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Die Medialität des deutschen Fußballs - Spieltagzerstückelung, Markenbildung, Totalvermarktung

Eine Prognose über die Entwicklung des Volkssports Nummer eins hinsichtlich seiner Medialität und seiner Vermarktung mit Rücksicht auf die Faninteressen und das internationale Wettgeschäft

Seminararbeit 2012 29 Seiten

Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing, Social Media

Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Part I – Kommerzialisierung und TV-Vermarktung
2.1 Die Entwicklung des Fußballs
2.1.1 Der Amateurfußball bis 1963
2.1.2 Der Fußball als Berufsfeld
2.1.2.1 Die Einführung der Fußballbundesliga in der BRD
2.1.2.2 BSG, Dynamo, Vorwärts – die Profivereine in der DDR
2.2 Kommerzialisierung des Volkssportes
2.2.1 Zahnbürsten, Taschentücher, Wecker – Aushängeschilder der Traditionsclubs?
2.2.2 Zerstückelung des Spieltages
2.2.2.1 Freitag, Samstag, Sonntag, Montag – Profifußball in Deutschland
2.2.2.2 Die Idee eines Bundesliga-Senders
2.2.2.3 Medieninteresse, Nutzbarkeit der neuen Medien und das Medium Fußball
2.2.3 Die FC Bayern München GmbH – Trennung von Verein und Profiabteilung
2.2.4 Diese Ecke wird präsentiert von den Magdeburger Stadtwerken
2.2.5 1. FC Union Berlin und Athletico Bilbao – Gallische Dörfer im Profifußball

3. Part II – Das internationale Wettgeschäft
3.1 Robert Hoyzer – Nur die Spitze des Eisberges
3.2 Live-Wetten, Wetten auf Eckbälle, Fußball rund um die Uhr – die Perversion des Wettgeschäfts
3.3 Brustsponsor bwin? Deutschland und das staatliche Wettmonopol

4. Part III – Wahnsinn Fußball – Eine Branche vor dem Ruin?

5. Zusätzliche Betrachtungsmöglichkeiten

6. Fazit

1. Einleitung:

Ganz Fußballdeutschland debattiert derzeit über die Forderungen der Ultras. Sollte Pyrotechnik legalisiert werden oder etwa lieber nicht? Und wenn ja, in welchem Umfang? Kontrollierte Abbrennräume, Ultrablöcke? Die Deutsche Fußballliga (DFL) gibt sich nach außen hin gesprächsbereit, doch ist intern längst klar, dass die Gespräche nur Schein sind. Um die Öffentlichkeit auf ihre Seite zu ziehen, veröffentlicht die DFL geschönte Umfragen (Vgl. textilvergehen 2012) und die Presse nimmt dies bereitwillig entgegen, passen die Nachrichten doch zu den ständigen Berichten über zunehmende Fangewalt. Was jedoch weder die DFL noch die Medien und auch nicht die Logenbesitzer in den teuren Arenen zu bemerken scheinen, ist für engagierte Fans in den letzten Jahren zur Qual geworden. Die Fankultur wird immer mehr zerstört. Stadionnamen werden verkauft, immer größere Arenen gebaut, die für Fußball ungeeignet sind, Stehplätze werden wegrationalisiert und die Preise immer weiter erhöht. Die Zerstückelung des Spieltags hat zur Folge, dass immer weniger Fans problemlos auswärts fahren können, da sowohl Freitag- als auch Montagabend-Spiele nicht so leicht besucht werden können, wie Samstagsbegegnungen. (Berliner Kurier 2012b)Stadionverbote werden zu häufig willkürlich erteilt und die Unschuldsvermutung unseres Rechtsstaates wird ausgehebelt (textilvergehen 2012b). Guantanamo in klein – nur für Fußballfans eben.

All diese Entwicklungen haben zur Folge, dass immer größere Teile der Fankultur verschwinden und die so genannten ‚Sitzklatscher‘ in den Stadien Oberhand gewinnen. Bestes Beispiel dafür ist der Retortenverein TSG 1899 Hoffenheim. Noch Mitte des vergangenen Jahrzehnts spielte dieser Verein in der Regionalliga vor 2000 Fans - wenn ein Spitzenspiel anstand. Schon im Jahr 2009 spielte Hoffenheim in der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena, die über 30.000 Zuschauern Platz bietet und meist gut gefüllt ist. Sogar eine Ultra-Gruppe hat dieser Verein, der allen Manifesten des Ultratums widerspricht, plötzlich. Zwei Jahre später musste Trainer Holger Stanislawski, zuvor quasi sein ganzes Leben bei St.Pauli tätig, allerdings feststellen, dass dieser Verein zwar professionelle Bedingungen biete, allerdings keine echte Fankultur vorhanden sei.

