.2010 im Belgrader Fernsehen an. Der IGH urteilte, dass die Loslösung des Kosovo von Serbien rechtmäßig war und dass die Unabhängigkeit des Kosovo mit dem Völkerrecht vereinbar ist. In den Medien ist der Konflikt in Südosteuropa dauerhaft präsent.

Einer der Hauptverantwortlichen für die Konflikte Ende der 80er und in den 90er Jahren war Slobodan Miloševic, der jedoch nicht der Alleinschuldige war in der Dekade der vier jugoslawischen Erbfolgekriege, die seit 1991 ca. 200.000 Tote forderten und Abermillionen Menschen in die Flucht trieb. Er provozierte die NATO ohne UNO-Mandat zum Eingreifen und NATO-Bomben zerstörten das Regime. Südosteuropa ist eine klassische Krisenregion in Europa (vgl. Ihlau/Mayr, 2009, 9).

In der vorliegenden Arbeit beschäftige ich mich mit den Prozessen der Nationsbildung im ehemaligen Jugoslawien.

Zunächst ist es sicherlich für das allgemeine Verständnis wichtig, einen kurzen Überblick über die Nationalismusforschung zu geben und auf verschiedene Theoretiker und Denklinien näher einzugehen.

Die ethnischen Säuberungen und die damit verbundenen Völkermordaktivitäten sind unauflöslich mit dem Scheitern der jugoslawischen Idee des 19. Jahrhunderts, dem Zusammenbruch des jugoslawischen Staates im 20. Jahrhundert und den Kriegen um die Nachfolge Jugoslawiens verknüpft. Der Vorgang ist längst nicht abgeschlossen. Die Bildung neuer Staaten ist längst nicht vollzogen. Der Zusammenbruch Jugoslawiens und die Entstehung neuer Staaten wurzeln in der Geschichte von Nationalismus und Krieg in dieser Region im 20. Jahrhundert (vgl. Naimark, 2009, 175).

Im weiteren Verlauf der Arbeit gehe ich auf konkrete Nationsbildungsprozesse im ehemaligen Jugoslawien ein, um schließlich einen kurzen Überblick über die Historiographie einzubringen. Ich werde mich auf den Zeitrahmen von der Gründung der ersten Republik in Jugoslawien 1918 und dem vollkommenen Zusammenbruch 1991 beschränken müssen. Allerdings ist es außerordentlich wichtig für das Verständnis der Konfliktsituation im (heutigen) ehemaligen Jugoslawien, dass man die Schlacht vom Amselfeld im 14. Jahrhundert und die Entstehungsgeschichte zum Ersten Weltkrieg näher beleuchtet. Ferner ist es für das Verständnis der Nationsbildung notwendig, dass man auf Ereignisse im 18. und 19. Jahrhundert zurückblickt.

Räumlich wende ich mich Jugoslawien und teilweise den Nachbarstaaten zu. Beim geschichtlichen Überblick betrachte ich in erster Linie die innenpolitischen Ereignisse und vernachlässige soziale und wirtschaftliche Entwicklungen. Lediglich, wo ich dies für das weitere Verständnis für angebracht halte, werde ich darauf näher eingehen. Abschließend erörtere ich in den Schlussbetrachtungen die Gründe für die Kriege im ehemaligen Jugoslawien und versuche, zu einem Ausblick zu gelangen.

Die in dieser Arbeit zu bearbeitende Konfliktregion wird in den Medien und auch in wissenschaftlichen Publikationen auch als „Balkan“ oder „Balkanhalbinsel“ bezeichnet. Die Geschichte dieser Begrifflichkeiten reicht zwar bis weit in die griechische Antike zurück, ist allerdings eine Geschichte des Irrtums, dessen Ursprung auf Fehlinterpretationen bei antiken Geographen zu suchen ist. „Balkan“ und „Balkanhalbinsel“ sind nur unter beträchtlichen Schwierigkeiten geographisch zu definieren (Kaser, 1990, 94-97). Das Hauptproblem liegt in den Unklarheiten der Definition der nord- und nordwestlichen Grenze des „Balkans“, so dass einige Autoren sogar Teile Österreichs zum „Balkan“ zählten.

