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Tageszeitung und Internet - Wie der Onlinejournalismus im Internet zum Ende der Tageszeitung führen wird

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 69 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung, Vermutung, Methoden

2. Trendanalyse auf dem Tageszeitungsmarkt

3. Internet und Onlinejournalismus
3.1. Internetnutzung in Deutschland
3.2. Was ist Netzjournalismus – und was nicht?
3.3. Der Aufstieg des Onlinejournalismus

4. Von digitalen Ureinwohnern und digitalen Immigranten: Der moderne Mediennutzer und seine bevorzugten Medien
4.1. Die Präferenzen der digital natives

5. Bleibt das Refinanzierungsproblem

6. Resultat

7. Literatur

8. Anhang

1. Einleitung, Vermutung, Methoden

Vor einiger Zeit machte in den USA eine Schlagzeile die Runde. Weniger in den nationalen Tageszeitungen wohlgemerkt, da diese selbst zum behandelten Thema wurden, im Internet jedoch kursierte die Meldung auf allen mehr oder weniger wichtigen Plattformen: Der US-Wahlkampf hatte sich gerade seinem Ende geneigt, da veröffentlichte das amerikanische Pew Research Center eine Studie, welche untersuchen sollte, mittels welcher Kanäle die US-Bürger an ihre tagesaktuellen Informationen gelangen. Das Resultat war überwältigend und erschütternd zugleich: von einstmals 24% der US-Amerikaner, die im Vorjahr das Internet als Hauptnachrichtenquelle angesehen hatten, schnellte die Zahl derer, die sich vornehmlich im Web über das aktuelle Geschehen informieren auf 40% hinauf.[1] Sicherlich hat dieses lawinenartige Ergebnis viel mit der Art und Weise des 2008 in den USA geführten Wahlkampfes zu tun. Die vornehmlich internetbasierte Taktik des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers und die Publicity um sie herum, führte allem Anschein katalytisch dazu, dass mehr US-Bürger den Einstieg in die informativ-journalistischen Sphären des prinzipiell kommunikativ ausgerichteten Netzwerks gefunden haben.[2] Der Obama-Effekt hat so gesehen mit voller Wucht in die amerikanische Informationsgesellschaft eingeschlagen. Die Tageszeitung als Informationsmedium ersten Grades scheint vom Internet endgültig überholt worden zu sein – konkret um immerhin fünf Prozentpunkte. Und seitdem: der US-Zeitungsmarkt kollabiert. Gelder und Personalbestände werden geschröpft, hochrangige Journalisten, wie der Money -Chefredakteur Eric Schurenberg sehen sich zum Arbeitsplatzwechsel gezwungen[3] und Blogger wie Michael Hirschorn beschwören bereits sehr glaubwürdig das Print-Ende von so bedeutenden Tageszeitungen wie der New York Times in absehbarer Zeit.[4]

Die Krise, die Hirschorn beschwört ist dabei nicht einmal nur konjunkturell. Finanzkrise hin oder her, was den amerikanischen Printjournalismus im Würgegriff hält, ist ein grundlegender Struktur- und Wertewandel eines etablierten Mediensystems, welches bisher Informationen von professionellen Rechercheinstitutionen zu passiven Nutzern verlagerte. Dieses Konzept scheint durch das Internet allmählich zu zerbröseln und bietet neuen Formen der (journalistischen) Kommunikation Mittel und Wege, um ihre Sicht der Dinge entgegen eines strikt hierarchisch geordneten Arrangements zu verbreiten. Dass dies den klassischen Journalismus dann angreifen muss, wenn sich die neuen Formen großer Beliebtheit erfreuen und millionenfach rezipiert werden, ist nur selbstverständlich. Der US-Amerikanische Zeitungsmarkt bietet ein eindrucksvolles Bild dafür – und der deutsche in den kommenden Jahren womöglich auch.

Bereits jetzt ist hierzulande ein deutlich positiver Trend bei der Rezeption von Internetangeboten im Vergleich zur Tageszeitung zu verzeichnen. Ob Internet dabei mit Onlinejournalismus gleichgesetzt werden kann, ist eine Frage die es zu untersuchen gilt. Die Vermutung jedenfalls ist, dass auch in Deutschland das Internet massiv an Reichweitenzuwachs gegenüber den Tageszeitungen gewinnt – und der in ihm enthaltene Journalismus folglich ebenso. Dies dürfte auf lange Sicht und unter dem Licht strukturell bedingter Mehrwerte des WWW, wie minutengenaue Aktualität, Multimedialität, Kostengünstigkeit und Interaktivität gesehen, zu einer vollkommenen Auflösung der Tageszeitung führen. Und bereits jetzt: „Im Medienherbst 2008 streichen Verlage die [Print-]Redaktionen zusammen“, blickt Robin Meyer-Lucht, immerhin einer der angesehensten Experten zum deutschen (Online)-Zeitungsmarkt, auf das vergangene Jahr zurück: „Werbemärkte brechen weg, Insolvenzen werden nicht ausgeschlossen.“[5] Auch wenn sich viele Forscher also immer wieder beschwichtigend in die Arme des Rieplschen Gesetzes von 1913 werfen, welches besagt, dass wenn sich ein Medium einmal etabliert hat, es nie wieder ganz verschwindet[6] – im Falle der Tageszeitung, so die hier angenommene These, könnte der Gesetzesbruch bald vollzogen werden: der massive Mehrwert und der enorme Kostenvorteil für den Konsumenten in der Rezeption und für den Produzenten in der Herstellung, lässt eine andere Vermutung kaum zu. Und auch in der Realität wird man beinahe auf diese These gestoßen: „Schleichend haben sich die Großen des Internets zu echten Konkurrenten für die klassischen Medien gemausert: Google erzielt hierzulande bereits einen höheren Umsatz und erreicht täglich mehr 14-64-Jährige als RTL.“[7] Spiegel Online & Co. auf der anderen Seite erreichen bereits jetzt ein mehrfach größeres Publikum als ihre Printmütter.[8] Das diese finanziell letztlich weniger wert sind, als die Käufer der gedruckten Zeitungen ist Fakt, tut jedoch alles in allem wenig zur Sache, da das Resultat dasselbe bleibt: zugunsten des Internets und/oder Onlinejournalismus findet eine deutliche Verschiebung im rezipierten, journalistischen Spektrum statt.

