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Psychosoziale Gesundheit Studierender an der Hochschule Coburg

Bachelorarbeit 2011 57 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Erhebungsdesign

2. Einflussfaktoren der psychosozialen Gesundheit
2.1. Leistungsdruck
2.2. Prüfungen
2.3. Konflikte
2.4. Soziale Kompetenzen
2.5. Andere Schlüsselkompetenzen

3. Empfehlungen
3.1. Entzerrung der Inhalte
3.2. Abbau von Stress und Druck
3.3. Schlüsselkompetenzen
3.4. Gesundheitsförderung
3.5. Motivation und Kohärenzsinn

4. Schlusswort

Abkürzungsverzeichnis Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

„Meine Kommilitonen sind seit zwei Tagen wach und sitzen gerade im Auto zur nächsten Messe.“ (Student, Innenarchitektur, 5. Semester) „Ich habe elf Prüfungen und zwei davon sind vom letzten Semester.“ (Studentin, Physikalische Technik, 2. Semester)

Immer wieder höre ich, die neuen Bachelor- und Masterabschlüsse sind zeitlich gekürzte Diplomstudiengänge. Zur Prüfungszeit sind die Gänge, die Cafeteria, die Bibliothek und die Hörsäle mit Lerngruppen gefüllt, die Studierenden sind schlecht gelaunt, gestresst oder sitzen mit müden Augen herum und lernen. Das Sozialleben ist auf ein Minimum reduziert. Solche Aussagen und Beobachtungen schockierten mich schon während meiner gesamten Studienzeit. Die Arbeit in der Studierendenvertretung und mehrere Gespräche mit Studierenden führten mich zu der These, dass die Studienbedingungen ausschlaggebende Faktoren für die psychosoziale Gesundheit Studierender sind. Damit stellten sich mir einige Fragen: Ist dies ein subjektiver Eindruck? Übertreiben Studierende? Will ich nur das Negative hören? Jammern Studenten nur?

Diese Fragen motivierten mich, dieses Thema wissenschaftlich zu untersuchen und der Hypothese nachzugehen, inwieweit die Studienbedingungen einen negativen Einfluss auf die Gesundheit der Studenten haben.

Daher führte ich eine Befragung an Studierenden durch, die die psychologische Beratung der Hochschule Coburg aufsuchten, um explorativ die hauptsächlichen Belastungen aufzudecken. Ich recherchierte Ursachen und andere Studien zu den darin genannten Belastungen und konnte einen positiven Zusammenhang zur psychischen Gesundheit finden. In dieser Arbeit wurden die physischen Auswirkungen aus Platzgründen außer Acht gelassen und der Fokus liegt lediglich auf den psychosozialen Effekten.

Aus den Ergebnissen der Recherche leite ich fünf Empfehlungen ab, die zu einer besseren Qualität der Lehre und zu einer besseren Gesundheit der Studierenden führen können.

Aus Gründen der Lesbarkeit verwende ich in dieser Arbeit die ursprüngliche Wortform. Diese schließt selbstverständlich die weibliche, die intersexuelle und die männliche Form mit ein.

1. Erhebungsdesign

Im Zeitraum vom 22. Juni 2009 bis 21. Juni 2010 führten die Psychologen Dr. Alber und Dr. Genz bei den Studenten, die die vom Studentenwerk und der Hochschule angebotene psychologische Beratung aufsuchten, eine von mir entwickelte Befragung durch. Die Studierenden befinden sich in einer Krisensituation, in der sie sich vertrauensvoll an die Psychologen wenden, daher führten auch diese die Befragung durch. Den Fragebogen für eine Person gibt es in zweifacher Ausführung, um eine Meinung der Studierenden zu erlangen und gleichzeitig eine Einschätzung der Psychologen. Dabei konnten insgesamt 34 Studierende befragt werden, wobei die Studiengänge folgendermaßen vertreten waren:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

Es handelt sich um eine explorative Studie, in der eine kleine Befragungseinheit Anhaltspunkte für psychosoziale Belastungen bietet. Dies gab mir Gelegenheit anfänglich zu schauen, welche Belastungen die Studierenden haben, um dann heuristisch vorgehen zu können. Die Ergebnisse der Studie zeigten die Belastungen dieser Studierenden und gaben damit Anhaltspunkte und eine Orientierung für die weitere Recherche. In dem Fragebogen wird zuerst erfragt, ob die Studierenden aus privaten, aus studienbedingten oder aus beiden Gründen die Beratung aufsuchen.

