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BRIC, BrIC oder BIC? – Russlands Platz im internationalen System und seine Rolle als global aufstrebende Wirtschaftsmacht

Seminararbeit 2011 35 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die BRIC-Staaten als wirtschaftspolitische Analysekategorie - Was verbindet Brasilien, Russland, Indien und China?

3. Das ‚R’ in BRIC - Russlands Rolle im Bund der aufstrebenden Weltwirtschaftsmächte
3.1 Grundlagen der russischen Macht in Zeiten der Globalisierung
3.1.1 Der Energiesektor: Rückgrat der russischen Wirtschaftskraft
3.1.2 Die militärische Dimension der russischen Macht
3.1.3 Der russische Staat in seiner Rolle als regionaler Machtfaktor
3.2 Die Grenzen der russischen Macht
3.2.1 BrIC: Berechtigte Zweifel am ökonomischen Potenzial Russlands?
3.2.2 BIC: Die breakout industrializing countries als Alternative?

4. Russland als BRIC-Staat: Chance oder Chimäre? (Schlussbetrachtung)

Abkürzungsverzeichnis

Quellen- und Literaturverzeichnis

„The rising powers have begun to articulate an alternative institutional architecture.“1

1. Einleitung

Als sich die US-amerikanische Investmentbank Goldman Sachs mit ihrem Analysepapier Building Better Global Economic BRICs (2001) den ökonomischen Zukunftsperspektiven von Brasilien, Russland, Indien und China annahm, war nicht abzusehen, auf welch große Resonanz das zur Gruppierung dieser vier Länder verwendete Akronym der BRIC-Staaten stoßen würde.2 Denn erst die Veröffentlichung der Detailanalyse Dreaming with BRICs: The Path to 2050 zwei Jahre später ließ den griffigen Slogan seinen weltweiten Siegeszug antreten.3 Seither symbolisiert das kryptisch anmutende Kürzel BRIC den zunehmenden ökonomischen Machtverlust der hochentwickelten G7Staaten4 zugunsten aufstrebender Schwellenländer - den so genannten emerging powers - und hat darüber hinaus Einzug in den akademischen Diskurs der unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen erhalten. Mittlerweile wurde die Konzeption gar von den betreffenden Ländern aufgegriffen, so dass sich die BRIC-Idee immer mehr zu verselbständigen beginnt. Brasilien, Russland, Indien und China begreifen sich nun auch in ihrem Eigenverständnis als BRIC-Staaten und haben das ursprünglich auf den Bankensektor zugeschnittene Konzept auf die politische Ebene gehoben. So finden seit 2009 jährliche Gipfeltreffen zwischen den Staats- und Regierungschefs der BRICStaaten statt. Manche Beobachter sehen in diesen so genannten BRIC summits gar den institutionalisierten Versuch der vier Länder, sich mit Hilfe einer verstärkten Zusammenarbeit als Gegenentwurf zu den G7-Staaten zu positionieren.

An Russlands Rolle im Kreise der BRIC-Staaten spalten sich jedoch seit jeher die Geister. In der vorliegenden Arbeit soll daher untersucht werden, ob die Russische Föderation tatsächlich zu den ökonomischen Aufstiegsmächten zählt und gemeinsam mit den anderen BRIC-Staaten als globaler Wachstumsmotor der Zukunft gelten kann. Wie kommt Goldman Sachs zu einer solch positiven Einschätzung für die weitere Entwicklung Russlands? Was sind dabei die Grundlagen des prognostizierten Wirtschaftswachstums? In welchen Bereichen ist die russische Volkswirtschaft konkurrenzfähig und in welchen nicht? Sind diese Voraussetzungen auch in den kommenden Dekaden gegeben oder bestehen berechtigte Zweifel am ökonomischen Potenzial der Russischen Föderation? Ist Russland überhaupt eine klassische emerging power, die in eine Reihe mit Brasilien,

Indien und China passt? Bildet das BRIC-Konzept wirklich eine tragfähige Basis oder bieten sich andere Modelle zur Beschreibung der künftigen Weltwirtschaftsordnung an?