Um diese Vermutung zu erhärten, soll in der folgenden Arbeit eine detaillierte Untersuchung der Mediennutzung in Deutschland vorgenommen werden. Hauptsächlich anhand von Daten der Informationsgesellschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V., kurz IVW,[9] des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger e. V., BDZV[10] sowie vom Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft e. V., ZAW,[11] sollen hierbei zunächst die Trends in der Tageszeitungsbranche ermittelt werden. Kern dieser Untersuchung ist die Frage, wie sich innerhalb der letzten Jahre seit der Etablierung des WWW im Vergleich zu dessen Vorepoche (1) die Auflagenzahlen und Verkaufszahlen, (2) die Reichweiten und (3) die Werbeumsätze der Tageszeitungsverlage entwickelt haben. Im Anschluss soll vom schwungvollen Aufstreben des Internets berichtet werden. Zentrale Studien der Allensbacher Markt- und Werbeträger- sowie Allensbacher Computer- und Technikanalyse, sollen aufzeigen, dass sich die Nutzung des Internets in einer kaum bei einem anderen Medium dagewesenen rasanten Entwicklungskurve nach oben bewegt. Da jedoch nicht alles Journalismus ist, was durch die Weiten des Netzes schwirrt, kann die Arbeit auf diesem Stand nicht stehen bleiben. Zusätzlich muss kurz und knapp definiert werden, was die greifbaren journalistischen Äste im Strom der digitalen Informationsflut sind. Anschließend muss man sich fragen, wer genau diese nutzt. Insbesondere die Betrachtung junger, mit den Neuen Medien aufwachsender Zielgruppen – der digital natives, wie sie Marc Prensky in einem Aufsatz von 2001 treffend benannt hat[12] – ist enorm wichtig für ein zukunftsweisendes Ergebnis. Da man davon ausgehen kann, dass die junge Generation von Medienrezipienten die einmal vollzogenen medienalltäglichen Habitualisierungen auch im Erwachsenenalter nicht ablegen werden, soll mit Hilfe von Studien, wie der vom Medienpädagogischen Forschungsverbund Südwest herausgegebenen JIM-Studie 2008 (Jugend, Information, (Multi-)Media)[13] ermittelt werden, was die Jugendlichen von heute informationstechnisch bewegt – und was nicht.

Bevor ein endgültiges Fazit gezogen werden kann, bleibt noch eine letzte Forschungsfrage bestehen. Schließlich bedingen nicht nur gesellschaftliche und rezeptionsbezogene Rahmungen den Durchbruch eines neuen Trägermediums für – in diesem Falle – journalistische Vermittlungsformen. Auch harte ökonomische Erwägungen spielen auf Anbieterseite eine nicht zu unterschätzende Rolle, da auch ein Billionenpublikum dem Produzenten keinen Nutzen bringt, wenn dieses nicht zahlt. Die Refinanzierungsfrage soll in einem vorletzten Punkt in den Raum gestellt werden und als Überleitung zum abschließenden Resultat führen.

2. Trendanalyse auf dem Tageszeitungsmarkt

Folgt man Niklas Luhmann, so sind unter einem Massenmedium diejenigen „Einrichtungen der Gesellschaft“ zu verstehen, „die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen. […] Entscheidend ist auf alle Fälle, dass keine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfänger stattfinden kann“[14] – konkretisiert kein zeitnaher und an denselben Kanal gebundener Kontakt. So definiert kann man also sagen, dass die Tageszeitung durchaus als Massenmedium betrachtet werden kann, das Internet per se jedoch nicht – zumindest nicht auf allen seinen Ebenen. Hierin kann man auch den größten Unterschied zwischen Onlinejournalismus und Tageszeitung erkennen. Es gibt jedoch auch viele Punkte, in denen sich beide Konzepte sehr ähneln.

Grundsätzlich kann man eine Tageszeitung als „eine in regelmäßiger Folge und in kurzen Zeitintervallen erscheinendes Pressezeugnis, welches aktuelle Beiträge über das Zeitgeschehen und zur Unterhaltung sowie private und gewerbliche Anzeigen beinhaltet und sich an eine breite Öffentlichkeit wendet“[15] beschreiben. Die wesentlichen Merkmale, um die es hier geht, sind damit zusammengefasst (1) Periodizität – wobei hier von einem täglichen Intervall ausgegangen werden soll –, (2) Universalität – wir sprechen also nicht über ein special interest -Genre –, (3) Aktualität, (4) Publizität und (5) Disponibilität.[16] Legt man der theoretischen Betrachtung von Journalismus in der Printpresse und im Internet also nicht die technikautonome Definition von Otto Grothe zugrunde, welche die Disponibilität aus dem besprochenen Raster herausnimmt,[17] so könnte man den Onlinejournalismus nicht als Tageszeitung bezeichnen. Statt Ortsunabhängigkeit ist der Nutzer der Webnews immer auf einen Zugang zum Internet angewiesen. Darüber hinaus herrschen im Netz eine Art Echtzeitaktualität/-aktualisierbarkeit, welche einen immensen Mehrwert des Onlinejournalismus gegenüber der Tageszeitung generiert, die prinzipielle Möglichkeit zu multimedialer Nutzung, Modularisierung und damit Ausgabenunabhängigkeit, Hypertextualität, Omnipräsenz von Wissen sowie Interaktivität. Dementsprechend können weder Spiegel, Stern & Co. als Tageszeitungen bezeichnet werden, da ihnen die tägliche Publikation fehlt, noch ihre Ableger im Internet. Jedoch scheinen gerade sie es zu sein, welche die Auflagen-, Verkaufs- und Werbemarktzahlen der traditionellen Tageszeitungen ins Straucheln bringen. Im Folgenden wollen wir uns daher zunächst die allgemeinen Trends im tagtäglichen Geschäft der Druckerzeugnisse anschauen.

Die letzten zwanzig Jahre waren von einer Vielzahl von politischen, ökonomischen sowie technischen Umwälzungen geprägt. Systeme brachen zusammen, die Verteilung von Wohlstand hat sich in der Bundesrepublik radikal verändert und neue Formen von Kommunikation und Information bestimmen unser Leben mehr denn je. Die Tageszeitung blieb von diesen Einschnitten nicht verschont. Bereits Mitte der 80er Jahre waren die Auflagenzahlen, folgt man einer Statistik der ARD-Forschungszeitschrift Media Perspektive von 2006, auf einem deutlich absteigendem Ast: wurden in den 50er und 60er Jahren noch weit über 1300 Ausgaben produziert, so waren es bereits 1985 nur noch 1255. Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik brachte ein zwischenzeitliches Hoch in diesem Sektor. Seit dem aber befinden sich die Auflagenzahlen quasi im freien Fall. Betrachten wir die reinen Ausgabenzahlen der Tageszeitungen in Deutschland, so muss man konstatieren, dass seit 1991 rund 10% weniger Exemplare gedruckt wurden – diese Tendenz läuft synchron mit dem zusammenschrumpfen der publizistischen Einheiten allgemein.[18]

Hinsichtlich der Verkaufszahlen sieht es noch düsterer aus. Während laut dem Verband Deutscher Papierfabriken e. V. zumindest der jährliche Verbrauch an Zeitungsdruckpapier auf einem einigermaßen stabilen Level rangiert,[19] geht selbst der BDZV davon aus, dass die verkauften Auflagen der deutschen Tagespresse rückläufig sind. Das zwischenzeitliche Hoch der frühen 90er Jahre, hat sich so z. B. wieder annährend auf das Niveau von 1985 gesenkt und ist mittlerweile auf einem Gesamtvolumen von 23,97 (BDZV)[20] bzw. 23,67 (IVW)[21] Millionen Exemplaren (einschließlich der Sonntagszeitungen) pro Tag angelangt. Ein Wert, der sogar noch unter dem historischen Vorwendeminus von 1989/90 liegt und gegenüber von 1991 einem Rückgang von fast einem Viertel entspricht.

