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Zusammenhänge zwischen Einkommen und Beschäftigungsdauer vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer im selben Arbeitsverhältnis

Seminararbeit 2012 24 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Theoretische Grundlagen und Hypothese

Aufbau der Untersuchung und Datensatzaufbereitung

Ereignisdatenanalyse: Empirische Analyse und Ergebnisse
- Deskriptive Ergebnisse
– Multivariate Ergebnisse
– Interaktionseffekte

Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Arbeit und Arbeiten sind in modernen Gesellschaften zutiefst positiv besetzte Begriffe und nehmen hier eine zentrale Stellung ein. Arbeit ist in den Industrieländern, so schreibt Erich Ribolits, ein selbstverständliches „Geländer“, an dem entlang sich das Leben der Bevölkerung organisiert; das gesamte gesellschaftliche Dasein sei quasi um die Erwerbsarbeit angeordnet (vgl. Ribolits 1997, S. 27).

In heutigen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften ist es üblich geworden, Arbeit primär nach ihrem Preis, also dem durch sie erzielbaren monetären Einkommen, zu bewerten; außerdem wird die soziale Stellung der Menschen in diesen Ländern in erster Linie von Erwerbsarbeit und Erwerbseinkommen bestimmt (vgl. z.B. Hacket 2012, S. 507). Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Themenfeld Arbeit weitläufig breite Aufmerksamkeit genießt. Wolfgang Engler verbindet die Logik der heutigen Arbeitsgesellschaft sogar mit der Frage „was bleibt vom 'Menschen' wenn man die 'Arbeit' von ihm abzieht?“ (Engler 2005, S. 153).

Etwa neun von zehn arbeitenden Menschen in der BRD sind Arbeitnehmer, Lohnarbeit macht hierzulande ca. 90% aller Erwerbstätigkeit aus (vgl. Bonß 2006, S. 56). Das Erwerbsleben der Arbeitnehmer ist allerdings, genau wie die Wirtschaft selbst, im Laufe der Zeit Wandel und Umbrüchen unterworfen.

In ihrer neuen Publikation „Divided We Stand“ macht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) beispielsweise auf drastisch wachsende Einkom- mensunterschiede sowie einen erheblichen Anstieg in der Lohnungleichheit - auch in Deutschland - aufmerksam. Besonders Globalisierung und Arbeitsmarktreformen beein- flussten Lohnungleichheit und Beschäftigung innerhalb der Staaten der sog. Ersten Welt (vgl. OECD 2011). In den letzten Jahrzehnten lassen sich zunehmend Entwicklungen in Richtung einer Prekarisierung von Arbeit, Liberalisierung der Märkte und Transformation klassischer Arbeitsverhältnisse feststellen. Von diesen Prozessen sind jedoch nicht alle Arbeitnehmer gleich stark betroffen.

Eine Folge der aktuellen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt ist, dass ein Großteil der Ar- beitnehmer häufiger als früher die Stelle wechselt. Damit verbunden müssen viele von ihnen sich auch öfter neu orientieren, denn sie haben nicht mehr die Möglichkeit, ihr ganzes Leben in den Berufen bzw. Berufsfeldern zu arbeiten, für die sie ursprünglich ausgebildet wurden oder in denen ihr Arbeitsleben begonnen hat. Die Bedingungen des heutigen flexiblen Kapi- talismus befördern nach Richard Sennett für arbeitende Menschen „eine Erfahrung, die in der Zeit, von Ort zu Ort und von Tätigkeit zu Tätigkeit driftet“ (Sennett 2010, S. 31). Sennett vergleicht diese Jobwechsel mit dem Umtopfen bei einer wachsenden Zimmerpflanze; die In- stabilität moderner Organisationen zwänge die Arbeitskräfte zum „Umtopfen“ ihrer Arbeit (vgl. ebd., S. 105). Dies wird zusätzlich dadurch begünstigt, dass der Einzelne heute in seiner Ausbildung weniger kontextabhängig ist, als z.B. noch zu Zeiten des Fordismus. Die Kultur der modernen Wirtschaft ist, so Sennett, von Unlesbarkeit geprägt. Oft gäbe es „keine Pfade mehr, denen die Menschen in ihrem Berufsleben folgen können“ (Sennett 2010, S. 203).