Ferner gibt es einen weiteren gewichtigen Aspekt, die Begrifflichkeit Balkan nicht zu übernehmen. Das Wort „Balkanisierung“ ist von Balkan abgeleitet ist und bezeichnet einen Prozess nationalistischer Aufsplitterung vormals geographischer und politischer Einheiten in neue und auf problematische Weise lebensfähige kleine Staaten. Der Begriff wurde am Ende des Ersten Weltkriegs geprägt. Hobsbawm setzt „Balkanisierung“ mit Kleinstaaterei gleich. Das moderne italienische Wörterbuch setzt es einfach als Synonym für Despotismus, Revolutionen, Konterrevolutionen, Guerillakrieg und Attentate (vgl. Todorova, 1999, 56-58). Der Ausdruck „balkanization“ entsprang in den Nachwehen des Ersten Weltkriegs in der New York Times vom 20. Dezember 1918, als unter der Überschrift „Rathenau, Chef der Großindustrie, sagt „Balkanization of Europe“ voraus“. Die Zeitung veröffentlichte ein Interview mit dem späteren deutschen Reichsaußenminister, der bereits 1918 aktiv gegen die drohenden Bedingungen des Friedensvertrags Stellung bezog: „Deutschland ist für viele Generationen ruiniert. Es ist der größte Schicksals schlag, der in irgendeinem Land in zweitausend Jahren geschehen ist. ... Der blanke Ruin wird uns erwarten, und es wird eine große Emigrationsflut, wahrscheinlich nach Südamerika und dem Fernen Osten geben, und natürlich nach Russland. Es wird ganz fürchterlich werden, und das Ergebnis wird die Balkanisierung Europas sein“ (zit. in: Todorova, 1999, 58).

Balkan respektive „Balkanisierung“ ist in akademischen Diskursen von Vertretern unterschiedlich und teilweise gar gegensätzlich verwandt worden. „Balkanisierung“ war ein Synonym für Multikulturalismus, exzessive Spezialisierung, eine Metapher für die Postmoderne und den Postkommunismus. Harald Bloom setzte den Begriff nicht nur mit einer Parzellierung und das Schaffen kleiner Einheiten gleich, sondern gar mit Entmenschlichung, Entästhetisierung und Zerstörung der Zivilisation (vgl. Todorova, 1999, 61).

„Der Balkan kommt als geographische Landschaft wie als politisches Schmähwort daher, als Sammelbegriff oder Mittel zur Ausgrenzung. Vermintes Terrain, alles in allem, in dem viele Völker zu Hause und nur wenige mit ihren Nachbarn im Reinen sind“ (Ihlau/Mayr, 2009, 7). Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek führt in seinem Buch „Liebe deinen Nächsten? Nein, danke!“ aus, dass der Balkan immer der andere sei (ebenda, 7).

„Balkan steht auch für Pulverfass und Unruheherd, Rückständigkeit und Streitsucht, brodelndes Völkergemisch und Kleinstaaterei, Korruption und Blutrache, Heldentum und Verrat, Chaos mit politischer Zerstückelung und Vertreibung. Schon in Goethes Faust heißt es abschätzig: „Wenn hinten, weit, in der Türkei/Die Völker aufeinanderschlagen.“ Karl Marx sprach von ethnischem Müll, und dem Fürsten Bismarck war diese Region „nicht die Knochen eines einzigen pommerschen Grendiers wert“ (ebenda, 12).

Infolgedessen verwende ich in dieser vorliegenden Arbeit die Begrifflichkeiten „Balkan“ und „Balkanisierung“ aufgrund ihrer problematischen geographischen Eingrenzung und insbesondere aufgrund der äußerst negativen Konnotation seit dem Ersten Weltkrieg nicht und bezeichne das Gebiet als Südosteuropa oder ich verwende den Begriff (ehemaliges) Jugoslawien.

