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Religiosität und Naturdarstellungen in der Lyrik des Barock

Hausarbeit 2008 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkung

2. Catharina Regina von Greiffenberg: Gott-lobende Frühlings-Lust
2.1 Form
2.2 Inhalt
2.3 Auffassung von der Aufgabe der Kunst im Denken der Dichterin
2.4 Die Natur als zweites Buch Gottes

3. Friedrich Spee: Liebgesang der Gesponß Jesu, im anfang der Sommerzeit
3.1 Form
3.2 Inhalt
3.3 Parallelen zur petrarkistischen Liebeslyrik
3.4 Parallelen zum Hohelied

4. Vergleich der Naturdarstellungen und ihrerjeweiligen Funktionalisierung in den beiden Gedichten

Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkung

Die Literaturepoche des Barock ist die Zeit zwischen 1600 und 1720; eine Zeit, die von großen Krisen wie dem Dreißigjährigen Krieg, der Pest und Hungersnöten geprägt ist, welche das Denken grundlegend beeinflusst haben.[1] Vanitas, die Vergänglichkeit und Nichtigkeit alles Irdischen, ist sowohl ein Grundgedanke in religiöser als auch in weltlicher Dichtung.[2] Da in folgender Seminararbeit genauer auf zwei religiöse Gedichte eingegangen wird, ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass eben aufgrund des Vanitas-Gedankens ein Streben auf Gott und das Jenseits hin charakteristisch ist für die Zeit des Barock. Zentraler Gedanke ist, dass die Welt von Gott geschaffen und auf das Jenseits bei ihm ausgerichtet ist.

Somit soll auch die barocke Dichtung repräsentativ sein und auf etwas Höheres verweisen. Häufig ist innige Religiosität mit Naturdarstellungen gekoppelt. Dies ist auch der Fall bei den beiden Gedichten von Catharina Regina von Greiffenberg „Gott-lobende Frühlings-Lust“ und Friedrich Spees Werk „Liebgesang der Gesponß Jesu, im anfang der Sommerzeit“. Daher bietet sich nun eine Analyse derselben an, abschließend werden sie bezüglich ihrer Naturdarstellungen verglichen.

2. Catharina Regina von Greiffenberg; Gott-lobende Frtthlings-Lust

2.1 Form

Catharina Regina von Greiffenbergs Gedicht „Gott-lobende Frühlings-Lust“ ist in der Form des klassischen Sonetts verfasst worden, welches als die beliebteste Gattung des Barock gilt. Martin Opitz, der Begründer der barocken Metrik, definierte das Sonett folgendermaßen:

„Ein jeglich Sonett aber hat viertzehen verse / und gehen der erste / vierdte /fünffte und achte auff eine endung des reimes auß; der andere / dritte / sechste und siebende auch auff eine. Es gilt aber gleiche / ob die ersten vier genandten weibliche termination haben / und die andern viere männliche: oder hergegen. Die letzten sechs verse aber mögen sich zwar schrencken wie sie wollen; doch ist am bräuchlichsten / das der neunde und der zwölffte und dreyzehende wieder einen.“[3]

Es liegt eine zweiteilige Struktur vor: Das Sonett ist geteilt in zwei Quartette und zwei Terzette. Letztere sind hier durch ein Strophenenjambement miteinander verbunden, welches eine häufige Versform des Barock ist. Anders als im italienischen Sonett wird nicht eine antithetische Gegenüberstellung von Quartetten und Terzetten angestrebt, sondern es „herrscht die Tendenz zur Parallelität der Gedankenführung und zu einer Schlusspointe vor“,[4] welche sich auch bei Greiffenbergs Gedicht findet.

Versmaß des Sonetts ist häufig der Vers commun, ein fünf-hebiger Jambus, oder auch der Alexandriner. Der Alexandriner, ein sechs-hebiger Jambus, wurde allerdings deutlich bevorzugt; es handelt sich hierbei um ein heroisches Versmaß und er ist auch in diesem Sonett durchgehend zu finden.[5]

In Greiffenbergs Sonett liegt folgendes Reimschema vor: abba abba cdd cee. Die Dichterin hat sich hier an die strengen Rhetorikregeln gehalten, die Quartette entsprechen den Forderungen Opitz’, wohingegen die Terzette, wie von ihm erwähnt, freier gehalten sind.