In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob und inwieweit Zusam- menhänge zwischen Einkommen und Beschäftigungsdauer (im selben Arbeitsverhältnis) vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer (Männer und Frauen) in der BRD bestehen. Untersucht wird, ob unterdurchschnittlicher Verdienst bei Vollzeitarbeit einen schnelleren Jobwechsel wahrscheinlich macht. Zunächst erfolgt dazu eine knapp gehaltene Auseinandersetzung mit der für die Fragestellung relevantesten Punkte in der Literatur, danach die Beschreibung ei- ner von mir durchgeführten Ereignisdatenanalyse und die Darstellung von Ergebnissen. Die abschließende Schlussbetrachtung enthält eine Zusammenfassung mit einem Fazit.

Das Verhältnis von Lohnhöhe und Beschäftigungszeit im selben Job scheint hierzulande zumindest statistisch bislang wenig untersucht worden zu sein. In einer mittlerweise einge- stellten Veröffentlichungsreihe des Statistischen Bundesamts, „Bevölkerung und Erwerbstä- tigkeit - Entgelte und Beschäftigungsdauer der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten“, wurde zwar die Höhe der beitragspflichtigen Bruttojahreslöhne nach Wirtschaftsabteilungen (sowie Alter, Geschlecht, etc.) in der Bundesrepublik dargestellt, allerdings nicht in Bezie- hung zur Beschäftigungsdauer an sich gesetzt (vgl. Statistisches Bundesamt 2001).

In der Literatur dagegen finden sich zahlreiche Hinweise darauf, dass niedrigeres Erwerb- seinkommen auch mit der Wahrscheinlichkeit verbunden ist, schneller den Arbeitsplatz zu wechseln.

Theoretische Grundlagen und Hypothese

„Vollzeit, unbefristet, fest angestellt - das ist das typische Normalarbeitsverhältnis.“ (Zumbeck 2005, S. 9). Dieses beinhaltet auch Sozialversicherung, ein geregeltes Entgelt und langfristig sichere Rahmenbedingungen hinsichtlich des Arbeitgebers, des Arbeitsortes und der Arbeitstätigkeit. Heute ist Arbeit in der BRD deutlich weniger örtlich, zeitlich, strukturell und inhaltlich fixiert als z.B. noch in den 80er Jahren. Das Modell der fordistisch-tayloristi- schen Normalarbeit ist in der Auflösung begriffen. Flexibilisierungs- und Entgrenzungspro- zesse sorgen mehr und mehr für eine Vielfalt unterschiedlicher Erwerbslagen, es kommt nach und nach zu einer „Entstandardisierung der Beschäftigung“ (Kratzer / Sauer 2003, Hacket 2012).

Eine Ursache dafür liegt in der Tatsache, dass der regierungsseitig betriebene Keynesia- nismus aufgrund fallender Profitraten etwa ab den 80ern allmählich durch den sog. Neolibe- ralismus abgelöst worden ist (vgl. z.B. Roth 1999, S. 387). Auswirkungen zeigen sich sowohl an Erwerbsverläufen en gros als auch im Arbeitsleben des Einzelnen selbst. „Von Arbeitneh- mern wird immer stärker verlangt, sich angepasst zu verhalten, kurzfristige Veränderungen zu akzeptieren, Risiken einzugehen und sich von gesellschaftlichen Regelungen und Gewohnheiten (wie z. B. Feiertage, arbeitsfreier Sonntag, 40-Stunden Woche) zu lösen; kurz: offen für 'Bewegung' zu sein, die die modernen Märkte augenscheinlich erfordern.“ (Petzold 2009, S. 6).