2. Nationalismustheorien

Der Nationalismus als politische Idee ist eine relativ neuartige Erscheinung. Als „annus mirabilis“ für die Ideologie des Nationalismus gilt die Französische Revolution von 1789. Der Nationalismus reüssierte jedoch erst nach der Mitte des 19. Jahrhunderts bei zeitgenössischen Kommentatoren. Nach dem Ersten Weltkrieg fand die Nationalismusforschung eine größere Resonanz, als sich führende Politiker von Lenin bis zum amerikanischen Präsidenten Wilson für das Selbstbestimmungsrecht vieler Völker einsetzten und daraufhin neue Nationalstaaten entstanden. Anfang der 1980er Jahre kam es zum Wendepunkt in der Nationalismusforschung und es entwickelte sich unter deutlicher Distanzierung von den vorangegangenen Theoretikern ein vollkommen neuer Ansatz heraus. Die ältere Nationalismusforschung zeichnete sich in erster Linie durch folgende Grundannahmen aus: Zum einen galt die Nation als eine quasi-natürliche Einheit in der Geschichte, Nationen mussten lediglich, unter Umständen durch einen Mythos, erweckt werden. Weiterhin, so die zweite Grundannahme, besitze die Nation ein Recht auf ihren eigenen Staat. Ferner, so die dritte These der älteren Nationalismusforschung, bringe die Nation Ideen- und Wertesysteme hervor, welche die Existenz der Nation rechtfertigen, ihre Vergangenheit deuten und ihre Zukunft entwerfen (vgl. Wehler, 2001, 7-13). Die letzte These umschreibt Wehler in einer Denkfigur Marxscher Provenienz: „Die vorgegebene politische und sprachliche „Basis“ der Nation generiert den ideellen „Überbau“ in Gestalt des Nationalismus“ (Wehler, 2001, 8).

In den 1980er Jahren fand eine Zäsur statt. Es erschienen fast gleichzeitig Werke von Ernest Gellner, Benedict Anderson und Eric Hobsbawm, die sich des Phänomens Nationalismus annahmen.

Die neue Nationalismusforschung unterscheidet sich primär durch folgende Grundthese von den vorangegangenen Denkern:

Als wichtigstes Unterscheidungskriterium basiert die neue Nationalismusforschung „erkenntnistheoretisch auf den Ideen des neuen Konstruktivismus, der den vermeintlichen Essentialismus historischer Phänomene auflöst und sie zunächst einmal als Konstrukte des menschlichen Geistes und seiner Kategorien konzeptualisiert“ (Wehler, 2001, 8/9).

An dieser Stelle möchte ich zunächst einige Definitionen von „Nation“ vorstellen, um dann schließlich auf verschiedene Nationalismuskonzepte näher einzugehen.

„Nation“ wird vom lateinischen nasci (geboren werden) abgeleitet und bezeichnet demnach traditionell eine Herkunftsgemeinschaft. Im Mittelalter wurden Gruppen an den Universitäten nach nationes unterschieden, insofern erfolgte im Laufe der Jahrhunderte eine andere politische Deutung des Begriffs Nation (vgl. Lehnert/Weißmann, 2009, 107/108). Nach Gisela Riescher bedeutet eine Nation (lateinisch natio: Geburt, Geschlecht, Art, Volk) eine Gemeinschaft von Menschen, die sich aus ethnischen, sprachlichen, kulturellen und/oder politischen Gründen zusammengehörig und von anderen unterschieden fühlen. Sie weist auf unterschiedliche historisch-politische Bezugsrahmen und unterschiedliche Interpretationsmuster hin. Während beispielsweise Abbé Sièyes 1789 die französische Nation als eine Gemeinschaft definierte, die unter einem Gesetz steht und sich durch den politischen Willen und das Streben des Dritten Standes nach Souveränität in einem bereits bestehenden Staatsgebiet konstituiert, erhob Johann Gottfried Herder im 19. Jahrhundert Sprache, Volkstum und Dichtung zum nationalen Kriterium (vgl. Riescher, 2002, 558,).