Die zweite Frage fokussiert die Belastungen der Studierenden, die sie im Studium empfinden, um genauer untersuchen zu können, was das Wohlbefinden der Studierenden beeinträchtigt. Dies geschieht durch eine offene Frage, um die eigentlichen Belastungen der Studierenden aufzudecken und die vielfältigen Belastungen generell aufzuzeigen. Die Antworten sind dabei auf drei beschränkt.

In der dritten Frage sollen die genannten Belastungen in eine Reihenfolge gesetzt und auf die empfundene Stärke eingeschätzt werden. Auf einer Likert Skala beurteilen die Studierenden sowie die Psychologen die in 2. aufgelisteten Belastungen von 1 = sehr schwach bis 5 = sehr stark. Diese Bewertung gibt Auskunft über die Schwere, um die Ergebnisse qualifizieren zu können.

2. Einflussfaktoren der psychosozialen Gesundheit

In der Erhebung wird ersichtlich, dass 18 Studierende aus privaten und studiumstechnischen Gründen die Beratung aufsuchten, 15 aus privaten und einer aus studientechnischen Gründen. Dies spiegelt sich in einem ähnlichen Verhältnis in der Ansicht der Psychologen wider.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2

Aus den Ergebnissen der zweiten Frage werden die mehrfach genannten Antworten zusammengefasst und die unter drittens am stärksten als belastend bewerteten Antworten ausgewählt. Die vollständige Liste der Antworten kann im Anhang nachgelesen werden. Die Antworten sin in fünf Gruppen zusammengefasst und betreffen die Themen Leistungsumfang, Prüfungen, Angelegenheiten neben dem Studium, Organisation, Konkurrenzdruck und Kompetenzen.

Aus diesen lediglich den psychosozialen Bereich betreffenden Gruppen sind die folgenden fünf Thesen abgeleitet:

2.1. Die Studierenden sind durch einen hohen Leistungsdruck, ein hohes Lernpensum, viele Inhalte und eine teilweise ungünstige Organisation des Studiums belastet.

2.2. Prüfungsschwierigkeiten (Stress, Druck, Angst) belasten Studierende

2.3. Partnerschafts-, Familienkonflikte und psychische Belastungen verhindern soziale Unterstützung und erschweren das Studieren

2.4. fehlende soziale Kompetenzen verhindern soziale Unterstützung, Bewältigungsstrategien und Schlüsselkompetenzen sind vorteilig für sämtliche Lebensbereiche

2.5. Selbstorganisation und individuelle Lernstrategien, ausreichende Betreuung im Studium und Motivation fehlen den Studierenden Diese Thesen sollen im Folgenden mit weiteren Studien und Theorien ergänzt, erläutert und bewiesen werden.

2.1. Die Studierenden sind durch einen hohen Leistungsdruck, ein hohes Lernpensum, viele Inhalte und einer teilweise ungünstigen Organisation des Studiums belastet.

Die Mehrheit der Nennungen in der Erhebung betrifft den Umfang und den damit verbundenen Druck durch das Studium, was diese These zulässt und nun durch weitere Theorie und Studien ausgeführt und untersucht werden soll.

Die Nennungen aus der Gruppierung Leistungsumfang sind beispielsweise wenig Freizeit durch ein hohes Arbeitspensum, großer Stoffumfang, die Menge der geforderten Leistungen und zeitintensive Projekte, wobei teilweise Nächte zum Arbeiten genutzt werden. Für drei Studierende ist der hohe Leistungsdruck negativ und Wettkampf spielt eine erhebliche Rolle durch Konkurrenz untereinander, fehlende Akzeptanz und Vergleiche mit Mitstudierenden.