Der Einwand mancher Autoren, wie Jochen Becker[22] und Wiebke Möhring,[23] dass Umsatzeinbrüche am Tageszeitungsmarkt vor allen Dingen die Region Ostdeutschland betreffen, sind dabei durchaus legitim und sinnvoll. In der Tat sind die Verluste im Osten drastisch – drastischer noch als in Westdeutschland. In der ARD-Studie zur lokalen Tagespresse in Deutschland stellen die Autoren beispielsweise allein im Zeitraum von 1996 bis 2006 einen doppelt so hohen Umsatzrückgang auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, als in den alten Bundesländern fest. Dabei waren die Aussichten kurz nach dem Mauerfall als einigermaßen blühend zu bezeichnen: der Beitritt Ostdeutschlands zum Erhebungsgebiet bescherte der Auflagenstatistik erhebliche Zuwächse, die 1991 auf einem Extrema landete. Seitdem aber verlor der ostdeutsche Tageszeitungsmarkt fast 3-5% seines Potenzials jährlich, was gegenüber den zwar moderaten aber stetigen Auflagenverlusten im Westen der Republik geradezu himmelweite Unterschiede sind: zwischen 1996 und 2006 – den Kernzeitraum des emporkommenden Internets also – musste der Westen so 14% seiner Auflagenzahlen betrauern. In den neuen Bundesländern waren es in derselben Zeitspanne 30%.[24]

Der Trend kann jedoch nicht nur mit der wirtschaftlichen Brachlage eines deutschen Mezzogiornos in der Osthälfte der Bundesrepublik erklärt werden – wäre beispielsweise ausschließlich die Abwanderung ostdeutscher Bevölkerung an dem Rückgang Schuld, so müssten diese Verlustzahlen letztlich als Positivum in der Weststatistik auftauchen. Die sinkenden Auflagenzahlen sind jedoch auch in den alten Bundesländern in gewaltigen Ausmaßen bittere Realität, was zusammen mit den seit über zwanzig Jahren kontinuierlich sinkenden Reichweitenzahlen einen generellen Trend nahelegt.[25] Es ist demzufolge zwar logisch, dass bei einem rapiden Abfall der Einwohnerzahlen in ostdeutschen Städten und einem messbaren Wohlstandsrückgang, kostenintensive Güter der täglichen Information günstigeren Alternativen weichen müssen, jedoch kann das nicht den gesamtdeutschen Flickenteppich in der bei Möhring/Stürzebecher betrachteten lokalen Presselandschaft erklären.[26] Während die Autoren das von Landkreis zu Landkreis sehr heterogene Nutzungsmuster von Tageszeitungen jedoch mit monopolistischen und polypolistischen Marktsituationen zu deuten versuchen, soll hier von einem allgemeinen Einstellungswandel ausgegangen werden, der in einem späteren Abschnitt weiter dargelegt werden soll.

Hinweise darauf liefern jedoch bereits die Erhebungsdaten des renommierten Instituts für Demoskopie in Allensbach. Folgt man der dort betriebenen Trendanalyse zur Mediennutzung, so fällt auf, dass die Tageszeitung im Bewusstsein der Menschen schlicht und ergreifend eine immer weniger große Rolle spielt. In der Rückschau der letzten 50 Jahre, konnten die Demoskopen der AWA kein Jahr mit einer solch geringen Reichweite der Tageszeitung ausmachen, wie 2008. Von einstmals über 80% Leserschaft an der deutschen Gesamtbevölkerung ab 14 Jahren Mitte bis Ende der 70er, sind acht Jahre nach der Jahrtausendwende nur noch 64,2% der Deutschen dazu bereit, sich mit der papierenen Information auseinanderzusetzen.[27] Ältere Menschen bilden dabei die Kerngruppe derer, die sich noch regelmäßig der Zeitungslektüre widmen. Rangieren die Nutzungszahlen jenseits der 60 Jahre bei einigermaßen stabilen 70% und bei der Gruppe der Überdreißigjährigen auf einem ebenso hohen aber tendenziell abfallenden Level, so verfolgt nicht einmal mehr die Hälfte der U30-Bevölkerung gewohnheitsmäßig das Zeitgeschehen in der Zeitung: aufgeschlüsselt nach Dekaden sind es bei den 14-bis 19-Jährigen 26,3% von einstmals 53,4% im Jahr 1980 und bei den 20- bis 29-Jährigen 29,4% gegenüber einem Mittelwert, der vor 30 Jahren noch bei 61,4% lag.[28]

Insbesondere der Reichweitenrückgang bei den so genannten digital natives, zeigt deutlich auf, dass die Tageszeitung mit einem massiven Kulturproblem zu kämpfen hat, bei dem ihr nicht nur der Wegfall bereits bestehender Nutzergruppen, sondern auch ein Nichterreichen der Leser von Morgen droht. Studien und nicht zuletzt die Generationenforschung von Karl Mannheim[29] haben ergeben, dass sich einmal ausgeprägte Habitus gerade in Bezug auf die Mediennutzung mit zunehmendem Alter nicht mehr verändern. Das im Anhang 7 beigefügte Verschiebungsschema von Renate Köcher, veranschaulicht diese Tatsache sehr gut: es gelang darin noch keiner einzigen Generation seit 1980 aus ihrem zum 30 Lebensjahr ausgeprägten Tageszeitungsnutzungshabitus auszubrechen. Hatte sich die Reichweite einer nach Dekaden geordneten Generationseinheit einmal auf einem Wert eingepegelt, so blieb er auf diesem bis ins hohe Alter bestehen.[30]