Um ein sicheres Fundament für die weitere Untersuchung zu schaffen, werden die BRICStaaten in einem ersten Schritt als wirtschaftspolitische Analysekategorie erfasst und die Gemeinsamkeiten zwischen Brasilien, Russland, Indien und China im Hinblick auf ihr Wachstumspotenzial beleuchtet. Dabei geraten in erster Linie die Forschungsergebnisse von Goldman Sachs ins Blickfeld, weshalb die zahlreichen Veröffentlichungen der Investmentbank zum Thema BRICs als wertvolle Quellenbasis für diesen Analyseabschnitt dienen. Im zweiten Teil der Arbeit rücken dann die Grundlagen und Grenzen der russischen Macht in den Mittelpunkt der Untersuchung, um so das BRIC-Potenzial Russlands ausloten und bewerten zu können. Aufgrund der Aktualität des Themas stützt sich diese Arbeit insbesondere auf Analysen und Aufsätze aus dem Bereich der Politik- und Wirtschaftswissenschaften, die den einschlägigen Fachzeitschriften sowie der tagesaktuellen Medienberichterstattung entnommen sind. Dabei musste überwiegend auf englische Literatur zurückgegriffen werden, da dem Thema BRIC-Staaten im deutschsprachigen Diskurs bislang noch wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde.

Ziel dieser Arbeit ist es, zunächst das BRIC-Konzept von Goldman Sachs vorzustellen, um schlussendlich dessen Tragfähigkeit in Bezug auf Russland beurteilen zu können. Dazu werden einerseits die Bereiche Energie, Militär und regionaler Einfluss als Grundpfeiler der russischen Macht analysiert und andererseits anhand der beiden Alternativkonzepte BrIC und BIC die Schwachstellen Russlands aufgezeigt. Abschließend gilt es den Bestimmungsplatz der Russischen Föderation im internationalen System zu verorten sowie der Frage nachzugehen, ob sich der kolportierte BRIC-Status Russlands als eine Chance für die Zukunft des Landes erweist oder sich bei näherer Betrachtung als bloße Chimäre entpuppt.

2. Die BRIC-Staaten als wirtschaftspolitische Analysekategorie - Was verbindet Brasilien, Russland, Indien und China?

Mit ihrer Analyse Dreaming with BRICs: The Path to 2050 hat die Investmentbank Goldman Sachs eine breite Diskussion um die künftige globale Wirtschaftsordnung angestoßen. In ihren Modellrechnungen gehen die Goldman Sachs-Analysten von dramatischen Machtverschiebungen innerhalb des Weltwirtschaftsgefüges bis zum Jahre 2050 aus. Dabei seien es in erster Linie die BRICStaaten, die „the scale and the trajectory to challenge the major economies in terms of influence on the world economy“5 besitzen. Denn obgleich die BRICs zum Zeitpunkt der Analyse gerade einmal etwa 10% des globalen BIP zu erwirtschaften vermochten, stelle ihr Anteil von ca. 43% der Weltbevölkerung sowie 29% der weltweiten Landmasse einen solch umfassenden Ressourcenpool dar, so dass die BRIC-Staaten qualitativ von anderen Entwicklungs- und Schwellenländern unter- schieden werden müssten.6 Als Differenzierungsgrundlage dienten dabei hauptsächlich zwei Analysekriterien - die Größe des Landes sowie die Bevölkerungsanzahl. Folglich waren es weniger politische oder kulturelle Verbindungslinien, die Goldman Sachs zur Gruppierung dieser vier Staaten veranlassten, als vielmehr das ihnen gemeinsame enorme ökonomische Potenzial, welches die Investmentbank aus diesen beiden Kategorien ermittelte.7 Für die nächsten Jahrzehnte wurden den Volkswirtschaften Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas daher „unusually favourable prospects for economic growth“8 attestiert. Auch die Folgeanalysen How Solid are the BRICs? (2005) und The Long-Term Outlook for the BRICs and N-11 Post Crisis (2009) bestätigten dieses Bild.9 Teilweise korrigierte Goldman Sachs seine Wachstumsprognosen sogar nach oben, so dass laut jüngsten Zahlen „the BRICs could become as big as the G7 by 2032“10 (siehe Schaubild 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Darstellung auf Grundlage des Datenmaterials aus Goldmann Sachs: The N-11, S. 18.