Insbesondere die befristete Beschäftigung wird inzwischen als Beschäftigungsvariante kaum noch angezweifelt, sondern zunehmend als gängige Praxis akzeptiert (vgl. Zumbeck 2005, S. 13). Laut Statistischem Bundesamt hat die Zahl befristeter Arbeitsverträge in den vergan- genen zwei Jahrzehnten erheblich zugenommen. Über ein Drittel davon sind Einjahresver- träge. Das Phänomen der Befristung verteilt sich dabei ungleichgewichtig auf einzelne Bran- chen und betrifft vorrangig jüngere Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Besonders zahl- reich finden sich befristete Jobs im Dienstleistungsbereich, beispielsweise bei Wach- und Sicherheitsdiensten und im Gebäudereinigungsgewerbe, sowie in Handel und Gastgewerbe. Interessant ist, dass im Kredit- und Versicherungssektor die wenigsten befristetet Beschäf- tigten arbeiten (vgl. Grau 2010, www.destatis.de). Gerade hier sind die durchschnittlichen Bruttomonatseinkommen vergleichsweise sehr hoch.

Auch die Leiharbeit, die in Deutschland erst seit Anfang der 70er Jahre erlaubt ist, ist konti- nuierlich angewachsen und ausgebaut worden; rechtliche Regelungen zum Schutz von Leih- arbeitnehmern wurden im Zuge einer Politik der Liberalisierung der Märkte ab 1985 schritt- weise gelockert oder zum Teil ganz abgeschafft. Im Bereich der Personalvermittlung und -überlassung sind befristete Beschäftigungsverhältnisse ebenfalls weit verbreitet (vgl. ebd.).

Etliche Arbeitgeber nutzen nicht nur die Möglichkeit befristeter Arbeitsverträge, sondern formulieren vermehrt die „Forderung nach einer „sachgrundlosen befristeten Beschäftigung“, weil heute schon oft „von Anfang an kein arbeitgeberseitiges Integrationsinteresse“ mehr besteht (Zumbeck 2005, S. 15). Stellte das sogenannte Normalarbeitsverhältnis im Kern ein Tauschgeschäft von produktiver Arbeitsleistung gegen Entgelt und gleichermaßen Beschäfti- gungssicherheit dar, so ist ein Wandel zu beobachten, hin zu Arrangements, die einen Handel mit beruflichen Kenntnissen und Fähigkeiten zum aktuellen Marktwert implizieren - dadurch nehmen die Anreize für längerfristige Bindungen zwischen Arbeitgebern und Arbeit- nehmern ab (vgl. Hacket 2012, S. 507). Eine Folge sind häufigere Jobwechsel. In steigender Zahl ersetzen in vielen Branchen Jobs - der Definition nach eher Arbeitsverhältnisse ohne längerfristige Perspektive - Karrieren; lineare Zeitverläufe werden hierbei durch serielle Zeit- einheiten ersetzt, in denen das Vergangene und insbesondere die fernere Zukunft keine wesentliche Rolle mehr spielen (vgl. z.B. Sennett 2010). Denn auch innerhalb von Unter- nehmen werden Arbeitsprozesse vermehrt als Satz zeitlich begrenzter Aufgaben und Projekte organisiert (vgl. ebd.).

Dazu kommt, dass zum einen die Reallöhne in der BRD seit vielen Jahren sinken, zum anderen der soziale Zwang zu arbeiten durch politische Maßnahmen stetig erhöht wurde. Die inflationsbereinigten Reallöhne für Vollzeitbeschäftigte im Privatsektor sind nach Angaben des Global Wage Report der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) 2010/11 allein zwischen den Jahren 2000 und 2010 um 4,5% gesunken - ein Rekord im internatio- nalen Vergleich (vgl. ILO 2010, S. 3f.). Gleichzeitig hat sich über die Jahre als Folge überwie- gend marktorientierter Arbeitspolitik ein beachtlicher Niedriglohnsektor entwickelt, dessen Ausmaß im negativen Sinne vorbildlich ist (vgl. u.a. Kenworthy 2011, Kap. 5, S. 3ff.). Der Dachverband der Unternehmer (DIHK) forderte passend dazu im Januar 2006, es müsse in Deutschland „selbstverständlich und zumutbar werden, Jobs zu Stundenlöhnen von zum Beispiel drei oder vier Euro anzunehmen“. (Jäger / Thomé 2008, S. V).

