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Livius, ab urbe condita III, 19-29

Charakterisierung des L. Quinctius Cincinnatus unter besonderer Berücksichtigung seiner Reden

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Latein

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Hinführung

3 Interpretation
3.1 Einbindung von III 19-29 in Buch 3 und Gliederung
3.2 Reden bei Livius
3.3 Charakterisierung
3.3.1 Direkte Reden
3.3.2 Indirekte Reden
3.3.3 Taten
3.3.4 Parallelen bei Dionysios v. Halikarnassos

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Zum Suffektkonsul gewählt, macht sich Cincinnatus durch sein moralerfülltes, parteiloses und konsequentes Reden und Handeln eigentlich auf keiner Seite des Staates sonderlich beliebt, da er gegen alle Parteien auf die eine oder andere Art Maßnahmen ergreift. Trotzdem wird er angehalten länger als vorgesehen im Amt zu bleiben, und trotz seiner Verweigerung wird in einer großen Bedrohung des Staates der Ruf nach gerade ihm laut, den Staat zu retten.

Spes unica imperii populi Romani, L. Quinctius […]1

Wer war der Mann, der von Livius so gepriesen wird, könnte man fragen. Noch eher muss man allerdings fragen, wie der Autor den Charakter dieses wichtigen Mannes zeichnet und wie er dabei mit den vagen historischen Fakten umgeht. Außerdem wird zu untersuchen sein, auf welche Art und Weise, durch welche Mittel also, er es schafft ein aussagekräftiges Bild des Protagonisten zu entwerfen.

Diese Fragen sollen anhand ausgewählter Passagen textnah beantwortet werden. Dazu werden inhaltliche Fragen und sprachliche sowie stilistische Aspekte mehr zweckgebunden denn vollständig ins Auge gefasst und für die Charakterzeichnung des Protagonisten Quinctius Cincinnatus produktiv gemacht. Eine Einordnung in Buch 3 seines Werks und in den livianischen Redengebrauch werden der Interpretation in gebotener Kürze vorausgeschickt.

2 Hinführung

Im folgenden Abschnitt sollen zunächst in Vorbereitung der eigentlichen Arbeit an Livius Text einige kurze Bemerkungen zur den historisch verbürgten Ereignissen gemacht werden. Anschließend werden wenige Sätze zu den Vorlagen unseres Geschichtsschreibers beigebracht.

Seit 467 gibt es um Rom fast jedes Jahr Kämpfe mit den Aequern, die sich im Bündnis mit den Volskern befanden. Im Jahr 462 siegt Rom über beide, sodass eine Phase der Ruhe in Sicht scheint. In der Folgezeit häufen sich nun innere Unruhen um die Volkstribune, die über Jahre die Umsetzung der lex Terentilia forderten um die Kompetenzen der Konsuln zu klären.2 Dann wechseln sich die innenpolitischen Probleme mit äußeren Streitigkeiten ab.

460 kommt es zur Besetzung von Kapitol und Burg durch politische Flüchtlinge und Sklaven unter dem Sabiner Appius Herdonius. Volkstribunen agitieren aus politischen Motiven gegen die Verteidigung der Stadt durch das Volk, und versuchen weiter beharrlich das Gesetz durchbringen. Der Konsul P. Valerius aber überzeugt das Volk unter Androhung von Gewalt gegen die Volkstribune zur Gegenwehr. Dadurch gelingt die Vertreibung der Feinde durch Mithilfe aus Tusculum, bei der der Konsul P. Valerius sein Leben verliert. So kommt es zur Nachwahl eines Konsuls, die auf L. Quinctius Cincinnatus fällt, Vater des Caeso. Dieser war im Vorjahr durch einen Prozess wegen Gewalttätigkeiten und eine drohende Verurteilung ins Exil getrieben worden, die allerdings wohl durch eine falsche Zeugenaussage gegen ihn bedingt war.3 Infolgedessen tritt der consul suffectus mit aller Härte gegenüber der Plebs auf, lässt aber auch den Senat nicht ungescholten. So kann er an Ansehen gewinnen und für eine zeitweilige Ruhe im Inneren sorgen.4 Trotzdem wird er im nächsten Jahr nicht wieder zum Konsul gewählt, vielleicht auf sein eigenes Drängen hin.5

Im Jahre 459 rückt die Außenpolitik und äußere Sicherheit wieder in den Fokus. Die Volsker und Aequer rücken vor, können jedoch mit Hilfe von Latinern und Hernikern geschlagen und vertrieben werden. Beim Gegenstoß der Römer bitten die Feinde sogar um Frieden, nehmen im folgenden Jahr 458 jedoch wieder Kämpfe auf. Als einem römischen Heer von den Aequern eingeschlossen der Untergang droht, wird L.Quinctius Cincinnatus zum Diktator berufen. Binnen kürzester Zeit6 besiegt er die Feinde, besorgt die Verurteilung des für den Exilgang seines Sohnes Verantwortlichen und dankt aus freien Stücken vorzeitig ab.