Die Kadenzen entsprechen dem Reimschema: wmmw wmmw wmm wmm.

Auch hier sei wieder auf die genaue Einhaltung der Opitz’schen Sonettdefinition hingewiesen.

2.2 Inhalt

Catharina Regina von Greiffenbergs Sonett „Gott-lobende Frühlings-Lust“ beginnt mit der Interjektion „Ach, seht das Sieggepräng des Höchsten hier erscheinen!“ (V.l), wodurch die Bewunderung und Begeisterung über die Ankunft des Höchsten, Gottes, ausdrückt wird. Mit einem prächtigen Siegeszug, ähnlich den antiken römischen Triumphzügen und begleitet von Pauken und Trompeten, zieht dieser in die Welt ein. Der personifizierte Frühling trägt dabei symbolisch die „Güldne Sonn“ (V.2) wie eine Fahne vor dem Siegeszug her. Favonius, der personifizierte warme, frühlingsbringende Westwind, „die Heerpauck rührt und schlägt“ (V.3), er ist die prachtvolle musikalische Begleitung der Festprozession. Unterstützt wird der Westwind hierbei von den „Trompeter[n]“ (V.4), welche als sanfte Lüftchen die „Süssesten“ (V.4) Töne von sich geben.

Bereits im ersten Quartett wird ein typisches Merkmal für Greiffenbergs Sonette deutlich:

Sie, als zutiefst gläubige Protestantin, verbindet religiöses Empfinden häufig mit Naturdarstellungen.[6] Ihre Naturbilder haben Zeichenfunktion - sie zeigen die (vergängliche) Schönheit der Erde und verweisen auf den Schöpfer und den ewigen Garten Christi.[7] Im zweiten Quartett ist die Fortsetzung der feierlichen Prozession zu finden:

„Das singend Lufft-Heer“ (V.5), eine Periphrase für die großen und kleinen Vögel, begleitet den Frühling bei seinem Einzug ins Land. Parallel dazu könnte das „Lufft-Heer“ aber auch eine Schar von Engeln bedeuten, die Gott bei seinem Siegeszug begleitet. „An Lorbeer statt“ (V.6) sind diese mit „was neu gewachsne[m]“ (V.6) geschmückt. Dies erinnert an Kaiser und Feldherren der Antike, die bei ihren Siegeszügen mit Lorbeerkränzen zum Zeichen ihres Ruhmes gekrönt waren. Aber nicht nur die Vögel ehren Gott, sondern auch die Erde unterlegt dem „Höchsten“ (V.l) zu Ehren bei seinem Einzug ein „bunte[s] Blumen-Kleid“ (V.7), einen Teppich aus prächtigen frischen Frühlingsblümchen. Am Ende des Festzuges steht ein „Thron von blauen Saphir-Steinen“ (V.8), auf dem der siegreiche Höchste einen angemessenen Sitz findet. Das Blau der Saphire ist eine Metapher für den königlichen Thron Gottes im Himmel. Die beiden Quartette sind einerseits von Naturbildern durchzogen, andererseits von Ausdrücken aus der Bereich des Militärs. Dem „Frühling“ (V.2), der „Güldnen Sonn“ (V.2), „Favonius“ (V.3), dem „neu-gewachsne[m]“ (V.6) und dem „Blumen-Kleid“ (V.7) stehen das „Sieg-Gepräng“ (V.l), die „Fahn“ (V.2), die „Heerpauck“ (V.3), das „Lufft-Heer“ (V.5) und der „Thron“ (V.8) gegenüber. Auf den ersten Blick mögen diese Motive nicht zusammenpassen, doch tatsächlich unterstützt der Militär-Jargon das Bild des prächtigen Siegeszuges Gottes in das Land, wobei dieser von seiner im Frühling stehenden Schöpfung gleichermaßen empfangen und geehrt wird.

Im ersten Terzett wird eben dies nochmals bekräftigt: Die „Kron“ (V.9) als Herrscher- Insignium ist Zeichen von Gottes Macht und Würde. Es wird deutlich, dass Gott siegreich ist, und er als „Höchste[r]“ (V.l) und Schöpfer „Freud“ (V.9) und „Leben“ (V.9) bringt.