„Die Unberechenbarkeit und Unzuverlässigkeit der Spieler zermürbt den akribischen Arbeiter immer mehr, noch verstörender sind für Stanislawski allerdings die in den Heimspielen stets frühzeitig einsetzenden Pfeifkonzerte des häufig hochnäsig wirkenden Publikums.

Sogar die Trainerkollegen haben schon Mitleid mit Stanislawski. "Markus Babbel kam nach dem Spiel zu mir und hat gesagt, das hat er noch in keinem Stadion Deutschlands erlebt. Du kannst nicht dagegenwirken. Wir wollen, können und dürfen keinem das Pfeifen verbieten. Aber wenn in der Phase gepfiffen wird, wo wir das Spiel klar kontrollieren, ist das schon eine hohe Kunst", sagte er, nachdem beim 1:1 gegen Hertha BSC Berlin einmal mehr schlechte Stimmung in der Rhein-Neckar-Arena herrschte.“ (fussball.de 2011)

Tradition lässt sich halt nicht ersetzen und Fankultur ist nicht planbar. Gentrifikation in Klein, im Raum des Fußballs.

Aufgrund dieser sich immer weiter zuspitzenden Widersprüche zwischen etablierter Fankultur, Traditionsvereinen, Retortenclubs wie der TSG 1899 Hoffenheim oder dem VfL Wolfsburg und der medialen Ausschlachtung des Fußball auf verschiedensten Kanälen, möchte ich auf den nächsten 21 Seiten analysieren, wie sich der Fußball im Laufe seiner Geschichte veränderte, heutzutage als Werbeträger genutzt wird, sich aber auch selbst als profitable Marke etabliert und wie dieses mediale Ausweiden des deutschen Volkssports Nummer Eins den aktiven Fans zuwider ist.

Abschließend versuche ich zu beurteilen, wie sich diese Problematik weiter entwickeln wird und ob es überhaupt noch die Möglichkeit gibt, sich dem ökonomischen Wahnsinn zu widersetzen und einfach wieder eins zu sein : Ein Verein für Leibesübungen (VfL), ein Verein für Bewegungsspiele (VfB), ein Sportverein (SV) oder einfach nur ein Fußballclub (FC), auf jeden Fall aber ein eingetragener Verein (e.V.)!

2. Part I – Kommerzialisierung und TV-Vermarktung

Welchen Anteil haben Sie an der unbefriedigenden Entwicklung?

Ich habe meine Aufsichtspflicht vernachlässigt. Die hatte ich zwar offiziell nicht. Ich hätte sie aber doch wahrnehmen sollen, denn es war ja mein Geld.“ (Dietmar Hopp in fussball.de 2012d)

„Die relativ niedrigen Summen scheinen die ersten Auswirkungen des von der Europäischen Fußball-Union ( UEFA ) auf den Weg gebrachten Financial Fair Play zu sein. So hat die Premier League insgesamt "nur" 42 Millionen Euro ausgegeben, im vergangenen Winter waren es noch über 200 Millionen. Damit liegen die englischen Klubs sogar hinter der Bundesliga.

Hoch verschuldete Premier League denkt um

Die deutschen Vereine haben rund 48 Millionen Euro investiert. Die teilweise hochverschuldeten englischen Klubs fügen sich offenbar dem Willen der UEFA und denken um. Schließlich dürfen die Vereine zukünftig nicht mehr Geld ausgeben als sie einnehmen. Die Bilanzen werden erstmals 2013 geprüft.“ (fussball.de 2012g über die Transferausgaben der Proficlubs im Winter 2012)