In den Folgejahren treten immer wieder kleinere äußere Bedrohungen auf, die stets schnell unter Kontrolle gebracht werden können. Im Inneren bleiben die Volkstribunen Hauptakteure der Unruhen, bis man sich Ende der 50er Jahre auf Frieden besinnt und durch Berufung von Decemvirn 451 die Zwölftafelgesetze auf den Weg bringt.7

Livius verzichtet weitgehend auf häufige und detailierte Verweise auf seine Quellen. Vermutlich war diese Information in der damaligen Tradition im Gegensatz zur Praxis der heutigen Forschung weniger wichtig. Dennoch deutet er an einigen Stellen auf seine Vorlagen - wie etwa im behandelten Abschnitt auf plerosque auctores, die er vetustiores scriptores8 gegenüberstellt. Er unterscheidet ältere und jüngere Quellen und drückt mitunter aus, dass die Quellen nicht immer deckungsgleiche Darstellungen liefern; Dadurch weist er sich als kritischen Chronisten aus. Diese Äußerungen tätigt er aber weniger aus wissenschaftlichem Ehrgeiz, als vielmehr um die Meinungsbildung beim Leser zu steuern. Oft beschränken sich seine Quellenverweise auf formelhafte Formulierungen wie id quod constat9 oder ferunt10.11 Namentliche Erwähnung finden seine Gewährsmänner nur höchst selten.12 Neben der älteren Geschichtsschreibung13, deren Kenntnis man bei Livius voraussetzen kann, dienten offizielle Dokumente als Quellen, wie etwa die annales pontificum14 oder die libri magistratuum.15

3 Interpretation

Bevor mit der Interpretation von Reden des Cincinnatus als Kern dieser Arbeit begonnen wird, scheinen einige Anmerkungen angebracht. Es sollen eine Einordnung des Abschnitts in den Zusammenhang des Werks und vor allem des Buches 3 sowie eine Gliederung erfolgen. Außerdem wird der Gebrauch der Reden bei Livius kurz in den Fokus genommen.

3.1 Einordnung von III 19-29 in Buch 3

Buch 3 befindet sich in der Mitte der ersten Pentade von Livius' Geschichtswerk. Innerhalb dieses ersten großen Abschnitts des Gesamtwerks bildet Buch 1 mit der Behandlung der Königszeit gemeinsam mit Buch 5 und den Kämpfen mit Veji und den Galliern (bis 390 v.Chr.) einen Rahmen. So umschlossen stellen die Bücher 2 bis 4 und der behandelte Zeitraum zwischen 510 und 404 den Kern dar. In dessen Zentrum findet sich nun Buch 3, in dem vom Antrag des Terentilius Harsa (462) über die Gesandtschaft nach Athen (454-2) und das Wirken und den Sturz der Decemvirn (451-49) besonders wichtige innenpolitische Ereignisse geschildert werden.

Das Jahr 451 mit der Einsetzung der Zehnmänner in III 33 kennzeichnet für Burck (1964) den Gipfel der ersten fünf Bücher, genau in der Mitte positioniert16, "ein einprägsamer Akt eines scharfen Dispositionswillens und wohlberechneter Ökonomie"17. Anhand der behandelten Jahre geht diese Rechnung m.E. weder mit Bezug auf die erste Pentade, noch auf das dritte Buch (467-446) auf. Auch im Zusammenhang der 72 Kapitel des dritten Buchs würde ich in 33 f. nur mehr oder weniger grob die Mitte erkennen wollen. Zählt man jedoch die 313 Kapitel der ersten fünf Bücher zusammen, stehen die Decemvirn ab Kapitel 158 tatsächlich sehr zentral.18

Der hier betrachtete Abschnitt III 19-29 entspricht dem Zeitraum von Mitte 460 bis Ende 458. Dementsprechend wird hier der vormals erwähnte, mutmaßliche Höhepunkt mindestens des dritten Buches, möglicherweise aber der gesamten ersten Pentade vorbereitet. Die außenpolitische Bedrohung durch die Aequer und Volsker und - untrennbar davon - die eigentlich innenpolitische Entwicklung um Quinctius Cincinnatus sind deshalb in dieser Zuspitzung der Ereignisse bis zur kurzfristigen, grundlegenden Veränderung der Staatsstruktur im Jahre 45119 von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Da ein solch wichtiger Prozess in einem Staat nicht grundlos und ohne politisch-dramaturgische Vorbereitung abläuft, müssen in den vorangegangenen Jahren, und damit auch in den hier behandelten Kapiteln, starke Spannungsfelder Spielraum für das Wirken einzelner Protagonisten bieten. Vor jenem Hintergrund ist die Episode des L. Quinctius Cincinnatus einzuordnen.

