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Potentiale der Zombie-Narration im seriellen Erzählen

Am Beispiel von "The Walking Dead"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1. Prolog: Der Zombiefilm und die Notwendigkeit einer Langzeiterzählung

2. The Walking Dead

3. Dramaturgie und Narration der 1.Staffel TWD
3.1. Folge 1: Days Gone Bye
3.2. Folge 2: Guts
3.3. Folge 3: Tell It to the Frogs
3.4. Folge 4 und 5: Vatos und Wildfire
3.5. Folge 6: TS-19

4. Zusammenfassung

5. Epilog: Die Zukunft von The Walking Dead

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Zombiemädchen. Darabont, Frank (2010): The Walking Dead. Days Gone Bye. AMC, 00:04:12

Abb. 2: Grimes und Pferd. Darabont, Frank (2010): The Walking Dead. Days Gone Bye. AMC, 01:01:12

Abb. 3: Andrea erschiesst Amy. Dickerson, Ernest R. (2010): The Walking Dead. Wildfire. AMC, 00:15:17.

1. Prolog: Der Zombiefilm und die Notwendigkeit einer Langzeiterzählung

Die Zombie-Narration ist schon seit ihrer Geburtsstunde, spätestens aber seit Night of the Living Dead von 1968 ein Abbild der menschlichen und gesellschaftlich kollektiven Psyche und ihrer gegenwärtigen oder zukünftigen Ängste. Kyle W. Bishop bestätigt dem Genre „[...]an insightful look into the darkest heart of modern society as it is now or as it might quickly become.“1 Somit hat sich die Deutung von Zombiefilmen über die Jahre hinweg immer wieder gewandelt. Während in den 1940ern noch imperialistische Ängste im Zusammenhang mit Kolonialismus und Sklaverei behandelt wurden, fanden sich später die Bedrohungen des Kalten Krieges, sowie Problematiken bezüglich Rassismus, Sexismus und Konsums wieder.2 In aktuellen Filmen wird meist auf die omnipräsente Bedrohung des Terrorismus hingewiesen und prinzipiell ist zu beobachten, dass Zombies in Zeiten von Kriegen oder politischen Unruhen immer wieder ein Comeback erleben.3

Trotz der Entwicklung im Genre ist ein kontinuierliches Thema der Verlust von Freiheit und Autonomie. Simon Pegg, Protagonist und Co-Writer von Shaun of the Dead, meint: „Metaphorically, this classic creature embodies a number of our greatest fears. Most obviously, it is our own death, personified. The physical manifestation of that thing we fear the most. [...] The fear that deep down, we may be little more than animals, concerned only with appetite. Zombies can represent the threat of collectivsm against individuality. The notion that we might be swallowed up and forgotten, our specialness devoured by the crowd.“4

Eine derartige Vielfalt an Projektionen und symbolischer Kraft verspricht dem Zombie daher weiterhin Erfolg als Antagonist der Menschheit.

Es ist unvermeidbar geworden, dass ein Zombiefilm dem anderen gleicht und es genreinterne Standardsituationen gibt, die in mehreren Filmen auftauchen und übernommen oder zitiert werden. Der Zombiefilm ist sehr selbstreflexiv und es geht kaum darum logische Analysen zu liefern, warum es zu einem Zombie- Outbreak kam, sondern Lösungen für den Umgang damit zu finden. Meist genügt ein MacGuffin als Erklärung, um dann direkt über den Umgang der Menschen in ihrer postapokalyptischen Situation zu berichten. Bishop meint, diese Herausforderung ist es, die uns „[...]the greatest insight into the cultural value of the zombie narrative[...]“ gibt und „[...] this exploration into the human can only be fully explored over the course of a longterm narrative form. Attempts have already been made to achieve this of temporal scope, as in the first four zombie films from Romero (when viewed as a single story arc) and Brooks' 'World War Z' (a film adaption of which is currently in development), but only the graphic novel has managed so faithfully to track the plight of consistent characters over a long period of time.“5 Und eben eine dieser Graphic Novels ist nun in filmischer Form, sogar in Form einer Serie mit ungewisser Anzahl an Staffeln, umgesetzt wurden: The Walking Dead (im Folgenden: TWD).

Serielles Erzählen eröffnet der Zombie-Narration neue Potentiale, die in keinem 90-Minüter so umgesetzt werden könnten. Der Zuschauer steigt nicht mehr beim Ausnahmezustand der Epidemie ein und muss sich dann mit einem kurzen Ausblick auf die Zukunft der Menschheit zufrieden geben. Er kann miterleben wie daraus Alltag wird und die Gesellschaft ihren Weg zurück in die Normalität findet. Im Folgenden wird überprüft, ob und wie TWD in der ersten Staffel seine neu gewonnenen dramaturgischen Möglichkeiten ausgeschöpft hat und welche neuen Themenfelder sich erschließen und Parallelen zu gegenwärtigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen bilden.