Diese beiden einleitenden Zitate zeigen, wieso es zu einer dermaßen extremen Kommerzialisierung und flächendeckenden Vermarktung des Fußballs kam. Wenn im Winter, also mitten in der Saison zum Nachbessern allein in der englischen Premier League, die 20 Vereine umfasst, zeitweise 200 Mio. Euro nur für Transfers ausgegeben wurden, pro Verein als 10 Mio., im Sommer dann dementsprechend noch höhere Summen, können diese solche Ausgaben nur durch unglaubliche Hohe Einnahmen kompensieren. Wie David Nix in seiner Diplomarbeit Fußallvereine als Wirtschaftsunternehmen zeigt, gibt es allerdings für Fußballvereine nur beschränkte Möglichkeiten, Fremdkapitel zu generieren. Dies geht entweder über Investoren, die dann allerdings auch Mitspracherecht und Gewinn erwarten oder über Sponsoring und TV-Vermarktung. Da sich die Ausgabenspirale immer weiter dreht, musste sich auch die Vermarktung zuspitzen, was unter anderem zu einer Zerstückelung des Spieltages führte. Ein anderer Nebeneffekt ist jener, dass Kunstprodukte wie Hoffenheim dank finanzstarker Investoren, wie Dietmar Hopp, sich in der Bundesliga etablieren konnten, allerdings zum Preis der vollkommenen Identitätslosigkeit.

2.1 Die Entwicklung des Fußballs

Der Fußballsport kommt ursprünglich aus England, zumindest was seine moderne Form betrifft, wo 1863 die englische FA gegründet wurde. (Vgl. Nix 2010:19)

Der Fußball war der Sport der Arbeiterklasse in England“ (Vgl. Serdar Somuncu)

Es handelt sich also durchaus um einen traditionsreichen Sport, auch wenn er nicht mit dem Turnen oder gar dem Ringen verglichen werden kann. Als er 1885 dank Konrad Koch (Vgl. Nix 2010:19)nach Deutschland überschwappte, hatten es dir ersten Fußballer noch schwer akzeptiert zu werden und ihr Hobby überhaupt ausleben zu dürfen, da das Kicken als etwas unwürdiges angesehen wurde, der deutsche Sport nun einmal das Turnen war. Der Fußball dagegen war eine elitäre Sportart

des Bildungs- und Wirtschaftsbürgertums“ (Nix 2010: 20),

gegenwärtig kaum vorstellbar, da er doch heutzutage als Proletensport gilt. Dass sich die Rolle als elitärer Außenseitersport relativ schnell ändern sollte, konnten sich die damaligen Sportfunktionäre kaum ausmalen. Doch politische Reformen, welche mehr Freizeit für die Arbeiter sicherten, sorgten dafür, dass der Fußball seinen Platz in allen Schichten finden konnte, (Vgl. Nix 2010: 23) und deshalb noch heute manchmal den Ruf des Proletariat-Sportes inne hat.

Heute ist Fußball nicht nur die Sportart Nummer eins in Deutschland, sie ist sogar weltweit am beliebtesten. Der DFB ist der größte Nationale Sportverband der Welt und die Fußball-Weltmeisterschaften neben den Olympischen Spielen wohl das am meisten beachtete multinationale Sportevent. Dass mit Fußball allerdings richtig viel Geld zu verdienen ist, es zu einem Markt wird und die Stars Millionen verdienen, das war lange Zeit nicht abzusehen. Doch hat dies auch Schattenseiten, denn

Unter Uli Hoeneß setzte eine Professionalisierung ein […] Die kleinen Vereine gehen alle samt kaputt, einer nach dem anderen“ (Vgl. Will 2012)

2.1.1 Der Amateurfußball bis 1963

Der Fußball wurde in Deutschland von Jugendlichen begründet, die ihn in ihrer Freizeit über ein funktionierendes Vereinswesen betreiben wollten. Dabei war von Anfang an klar, dass es sich um Amateursport handelte. Um dies allerdings zu manifestieren und einen Missbrauch vorzubeugen, wurde

das Amateurideal als Leitmotiv des DFB“ (Nix 2010: 22)

ausgerufen.

Laut David Nix lag der Amateurstatus der Fußballspieler und –Aktionäre in der Folgezeit vor allem darin begründet, dass Amateurverbände unter die Steuerfreiheit fielen. Mit ethischen Grundsätzen hatte dieser Status also schon nach wenigen Jahrzehnten nicht mehr allzu viel zu tun.

Trotz etlicher Reformen blieb der Amateurstatus des Fußballs in der BRD dennoch bis 1963 bestehen, in der DDR offiziell gar bis zur Wende.