Die Beurteilung der Psychologen Dr. Genz und Dr. Alber bestätigt diese Gründe und benennt die Probleme konkret, was in Abbildung 3 dargestellt ist. Belastungen Leistungsumfang Psychologen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3

Dies zeigt, dass neben persönlichen Schwierigkeiten ein hoher Stresspegel, gegeben durch Leistungsdruck und ein hohes Anforderungsprofil, der meistgenannte Grund für das Aufsuchen der Beratung ist.

Eine Rolle spielt für die Befragten auch die Organisation des Studiums, wobei die Wahlmöglichkeiten, die Praxisorientierung und die unklaren Anforderungen bzw. Ziele im Studiengang genannt werden. Dies wird mit viermaliger Nennung von den Psychologen bestätigt.

Die Stichworte Überforderung, Leistung und Stress werden nun genauer untersucht, mit Theorien belegt und mit anderen Studien verglichen.

Leistung hat drei wesentliche Funktionen. Zum Ersten die Sozialisationsfunktion, durch die Schüler, aber auch Studierende, lernen, „sich den Gegebenheiten [ihrer] sachlichen Umwelt und sozialen Mitwelt anzupassen“ (Schröder, 2000, S. 289). Im Studium bedeutet dies, dass Studierende gleiche Leistungen erbringen müssen, um einen bestimmten Beruf zu erlernen und die damit verbundenen Tätigkeiten zu beherrschen. Studierende können damit einerseits sachlich beurteilt und andererseits in eine soziale Ordnung eingeordnet werden. Zum Zweiten hat Leistung eine Entfaltungsfunktion, diese ist der Ersten entgegengesetzt und konzentriert sich auf die Selbstverwirklichung. Vorhandene Fähigkeiten und Fertigkeiten benötigen den Leistungsprozess und können in der Durchführung eingeübt, entwickelt und erweitert werden (ebd.). Die dritte Funktion liegt in der Gestaltung der Welt. Durch Leistung werden Schüler, aber auch Studierende, dazu befähigt auf ihre Umwelt gestalterisch einzuwirken (ebd.). Durch das Erlernen spezieller Fähigkeiten und Fertigkeiten im Studium sind Studierende somit nach dem Abschluss in der Lage, kreativ und gestalterisch, mit Verbesserung und Fortschritt auf das Arbeitsumfeld einzuwirken.

„Leistung ist der Prozess oder das Ergebnis einer Arbeit in Relation zu einem Gütemaßstab.“ (Schröder, 2000, S. 288) Für Studierende an einer Hochschule bedeutet dies je nach Studiengang unterschiedliche Abgaben, Projekte, Hausarbeiten, Prüfungen und Praktika vorzubereiten, durchzuführen und abzugeben. Der Entstehungsprozess und das Ergebnis dieser Arbeiten werden durch den Professor in Relation zu einem Gütemaßstab gesetzt und benotet. Diese Bewertung zieht gewisse Konsequenzen mit sich. Die Noten werden in die Gesamtnote des Bachelor-, Master- oder Diplomabschlusses eingerechnet - sie sind auch Voraussetzungen für Praktika oder das Weiterkommen im Studium. Negative Resultate haben neben den Aspekten auf die Gesundheit auch eine gesellschaftlich-wirtschaftliche Bedeutung, welche besonders aus neoklassischer Sicht der Ökonomie, aber auch von politischer Seite argumentiert wird. Sie führt zu erhöhten Kosten: erstens für die Studierenden, die Studienbeiträge und -gebühren zahlen, zweitens für den Bundesstaat, der bei Studiengangswechsel oder -abbruch fehl investiert und drittens für die Wirtschaft, da der Eintritt in die Berufstätigkeit verzögert wird (Nitsch, 1981). Für den Studierenden sind, neben den persönlichen und sozialen Auswirkungen, die direkten und indirekten finanziellen Verluste von Bedeutung und erzeugen einen gewissen Druck, gute Resultate zu erzielen. In der Befragung nannten drei Studierende Zukunftsängste und Perspektivlosigkeit.