Wie bereits erwähnt, setzen wir in der Beschäftigung mit unserem Protagonisten im Verlaufe des Jahres 460 ein20, die Darstellung des Jahres beginnt bereits mit III 15 und der inneren Bedrohung durch den Aufstand durch Sklaven und Verbannte unter Appius Herdonius.21 Die elf Kapitel 19-29 untergliedern sich in drei Kapitel Innenpolitik im Jahre 460 (III 19,1-21,8), drei Kapitel (22-24) mit vorrangig außenpolitischen Abläufen, aber auch wiederum innenpolitischen Unruhen in 45922, sowie fünf Kapitel (25-29) mit Handlung auf beiden Ebenen für das Jahr 458. Dort drängen Überfälle der Aequer und Sabiner (genitivus subjectivus!) und ein anschließender Krieg23 die sich fort- setzende innere Uneinigkeit aus dem Fokus und verschärfen die Bedrohung des Staates, welche in Livius Darstellung fast zwangsläufig in der Berufung des Cincinnatus zum Diktator mündet. Dieser kann nach entschlossener Vorbereitung außenpolitisch triumphieren, noch eine persönliche Genugtuung erfahren und schließlich abdanken.24

3.2 Reden bei Livius

Zunächst sollen noch einige Bemerkungen zu den Reden bei Livius überhaupt gemacht werden. Dabei wird auf ihre Anzahl, ihren Umfang sowie ihre Art eingegangen.

[...]


1 III 26,8

2 Vgl. Hillen (1991), S. 618-9.

3 III 11,9 - 13,8.

4 Vgl. Hillen (1991), S. 620-1.

5 III 21,4-8.

6 III 29,7.

7 Vgl. Hillen (1991), S.622.

8 Beide III 23,7.

9 III 26,9.

10 III 24,10.

11 Siehe hierzu ausführlich Steele (1904), S. 18-23.

12 Vgl. z.B. II 40,10-11 Apud Fabium, longe antiquissimum auctorem, […] invenio.

13 Vgl. Soltau (1897), der S. 160 detailiert Tubero, Antias, Piso und Macer als wahrscheinliche Quellen für die Kap. III 19-29 ausweist.

14 Burck (1992), S. 50.

15 Vgl. Hillen (1991), S. 630-2; vgl. auch Steele (1904), S. 18. 3

16 Vgl. Burck (1964), S. 8; vgl. auch Ogilvie (1965), S. 390.

17 Vgl. Burck (1964), S. 9.

18 Die Zahlen ergeben sich aus den Kapitelzahlen der Bücher 1-5: I: 60 Kap., II: 65 Kap., III, 72 Kap., IV: 61 Kap., V: 55 Kap. Hieraus wird nochmals die zentrale Stellung des dritten Buches deutlich, das Längste ist. Außerdem verläuft der Umfang der Bücher ähnlich einer Pyramide, nach außen hin abfallend, sind doch die Bücher 1 und 5 die kürzesten der ersten Pentade.

19 III 33,1 iterum mutatur forma civitatis, ab consulibus ad decemviros, quemadmodum ab regibus ante ad consules venerat, translato imperio.

20 III 19,2 decembri mense [...] L.Quinctius Cincinnatus [...] consul creatur; Erst seit 153 v.Chr. fällt der Beginn des Amtsjahres auf den 1. Januar. Zu der damaligen Zeit hat es im März begonnen, dann zeitweise im Mai, Dezember oder Oktober. vgl. Hillen (1991), S. 562-3.

21 III 15,5 - 18,11.

22 III 22,2 - 23,7 bzw. III 24,1-9.

23 III 25,5 - 26-6.

24 III 27,6 - 29,5 bzw. III 29,6-7.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656181644
ISBN (Buch)
9783656182009
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192948
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
livius charakterisierung quinctius cincinnatus berücksichtigung reden

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Titel: Livius, ab urbe condita III, 19-29