Nach Angaben des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen hat sich im Zeitraum zwischen 1995 und 2008 der Anteil der Niedriglohnbeschäftigten in Deutschland von 14,7 Prozent auf 20,7 Prozent erhöht. (vgl. Kalina / Weinkopf 2010, www.iaq.uni-due.de). Als Niedriglohn wurde ein Stundenlohn von unter zwei Dritteln des mitt- leren Stundenlohns in Ost- und Westdeutschland definiert. Geringer Qualifizierte, ausländi- sche Arbeitnehmer und junge Beschäftigte erhalten vergleichsweise öfter einen Niedriglohn; die Forscher betonen dennoch, „...dass sich Niedriglöhne nicht auf atypische Beschäftigte oder besondere Personengruppen konzentrieren. Vielmehr ist mit qualifizierten Beschäf- tigten, den mittleren Altersgruppen, Vollzeit- und unbefristet Beschäftigten zunehmend auch der Kern des Beschäftigungssystems betroffen.“ (ebd.). So seien mittlerweile vier von fünf Niedriglohnbeschäftigten in der BRD formal qualifiziert (abgeschlosssene Berufsausbildung oder akdemischer Abschluss); dies sei ein auch im internationalen Vergleich extrem hoher Wert (vgl. ebd). Es ist davon auszugehen, dass gut ausgebildete Arbeitnehmer, die nicht ihrer Qualifikation entsprechend eingesetzt und / oder bezahlt werden, über kurz oder lang einen Jobwechsel anstreben - aktuelle wissenschaftliche Studien lassen sich dementspre- chend interpretieren (z.B. Hacket 2012).

Lane Kenworthy, der in seinem 2011 erschienen Werk „Progress for the Poor“ entspre- chende Entwicklungen im globalen Zusammenhang und über einen noch längeren Zeitraum darstellt, erkennt ebenfalls „significant increases in low-wage employment in [...] Germany“ (Kenworthy 2011, Kap. 5, S. 5). Es gibt insgesamt deutliche Hinweise darauf, dass das Lohn- spektrum in der Bundesrepublik nach unten ausfranst; Stundenlöhne von unter 6 Euro brutto, wie sie derzeit rund 11% der Niedriglohnbeschäftigten in der BRD erhalten (vgl. Kalina / Weinkopf 2010, www.iaq.uni-due.de), zwingen viele der Betroffen, auch bei Vollzeitbeschäfti- gung zusätzlich aufstockende Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen. „In nicht unerhebli- chem Ausmaß übernimmt der Staat [...] eine Ausfallbürgschaft für Niedrigstlöhne, weil das Einkommen eben nicht zur Deckung des Existenzminimums ausreicht.“ (ebd.). Befristet Beschäftigte sind nachweislich deutlich überproportional von Niedriglöhnen betroffen. Im Vergleich zu 1995 ist das Niedriglohnrisiko nach Thorsten Kalina und Claudia Weinkopf bei den unter 25-Jährigen, den Ausländer/innen und den befristet Beschäftigten prozentual besonders stark gestiegen (vgl. ebd.).

Der Anteil an gering vergüteten Arbeitsstellen ist also in der BRD - bei insgesamt sinkenden Reallöhnen - seit Jahrzehnten kontinierlich angestiegen, genauso wie die Anzahl der befristetet Beschäftigten; damit einher ging die Demontage bestimmter Arbeitnehmerrechte. Grund für diese Prozesse: weil das einst erkämpfte Niveau von Löhnen und Sozialleistungen die einzelwirtschaftlichen Profitraten drückte, reagierten Unternehmen und Staat fast zwangsläufig mit Senkungen, Einschnitten und Abbau (vgl. Roth 1999, S. 388).

Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, Arbeitnehmer, die in mehrerer Hinsicht Risiken und ungünstigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind (wie z.B. durch Niedriglohn und befristeten Arbeitsvertrag), sind eher unzufrieden bzw. entwickeln keine emotionale Bindung zu ihrem Arbeitsplatz (vgl. Sennett 2010) - auch dadurch erhöht sich arbeitnehmerseitig die Bereitschaft zum Stellenwechsel.