Wir halten also fest, dass die Tageszeitungsverlage einer gesellschaftlichen Umbruchsphase gegenüber stehen. Junge Leser laufen den periodischen Printmedien scharenweise davon und generieren somit auch gleich das nächste Problem. Der Markt einer Tageszeitung ist nämlich grundsätzlich dual geordnet. Auf der einen Seite bemüht sich der Verlag um hohe Verkaufszahlen für sein Blatt, auf der anderen wiederum verkauft er die somit erschaffene Aufmerksamkeit seiner Leser an die Meistbietenden in der Werbe- und Anzeigenbranche. Das Geschäft mit der Aufmerksamkeit ist dabei keinesfalls nur ein Nebenverdienst: betrachtet man sich die Gewinnbilanzen von Tageszeitungsverlagen, so fällt auf, dass sie in erster Linie auf dem Anzeigenmarkt ihr Täglichbrot verdienen. Durchschnittlich 61,6% der Umsätze werden ausschließlich durch Werbung generiert, was eine fatale Zwangslage für die Tageszeitung darstellt.[31] Mit einem sich abschwächenden Lesermarkt, gibt es schließlich weniger Aufmerksamkeit an die Werbewirtschaft zu verkaufen. Ergo: die Kunden auf dem Anzeigenmarkt bleiben weg und folgen dem Schwarm der Leser-, Hörer- oder Zuseherschaft in andere Mediengefilde. Augenblicklich scheinen diese im Internet zu liegen. Der Zuwachs des Onlinewerbemarktes befindet sich seit Jahren auf hohem Niveau und ist immer noch nicht an seinem Ende angelangt. Laut ZAW ist die Zuwachsrate bei der Werbung im Internet seit geraumer Zeit im zweistelligen Bereich (2006: 49,1%, 2007: 39,2%). Die Tageszeitung muss sich mit einem Wachstum von durchschnittlich 1% per annum begnügen, was bei einem Gesamtumsatzwachstum des Werbemarktes von lediglich 2% eine verschwindend geringe Zahl ist.[32] Trotzdem die Tageszeitung also immer noch mit stattlichen 4,56 Mill. Euro bzw. 22% den Platz 1 unter den Werbeträgern innehat, ist ihr Anteil am Werbemarkt seit einem knappen Jahrzehnt regelrecht im Sturzflug begriffen.[33] In den 90ern verlor die Tageszeitung beinahe 10% ihrer Anteile am Werbeumsatz bei einem insgesamt steigenden Marktpotenzial von über 30%.[34] Der derzeitige leichte Aufwärtstrend scheint daher vielmehr eine allgemein konjunkturell bedingte Erholungs- und/oder Stabilisierungsphase zu sein – insbesondere wenn man sich das Gesamtwachstum anschaut, an welchem digitale Werbeformate den weitaus größten Anteil halten.[35] Bei den derzeit bei den Onlinemedien wachsenden und bei den Tageszeitungen massiv sinkenden Reichweitenzahlen, ist insgesamt davon auszugehen, dass der Werbeumsatz der Tageszeitungen entweder auf dem jetzigen Level stagnieren und von anderen Werbeträgern eingeholt werden wird oder im Laufe der nächsten Jahrzehnte gänzlich abfällt. Sollte dieser Effekt eintreten, würde das fatale Folgen für den fragilen Dualmarkt der Tageszeitungen haben. Einmal in der Abwärtsspirale angekommen führt der Verlust auf dem einen Sektor zum Verlust auf dem anderen und umgekehrt. Sollte der Werbemarkt wirklich aufgrund von Nutzermigration wegbrechen, so wäre auch der letzte Kern des Lesermarktes heillos verloren, da die Verluste auf dem Werbemarkt unweigerlich auf den Käufer sowie zuungunsten der Qualität umgelegt werden müssten. Da die Tageszeitungen zu über 50% auf den Werbemarkt angewiesen sind, würde mit seinem Fehlen keine finanzielle Liquidität mehr bestehen, um die Kosten für qualitativ hochwertigen und damit nachgefragten Journalismus zu decken. Wie ein ins Trudeln geratenes Flugzeug würde die Institution Tageszeitung schlagartig vom Himmel fallen und zweifellos ein Loch im Boden unabhängiger Berichterstattung hinterlassen – ob der Onlinejournalismus dieses in Zukunft zu füllen weiß, wird die Zeit zeigen.

Noch scheint dieses Szenario – zumindest in Deutschland – nicht in Sichtweite.[36] Schaut man sich aber gerade das Mediennutzungsverhalten jugendlicher Zielgruppen sowie den enormen Kostenvorteil digitaler Medien an (es fallen keine Lager- oder Vertriebskosten an, Vervielfältigungskosten sind faktisch nicht existent), könnte sich das bereits mit dem nächsten Generationswechsel ändern. Gesellschaftlicher Wandel vollzieht sich eben nicht auf einen Schlag. Gerade innerhalb einer demografischen Struktur, in der die Alten immer mehr werden und nur verhältnismäßig geburtenschwache Jahrgänge nachwachsen[37] – sich die Bevölkerungspyramide also quasi umkehrt – lässt statistisch messbarer Wandel auf sich warten. Vermeintlich stabile Werte müssen daher immer mit Vorsicht genossen und insbesondere jüngere Jahrgänge in den Fokus genommen werden. Im Anschluss an eine Betrachtung des journalistischen Onlinespektrums soll dies in Angriff genommen werden.