Die prognostizierten jährlichen BIP-Zuwachsraten der BRIC-Staaten liegen dabei zwischen 2% und 8%, wobei Indien und China stärker wachsen als Russland und Brasilien.11 Die Analysten der Investmentbank gehen zudem davon aus, dass China bis zum Jahre 2050 zur größten Volks- wirtschaft der Welt aufgestiegen sein wird, gefolgt von den USA, Indien, Brasilien, Russland, Großbritannien und Japan - nur drei der heutigen G7-Staaten könnten sich folglich in den oberen Rängen behaupten.12 Relativierend muss hierbei allerdings angefügt werden, dass dieses Szenario nur für die absolute Größe der Volkswirtschaften gilt. Betrachtet man hingegen das BIP pro Kopf, können die Industriestaaten ihren Vorsprung weitestgehend behaupten (siehe Schaubild 2), so dass auch im Jahre 2050 „individuals in the BRICs are still likely to be poorer on average than individuals in the G6 economies.“13

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Eigene Darstellung auf Grundlage des Datenmaterials aus Goldmann Sachs: The N-11, S. 18.

Zudem bleibt festzuhalten, dass all diese Szenarien nur dann die reelle Chance zur Verwirklichung bieten, wenn die BRIC-Staaten die Bereitschaft zeigen, umfassende wirtschaftliche, politische und soziale Reformen in Angriff zu nehmen und die ihnen zugeschriebene Rolle aktiv auszufüllen.14 Gleichwohl wurde immer wieder Kritik am BRIC-Konzept laut, insbesondere die scheinbar willkürliche Zusammenstellung der Staatengruppe missfiel einigen Beobachtern. So lasse die Goldman Sachs-Analyse wissenschaftliche Standards vermissen, da das Potenzial der BRICs einzig und allein anhand ihrer Größe sowie ihrer Bevölkerungsanzahl bemessen werde. Doch selbst diese Kriterien seien nicht stringent durchgehalten worden, da beispielsweise Russland und Brasilien signifikant geringere Bevölkerungszahlen aufzuweisen hätten als Indien und China. Indien wiederum sei aufgrund seiner deutlich kleineren Landfläche nicht mit den anderen BRIC-Staaten vergleichbar, so dass „the category of ‘the BRICs’ is thus, strictly speaking, a mirage.“15 Die Goldman Sachs- Analysten begegnen dieser Kritik mit dem Hinweis, dass durchaus weitere Länder „the potential to rival the BRICs“16 besitzen, insbesondere den beiden N-11-Staaten Mexiko und Südkorea werde dies zugetraut. Ihr vergleichsweise hoher Entwicklungsgrad spreche allerdings für eine eigene Kategorisierung abseits der BRIC-Staaten, da den fraglichen Ländern die klassischen Merkmale einer emerging power fehlen würden. Insgesamt lässt sich also festhalten, dass das BRIC-Konzept 10 Jahre nach seiner Entstehung weiterhin umstritten ist: Die Investmentbank selbst hegt keinerlei Zweifel an ihrer Konzeption und stellt für die Zukunft optimistisch fest, dass aus heutiger Sicht die „long-term 2050 BRIC ‘dream’ projections are more, rather than less, likely to materialise.“17 Denn schon jetzt sei im Vergleich zu den prognostizierten Daten aus der Ausgangsstudie „the size of all of the BRIC economies [...] much bigger than [...] originally estimated in 2003.“18 Andere Beobachter hingegen begegnen dem Hype um die BRICs sehr viel kritischer und sehen gerade in Russland das schwächste Glied der Kette. So habe die internationale Finanzkrise 2008/2009 auf eindringliche Weise gezeigt, dass Russland den Anforderungen eines BRIC-Staates nicht gerecht werden könne.19 Inwieweit diese Bedenken berechtigt sind, wird die nachfolgende Analyse zeigen, in der Russland auf sein BRICPotenzial hin untersucht werden soll.