Die Schöpfung hat Gott für eben dies zu danken, zu loben und zu ehren und so wird er von allem Wachsenden und Lebendigen gelobt: „still[es]“ (V.l2) Lob erreicht ihn durch die Natur, welche in aller Frühlingspracht aufblüht, „laut[es]“ (V.l2) Lob erhält er durch die lebenden Geschöpfe. Und so bleibt der gesamten Schöpfung nur Gott durch ihren „Athem“ (V.ll) und ihre Pracht zu rühmen, zu ehren und ihm für das geschenkte Leben zu danken.

Der Frühling ruft nun also bei den Menschen Gotteslob hervor und zugleich ist der Frühling als gelungener Teil der Schöpfung selbst Gotteslob.

Durch ein Strophenenjambement ist das erste Terzett mit dem zweiten verbunden. Der Gedanke des Gotteslobes durch die Schöpfung wird nicht in eine Strophe gepresst, sondern harmonisch in die nächste übergeleitet, ganz nach dem Geschmack Philipp von Zesens: Dieser wendete sich gegen das Verbot des Strophenenjambements, da das Sonett schließlich nicht den Regeln der Oden unterworfen sei; wäre dies der Fall, so müsste es auf l6 Verse erweitert werden.[8] Die Dichterin zeigt hier kunstvoll die Möglichkeit der Variation innerhalb der strengen Regeln eines Sonettes.

Nach der Beendigung des letzten Gedankens fährt sie das Terzett fort mit den Wintererscheinungen „Nordwind, Eis und Schnee“ (V.13), welche vom Frühling erfolgreich verdrängt, besiegt, ja sogar wie seine „Leibeignen“ (V.13) versklavt wurden. An dieser Stelle erinnert das Gedicht wieder an die antiken Siegeszüge, in welchen stets die Kriegsgefangenen mitgeführt wurden. Hier müssen sie den „Höchsten“ (V.1) ehren, damit er sie im Winter wieder freilässt und sie den Herbst ablösen können.

Der letzte Vers des Sonetts leitet nun auf die Dichterin selbst über: „Mein schlechtes Blatt“ (V.14), ein Bescheidenheitstopos, soll ausdrücken, dass ihr Gedicht Gottes Schöpfung und seinem Siegeszug nicht würdig ist, es aber dennoch die Schöpfung und somit Gott loben und ehren soll. Natürlich ist diese Bescheidenheit ein stilistisches Mittel. Die Dichterin ist sich ihres gelungenen Werkes durchaus bewusst und möchte es als dauerhaftes Zeichen der Ehre, gleich einem „Denkmal-Stein“ (V.14), setzen. Ihr Gedicht soll ein Zeichen für die Menschen sein. Sie sollen sich stets daran erinnern Gott zu loben, auch über den Tod der Dichterin hinaus.

2.3 Auffassung von der Aufgabe der Kunst im Denken der Dichterin

Wie zu Anfang bereits erwähnt ist die Zeit des Barock geprägt durch den Vanitas-Gedanken. Stets wird betont, dass alles Irdische vergänglich und nichtig ist. Weiter wird auf einen höheren Zusammenhang verwiesen: Gott ist der Schöpfer der Welt, dem alles zu verdanken ist, der Anfang und Ende allen Seins ist.

Catharina Regina von Greiffenbergs Werke nun sind von einer „glühenden (...) Religiosität und theologischer Gelehrsamkeit“[9] durchzogen. Typisch für sie ist ihre beständige Forderung an ihre Mitmenschen und sich selbst Gott zu loben und zu ehren. Auch sie selbst versucht dieser Forderung nachzukommen, und zwar unter anderem durch ihr dichterisches Schaffen.

In Anbetracht der Tatsache, dass ebenjeder Mensch sterblich ist, möchte die Dichterin durch ihre Dichtkunst aber nicht nur selbst Gotteslob abgeben, sondern auch ihre Mahnung an die Menschheit, Gott zu loben, weitergeben. Denn die Poetik ist zwar wie alles Irdische vergänglich, jedoch wesentlich langlebiger als ein Menschenleben. Somit schafft es Frau Greiffenberg durch ihre Dichtung also ihre Forderung, Gott zu ehren, auch über ihren Tod hinaus zu vermitteln.