Weiterhin haben diese Konsequenzen auch gesellschaftliche Auswirkungen. Nitsch (1981) erläutert zwei Aspekte: die Entwicklungshemmung individueller Fähigkeiten, die dann in der Gesellschaft nicht genutzt und angewendet werden können und die Wirkung als Selektionsmechanismus, der die an den universitären Rahmen am besten Angepassten bevorzugt, aber nicht an beruflichen Anforderungen ansetzt.

Kommilitonen werden durch die Bedeutung von Noten und Zukunft zu Konkurrenten. Sie werden zu einer Bezugsgruppe für den benotenden Professor, aber auch zu Rivalen untereinander, was zwar die Leistung jedes Einzelnen erhöht, jedoch auch den Leistungsdruck (Nitsch, 1981). Für Nitsch kann dies nicht nur zu mangelnder Kooperationsbereitschaft, sondern auch zu sozialer Isolation führen und zu Sozialkontakten, die sich nur um Universitätsinhalte drehen. Das erlernte Konkurrenzverhalten kann sich kontraproduktiv auf das spätere Arbeitsleben auswirken, da es nicht förderlich für soziales Handeln und Denken ist.

Weitere Faktoren für die Auslösung von Stress bei Schülern und Studierenden sieht Nitsch (1981, S. 268) in der „Vernachlässigung emotionaler Aspekte“ in der sehr theoretischen Ausbildung, in der fehlenden Bewegung und einer eingeschränkten Freizeit. Die Intellektualisierung trifft besonders in den technischen Bereichen zu. Die hauptsächlich aus Fachwissen bestehenden Studiengänge behandeln kaum oder keine sozialen Kompetenzen, dafür eine sehr umfangreiche fachliche Stoffmenge. Für eine eingeschränkte Freizeit sprachen sich zehn Umfrageteilnehmer an der Hochschule Coburg aus.

Damit ist der eigentliche Leistungsprozess und dessen Motivation eng verknüpft mit dem Resultat: der Note und deren Konsequenzen. Aus diesen Konsequenzen und Funktionen ergibt sich ein Leistungsdruck, der von Schröder (2000, S. 288) als „Leistungsforderungen, verbunden mit Sanktionen und Repressalien“ definiert wird. Die unterschiedliche Bewertung und die vorhandenen Bewältigungsstrategien der Studierenden führen dabei zu einer individuellen Belastung, zu positiv oder negativ wirkendem Stress oder auch zu „Leistungsangst“, die den Studierenden hemmt (ebd.).

In einer deutschlandweiten Studie zu den Ursachen von Studienabbruch (Heublein et al., 2010) gibt die mit 31% größte Gruppe an, sich dem Leistungsdruck und den Anforderungen nicht gewachsen zu fühlen sowie Prüfungen nicht bestanden zu haben. Dabei zeigt sich, dass die Zahl von Abbrechern wegen Leistungs- und Prüfungsschwierigkeiten auf 31% gegenüber 2000 (20%) gestiegen ist, was nach dieser Studie auf die Studienbedingungen zurück zu führen ist. Außerdem wird gezeigt, dass Mängel an der Studienorganisation und ein zu hohes fachliches Niveau Gründe für einen Studiumsabbruch sind. Die Umstellung auf das Bachelor- / Mastersystem führt weiterhin zu erhöhten Abbrecherquoten aus Überforderung durch die Anforderungsverdichtung, was auf veränderte Bedingungen, vor allem in den ersten Semestern hinweist. Diese hohen Anforderungen stellen eine Herausforderung bezüglich der Leistungsvoraussetzung und des -vermögens sowie der Motivation der Studierenden dar. Überforderung ist damit der wichtigste Studienabbruchsgrund (ebd.). Eine unveröffentlichte Studie der Hochschule Coburg, die das allgemeine Gesundheitsbefinden untersuchte, zeigte, dass sich 435 von 883 Studierenden „überwiegend“ und „etwas überfordert“ fühlen, weitere 283 bald. 25,1% der zu dieser Zeit Überforderten führen zu hohe Studienanforderungen an und 42,2% haben Schwierigkeiten ihren Studienalltag zu organisieren (Bohrhardt, 2007).