3. Internet und Onlinejournalismus

3.1. Internetnutzung in Deutschland

Das momentan größte Konkurrenzangebot zur Tageszeitung ist im Internet zu finden. War das WWW zunächst nur ein diffuses und nur bedingt verknüpftes System von Informationsfetzen, so hat es sich innerhalb der letzten zehn Jahre zu einem hochgradig vernetzten Medium entwickelt, in welchem Bits und Bytes zielgerichtet gesucht und gefunden werden können. Neben der zunehmenden Systematisierung der Netzinformation durch Hypertext und Suchmaschinen, ist in besonderem Maße aber auch die Einführung der breitbandigen Flatrate zu für eine Großzahl von Nutzern erschwinglichen Preisen, für den zunehmenden Konsum von Information im Internet verantwortlich: seit dem sie sich als ökonomisches Konzept auf dem Markt etabliert hat, ist es dem Kunden möglich die Gesamtheit der Informationsflut in multimedialen Perspektiven auf sich wirken zu lassen. Ungefähr die Hälfte der Bundesbürger nutzte bereits 2006 die preisgünstigen Pauschaltarife.[38] 70% sind zufolge der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF) – einem freien Forschungsverband der führenden Online-Vermarkter in Deutschland – heute schon per DSL-Breitbandanschluss im Internet.[39] 86% aller Onliner bezahlen dabei in Form einer Flatrate.[40] Betrachtet man die Internetnutzung allgemein, fällt weiterhin auf, dass die Zahl der Deutschen mit Webanschluss stetig auf hohem Niveau steigt. Laut der jüngsten AWA-Studie hat sich die Nutzerzahl der Bevölkerung ab 14 Jahren allein in der letzten Dekade versechsfacht, was heute einer prozentualen Webbeteiligung der Deutschen von 60% entspricht.[41] Je weiter man die Nutzungsgruppe dabei von alt nach jung nach Kohorten einschränkt, desto mehr steigt der Beteiligungsgrad am Internet. Grenzt man Senioren über 64 Jahren aus, so erhält man für die berufstätige Bevölkerung bereits einen Wert, der sich über drei Viertel befindet (76%).[42] Bei den Jugendlichen und Twens liegt die Internetnutzung nachweislich bei 86%.[43] Nur die Gruppe der derzeit Heranwachsenden Digitalureinwohner im Alter von 14 bis 19 Jahren stellt diese ohnehin schon hohe Ziffer weit in den Schatten. Während die Tageszeitung laut JIM-Studie hier drastisch niedrige Werte erzielt (nur 59% der Jugendlichen haben überhaupt die Gelegenheit innerhalb des Familienhaushaltes eine abonnierte Tageszeitung zu konsumieren, was jedoch noch lange nicht heißen soll, dass sie dies auch tun: nur 43% blättern nach eigener Aussage regelmäßig in den periodischen Printmedien und gerade einmal 29% haben diese Betätigung zu einer täglichen Gewohnheit habitualisiert), haben 96% dieser Jahrgänge Zugriff zum Internet, von denen 62% das Anschlusskabel täglich und 22% mehrmals pro Woche in Anspruch nehmen – man kann hier quasi von Vollversorgung und einer regelmäßigen Nutzung zu 84% sprechen.[44]

Parallel zur generellen Nutzung des Internets steigen jedoch auch Intensität und genutzter digitaler Informationsfluss. Während sich die Übertragungszeiten auf der einen Seite in den letzten Jahren deutlich minimiert haben (Information also nicht erst minutenlang geladen werden muss und so das Ergebnis einer Nutzungsbefragung beeinflussen könnte) und das digitale Informationswirrwarr mit Hilfe der Systematisierung von Suchmaschinen, wie Google, auf der anderen Seite zu einer effizienteren Ordnungsstruktur umgebaut wurde, steigen Frequenz und Dauer der Onlinespaziergänge hochgradig. So gingen im Jahr 2008 59% der Internetnutzer täglich online, immerhin 28% mehrmals in der Woche und 13% wöchentlich einmal.[45]

Die Verweildauer auf der Datenautobahn pro Nutzungseinheit steigt dabei ständig. Hielten sich 2002 nur 8% der berufstätigen Internetnutzer länger als zwei Stunden während einer Onlinesession im Netz auf, so sind es heute bereits 15%. Die größte Gruppe bilden mittlerweile mit 36% Personen, die sich nach jedem Einwählen ein bis zwei Stunden in der digitalen Netzwelt bewegen. Dies ist ein absolutes Novum zu den Vorjahren und löst die halb- bis einstündige Verweildauer als Spitzenreiter ab.[46] Insgesamt passt dieses Ergebnis zum allgemeinen Trend und wird auch von anderen Quellen, wie der ARD/ZDF-Online-Studie von 2007 verifiziert.[47]

Fakt ist, dass heutzutage wesentlich mehr Information in digitaler Form über das Internet konsumiert wird. Obwohl sich der Informationsfluss durch verbesserte Technik auch ohne steigende Nutzerzahlen, Nutzungshäufigkeiten und Nutzungsdauern bereits erheblich erhöht hätte (und hat), ist aus den vorliegenden Studien herauszulesen, dass sich diese Zunahme noch einmal durch die zwei Intensitätsfaktoren Frequenz und Verweildauer multiplizieren lässt. Dass diese Tatsache unweigerlich auch Konsequenzen für die Tageszeitungsverlage haben muss, ist nur logisch. Allein die an PC und im Internet aufgewendete Mediennutzungsdauer schöpft ein erhebliches Zeitpotenzial von den anderen Medien, wie der Tageszeitung ab.[48] Daraus ergibt sich, dass allein schon das Internet als reiner Informations- und Kommunikationskanal die Tageszeitungsverlage finanziell schwer ins Wanken bringt – sowohl auf dem Werbe-, als auch auf dem Nutzermarkt. Insbesondere jüngere Zielgruppen scheinen die Online-Mehrwerte zunehmend attraktiver zu finden: Charakteristiken, wie Multimedialität, Interaktivität, Hypertextualität, Aktualität/Aktualisierbarkeit, Kapazität und die Möglichkeit seinen präzisen Bedarf zielgesteuert decken zu können, scheinen überdurchschnittlich starke Einflussfaktoren zu sein. In einer sich im Makrotrend bereits zunehmend individualisierenden Gesellschaft mit sich zunehmend ausdifferenzierenden Lebenswelten,[49] scheint das Internet für eine nicht unbedeutende Zahl von Menschen schlicht und ergreifend die probatere Medienform geworden zu sein. Denn „statt eine so genannte nationale Qualitätszeitung zu abonnieren oder die täglichen Abendnachrichten einzuschalten“, tendieren wir eher dazu „nach Nachrichten und Informationen, zu Themen die nur für uns ganz persönlich interessant sind, online [zu suchen].“[50]

3.2. Was ist Netzjournalismus – und was nicht?

Klar vom Gesamtangebot des Internets zu unterscheiden ist das in ihm enthaltene spezifische journalistische Angebot selber. Computer und Internet leben in ihrer Wesenhaftigkeit nämlich geradezu von Konvergenz, was heißen soll, dass hierin ein Großteil aller anderen technischen Medien und ihrer Inhalte nicht nur simuliert, sondern emuliert werden kann. Sowohl Empfangsgeräte, als auch Darstellungs-, Vermittlungsweisen und Mediengattungen wachsen zunehmend auf dem Nährboden des Internets zusammen und bilden hierbei nicht nur eine multimediale Mixtur,[51] sondern ebenso ein Gemisch unterschiedlicher Medienformen, Kanäle und Produkte, die ihre Nutzer im Sinne der typischen Rundfunkstruktur sowie in Form von one-to-one - oder Netzwerkkommunikation erreichen können. Informationswege sind so in ein und demselben Makromedium pyramidial, baumartig verästelt, rundfunkend, klassisch dialogisch oder netzartig und innerhalb dieser Kommunikationsmerkmale wandlungsfähig strukturiert.[52]

Aus diesem Grund muss man einen ganz klaren Strich zwischen dem Internet als übergeordneter Systemeinheit und Onlinejournalismus als Subunternehmen in ihm ziehen, so man letztgenanntes mit dem journalistischen Charakter der Tageszeitung ins Verhältnis setzen möchte. Dezidiert publizistische Inhalte machen nämlich alles in allem lediglich ein Viertel der WWW-Gesamtheit aus, werden aber deshalb nicht auch unbedingt zu einem Viertel genutzt.[53] Bevor dieser Punkt genauer vertieft werden soll, ist es unabdingbar zunächst den hier zu verwendenden Begriff Onlinejournalismus ein wenig genauer zu definieren.