2.1. Ernest Gellner

Ernest Gellner stellt als wichtigstes Merkmal für den Nationalismus fest, dass dieser ein politisches Prinzip darstellt und besagt, dass politische und nationale Einheiten deckungsgleich sein sollen. Er bezeichnet den Nationalismus als Empfindung oder als Bewegung. Für den Nationalismus ist das Nationalgefühl die Empfindung von Zorn über die Verletzung des Prinzips, oder von Befriedigung angesichts seiner Erfüllung. Diese Empfindung treibt eine nationalistische Bewegung an. Gellner behauptet, dass eine Definition des Nationalismus die Annahme einer Definition des Staates voraussetzt. Er konstatiert, dass der Nationalismus nur in Milieus entsteht, in denen die Existenz des Staates bereits als selbstverständlich vorausgesetzt wird. Ernest Gellner empfindet Nationen ebenso wenig wie Staaten als historische Phänomene. Sie besitzen infolgedessen keine universelle Notwendigkeit. Gellner definiert Nationalismus und Staaten vielmehr als Phänomene, die sich einander bedingen und füreinander bestimmt sind. Jedes Element für sich alleine stellt für Nationalisten eine Tragödie dar und ist damit unvollständig. Gellner erörtert den Nationalismus als ein anthropologisches Konstrukt und behauptet, dass der Mensch die Nation macht, und Nationen Artefakte menschlicher Überzeugungen, Loyalitäten und Solidaritätsbeziehungen sind (vgl. Gellner, 1995, 8-17). Er legt dar: „Es ist der Nationalismus, der die Nationen hervorbringt, und nicht umgekehrt. (...) Die kulturellen Fetzen und Flicken, derer sich der Nationalismus bedient, sind häufig willkürliche historische Erfindungen. (...) Nationalismus ist nicht das, was er scheint; und vor allem ist er nicht, als was er sich selbst erscheint. Die Kulturen, die er zu verteidigen und wiederzubeleben beansprucht, sind häufig seine eigenen Erfindungen oder werden bis zur Unkenntlichkeit modifiziert“ (Gellner, 1995, 87). Gellner stellt in seiner Nationalismustheorie zwei sozialanthropologische Konstanten heraus: Einerseits die auf Macht ausgerichtete gesellschaftliche Organisation und andererseits die Kultur, welche die Tradierung von Eigenarten und Verhaltensmustern ermöglicht (vgl. Borggräfe/Jansen, 2007, 87).

2.2. Benedict Anderson

Anderson deutet in seinem Hauptwerk „Erfindung der Nation“ die Nation als eine vorgestellte politische Gemeinschaft, die begrenzt und souverän sein soll. Vorgestellt deshalb, da sich niemals alle Mitglieder einer Nation persönlich kennen können beziehungsweise von ihnen hören oder sich einander begegnen werden. Im Kopf eines jeden Mitglieds dieser Nation existiert jedoch die gleiche Vorstellung einer Gemeinschaft. Weiterhin verweist Anderson auf die Begrenztheit einer Nation. Keine Nation setzt sich mit der Menschheit gleich, selbst die größte unter ihnen hat ihre Grenze zu anderen Nationen. Ferner ist es für Anderson wichtig, festzustellen, dass jede Nation als souverän festgestellt werden soll, alle Nationen träumen davon, frei zu sein oder sofern dies noch nicht erfolgt ist, frei zu werden (vgl. Anderson, 1996, 11-17).

Als außerordentlich wichtig für die Entwicklung von Nationalbewusstsein erachtet er die Herausbildung von Schriftsprachen. Diese bildeten die einheitliche Grundlage für den Austausch und die Kommunikation der Menschen. In diesem Prozess wurden sich allmählich hunderttausende und Millionen Menschen ihrer Sprache bewusst und fühlten sich zugehörig zu einer Sprachgemeinschaft. Die Erfindung des Buchdrucks und damit die massenhafte Verbreitung von Schriftgut waren die Voraussetzung zur Schaffung des Bewusstseins einer gemeinsamen Sprache (vgl. Anderson, 1996, 51). „Das gedruckte Buch erhielt eine unveränderliche Form, so dass es räumlich und zeitlich praktisch reproduzierbar werden konnte“ (Anderson, 1996, 51). Anderson erachtet somit die Herausbildung des Druckgewerbes und die damit verbundene Standardisierung von Sprache als außerordentlich wichtige Triebfeder für die Entwicklung eines Nationalbewusstseins und fasst dies wie folgt zusammen: „Die Gemeinschaft wird vorstellbar durch kommunikative Netze: eine nationale Sprache, Print- und andere Medien wie auch Post und Verkehr, die Entdeckung (oder Erfindung) einer gemeinsamen Geschichte, (...) machten es möglich, dass Menschen sich als zusammengehörig empfanden“ (Anderson, 1996, 283/284).

2.3. Eric Hobsbawm

Hobsbawm ist wieder die vorher aufgeführten Gellner und Anderson ebenfalls ein Vertreter der Konstruktivismus-These des Nationalismus. Er betrachtet „die Nation nicht als eine ursprüngliche oder unveränderliche soziale Einheit“ (Hobsbawm, 2005, 20) und schließt sich in seinem Hauptwerk zum Nationalismus „Nationen und Nationalismus-Mythos und Realität seit 1780“ der Argumentation von Ernest Gellner an, indem er die Nation als ein Element des Künstlichen ansieht (Hobsbawm, 2005, 21).