3. Das ‚R’ in BRIC - Russlands Rolle im Bund der aufstrebenden Weltwirtschaftsmächte

Die Kritik am BRIC-Konzept macht sich vorzugsweise an der Rolle Russlands fest, da es zweifelhaft erscheint, ob die ehemalige Weltmacht überhaupt als emerging power im klassischen Sinne bezeichnet werden kann. So markiert das Jahr 1991 mit dem Zerfall der Sowjetunion einen Epochenumbruch in der russischen Wirtschaftsgeschichte: Die Amtszeit des ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin (1991-1999) stand ganz im Zeichen des Übergangs vom planwirtschaftlichen zum kapitalistischen Wirtschaftsmodell, wodurch eine weit reichende Liberalisierung und Privatisierung der gesamten Volkswirtschaft sowie die Entwicklung marktwirtschaftlicher Institutionen erforderlich wurde. Diese zum Zwecke der Transformation notwendigen Reformen wurden jedoch teilweise überhastet durchgeführt, was wiederum die politische und wirtschaftliche Destabilisierung des gesamten Landes zur Folge hatte. Der ökonomische Niedergang ging schließlich sogar soweit, dass das russische BIP Ende der 1990er Jahre auf nahezu die Hälfte seiner vormaligen Größe geschrumpft war.20 Vor diesem Hintergrund erscheinen die unter der Präsidentschaft von Wladimir Putin (2000-2008) erreichten jährlichen Zuwachsraten von durchschnittlich 7% weitaus weniger glamourös. Denn der immens anmutende Wirtschaftsaufschwung „has only restored Russia to its 1990 level of real GDP“21 - auch wenn die wirtschaftliche Konsolidierung während der letzten Dekade in außerordentlichem Tempo vonstatten ging, kann der Aufschwung somit kaum als ökonomisches Wunder gewertet werden.

Die geschilderten Entwicklungen legen nahe, dass Russland innerhalb der BRIC-Staaten eine Sonderrolle zukommt und im Wettkampf der ökonomischen Supermächte von einem anderen Startpunkt aus ins Rennen geht als Brasilien, Indien oder China. Denn mit einem BIP von aktuell ca. 10.000 US-Dollar pro Kopf liegt Russland schon heute deutlich vor seinen Mitstreitern und wird diese Position - wie in Schaubild 2 gezeigt - in den kommenden Dekaden voraussichtlich noch weiter ausbauen können. Andererseits ist Russland der einzige BRIC-Staat mit einer abnehmenden Einwohnerzahl. Diese wird laut Prognose von derzeit 142 Millionen auf nur 109 Millionen im Jahre 2050 sinken, was wiederum eine große Auswirkung auf das Arbeitskräftepotenzial und damit das wirtschaftliche Leistungsvermögen nach sich ziehen könnte.22 Mit seiner demographischen Entwicklung erinnert Russland daher eher an die westeuropäischen Industriestaaten, die ebenfalls mit dem Problem einer alternden Bevölkerung zu kämpfen haben, als an einen dynamischen emerging market, der sich klassischerweise durch sein Überangebot an jungen und motivierten Arbeitskräften auszeichnet. Es stellt sich demnach die spannende Frage, inwieweit es Russland gelingen wird, aus seiner Zwitterstellung als re-emerging power 23 zwischen den hochentwickelten Staaten und den aufstrebenden Schwellenländern Kapital zu schlagen. Im nun folgenden Hauptteil dieser Arbeit gilt es daher einerseits zu erörtern, in welchen Bereichen die größten Potenziale Russlands liegen sowie andererseits die möglichen Schwachstellen der russischen Macht aufzuzeigen, um abschließend bewerten zu können, ob Russland tatsächlich zum Kreis der BRICStaaten gezählt werden kann und die prognostizierten Wachstumsziele überhaupt realistisch sind.