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass sich der Onlinejournalismus einen Großteil seiner Merkmale mit seinem klassischen Pendant teilt. Er soll vermittelt durch Medien, welche sich als Einrichtungen zur Umformung unwahrscheinlicher in wahrscheinliche Kommunikation verstehen,[54] sicherstellen, dass eine gesellschaftsweite Kommunikationsgrundlage entsteht. Hierfür führt er als im Regelfall unabhängig verstandener Beobachter eine tagtägliche Berichterstattung zu Themen, die er für politisch und gesellschaftlich relevant hält. Auf diese Weise ist Journalismus in der Lage Akzente und vor allem Agenden zu setzen, welche späterhin auf breiter Ebene diskutiert werden. Diese Aufgabe begründet die Charakteristik des Journalismus als vierte Gewalt im Staate: als neutral kontrollierender Beobachter und agenda setter.

Als solche werden ihm zumeist die typischen Attribute des Informationsjournalismus zugrunde gelegt, welche sich im Wesentlichen über Objektivität, Verifizierbarkeit von Fakten, Unabhängigkeit und Aktualität definieren. Zwar gibt es noch eine Vielzahl weiterer Journalismusansätze, wie der auf sozialwissenschaftlichen Grundlagen basierende Präzisionsjournalismus, der investigative Journalismus, der am deutlichsten mit Bob Woodwards Recherchen zur Watergate-Affäre Mitte der 70er Jahre an die Öffentlichkeit trat sowie der Gonzo-Journalismus eines Tom Wolfe oder Hunter S. Thompson.[55] Auf breiter Basis aber hat sich der Informationsjournalismus spätestens mit der Auflösung der klassischen Milieuschichtung der Gesellschaft zum Ausgang des 19. Jahrhunderts durchgesetzt und sich bis heute gehalten, wie die von den Media Perspektiven 2005 in Auftrag gegebene Umfrage unter den deutschen Journalisten zeigte.[56] Die Nachrichtenproduktion für ein möglichst breites Publikum musste seit dem allmählichen Zersplittern der großen weltanschaulichen Blöcke in immer kleinere Fragmente allein schon aus ökonomischen Gründen gewissen Normen der Neutralität entsprechen, wodurch letztlich auch die Mär der lückenlosen Objektivität entstand. Journalismus hatte ab nun nicht mehr die Funktion die Gesellschaftsschichten zu polarisieren, sondern vielmehr als Bindemittel zu dienen. Er sollte und soll jedem möglichst wertfrei den Gesprächsstoff in den Mund legen, über den im Staat – sowohl in Parlament, als auch auf der Straße – gesprochen wird und legt somit das Fundament für Volksidentität und ein „kollektives Gedächtnis.“[57] So definiert ist Journalismus eine „professionelle Fremdbeobachtung der verschiedenen Gesellschaftsbereiche, [welche] Themen für die öffentliche Kommunikation zur Verfügung stellen [will], die neu und relevant sind und die auf Tatsachenerfahrungen beruhen.“[58]

Dass Objektivität eher als ein idealtypisches Konzept, denn als Realität angesehen werden muss, kann kaum bestritten werden. Zwar möchte der Informationsjournalismus Realität wertfrei dokumentieren und ganz im Stile der russischen Kinoglaz -Theorie Dziga Vertovs Wirklichkeit so unbetastet, wie nur möglich abbilden, jedoch scheitert er ganz dem sowjetischen Filmemacher gleich schon zwangsläufig am Punkt der Relevanzsetzung. „Wir mischen uns niemals in das Leben ein“, schrieb Vertov 1924 in einem Aufsatz zur Kinoki -Bewegung. „Wir nehmen Fakten auf, organisieren sie und bringen sie über die Filmleinwand in das Bewusstsein der Arbeitenden.“[59] Die Organisation von Fakten kann allerdings bereits eine sehr folgenreiche Einflussnahme sein – beispielsweise wenn Themen gänzlich von der gesellschaftlichen Diskussion ferngehalten und andere besonders hervorgehoben werden. Die Relevanzkriterien, mit denen der Informationsjournalist seine Themen auswählt, folgt zwar in unserer heutigen Gesellschaft in erster Linie ganz klaren finanziellen Interessen – Vertov zu seiner Zeit musste dagegen berücksichtigen, welches Jargon und welche Motive im frühen stalinistischen Sowjetrussland en vogue waren –, ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Journalisten im herkömmlichen, neuzeitlichen Sinne zu Agenda-Kontrolleuren, kurzum zu den von David Manning White Anfang der 50er Jahre beschriebenen Gatekeepern geworden sind:[60] „in other words, [they] control the gates through which content is released to their audience.“[61]

Die neuen Onlinemedien bringen dieses System aus vorgeschobener Objektivität, vertrauensgebundener Faktizität und Gatekeeping auf vielfältige Weise zum Schwanken. Früher undenkbare Dimensionen von Speicher- und Sendekapazitäten haben dazu geführt, dass mittlerweile jeder als aktiver Kommunikator im Netz auftreten kann. Die Informationsflut, welche daraus entsteht, ist beinahe kaum überblickbar, geschweige denn pauschal mit dem klassischen Journalismus zu beschreiben. Die Formen journalistischer, quasi-journalistischer und para-journalistischer Kommunikation sind regelrecht flächendeckend aus dem Boden geschossen und nötigen dazu, erst einmal auszusortieren, was überhaupt als Netzjournalismus gelten darf.

Das Internet stellt grundsätzlich ganz besondere Anforderungen aber auch Möglichkeiten an den Journalismus. Kriterien, wie Konvergenz/Multimedialität, Hypertextualität, Individualität und Interaktivität sind die wesentlichen Determinanten, welche das klassische Konzept von der Internetversion trennen. Dass sich Journalismus dadurch zwangsläufig verändert, macht Sinn: nehmen wir beispielsweise das hypertextuelle Geflecht, welches im Netz vorherrscht. Zwar bewegt sich der Journalismus auch in ihm als ein Veröffentlichungsinstrument gesellschaftlich relevanter, non-fiktionaler Aussagen auf Basis aktueller Ereignisse durch einen unabhängigen Dritten,[62]

[...]