Wie die erhobene Befragung der Studierenden, die die psychologische Beratung besuchten, zeigt, führt dieser Leistungsdruck bei einigen Studierenden zu einer Krise oder trägt erheblich dazu bei. Damit stellt die psychologische Beratung der Hochschule Coburg ein entscheidendes Instrument dar, Schwierigkeiten bei Studierenden aufzufangen und einem frühzeitigen Studienabbruch entgegen zu wirken. Führen Leistungsdruck und Angst zu Erkrankungen, entsteht ein weiterer wirtschaftlicher Faktor, die Behandlung. Diese tragen die Studierenden selbst durch ihre Beiträge, die Hochschule sowie das Studentenwerk als Bereitsteller der Beratungsleistung und die Krankenkassen als Finanzierer weiterer Behandlungen (Nitsch, 1981).

Menschen interpretieren Stressoren auf individuelle Art und gehen unterschiedlich damit um. Die negative Bewertung des Stresses durch das Individuum ist der Stress auslösende Faktor und damit subjektiv (Lazarus, 1966, 1993, 2000 zitiert in Aronson, Wilson & Akert, 2004). Stress an sich ist in erster Linie die Reaktion des Körpers auf einen Stressor. Die Definition von Stress nach Lazarus und Folkman (1984, zitiert in Aronson, Wilson & Akert, 2004) sind „die negativen Gefühle und Überzeugungen, die entstehen, wann immer Menschen sich außerstande sehen, den Anforderungen ihrer Umwelt gerecht zu werden.“

Es gibt akuten Stress, der das Herz schneller schlagen lässt, die Muskeln anspannt, schwitzen und den Blutdruck ansteigen lässt (Benkert, 2009). Der Körper stellt bald wieder ein Gleichgewicht her und die Funktionen gehen zurück in den Normalzustand. Haben Menschen aber über einen längeren Zeitraum Stress und bewerten diesen negativ oder können ihn nicht ausreichend bewältigen, kommt es zu verschiedenen Stresssymptomen wie Erschöpfung, Anspannung, erhöhtem Blutdruck oder Schlafproblemen. Das Gleichgewicht kann nicht wieder hergestellt werden (Benkert, 2009). Dies führt nach Benkert (2009) zu Stoffwechselstörungen, vermehrter Ausschüttung von Kortisol und die Funktion des autonomen Nervensystems wird beeinträchtigt. Das hat gesundheitliche Folgen und kann einerseits zu physischen Erkrankungen führen, andererseits ist es Ursache für Depressionen und psychische Beeinträchtigungen. Ständiger Leistungsdruck kann zu Dauerstress führen und die aufgestaute Energie muss abgebaut werden, was Zeit und Gelegenheit braucht (ebd.).

Der Leistungsumfang, der damit verbundene Druck und Stress sowie die Überlastung ist eine Problematik, die auf sämtliche Studierende zutrifft und einen negativen Einfluss auf deren Gesundheit haben kann.

2.2. Prüfungsschwierigkeiten (Stress, Druck, Angst) belasten Studierende

Die zweithöchsten Nennungen in der Befragung der Teilnehmer an der psychologischen Beratung betreffen Prüfungen. Sieben Studierende nennen Prüfungsstress bzw. -druck und drei Ängste in Bezug auf die Prüfungen als Gründe für ihren Besuch. Die Psychologen diagnostizieren neun Mal Prüfungsangst bzw. -stress, wobei sowohl die Quantität als auch die Qualität des Lernstoffes eine Rolle spielt. Abgesehen von Praktika, Leistungsnachweisen, Hausarbeiten oder Projektabgaben werden an der Hochschule schriftliche Prüfungen in der Regel am Ende des Semesters in einem Prüfungszeitraum absolviert.

