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Der Zusammenhang von Erinnerung und Identität auf der Grundlage von „El jinete polaco“ von Antonio Muñoz Molina

Hausarbeit 2012 20 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erinnerung und Identität
2.1 Erinnerung
2.2 Identität
2.3 Identitäts- / Erinnerungstheorien

3 Auswahl des Texts
3.1 Antonio Muñoz Molina: Zeit- und literaturgeschichtliche Einordnung
3.2 Forschungsstand
3.3 Inhaltsangabe: El jinete polaco

4. Analyse der Darstellung von Erinnerung und Identität
4.1 Erinnerung und Identität in el jinete polaco
4.2 kollektives Gedächtnis
4.3 mémoire involontaire

5. Ergebnis

6. Ausblick

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

no quiero modificar en su origen el curo del tiempo, sólo concederme unas pocas imágenes que pueden no ser del todo falsas“ (Stenzel, 2001, S.259)

Imaginieren wir Identitäten auf der Grundlage von Vergangenheitskonstrukten, die wir uns selbst schaffen? Rekonstruieren wir Erfahrungen nach gegenwärtigen Bedingungen und schaffen so eine spezifische Wahrheit, die nicht auf Faktizität beruht?

In der zeitgenössischen Literaturwissenschaft ist der Zusammenhang von Erinnerung und Identität ein zentrales Thema und wirft immer wieder Fragen auf. Ausgehend von der Erinnerungsproblematik soll die Diskussion die Schwierigkeiten veranschaulichen. Als einer der einflussreichsten Schriftsteller Spaniens der Gegenwart soll Antonio Muñoz Molina und sein Werk „ El jinete polaco“ als Grundlage und Beispiel für die literarische Inszenierung von Erinnerung und Identität dienen. Das Anliegen dieser Arbeit ist es zu untersuchen, wie Molina die Begriffe Erinnerung und Identität inszeniert, um anhand der Ergebnisse den Zusammenhang von Erinnerung und Identität zu diskutieren.

Zunächst wird die Klärung der für die vorliegende Arbeit zentralen Begriffe von Erinnerung und Identität als Einstieg in das Thema dienen. Im Anschluss folgt ein literaturgeschichtlicher Überblick, um mit Hilfe des Kontexts, Autor und Text zeit- und literaturgeschichtlich einordnen zu können. Schließlich leitet eine kurze Inhaltsangabe von „ El jinete polaco “ den Hauptteil des behandelten Themas ein.

In Kapitel 3 folgt die Analyseteil und bildet den Hauptteil dieser Hausarbeit, um schließlich die Ergebnisse zu resümieren und ein Ausblick für weitere Forschungsmöglichkeiten zu liefern.

2. Erinnerung und Identität

2.1 Erinnerung

Was verstehen wir unter Erinnerung? Ein kurzer Abriss möglicher Überlegungen soll an dieser Stelle als Einstieg dienen.

Zunächst liegt es nahe, die Begriffe der Erinnerung und dem Gedächtnis als Synonyme zu verstehen. Allerdings müssen sie deutlich voneinander unterschieden werden. Handelt es sich beim Gedächtnis um eine neuronale Funktion, so ist die Erinnerung vielmehr „eine kognitiv-psychische Konstruktion, die bewusst werden muss und dann sprachlich formuliert werden kann.“ (Nünning, 2008, S.238) Ferner ist die Erinnerung unabhängig von der Vergangenheit, sie ermöglicht diese erst durch den Prozess der Konstruktion und verschafft der Vergangenheit eine Identität. Wir nehmen die Gegenwart bewusst wahr und verbinden diese mit der Bekanntheit des Vergangenen, um eine aktuelle Sinnproduktion zu ermöglichen.

„ Erinnern konstruiert Vergangenheit, und zwar auch wissenschaftlich historiographisches Erinnern, das nicht etwa >die Vergangenheit< darstellt, sondern eine Vergangenheit durch Rekurs auf Zeugnisse in erzählenden Sinnzusammenhängen herstellt.“ (Nünning, 2008, S.238)

Inwiefern wird dieser Prozess beeinflusst bzw. welche Faktoren sind unerlässlich für das Erinnern als aktuelle Sinnproduktion?

Wie im vorangegangenen Zitat zu lesen ist, handelt es sich bei der Konstruktion um erzählende Sinnzusammenhänge, wodurch die Effizienz des Erzählens verdeutlicht wird.

„Beide stellen einen (wie auch immer fiktiven) Zusammenhang her zwischen einem Ereignis, seinem scheinbaren Wiedererkennen durch G. und seiner Repräsentation in der erzählten Erinnerung […], deren Erzähl-Schemata den Kohärenz- und Konsistenzerwartungen der Erzählgemeinschaft oder Gesellschaft sowie der verwendeten Medien folgen, nicht der intrinsischen <Wahrheit des Ereignisses>.“ (Nünning, 2008, S.238)

Laut dieser Definition sei hier ein erstes Argument für das Schaffen einer spezifischen Wahrheit dargestellt, so dass der Mensch als Individuum oder als Kollektiv stets im Sinne seiner Bedürfnisse erzählt bzw. erinnert, um abseits von realen Ereignissen oder wahrheitsgemäßer Fakten eine für sich sinnschaffende Erzählung zu realisieren. Dies gilt es im Anschluss mit dem ähnlich komplexen Begriff der Identität zu verbinden, da nach dieser Betrachtung der Aufbau oder der Erhalt einer Identität kontrovers zu diskutieren ist. Darüber hinaus gilt es auch die Abhängigkeit in Bezug auf Stabilität, ständig ablaufende Prozesse der Identitätsschaffung und Funktion für unterschiedliche Kulturgruppen der Begrifflichkeiten zu betrachten.