Um diese These zu stützen, ist ein Blick auf prägnante Verse einiger ihrer Werke nötig:

Natürlich ist in „Gott-lobende Frühlings-Lust“ bereits durch ihr „schlechtes Blat (...) des Sieges Denkmal-Stein“ (V.14) gesetzt. Aber auch in weiteren Gedichten nimmt sie den Ewigkeitsanspruch der Dichtung in Anspruch.

In ihrem Werk „Auf die unverhinderliche Art der Edlen Dicht-Kunst“ beklagt Catharina Regina ihre gegenwärtige Situation: Als Protestantin war ihr unter dem Regiment eines katholischen Kaisers das Abendmahl verwehrt. Diese Tatsache mag ihr dichterisches Können schmälern, dennoch versucht sie aber nach bestem Gutdünken in eben dieser einen Freiheit, dem Dichten, Gott zu ehren. Dieser Fakt ist für unsere Betrachtung entscheidend. Im Schlussvers „dass ich О Gott dein’ Ehr vor alles würd’ erheben. Gieb Freyheit mir so will ich Ewigs Lob dir geben“ zeigt sich deutlich, dass sie in ihrer von Gott gegebenen Freiheit zu dichten die Möglichkeit sieht, den Schöpfer zu ehren und über ihre eigene Sterblichkeit hinaus zu loben.

Ein weiteres Beispiel ist „Demütige Dienstaufopferung zu Gottes Ehren“. Gleich zu Anfang betont sie ihre Verbundenheit mit Jesus und somit auch mit Gott: „meine Seel die vor schon ganz dein eigen samt aller Kräfften Krafft schenk’ ich aufs neue dir“ (V.1, 2). Frau Greiffenberg erbittet Jesu Geist und versichert, dass ihr „ganzes Thun“ (V.13) zu Jesu „Ehr gericht“ (V.13) ist und sie keinesfalls auf das Dichten an sich Wert legt, auf „ein erdichts Gedicht“ (V.14). Sie möchte durch ihr Schaffen ausschließlich und mit voller Hingabe das Jesus- bzw. Gotteslob erfüllen können.

Zuletzt sei hier das Werk „Christlicher Vorhabens-Zweck“ genannt. Wieder betont die Dichterin, dass sie sich der „Allheit (...) in allem (...) ergeben [habe]“ (V.1) und zwar mit allem, was sie ist, beginnt, denkt und dichtet (vgl. V.2). Zu Gottes „hohe[r] Ehr“ (V.3) richtet sie all ihr „Spiel und Ziel“ (V.3), weswegen sie auch die Erhaltung ihres „Geistes-Strom“ (V.7) erbittet. Allerdings sucht Catharina Regina „kein eigne Ehr“ (V.9) durch ihr Schaffen. Nachdrücklich weist sie darauf hin, dass ihre Gedichte nur deswegen gut sind, da Gott ihr „das Gute flöst in Geist und Feder ein“ (V.13). „Nur sein soll alles Lob von mir und allen bleiben“ (V.14): Dem Schöpfer allein gebührt alles Lob und Ehre - natürlich nicht nur bezüglich der Dichtkunst. Frau Greiffenberg betont wieder die Notwendigkeit des Gotteslobes und fordert sämtliche Leser des Gedichts zu diesem auf.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass die Aufgabe der Kunst im Denken der Dichterin darin zu sehen ist, dass durch die Dichtkunst ihr eigenes Gotteslob und aber auch ihre Mission, andere zum Gotteslob aufzufordern, über die Grenzen ihres eigenen Todes hinaus bestehen.

[...]


[1] Burdorf (2007), S.69.

[2] Wilpert(2001), S.71.

[3] Meid (1986), S. 60.

[4] Szyrocki (1979), S. 85.

[5] Vgl. Szyrocki (1979), S. 78.

[6] Vgl. Szyrocki (1979), S. 183.

[7] Vgl. Meid (1986), S. 103.

[8] Vgl. Meid (l986), S.6l.

[9] Szyrocki (1979), S.183.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656182818
ISBN (Buch)
9783656183471
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193238
Institution / Hochschule
Universität Passau – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
religiosität naturdarstellungen lyrik barock

Autor

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Titel: Religiosität und Naturdarstellungen in der Lyrik des Barock