Im Folgenden sollen diese Bedingungen näher untersucht werden.

Die Benotung von Leistungen hat die Funktion der Motivierung, der Informierung, der Kontrolle und die zwei umstrittensten Funktionen der Selektion und Disziplinierung (Schröder, 2000).

Werden Leistungen benotet und dadurch qualifiziert, bekommen sie eine erhöhte Aufmerksamkeit und Bedeutung. Dies veranlasst Studierende mehr Aufwand zu betreiben und motiviert sie zu einer Leistungssteigerung. Bei schwächeren oder verunsicherten Studierenden kann aber auch eine Hemmung der Leistung eintreten und der Leistungsdruck und damit der Stress erhöht werden (ebd.). Je mehr Aufwand ein Student in eine Leistung stecken muss, um eine gewisse Note zu erreichen, desto höher ist sein Stress. Damit hat die Motivation durch Noten nur bei einem Teil der Studierenden Erfolg und führt bei anderen zum gegenteiligen Effekt.

Noten informieren nach Schröder (2000, S. 296) „nur über eine unter bestimmten Bedingungen vom Schüler erstellte und dem Lehrer abgelieferte Leistung“ und geben somit Auskunft, inwieweit jemand den geforderten Leistungen entspricht. Dies ist immer eng verknüpft mit Erwartungen: denen der Studierenden, Eltern und Professoren, aber auch der Arbeitgeber. Noten informieren diese Personen über angenommene Zukunftschancen.

Des Weiteren hat die Benotung eine Kontrollfunktion und gibt Auskunft über die erreichten Lern- und Lehrziele. Dabei ist jedoch einerseits die Objektivität zu beachten und andererseits ist die Auskunftskraft über das Erreichen von Zielen durch eine Zahl in Frage zu stellen (ebd.).

Eine oder mehrere erhaltene Noten bestimmen über das weitere Vorankommen während des Studiums, legen aber auch danach eine gewisse Richtung vor und haben entscheidende Bedeutung für die Zukunft. Durch Noten wird selektiert und diskriminiert.

Zu dem Notendruck kommt noch die Quantität und die Qualität des zu lernenden Stoffes hinzu sowie inadäquate oder fehlende Lernstrategien und –möglichkeiten, die Studierende unterschiedlich belasten und Stressoren darstellen können. In der Umfrage werden Lernschwierigkeiten bei sechs Studierenden durch die Psychologen angesprochen. Von den Studierenden werden die Menge des Lernstoffes, aber auch das Auswendig lernen und die kurze Zeit dafür angemerkt. Die unterschiedlichen Studiengänge geben sehr unterschiedlichen Lernstoff vor und damit unterscheiden sich die Lernformen und -ausmaße.

Auch hier gelten die unterschiedlichen Bewertungen und Bewältigungsstrategien, die die Situation für die Studierenden individuell gestalten. Folgen sind unterschiedlich bewerteter, ausgelebter Stress, der im Einzelfall zur Krise führen kann, die professionelle Hilfe verlangt. Laut der Studie der Hochschul Informations System GmbH (HIS, Heublein et al., 2010) brachen 11% der Studierenden ihr Studium ab, weil sie Prüfungen nicht bestanden haben.

Leistung zu liefern bedeutet somit auch ein gewisser Druck der bewältigt werden muss und je mehr Prüfungen, desto höher dieser Leistungsdruck und der Stress. Je höher die Schwierigkeiten mit der Bewältigung dessen sind, desto stärker wird die Gesundheit beeinflusst.

2.3. Partnerschafts-, Familienkonflikte und psychische

Belastungen verhindern soziale Unterstützung und erschweren das Studieren Durch die Psychologen Genz und Alber werden bei vier Studierenden familiäre Konflikte festgestellt, bei weiteren vier Partnerschaftsprobleme. Hier soll nun genauer untersucht werden, inwieweit diese privaten Probleme einen Einfluss auf das Studium und das gesamte Wohlbefinden von Studierenden haben.