2.1.2 Der Fußball als Berufsfeld

Dies hatte zur Folge, dass auf der einen Seite immer wieder talentierte Fußballer die Töppen an den Nagel hängen mussten, was weder für die Fußballnationalmannschaft, die trotz des Wunder von Berns 1954 nicht zu den stärksten Europas zählte, welche bezeichnenderweise kommunistische geprägte Verbände wie die der UdSSR, der CSSR oder der Ungarn waren, gegen die die DFB-Elf im Finale in Bern sensationell gewann, noch für die Qualität der innerdeutschen Vereinsspiele, welche seit einigen Jahrzehnten Zuschauermagneten darstellten. Auf der anderen Seite waren de facto aber schon in den 1930er Jahren viele offizielle Amateurspieler eigentliche Profispieler. (Vgl. Nix 2010: 24)

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es dann in Deutschland zu einer zunehmenden Professionalisierung, folglich wurde der Vertragsspieler-Status eingeführt. Dieser hatte zur Folge, dass Spieler bis zu 320 Mark verdienen durften, so viel wie ein Facharbeiter, und damit schon nahezu als Profis bezeichnet werden konnten, auch wenn sie es offiziell weiterhin nicht waren. (Vgl. Nix 2010: 25)Reich werden konnte man mit dem Beruf Fußballer dennoch nicht gerade.

Um die Vereinbarkeit zwischen Arbeit und Leistungsfußball sichern zu können, aber auch um die Fadenscheinigkeit des Amateurfußballs zu beenden, war deshalb die Gründung der Fußball-Bundesliga unausweichlich.

2.1.2.1 Die Einführung der Fußballbundesliga in der BRD

Als 1963 die Bundesliga durch den DFB gegründet wurde, welche den Berufsfußballer als Lizenzspieler offiziell einführte, wurde festgelegt, dass bei der Gründung aus jeder Stadt maximal eine Mannschaft vertreten sein sollte. Deshalb zählten, aus heutiger Sicht unvorstellbar, die Kicker des FC Bayern München nicht zu den Gründungsmitgliedern. Der damals deutlich größere TSV 1860 München startete als Münchner Vertretung in der Bundesliga. Seither gab es ein munteres auf und ab, einzig und allein der Hamburger Sportverein startete bisher in jeder Saison in Liga 1. Bis zur Wende gab es des Weiteren die politische Besonderheit, dass immer eine Mannschaft aus West-Berlin in der Bundesliga vertreten sein musste. Hier zeigt sich, welchen Stellenwert des Fußball schon in den 60er, 70er und 80er Jahren in der Bevölkerung und in den Medien hatte. Der Einfluss muss so hoch gewesen sein, dass politische Motive zu solch einem Eingriff in das Sportrecht führten. So ist auch erklärbar, warum die Amateurkicker von Tasmania Berlin die schlechteste Bundesliga-Saison aller Zeiten spielten. (Vgl. Doktor Fußball 2008) Nach Hertha BSCs Abstieg im Jahre 1965 wurde die Mannschaft aus dem Urlaub geholt und in die Bundesliga zwangsversetzt, ohne sportlich dafür gewappnet zu sein.

2.1.2.2 BSG, Dynamo, Vorwärts – die Profivereine in der DDR

In der Deutschen Demokratischen Republik war das Fußballwesen dagegen gänzlich anders organisiert, als im Profibereich des DFB. Vergleichbar war allerdings die politische Bedeutung. So war es das größte für den DDR-Fußball, dass die DDR-Nationalmannschaft 1974 in der BRD gegen das DFB-Team gewann. Bis zur Wende und selbst nach der Widervereinigung wurde diesem Moment als Jürgen Sparwasser Sepp Maier umdribbelte und den Ball in die Maschen schob, gehuldigt. Man hatte den Klassenfeind auf eigenem Grund besiegt. Dass dieser dann Fußballweltmeister wurde, während das DDR-Team doch nur durchschnittlich abschnitt, interessierte in der Folgezeit wohl niemanden im Osten.

Die in dieser Anekdote deutlich gewordene politische Brisanz zog sich durch die gesamte Geschichte des DDR-Fußballs. Denn dieser stellte die Funktionäre vor ähnliche Probleme wie der gesamte DDR-Sport. Auf der einen Seite wollte man international erfolgreich sein, um zu zeigen, dass der ‚real existierende Sozialismus‘ das bessere System sei, auf der anderen Seite war für Profifußballer im Staat der Arbeiter und Bauern, in dem doch alle Menschen gleich sein sollte, kein Platz.