2.4. Ernest Renan

Ernest Renan war ein französischer Schriftsteller und Gelehrter. Er beschäftigte sich im 19. Jahrhundert mit dem Nationalismus. 1882 hielt er eine Rede an der Universität Sorbonne in Paris, wo er die Frage stellte: „Was ist eine Nation?“.

Das 19. Jahrhundert war eine Hochzeit des Nationalismus und Renan verstand eine Nation als neuartiges Phänomen. Ein wesentliches Merkmal von einer sich konstituierenden Nation ist das Vergessen beziehungsweise der historische Irrtum, den Nationen an den Tag legen (vgl. Renan, 1995, 42-45). Zu den Kennzeichen von Nationen schreibt er: „Es macht jedoch das Wesen einer Nation aus, dass alle Individuen vieles miteinander gemein haben, und auch, dass sie viele Dinge vergessen haben. Eine moderne Nation ist demnach das historische Ergebnis einer Reihe von Tatsachen, die in dieselbe Richtung weisen“ (Renan, 1995, 45/46). Für Renan gibt es mehrere Faktoren, die für eine Nationsbildung wesentlich sind, wie zum Beispiel Rasse, Sprache, Religion, Interessen und Geographie, die er nach deren Wirkmächtigkeit untersucht. Nach Ansicht von Renan bleibt die Rasse der Bevölkerung gleich, so dass diese daraus eine Legitimität begründet. Allerdings räumt er ein, dass keine Rasse wirklich rein sein kann und die Rasse als konstituierender Faktor immer mehr an Bedeutung verliert. Ein weiterer wesentlicher Faktor bei der Bildung einer Nation ist die Sprache. Er ist überzeugt davon, dass die Sprache genau wie die Rasse zur Vereinigung einlädt, jedoch diese nicht dazu zwingt. Als Beispiel wählt er die Schweiz, wo mehrere Sprachen gesprochen werden und sie trotzdem eine Nation bildet. Er erwähnt, dass der Wille der Sprache übergeordnet ist. Die Religion liefert laut Renan genau wie die Rasse und die Sprache keine hinreichende Grundlage, um darauf eine moderne Nation zu errichten. Renan untersucht folglich, ob die Gemeinschaft der Interessen ausreicht, um eine Nation zu bilden. Er verneint dies und verweist darauf, dass ein Zollverein kein Vaterland bildet. Er deutet darauf, dass die Nation eine Gefühlseite hat, sie ist Seele und Körper zugleich (vgl. Renan, 1995, 48-56). Renan konstatiert: „Eine Nation ist ein geistiges Prinzip, das aus tiefreichenden Verbindungen der Geschichte resultiert, eine spirituelle Familie, (...)“ (Renan, 1995, 56). Renan definiert Nation wie folgt: „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat. Der Mensch improvisiert sich nicht. Wie der einzelne, so ist die Nation der Endpunkt einer langen Vergangenheit von Anstrengungen, Opfern und Hingabe. Der Ahnenkult ist von allen der legitimste; die Ahnen haben uns zu dem gemacht, was wir sind. (...), das gemeinsame Leiden verbindet mehr als die Freude. In den gemeinsamen Erinnerungen wiegt die Trauer mehr als die Triumphe, denn sie erlegt Pflichten auf, sie gebietet gemeinschaftliche Anstrengungen. Sie [die Nation; Anmerkung des Verfassers] setzt eine Vergangenheit voraus und muss in der Gegenwart zu einem greifbaren Faktor zusammenzufassen sein (...). Die Existenz einer Nation ist (...) ein Plebiszit, das sich jeden Tag wiederholt, so wie die Existenz eines Individuums eine dauernde Bestätigung des Lebensprinzips ist. (...) Die Nationen sind nichts Ewiges. Sie werden einmal begonnen, sie werden einmal enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.“

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Details

Seiten
29
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656188575
ISBN (Buch)
9783656189398
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193794
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Soziologie
Note
1,4
Schlagworte
nationsbildung zusammenbruch gesellschaft jugoslawien

Autor

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