Deutschlandweit führen 19% der Studienabbrecher das Beenden des Studiums auf familiäre Probleme zurück, dabei spielen die Vereinbarkeit von privaten Verpflichtungen und der im Studium eine bedeutende Rolle (Heublein et al., 2010).

Es können aber auch nicht so offensichtliche Probleme auftreten. Tschakert (zitiert in Nitsch, 1981) unterscheidet zwei Aspekte der sozialen Faktoren. Einerseits können soziale Faktoren ein Stressor sein und selbst Stress auslösen. Familiäre oder partnerschaftliche Konflikte bei Studierenden können Stress auslösend sein und zu den belastenden Faktoren hinzukommen oder eine Stressdisposition schaffen, in der es schwerer ist, andere Belastungen zu bewältigen. Andererseits kann das soziale Umfeld auch ein Moderator sein und positiven Einfluss nehmen auf das Erleben von Stress und die Verarbeitung. Das soziale Umfeld kann somit auch als Ressource genutzt werden, um positiv mit Stress umgehen zu können (ebd.).

Die soziale Integration in der Hochschule sehen Heublein et al. (2010, S. 117) als „wesentliche Einflussgröße für ein gelingendes Studium“. Die Prioritäten der Studierenden scheinen sich durch das soziale Umfeld widerzuspiegeln: Abbrecher hatten mehr soziale Kontakte außerhalb der Hochschule, während Absolventen mehr Kontakte zu Kommilitonen pflegten. Das gemeinsame Lernen, der Austausch und eine gute Qualität der Kommunikation zwischen Studierenden im gleichen Fachbereich tragen zum Studienerfolg bei und können sogar vor einem Abbruch schützen (ebd.).

Ein aufkommendes Konkurrenzverhalten, fehlende räumliche Möglichkeiten, wie es an der Hochschule Coburg durch die momentanen Bauarbeiten der Fall ist, Überforderung und ein hohes Lernpensum stehen einer Entwicklung sozialer Kontakte im Weg. Schwierigkeiten in den oben genannten Bereichen führen zu Problemen den Studienalltag zu bewältigen, im schlimmsten Fall zu Krisen oder gar krankhaften psychischen Beschwerden (vgl. Nitsch, 1981; Benkert, 2009).

Für Graf und Krischke (2004) spielt neben sozialen Faktoren auch die generelle psychische Gesundheit eine Rolle. Für Studierende beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der viel Veränderung mit sich bringt. Oft müssen sie erstmalig aus dem Elternhaus aus- und in eine neue Stadt ziehen und dort neue Freunde finden, sich einleben, soziale und kulturelle Angebote entsprechend ihrer Bedürfnisse erschließen. Sie bleiben finanziell dennoch oft von ihren Eltern abhängig und/oder sind auf einen Studentenjob angewiesen (Graf & Krischke, 2004). In der Hochschule wird eine sehr hohe Selbständigkeit erwartet und die Studierenden müssen in dieser Zeit in die Zukunft reichende, existentielle Entscheidungen treffen. Die Hochschule hat starke hierarchische und unflexible Strukturen, aber von den Studierenden wird zunehmend eine hohe Flexibilität erwartet. Diese verlängerte Adoleszenzphase kann einerseits Identitätsprobleme und psychische Konfliktlagen mit sich bringen, andererseits ist sie auch sinnvoll für die Entwicklung und kann als Chance gesehen werden (ebd.).

[...]

Details

Seiten
57
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656184584
ISBN (Buch)
9783656185192
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193305
Institution / Hochschule
Hochschule Coburg (FH) – Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit
Note
1,7
Schlagworte
Studienbedingungen Ressourcen Gesundheitsförderung

Autor

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Titel: Psychosoziale Gesundheit Studierender an der Hochschule Coburg