3.1 Grundlagen der russischen Macht in Zeiten der Globalisierung

Seit der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 mehren sich die Stimmen derer, die einen Ausschluss Russlands aus dem Kreis der BRIC-Staaten befürworten. Goldman Sachs sieht dafür jedoch keinen Grund, da sich Russland bis zum Ausbruch der Krise weitaus besser entwickelt habe, als in der Ursprungsprognose von 2003 angenommen.24 Daher geht die Investmentbank davon aus, dass der kurzfristig erlittene Wirtschaftseinbruch keine nachhaltige Wirkung entfalten wird, weshalb Russland „as long as it recovers quickly, [...] deserves its position as a BRIC.“25 Doch auf welche Sektoren kann sich der russische Staat dabei stützen - was macht Russland in Zeiten der Globalisierung zu einem Global Player, der das prestigeträchtige Prädikat eines BRIC-Staates für sich in Anspruch nehmen kann? Die Grundlagen der russischen Macht sind dabei zweifelsohne sehr vielschichtig, jedoch stechen sowohl auf ökonomischer als auch auf politischer Ebene einige Faktoren hervor, die es im nachfolgenden Kapitel genauer zu untersuchen gilt. Zunächst gerät dabei der Energiesektor ins Blickfeld, da der Gewinn aus Öl- und Gasexport seit geraumer Zeit einen großen Anteil des russischen BIP ausmacht. Doch auch die Rüstungsbranche leistete einen entscheidenden Beitrag zum wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Dekade. Neben seiner substantiellen ökonomischen Bedeutung bietet dieser Industriezweig überdies die Möglichkeit zur militärischen Machtdemonstration, was freilich die politischen Ansprüche Russlands zu untermauern hilft. Zum anderen geraten die regionalen Machtstrukturen in den Fokus der Betrachtung. So nimmt der russische Staat schon jetzt großen Einfluss auf die ehemaligen Sowjetrepubliken im Kaukasus und in Zentralasien; darüber hinaus liegt in der Bildung regionaler Bündnisse mit den beiden anderen asiatischen BRICs - Indien und China - eine denkbare Option zur weiteren Vermehrung seines geopolitischen Gewichts. Es gilt daher im Folgenden sowohl die politische als auch die ökonomische Dimension der russischen Macht in den Blick zu nehmen, um Russlands Möglichkeiten als BRIC-Staat ausloten und abschließend bewerten zu können.

3.1.1 Der Energiesektor: Rückgrat der russischen Wirtschaftskraft

Um sich die Dimensionen der russischen Energiewirtschaft zu verdeutlichen, genügt zunächst ein kurzer Blick auf die aktuelle Statistik: So gilt Russland als der zweitgrößte Erdölproduzent weltweit und muss sich in dieser Disziplin nur Saudi-Arabien geschlagen geben. Bei der Erdgasproduktion nimmt Russland gar den Spitzenplatz ein - auch unter den fünf größten Kohleproduzenten der Welt ist die Russische Föderation vertreten. Daher ist es kaum verwunderlich, dass die Exportstruktur klar von fossilen Rohstoffen beherrscht wird und etwa zwei Drittel der russischen Ausfuhren auf diesen Bereich entfallen. Dies führt wiederum dazu, dass sich der Staatshaushalt Russlands zu über 50% aus Zöllen und Steuern auf Erdgas und Erdöl refinanziert und mithin eine große Abhängigkeit von diesen Industriezweigen besteht. Folglich befindet sich die Energiewirtschaft gesellschaftspolitisch in einer Schlüsselposition mit immenser ökonomischer Bedeutung - ihr derzeitiger Anteil von 25% am russischen BIP spricht hierbei zudem eine deutliche Sprache.26

Dementsprechend kann das russische Wirtschaftswachstum der letzten Dekade zu großen Teilen auf massiv gesteigerte Exportgewinne im Energiesektor zurückgeführt werden. Denn Russlands Energiewirtschaft profitierte in hohem Maße von den im vergangenen Jahrzehnt stark angestiegenen Weltmarktpreisen für Öl und Gas. Während ein Barrel Rohöl in der Ära Jelzin noch durchschnittlich 15 US-Dollar kostete, hatte sich der Preis bis Mitte 2008 nahezu verzehnfacht. Im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 verkehrte sich dieser Trend jedoch ins Gegenteil und Russland wurde zum ohnmächtigen Opfer der Preisentwicklung auf den Weltenergie- und Rohstoffmärkten. So fiel der Ölpreis auf unter 50 US-Dollar pro Barrel, was aufgrund der geringen Diversifizierung der russischen Exportstruktur nahezu zwangsläufig zu einem starken Einbruch der gesamten Volkswirtschaft führte und die Negativseiten ihrer monostrukturellen Ausrichtung auf den Energiesektor deutlich aufgezeigt hat.27 Den signifikanten Zusammenhang zwischen Ölpreisentwicklung und nominalem Wirtschaftswachstum (siehe Schaubild 3) verdeutlichen auch entsprechende Berechnungen der russischen Regierung, die zu dem Ergebnis kommen, dass sich durch die „Änderung des Ölpreises um einen Dollar pro Barrel die Gesamteinnahmen der russischen Wirtschaft um 2 Mrd. USD und die Einnahmen des Budgets der Föderation um 1 Mrd. USD“28 verschieben würden. Um diesen Schwankungen im Preisgefüge nicht wehrlos ausgeliefert zu sein, wurde unter der Präsidentschaft von Putin ein staatlicher Stabilisierungsfond eingerichtet, der die Gewinne aus dem Energiesektor größtenteils abschöpft und als Schutzschirm für wirtschaftliche Krisenzeiten fungiert. Dass jedoch selbst die Akkumulation von über 700 Mrd. US-Dollar an Reserven nicht ausreichte, um den ökonomischen Absturz Russlands im Krisenjahr 2008/2009 zu verhindern, verdeutlicht noch einmal den geringen Diversifizierungsgrad der russischen Volkswirtschaft und die damit einhergehenden Probleme.29