So organisierten sich dann auch die meisten Fußballvereine als BSG, also als Betriebssportgemeinschaften. Beispiele gibt es viele dafür und nicht alle nannten sich BSG. Doch ob nun BSG Chemie Leipzig, Motor Eberswalder oder LOK Leipzig, sie allen waren Betriebssportgemeinschaften von Chemie-, Motoren-, Eisenbahn oder anderen Werken. Andere wurden direkt von der Polizei oder der Armee gesponsert bzw. organisiert, wie beispielsweise Dynamo Berlin, Dynamo Dresden oder der ASK Vorwärts Berlin.

Eigenständige Fußballvereine waren dabei eher die Ausnahme. Eines der berühmtesten und, da von der StaSi als Opposition eingestuft, berüchtigtsten Beispiele dafür war der 1. FC Union Berlin. Doch selbst dieser autarke Verein wurde von der oberschöneweidener Industrie, allen voran das Kabelwerk Oberschöneweide, KWO, unterstützt.

Auf Grund dieser weitreichenden Eingriffe des Staates in Form von Polizei und Armee, aber auch in Form von Volkseigenen Betrieben (VEB), verwundert es nicht, dass es häufig Zwangsdelegationen kam. So lässt sich erklären, weshalb der BFC Dynamo die letzten Jahre in der DDR der unbezwingbare Fußall-Serienmeister wurde. Allerdings lässt sich daraus auch ableiten, weshalb der Ostfußball nach der Wende kaum einen Fuß auf den Boden bekam, traditionsreiche Ostklubs in der Versenkung verschwanden und in dieser Saison in der Bundesliga kein einziger ehemaliger DDR-Klub, in der 2. Bundesliga auch nur Dynamo Dresden, Hansa Rostock, Energie Cottbus, Erzgebirge Aue und Union Berlin vertreten sind. In der 20. Gesamtdeutschen Fußballsaison sind also nur 5 der 36 Profiklubs dem ehemaligem DDR-Gebiet zuzurechnen.

2.2 Kommerzialisierung des Volkssportes

In Deutschland und in Europas Topligen erwirtschaften die Fußballvereine regelmäßig Umsätze, die mit mittelständischen Unternehmen vergleichbar sind. Die ehemals auf den Sport fokussierten Vereine ähneln in ihren Kommerzialisierungsaktivitäten den Entertainment-Anbietern. Von Kreuzfahrten und Bettwäsche über Kreditkarten werden selbst die kleinsten Produktideen mit dem Vereinslogo vermarktet. Das Privatleben der Fußballspieler wird in den Medien gespannt verfolgt und die Spieler selbst präsentieren die Vielfalt von Konsumprodukten auf dem Bildschirm und in Annoncen.“ (Nix 2010: 8)

Dieses Zitat verdeutlicht, welch perverse Ausmaße die Kommerzialisierung des Fußball mittlerweile angenommen hat. Es ist also kaum verwunderlich, dass gerade die Ultra-Gruppierungen, welche es mittlerweile in nahezu jedem Verein ab den semiprofessionellen Ligen gibt, sich immer wieder mit Forderungen zur Rückbesinnung auf den so genannten traditionellen Fußball hervor tun und ganz offensiv Aufkleber mit dem Slogan Gegen den modernen Fußball in der Stadt verteilen.

Doch ab wann kann man den Fußball als modern bezeichnen und bis wann als traditionell? Wie David Nix in seiner Diplomarbeit darlegte, begann die Kommerzialisierung schon mit Ende des 19. Jahrhunderts.

Die erste Fußballzeitung wurde 1894 gegründet und die ersten Sportgaststätten und Umzäunungen zur Zugangskontrolle wurden als erste Ertragsquellen entdeckt.“ (Nix 2010: 21)

Auch die bis heute wohl wichtigste Fußballzeitschrift, der Kicker, wurde schon 1920 gegründet und nur sechs Jahre später das Sponsoring einzelner, wohl gemerkt offizieller Amateur-, Spieler vom DFB verboten, da dieses überhand nahm. (Vgl. Nix 2010: 26) Die Kommerzialisierung war im Laufe der nächsten fast 90 Jahre dennoch nicht aufzuhalten, sodass der heutige Fußball kaum noch an den ursprünglichen erinnert. So äußerte sich Martin Winterkorn 2003 wie folgt zum Sponsoring Audis im Fußballsport:

Und generell ist der Fußball heute ein exzellentes Medium. Fußball ist salonfähig geworden. In den neuen Stadien ist das ganze ja kein Fußball mehr wie vor 20 Jahren, im Regen stehend, mit Rabauken. Fußball ist ein Event, wird zum Familienausflug und hat in seinem sozialen Stellenwerk gewonnen.“ (Winterkorn in Nix 2010:69)