[1] Vgl. The Pew Research Center for the People & the Press: Internet Overtakes Newspapers As News Outlet, 23. Dezember 2008, in: http://people-press.org/reports/pdf/479.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009

[2] Mehr zum US-Internet-Wahlkampf in: Moorstedt, Tobias: Jeffersons Erben, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008

[3] Vgl. Pitzke, Marc: Auf dem Altpapierhaufen der Geschichte, in: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,590402,00.html, Zugriff: 12. Januar 2009

[4] Vgl. Hirschorn, Michael: End Times, in: The Atlantic, Januar/Februar 2009, http://www.theatlantic.com/doc/200901/new-york-times, 12. Januar 2009

[5] Meyer-Lucht, Robin: Neue Freiheit – Medienkrise 2.0, in: Freitag – die Ost-West-Wochenzeitung, Vol. 49, 04.12.2008, www.freitag.de/2008/49/08490601.php, Zugriff: 12. Januar 2009

[6] Vgl. Riepl, Wolfgang: Das Nachrichtenwesen des Altertums: mit besonderer Rücksicht auf die Römer, Georg Olms, Hildesheim 1972, S. 5

[7] Meyer-Lucht, Robin: Neue Freiheit – Medienkrise 2.0

[8] Vgl. IVW: http://ivwonline.de/ausweisung2/search/ausweisung.php und http://www.ivw.de/index.php?menuid=37, Zugriff: 24. Januar 2009

[9] Vgl. IVW: http://www.ivw.de, Zugriff: 12. Januar 2009

[10] Vgl. BDZV: http://www.bdzv.de, Zugriff: 12. Januar 2009

[11] Vgl. ZAW: http://www.zaw.de, Zugriff: 12. Januar 2009

[12] Vgl. Prensky, Marc: Digital Natives, Digital Immigrants, in: http://www.marcprensky.com/writing/Prensky%20-%20Digital%20Natives,%20Digital%20Immigrants%20-%20Part1.pdf und http://www.marcprensky.com/writing/Prensky%20-%20Digital%20Natives,%20Digital%20Immigrants%20-%20Part2.pdf, Zugriff: 27. Januar 2009

[13] Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2008 – Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger, Stuttgart 2008, in: http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdf08/JIM-Studie_2008.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009

[14] Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien, Westdeutscher Verlag, Opladen 1996, S. 11

[15] Hackenschuh, Katrin/Döbler, Thomas/Scherk, Michael: Der Tageszeitungsverlag im digitalen Wettbewerb – Geschäftsmodelle für das Online-Angebot, Schriften zur Medienwissenschaft und zum Medienmanagement, Bd. 7, Nomos, Baden-Baden 2004, S. 34

[16] Vgl. u. a. ebd., S. 34

[17] Vgl. Grothe, Otto: Die unerkannte Kulturmacht: Das Wesen des Werkes, de Gruyter, Berlin 1960, S. 122 f.

[18] Vgl. Schütz, Walter J.: Deutsche Tagespresse 2006, Media Perspektiven 11/2007, in: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/11-2007_Schuetz_Deutsche_Tagespresse.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 561, S. Anhang 1

[19] Vgl. Verband Deutscher Papierfabriken, in: BDZV: http://www.bdzv.de/schaubilder+M5182fa2d129.html, Zugriff: 12. Januar 2009

[20] Vgl. BDZV: http://www.bdzv.de/schaubilder+M56e8d5d307c.html, Zugriff: 12. Januar 2009, S. Anhang 2

[21] Vgl. IVW: http://www.ivw.de/index.php?menuid=37&reporeid=10#tageszeitungen, Zugriff: 12. Januar 2009, S. Anhang 3

[22] Vgl. Becker, Jochen: Auswirkungen des Internets auf die deutsche Medienlandschaft aus sich einer überregionalen Tageszeitung, in: Oberender, Peter (Hg.): Wettbewerb in der Internetökonomie, Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Duncker & Humbolt, Berlin 2003, S. 81-88

[23] Vgl. Möhring, Wiebke/Stürzebecher, Dieter: Lokale Tagespresse: Publizistischer Wettbewerb stärkt Zeitungen, Media Perspektiven 02/2008, in: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/02-2008_Moehring.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 91-101

[24] Vgl. Ebd., S. 91

[25] Vgl. Köcher, Renate: Konsum und Mediennutzung in der multioptionalen Gesellschaft, AWA 2006, Institut für Demoskopie Allensbach, in: www.awa-online.de/praesentationen/awa06_medien.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 12 S. Anhang 4

[26] Vgl. Möhring, Wiebke/Stürzebecher, Dieter: Lokale Tagespresse: Publizistischer Wettbewerb stärkt Zeitungen, S. 96 u. a.

[27] Vgl. Schneller, Johannes: Mediennutzung gestern – heute – morgen, AWA 2008, Institut für Demoskopie Allensbach, in: www.awa-online.de/praesentationen/awa08_Mediennutzung.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 13, S. Anhang 5

[28] Vgl. Köcher, Renate: Die junge Generation als Vorhut gesellschaftlicher Veränderung, AWA 2008, Institut für Demoskopie Allensbach, in: www.awa-online.de/praesentationen/awa08_Junge_Generation.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 20, S. Anhang 6

[29] Mannheim, Karl: Das Problem der Generationen, in: Kölner Viertelsjahresschrift für Soziologie: Zeitschrift des Forschungsinstituts für Sozialwissenschaften in Köln, 7. Jg., Leipzig 1928, S. 157-185 und S. 309-330

[30] Vgl. Köcher, Renate: Die junge Generation als Vorhut gesellschaftlicher Veränderung, AWA 2008, S. 21, S. Anhang 7

[31] Vgl. Hackenschuh, Katrin/Döbler, Thomas/Scherk, Michael: Der Tageszeitungsverlag im digitalen Wettbewerb – Geschäftsmodelle für das Online-Angebot, S. 38

[32] Vgl. ZAW: Werbung in Deutschland 2008, in: http://www.zaw.de/doc/Netto-Werbeeinnahmen_2007.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. Anhang 8; Die erhobenen Zahlen von Nielsen Media Research werden an dieser Stelle absichtlich nicht betrachtet, da erst vor Kurzem auf neue Erhebungsmuster für den Onlinebereich umgestellt wurde, was einen Vergleich per annum, als auch zu anderen Werbeträgern wenig sinnvoll erscheinen lässt.