2. „The Walking Dead“

Robert Kirkman, ein amerikanischer Comicautor, veröffentlichte ab 2003 The Walking Dead gemeinsam mit dem Zeichner Tony Moore - später auch mit Charlie Adlard - im Image Comics Verlag. Die Comicreihe umfasst zur Zeit 84 Ausgaben und begleitet einen Kleinstadtpolizisten, welcher durch ein Koma die Zombieapokalypse verpasst hat und auf seiner Suche nach seiner Familie ist. Sobald er diese gefundenen hat, begleitet der Leser ihn und eine Gruppe Überlebender auf ihrer Reise durch das zerstörte Amerika in der Hoffnung auf einen sicheren Platz zum Leben.

Am 20. Januar 2010 gab der amerikanische Kabelsender AMC bekannt, dass eine Pilotfolge für eine Adaption der Graphic Novel bestellt wurde. Regie, Drehbuch und Co-Produktion übernahm der Academy Award nominierte Frank Darabont. Die Dreharbeiten begannen im Mai 2010 in Atlanta, so dass die erste Folge in Amerika am 31. Oktober des Jahres ausgestrahlt wurde. In Deutschland fand die Premiere auch sehr zeitnah am 05. November 2010 auf dem Privatsender FOX statt.

Es ist bei amerikanischen Serien sehr typisch, dass der Pilot von einem renommierten Regisseur übernommen wird, ungewöhnlich erscheint bei TWD aber, dass jede der sechs Episoden der ersten Staffel von einer anderen Person gedreht wurde. Bei den Drehbüchern gab es allerdings eine gewisse Kontinuität, da die ersten drei Folgen von Darabont geschrieben wurden; bei der vierten schrieb der Schöpfer des Comics selbst und um die letzten Beiden kümmerten sich Adam Fierro und Glen Mazzara.

Auch bei der Kameraarbeit wurde für die Pilotfolge auf einen angesehenen DOP gesetzt: David Tattersall, der schon bei Filmen wie der jüngeren Star Wars Triologie (1999-2005) oder Die Another Day (2002) mitgewirkt hatte. Die restlichen Folgen filmte der hauptsächlich fürs Fernsehen arbeitende David Boyd. Dass mit TWD eine besonders hochwertige Sendung produziert werden sollte, lässt sich auch daran erkennen, dass auf 16mm Material gedreht wurde.

Auch die restliche Gestaltung ist aufwendig und hat wenig mit den Anfängen gering budgetierter Zombiefilme gemein. So wurde Gregory Nicotero als Special Effects Makeup Designer verpflichtet. Dieser hat schon an zahlreichen Zombie- und Horrorfilmproduktionen mitgewirkt, wie Romeros letzten vier ... of the Dead - Filmen (1985-2009), Hostel (2005), From Dust till Dawn (1996) oder Scream (1996). Diese Erfahrung sieht man der Serie an, da alle Zombies und Wunden nie ungewollt lächerlich, sondern erschreckend real wirken. Somit setzt sich die Serie bewusst von ihren klassischen Vorgängern ab, die mit solcher Komik spielten und wirkt ernster.

Qualität lässt sich nicht allein durch ein hohes Budget erzielen, dies kann aber äußerst hilfreich sein. So standen pro Folge 3,4 Millionen Dollar6 zur Verfügung, was enorm viel ist, wenn man bedenkt, dass hinter TWD kein großes Studio steht, sondern ganz allein AMC. Diese Investition hat sich auch in den Quoten ausgezahlt. So sahen in Amerika 5,345 Millionen7 Menschen die Pilotfolge, zwischendurch flauten die Quoten gewohnheitsgemäß ab, das Staffelfinale jedoch stieg wiederum auf 5,972 Millionen8 Zuschauer an. Und dies obwohl oder vielleicht gerade weil, die Serie sich eher lose an die Comicvorlage hält.