Seit Gründung der Europäischen Union 1992 durch den Vertrag von Maastricht wurden soziale Sicherungsmechanismen immer häufiger als problematisch für den internationalen Wettbewerb dargestellt und zum Hemmnis für den Wirtschaftsstandort Deutschland erklärt.

Mehrere Reformen zur Verschlankung von Sozialstaat und sozialen Sicherungssystemen, die auf eine zunehmend liberalere Form des Wohlfahrtsstaates abzielten, mündeten 2005 mit dem vierten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt („Hartz IV“) in der größten Kürzung von Sozialleistungen seit 1949 (vgl. Lessenich 2008, S. 89). Was diese Reformpolitik für Arbeitnehmer bedeutet, formulieren Frank Jäger und Harald Thomé in klaren Worten; sie setzt „...Beschäftigte massiv unter Druck, zu niedrigeren Löhnen länger und unter schlechteren Arbeitsbedingungen zu arbeiten.“ (Jäger / Thomé 2008, S. V).

Gerade dafür, dass Niedrigeinkommen hierzulande gegenwärtig immer weniger vom Bildungshintergrund abhängig zu sein scheinen, könnten, so Kalina und Weinkopf, „...auch die Arbeitsmarktreformen eine Rolle spielen, die den Druck, eine gering bezahlte Tätigkeit anzunehmen, auch für gut Qualifizierte erhöht haben“ (Kalina / Weinkopf 2010, www.iaq.uni- due.de). Einen gewissen psychologischen Stellenwert hat daneben der durch die Politik geformte Begriff von Arbeit als natürliche Bürgerpflicht; die „moralische Dominanz der Arbeitspflicht“ (Petzold 2009, S. 77) dient darüber hinaus noch als wichtige Legitimation für die Beschneidung individueller Rechtsansprüche von Sozialleistungsbeziehern ebenso wie von Arbeitnehmern.

Bislang wurde dargelegt, dass niedriger vergütete Arbeitstellen in der Bundesrepublik prozentual zunehmen, verhältnismäßig häufig befristet sind und nicht zwangsläufig unqualifi- zierte Arbeitnehmer betreffen. Meine Hypothese ist nun, dass niedriger entlohnte (Vollzeit-)Beschäftigungsverhältnisse mehrheitlich von kürzerer Dauer sind, als solche mit durchschnittlicher, annähernd durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Entlohnung. Diese Annahme basiert zum einen auf der Tatsache, dass die „hire and fire“ - Mentalität bei Arbeitsstellen, die unterdurchschnittlich vergütet werden, in der BRD stärker ausgeprägt ist (was schon anhand des überproportionalen Vorhandenseins von Befristungen erkennbar wird). Arbeitnehmer sind hier im Normalfall leichter zu ersetzen und zudem in der Regel we- niger gut geschützt, z.B. durch gewerkschaftliche Organisation, die in den vorwiegend betrof- fenen Branchen (wie Einzelhandel oder Gastgewerbe) nur gering vorhanden ist. Zum anderen bieten niedriger entlohnte Arbeitsstellen insgesamt weniger attraktive Bedin- gungen für Beschäftigte, so dass auch deren Motivation, in einem solchen Beschäftigungs- verhältnis zu verbleiben, geringer ist, als bei besser bezahlten Arbeitnehmern. Gerade höher Qualifizierte nehmen zwar zum Teil in ihrer Berufseinstiegsphase (oder auch vorübergehend) weniger attraktive Arbeitsbedingungen, Niedriglöhne und atypische Beschäftigungsformen hin, streben aber mittelfristig eine berufliche Verbesserung an und erreichen diese in der Mehrheit auch irgendwann (vgl. u.a. Hacket 2012, S. 518ff.).

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Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656181781
ISBN (Buch)
9783656182511
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193189
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Schlagworte
zusammenhänge einkommen beschäftigungsdauer arbeitnehmer arbeitsverhältnis

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Titel: Zusammenhänge zwischen Einkommen und Beschäftigungsdauer vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer im selben Arbeitsverhältnis