[33] Vgl. BDZV: http://www.bdzv.de/schaubilder+M58f854461cd.html, Zugriff: 12. Januar 2009, S. Anhang 9

[34] Vgl. Hackenschuh, Katrin/Döbler, Thomas/Scherk, Michael: Der Tageszeitungsverlag im digitalen Wettbewerb – Geschäftsmodelle für das Online-Angebot, S. 41

[35] Vgl. BDZV: http://www.bdzv.de/schaubilder+M5865a7c2216.html, Zugriff: 12. Januar 2009, S. Anhang 10

[36] In den USA sorgen dagegen seit Jahren die Studien des Pew Research Centers mit rapide fallenden Auflagen- und Werbezahlen bei den Tageszeitungen für Aufsehen. Mittlerweile können sich viele der großen amerikanischen Zeitungen nur noch mit Gewinnumverteilungen und Anteilsverkäufen für die nächsten Jahre finanziell über Wasser halten. Ein Zukunftsmodell ist das jedoch nicht. Grundlegende Strukturveränderungen sind folglich unumgänglich und werden wohl aller Voraussicht im nächsten Jahrzehnt in die Weiten des WWW führen. Exemplarisch S. The Pew Research Center for the People & the Press: Key News Audience Now Blend Online and Traditional Sources, 17. August 2008, in: http://people-press.org/reports/pdf/444.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 3 ff.

[37] Vgl. Statistisches Bundesamt Deutschland: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Bevoelkerung/VorausberechnungBevoelkerung/InteraktiveDarstellung/Content75/Bevoelkerungspyramide1W1,templateId=renderSVG.psml, Zugriff: 20. Januar 2009

[38] Vgl. Gerhards, Maria/Klinger, Walter: Mediennutzung in der Zukunft, Media Perspektiven 06/2007, in: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/06-2007_Gerhards.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 297

[39] AGOF: internet facts 2008-III, Dezember 2008, in: http://www.agof.de/if-2008-iii-teil-1-online.download.a3bd99d7e495bc3e2b3cc0a38f55021d.pdf, Zugriff: 21. Januar 2009, S. 13

[40] Vgl. Fisch, Martin/Gescheidle, Christoph: Technische Ausstattung der Onliner in Deutschland, Media Perspektiven 07/2008, in: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/Fisch_I.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 345 f.

[41] Vgl. Schneller, Johannes: Mediennutzung gestern – heute – morgen, AWA 2008, S. 25, Anhang 11

[42] Vgl. Köcher, Renate: Veränderungen der Informations- und Kommunikationskultur, ACTA 2008, Institut für Demoskopie Allensbach, in: www.acta-online/praesentationen/acta_2008/acta_2008_Information#90EDC.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 2, S. Anhang 12

[43] Vgl. Schneller, Johannes: Mediennutzung gestern – heute – morgen, AWA 2008, S. 25, S. Anhang 11

[44] Vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest: JIM-Studie 2008, S. 8 und 12, S. Anhänge 13 und 14

[45] Vgl. Köcher, Renate: Veränderungen der Informations- und Kommunikationskultur, S. 3, S. Anhang 15

[46] Vgl. ebd., S. 5, S. Anhang 16

[47] Vgl. Gerhards, Maria/Klinger, Walter: Mediennutzung in der Zukunft

[48] Laut Nielsen Media Research hielten sich die deutschen Bundesbürger so z. B. allein im Januar 2009 beinahe 40 Stunden am PC auf. Ein so hoher zeitlicher Aufwand muss konsequenterweise zu Lasten gerade der Medien gehen, welche zunehmend geringere Reichweiten erzielen. Vgl. Nielsen Media Research: Web Usage Data – Germany January 2009, in: http://www.nielsen-online.com/reports.jsp?section=pub_reports_intl&report=usage&period=monthly&panel_type=1&country=Germany, Zugriff: 11. Februar 2009

[49] Vgl. u. a. Quiring, Oliver/Rauscher, Barbara: Individualisierung von Medienangeboten – ökonomisches Potenzial versus gesellschaftliche Bedrohung?, in: Friedrichsen, Mike/Mühl-Benninghaus, Wolfgang/Schweiger, Wolfgang (Hg.): Neue Technik, neue Medien, neue Gesellschaft? Ökonomische Herausforderungen der Online-Kommunikation, Verlag Reinhard Fischer, Internet Research Bd. 27, München 2007, S. 341 ff.

[50] Deuze, Mark: Media Work, Polity Press, Cambridge 2007, S. 8

[51] Vgl. Pickhaus, Klaus/Schwemmle, Michael: Wächst zusammen, was zusammen gehört? Konvergenzen und Allianzen im Multimedia-Sektor, in: WSI-Mitteilungen, Nr. 3/1997, 50. Jg., S. 177

[52] Vgl. Flusser, Vilém: Kommunikologie, Fischer, Frankfurt am Main 2000, S. 16 ff.

[53] Vgl. Möhring, Wiebke/Stürzebecher, Dieter: Lokale Tagespresse: Publizistischer Wettbewerb stärkt Zeitungen, S. 345

[54] Vgl. Luhmann, Niklas: Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation, in: ders.: Aufsätze und Reden, Reclam, Stuttgart 2001, S. 81

[55] Vgl. Weischenberg, Siegfried: Journalistik. Medienkommunikation: Theorie und Praxis. Bd. 2, Opladen, 1995, S. 115

[56] Vgl. Weischenberger, Sigfried/Malik, Maja/Scholl, Armin: Journalismus in Deutschland 2005, Media Perspektiven 7/2006, in: http://www.media-perspektiven.de/uploads/tx_mppublications/07-2006_Weischenberg.pdf, Zugriff: 12. Januar 2009, S. 360

[57] Vgl. Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Luchterhand, Berlin 1966

[58] Weischenberg, Siegfried/Malik, Maja/Scholl, Armin: Journalismus in Deutschland 2005, S. 346

[59] Vertov, Dziga: Kinoglaz, in: Albersmeier, Franz-Josef: Texte zur Theorie des Films, Reclam, Stuttgart 1995, S. 40

[60] Vgl. White, David Manning: The Gatekeeper: A Case Study in the Selection of News, Journalism Quarterly 75 (4), 1950, S. 383-390

[61] Bruns, Axel: Gatewatching – Collaborative Online News Production, Peter Lang, New York 2005, S. 11

[62] Vgl. Quandt, Thorsten: Online-Journalismus, in: Weischenberger, Siegfried/Kleinsteuber, Hans/Pörksen, Bernhard (Hg.): Handbuch Journalismus und Medien, VVK, Konstanz 2005, S. 337

Details

Seiten
69
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656190226
ISBN (Buch)
9783656191957
Dateigröße
1.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193201
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Tageszeitung Onlinejournalismus Journalismus Spiegel Online Online Internet Internetjournalismus zeitung Zeitungsmarkt Wirtschaft Fernsehen Nachrichten Nachrichtensites Nachrichtenseiten Riepl News Onlinenews Newschannel Pew Netz Medien Medienwissenschaft Netzmedien Netzzeitung

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Titel: Tageszeitung und Internet - Wie der Onlinejournalismus im Internet zum Ende der Tageszeitung führen wird