2.2.1 Zahnbürsten, Taschentücher, Wecker – Aushängeschilder der Traditionsclubs?

Im Zuge der Kommerzialisierung des Volkssports Nummer eins kam es zu einer gesteigerten Markenbildung in Zusammenhang mit Fußballvereinen. Durch eine immer breitere Produktpalette im Bereich Merchandising konnte der Club des Herzens in immer weitere Bereiche des Lebens vordringen. Wer jeden Morgen vom Wecker seinen Lieblingsvereines geweckt wird, hinter dem Duschvorhang mit Emblem verschwindet, seinen Kaffee anschließend aus der Vereinstasse trinkt und dann, fertig für das Meeting, noch die Anstecknadel des Minilogos anlegt, der gewöhnt sich daran, dass der Verein praktisch jeden Taggegenwärtig ist. Diese Entwicklung der Vereine im Merchandising hin zur Allroundmarke für alle Lebensbereiche musste daher auch direkte Auswirkungen auf die Medialität haben. Wenn ich jeden Tag aus meinem Unionbecher trinke, möchte ich auch jeden Tag Nachrichten des Vereines lesen. So kam es, dass heutzutage das Internet eine wichtige Medialität für die Fußballvereine darstellt. Viele Vereine sind nicht nur mit einer eigenen Website sondern auch mit twitter- und Facebook-Accounts im Internet vertreten und auch im Fernsehen sind zu Spitzenzeiten jeden Tag Spiele und Nachrichten auf Sport1 (Bundesliga Aktuell), ARD (Sportschau), ZDF( Sportstudio), Sat.1 (ran – UEFA Champions League), Kabel Eins (ran – UEFA Europa League) oder eben im Pay-TV (sky) zu sehen.

Auf Grund dieser erwähnt Markenbildung kam es zu einer verstärkten Nutzung externer Rechteagenturen, aber auch zu einer größeren Mitsprache der Marketingabteilungen. So

wird der Marketingbereich Mitsprache in der Verpflichtung besitzen, in dem er ein Urteil über die Vermarktungsmöglichkeiten des Spielers und des Vereins nach hypothetischen Kauf abgibt.“ (Nix 2010: 41)

Für den Kauf von sportlich uninteressanten Spielern aus wirtschaftlichen Gründen gibt es viele Beispiele. (Vgl. Nix 2010: 58)

Mailand hat über das Beckham-Intermezzo einen erheblichen Marketingimpuls bekommen – durch Trikotverkäufe, neue Sponsoren und drei millionenschwere Freundschaftsspiele.“ (Nix 2010: 58)

Durch diese Entwicklung in der Spielerbewertung kam es zu immer höheren Ablösesummen und Spielergehältern.

Die Ablösesummen und Gehaltszahlungen sind in der jüngsten Vergangenheit in ungeahnte Höhen gestiegen. Christiano Ronaldo gilt als Exemplar für diese Entwicklung, „CR9“(Anfangsbuchstaben des Vor- und Nachnamens und Rückennummer) wurde für 94 Millionen Euro Ablöse von Real Madrid verpflichtet.“ (Nix 2010: 59)

Als aktuelles Beispiel für diese Strategie kann wohl die Verpflichtung Tobias Schweinsteigers durch den FC Bayern II gelten.(Vgl. fussball.de 2012i)Da es sich dabei um den älteren Bruder von Bastian Schweinsteiger handelt, kann keineswegs von der Verpflichtung eines Perspektivspielers die Rede sein. Viel mehr wird hier in doppelter Hinsicht eine zukunftsorientierte Sichtweise zum Wechsel geführt haben. Tobias Schweinsteiger ist Rekord-Torschütze der 3.Liga, kann also den jungen Spielern der U23 mit seiner Erfahrung sicher bei der Entwicklung helfen. Zum andere kann dies aber auch wieder zu Marketing-Zwecken eingesetzt werden. Hierbei sind vielfältige Merchandise- und Werbeaktionen denkbar, die alle unter dem (fiktiven) Motto „Zwei Brüder, ein Verein – FC Bayern“ stehen könnten.

[...]

Details

Seiten
29
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656186793
ISBN (Buch)
9783656187752
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v193154
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
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Titel: Die Medialität des deutschen Fußballs - Spieltagzerstückelung, Markenbildung, Totalvermarktung