[...]


1 Barma / Ratner / Weber: World Without the West, S. 24.

2 Das BRIC-Konzept wurde dabei von Jim O’Neill, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, geprägt. Siehe dazu Goldman Sachs: Building Better Global Economic BRICs, S. 1-12.

3 Siehe dazu Goldman Sachs: Dreaming with BRICs, S. 1-17.

4 Zu den G7-Staaten gehören die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Japan. Diese Staatengruppe umfasst damit die sieben größten Industrienationen der Welt, die zusammen derzeit knapp zwei Drittel des Welt-Bruttonationaleinkommens erwirtschaften. Seit 1998 spricht man unter Einbezug Russlands auch von den G8, allerdings bleibt die Russische Föderation bei den jährlich stattfindenden Gipfeltreffen von den finanz- und währungspolitischen Beratungen ausgeschlossen und kann daher nicht als vollwertiges Mitglied betrachtet werden.

5 Goldman Sachs: How Solid are the BRICs?, S. 7.

6 Vgl. Bender: Wirtschaftsführer BRIC-Staaten, S. 1.

7 Die starken Unterschiede zwischen den BRIC-Staaten wurden bei Goldman Sachs durchaus erkannt, jedoch positiv bewertet: „The varied composition among the BRICs, the balance between resource-abundance and resourcedependence within the BRICs, and the global demographic tilt towards the BRICs allows these economies the chance to participate in an integral way in the world economy.“ Goldman Sachs: How Solid are the BRICs?, S. 3.

8 Cooper: Of BRICs and Brains, S. 257.

9 Im Jahre 2005 stellte Goldman Sachs mit den N-11 - the Next Eleven eine weitere Staatengruppe mit großem Wachstumspotenzial vor. Dazu zählen Ägypten, Bangladesch, Indonesien, Iran, Mexiko, Nigeria, Pakistan, Philippinen, Südkorea, Türkei und Vietnam. Im Gegensatz zu den BRIC-Staaten wird deren Möglichkeit zur Einflussnahme auf das Weltwirtschaftssystem jedoch als deutlich geringer eingestuft: „We still find that the BRICs stand out relative to the bulk of these other candidates, in terms of the potential to be a major economic force.“ Goldman Sachs: How Solid are the BRICs?, S. 4.

10 Goldman Sachs: Long-Term Outlook for the BRICs, S. 3.

11 Vgl. ebd, S. 21. Dabei gilt es zu beachten, dass sich die Zuwachsraten teilweise durch steigende Wechselkurse erklären lassen. Lediglich „about two-thirds of the increase in US dollar GDP [...] should come from a higher real growth, with the balance through real currency appreciation.“ Ponomarev: Dreaming with BRICs, S. 88.

12 Vgl. Goldman Sachs: Long-Term Outlook for the BRICs, S. 22.

13 Goldman Sachs: Dreaming with BRICs, S. 2. Die Goldman Sachs-Analysten ziehen als Vergleichsgröße teilweise auch die G6-Staatengruppe heran. Deren Mitglieder entsprechen der G7, abzüglich Kanada.