3. Dramaturgie und Narration der 1.Staffel TWD

3.1. Folge 1: Days Gone Bye

Am Beginn von The Walking Dead steht ein Prolog, in dem der Polizist Rick Grimes auf der Suche nach Benzin an eine Tankstelle kommt und ein kleines Zombiemädchen erschießt. Später in der Folge wird diese Vorschau geschlossen, da man den Protagonisten nochmals mit der Ölkanne den Highway entlang laufen sieht. Dieser Prolog, in dem der erste Zombie der Serie ausgerechnet ein kleines Mädchen in ihrem Schlafanzug ist und dem Zuschauer präsentiert wird, wie sie erschossen auf den Asphalt prallt, erinnert an Romeros The Night of the Living Dead, in welchem ebenfalls ein Zombiemädchen für Aufruhr in der Rezeption sorgte. Die Aufsicht auf ihren herab fallenden Körper ist ebenso ein Omen für Grimes Schicksal, der nur wenige Minuten später genauso angeschossen aus der Vogelperspektive - der konventionellen Kameraein- stellung für Verstorbene - zu sehen sein wird.

Nach der Titelsequenz, welche hauptsächlich Motive der ersten zwei Folgen beinhaltet, wird die Backstorywound („Sie soll das Verhalten einer Figur verständlich machen, soll sie motivieren.“)9 unseres Helden etabliert. Mit seinem Kollegen Shane Walsh spricht er über seine Frau Lori und die derzeitigen Differenzen, die ihm Sorgen bereiten. Am Morgen haben die beiden sich im Streit getrennt. Bei dem folgenden Einsatz wird Rick angeschossen und fällt ins Koma. Als er unbestimmte Zeit später wieder erwacht, befindet er sich im Krankenhaus und die Welt um ihn herum ist aus unbestimmten Gründen von Zombies bevölkert. Nun muss er seine Familie suchen, um seine Backstorywound zu überwinden indem er sich mit seiner Frau versöhnt.

Rick Grimes begibt sich auf eine klassische Heldenreise. Etwas hat die Harmonie seines bisherigen Lebens zerstört und er sucht nach einem Weg zurück in die Normalität. Man könnte meinen, dass mit dem Verlassen des Krankhauses die Exposition überwunden ist, denn: „Am Ende der Exposition soll der Konflikt, von dem die Geschichte handelt, etabliert sein. Der zweite Teil der Geschichte beschäftigt sich mit der Entwicklung des Konflikts, mit den Versuchen der Figuren, die Hindernisse auf dem Weg zu ihrem Ziel zu überwinden.“10 Allerdings ist es schwierig ein Serienformat in die dramaturgische Drei-Akt-Struktur aufzugliedern, da sich ihre Narration in einer ungewissen zeitlichen Dimension entfaltet. Genauso könnte man auch den kompletten Pilot als Exposition betrachten oder erst mit dem Konflikt ansetzen, wenn Rick auf die Gruppe Überlebender in Folge 2 trifft.

Der Weg und Überlebenskampf Rick Grimes’ ist jedoch die übergreifende Frage von TWD. Neben ihr werden weitere Frage-Antwort-Bögen aufgezeigt. Durch sie kann der Zuschauer gelegentlich die „übergeordnete Frage aus den Augen verlieren, weil er vollkommen von der Spannung beherrscht ist, die in kleineren Frage-Bögen erzeugt wird."11 So trifft der Protagonist auf einen Vater mit seinem Sohn. Die beiden helfen ihm mit seiner immer noch nicht ganz verheilten Schusswunde und klären ihn über die aktuelle Situation auf. Auch ihr Schicksal wird kurz beleuchtet: Die Mutter wurde zum Zombie und besucht nun Abend für Abend das Haus der Beiden.

[...]


1 Bishop, Kyle William (2010): American Zombie Gothic. The Rise and Fall (and Rise) of the Walking Dead in Popular Culture, S. 31.

2 vgl. Bishop 2010, S.13.

3 siehe Anhang.

4 Kirkman, Robert (2004): The Walking Dead 02. Miles Behind Us, Afterword.

5 Bishop 2010, S.206.

6 vgl. http://www.serienjunkies.de/news/serienbiz-aktuell-budgetkuerzung-walking-dead-33822.html

7 http://tvbythenumbers.zap2it.com/2010/11/02/sunday-cable-ratings-the-walking-dead-kills- boardwalk-empire-steady-swamp-people-dexter-ghost-hunters-live-much-more/70585/

8 vgl. http://tvbythenumbers.zap2it.com/2010/12/07/sunday-cable-ratings-the-walking-dead- boardwalk-empire-finales-rise-sarah-palins-alaska-dexter-the-hasslehoffs-more/74601/

9 Krützen, Michaela (2004): Dramaturgie des Films. Wie Hollywood erzählt, S.31.

10 Eder, Jens (1999): Dramaturgie des populären Films: Drehbuchpraxis und Filmtheorie, S.26.

11 Eder 1999, S.41.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656186762
ISBN (Buch)
9783656187578
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193234
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Filmwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Zombie the walking dead serie seriell narration untot apokalypse comic

Autor

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