2.2 Identität

Was verstehen wir unter dem Begriff „Identität“? Die Definition dessen, was unter dem Begriff Identität zu fassen ist, erweist sich als komplex. Ein Blick in das Lexikon beschreibt die Komplexität im ersten Satz, wo es heißt: „angesichts der transdisziplinären Heterogenität des I.begriffs und der Fülle unterschiedlich akzentuierter […] I.theorien ist es fast unmöglich, eine Definition zu finden, die mit all diesen Ansätzen kompatibel wäre […].“ (Nünning, 2008, S.306) Ein kurzer Abriss möglicher Identitätstheorien soll als Einstieg für weitere Überlegungen im Analyseteil dienen.

Identität meint zunächst ein Gefühl der Zusammenhörigkeit (vgl. Leclercq 2004: 96), speziell „die ganzheitliche ordnungsstiftende Integration von disparaten Selbst- und Werterfahrungen, Selbst- und Fremdentwürfen […]“. (Horatscheck, 2004, S.276) Doch wie entsteht Identität und welche Funktion hat sie? Wie eingangs erwähnt ist es ein Gefühl, das stets von mehreren Faktoren abhängig ist: der Zeit, dem Raum und dem sozialen. Der Interaktionsprozess dieser drei Bindungen findet permanent statt und bildet sich demnach ständig neu.

Unterschieden wird ferner eine kollektive und ein persönliche Identität: lat. Idem: der-, die-, dasselbe; lat. collectum: sammeln. Anders als naheliegende Begriffe wie >Selbst<, >Persönlich< oder >Charakter<, einen relationalen Ausdruck darstellend, d.h. in Beziehung zu etwas stehend, bedingt das Wort identisch eine Relation innerhalb eines Beziehungsgeflecht, wodurch Identität nicht als statische Größe oder gegeben zu betrachten ist, sondern als immer wieder zu bewerkstelligende Prozess, der von einem Selbst in gesellschaftlicher Interaktion und individueller Biographie konstruiert wird. (vgl. Nünning, 2008, S.307)

Diese Ausführungen führen erneut zu der Frage welche Bedingungen gegeben sein müssen, um von einer Identität zu sprechen, und ferner von einer Stabilität bzw. Instabilität innerhalb der Identität. Berücksichtigt man die vorher erwähnten Faktoren von Sozialem, Zeitlichem und Räumlichen und geht von einer Organisation aus, die die Person in eine stabile Organisationsform mit festem Weltbild einbettet, so kann man von einer unproblematischen Konstruktion von Identität ausgehen, die nicht mit unterschiedlich ausgeprägten Sinnstrukturen konfrontiert wird. Ist so ein Szenario überhaupt denkbar oder nur die theoretische Überlegung einer möglichen Definition von Identität. Konkurrierende Sinnstrukturen bestimmten vor allem die moderne Gesellschaft und sind nicht von überindividuell gültigen Normen und Orientierungen gelenkt. Die Identitätsproblematik bleibt nach meinen Überlegungen bestehen, so dass im Laufe dieser Hausarbeit Identität gemäß den vorangegangenen Erläuterungen als komplexer Begriff ohne feste Definition ausgegangen wird.

2.3 Identitäts- / Erinnerungstheorien

Die Überlegungen identitätsstiftender Erinnerung ist in der Tradition von Platon, Locke bis hin zu Nitzche zum Paradigma der europäischen Geistesgeschichte geworden. Exemplarisch ausgehend von John Locke (1690), der das Problem der Identitätsfrage wie folgt löst, in dem er „die Identität einer Person so weit erstreckt, wie sich diese als sich selbst, als das selbe denkende Wesen zu unterschiedlichen Orten betrachten kann.“ (Nünning, 2008, S.307) In An Essay Concerning Human Understanding betont er bereits, dass Identiät und biographische Kontinuität auf der Erinnerungsfähigkeit beruhen. Darüber hinaus diskuitiert er auch die Instabilität im Falle des Gedächtnisverlusts und stellt demzufolge die Integrität der Identität in Frage. (vgl. Erll, Nünning, 2005, S.151)

Im ausgehenden 19. Jahrhundert wird der Zusammenhang von Erinnerung und Identität neben philosophischen Ansätzen auch psychoanalytisch betrachtet, wobei der innovativste Beitrag vom heute noch oftmals zitierten Sigmund Freund stammt. So heißt es unter anderem: „Erinnerungen sind keine Reproduktion vorgängiger Realität, sondern eine dynamische Form der Aktualisierung von identitätsrelevanten Erfahrungen. Sie werden aktiv an die Bedingungen der gegenwärtigen Handlungswelt angepasst.“ (Erll, Nünning, 2005, S.152)

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Details

Seiten
20
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656192817
ISBN (Buch)
9783656193272
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193614
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Romanische Sprachen und Literaturen
Note
1,3
Schlagworte
Erinnerung Identität

Autor

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