14 Vgl. O’Neill: Achtung Europa, S. 78.

15 Armijo: BRICs Countries as Analytical Category, S. 40. Vonseiten der Befürworter wird dabei stets eingewandt, dass es gerade ebenjene Unterschiede zwischen den vier BRIC-Staaten seien, die das Konzept erst schlüssig werden lassen: „The four giants differ very much, however they perfectly complement each other. The first two BRICs - Brazil and Russia - are huge countries exceedingly rich in natural resources, hence it is logical that these countries will further enforce their positions in a world short of commodities and energy. […] India and China - the other two giants - […] are going through rapid urbanisation and industrialisation which in combination with their vast human resources will most likely allow such countries to outperform the present global economy leaders.” Ponomarev: Dreaming with BRICs, S. 89.

16 Goldman Sachs: How Solid are the BRICs?, S. 4. Vgl. dazu auch Pelle: Understanding Emerging Markets, S. 27f.

17 Goldman Sachs: Long-Term Outlook for the BRICs, S. 3.

18 Ebd., S. 21.

19 So merkt beispielsweise das Forbes Magazine an, dass „the once promising BRIC label has begun to lose its luster especially in the case of Russia. Last year Russia's economic performance was the worst among the BRIC economies by a large measure: For the whole of 2009, its real GDP is expected to have declined by at least 8% [...].That compares to Brazil's smaller real GDP decline of 5.5%, while China's and India's GDPs grew by 8.3% and 6.5%, respectively.“ Forbes Online: Taking the ‘R’ out of BRIC, Abs. 4.

20 Vgl. Macfarlane: The ‘R’ in BRICs, S. 43f. Für einen genauen Überblick über die Entwicklung des russischen BIP seit 1990 siehe Sutela: Die russische Wirtschaft, S. 302.

21 Goldman Sachs: Smooth Political Transition, S. 30.

22 Vgl. Goldman Sachs: The N-11, S. 18f.

23 Zahlreiche Autoren bevorzugen diesen Terminus zur Beschreibung der machtpolitischen Stellung Russlands im internationalen System. Vgl. beispielsweise Giessmann: East Asia’s Emerging Powers, S. 30; Macfarlane: The ‘R’ in BRICs, S. 57 und Mansourov: Russia’s Advances and Setbacks in Northeast Asia, S. 89.

24 Selbst wenn die BIP-Daten von 2009 und 2010 mit eingerechnet werden, so ergibt sich für den Zeitraum von 2003 bis 2010 noch immer ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von jährlich knapp 5%. Dies kommt dem von Goldman Sachs prognostizierten Wert für diese Dekade ziemlich nahe und impliziert damit die Richtigkeit der Analyse. Vgl. Goldman Sachs: Long-Term Outlook for the BRICs, S. 21f.

25 Ebd., S. 27.

26 Vgl. Pleines: Energiewirtschaft und Energiepolitik, S. 329f. Auch im Vergleich zu den anderen BRIC-Staaten sticht Russland im Energiesektor deutlich hervor. So stellt das renommierte Wirtschaftsmagazin Acquisitions Monthly in seiner Online-Ausgabe fest, dass „it is Russia that stands out as the most targeted country for energy deals since the beginning of 2005, accounting for roughly half, three-quarters or sometimes as much as 90% of annual deal values.“ Acquisitions Monthly Online: Breaking BRIC apart, Abs. 3.

27 Vgl. Sager: Pulverfass Russland, S. 199ff.

28 Clement: Beitrag der Außenwirtschaft, S. 71. Positiv ausgedrückt kann die russische Führung ab einem Rohölpreis von 100 US-Dollar pro Barrel mit einem ausgeglichenen Staatshaushalt rechnen. Vgl. Zekri: Libyen brennt, Russland kassiert, S. 1.

29 Vgl. Pleines: Energiewirtschaft und Energiepolitik, S. 336f.

Details

Seiten
35
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656184973
ISBN (Buch)
9783656185482
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193358
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie
Note
1,0
Schlagworte
BRIC Brasilien Russland Indien China Goldman Sachs Wirtschaftsmacht BIP Öl Rüstung emerging power BRICSAM BICI Globalisierung

Autor

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Titel: BRIC, BrIC oder BIC? – Russlands Platz im internationalen System und seine Rolle als global aufstrebende Wirtschaftsmacht