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Der Blick aus dem Exil: Anna Seghers’ erzählerische Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte untersucht an der Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“

Seminararbeit 2000 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

„[...] eine der schönsten Erzählungen der modernen deutschen Literatur
Thema und Arbeitsziel

„Nein, von viel weiter her. Aus Europa
Leben, Exil und Erzählung

Erinnerung an eine Zukunft21
Die erzählte Zeit

„[...] denn ich spürte jetzt einen unermesslichen Strom von Zeit, unbezwingbar wie die Luft.“31
Die Bedeutung von Zeit

„Erzählen, was mich heute erregt ...“43
Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen

„Plötzlich fiel mir der Auftrag meiner Lehrerin wieder ein, den Schulausflug sorgfältig zu beschreiben.“82
Schlussbetrachtung

Quellen und Literatur
Untersuchter Text
Poetologische Texte
Aufsätze und Literatur (Auswahlbibliographie)

Vorwort

Anna Seghers ist eine Schriftstellerin, zu der leicht Zugang zu finden ist. Ihre einfache, ausdrucksstarke Sprache und ihre abwechslungsreichen Erzählmethoden machen selbst das trostloseste Arbeitermilieu in ihren Büchern erlebenswert. Ihre Leser, die dieses Umfeld kennen, interessiert die Authentizität mit der es dargestellt ist, und Leser, denen es fremd ist, können sich leicht mit ihm vertraut machen. Aber auch Sagenhaftes verarbeitet die Seghers in ihren Texten, macht es zu Zeitgeschehen.

In den Buchpublikationen der neueren Forschung werden hauptsächlich die großen Romane der Schriftstellerin beachtet, allen voran Das siebte Kreuz.

In dieser Hausarbeit, die im Rahmen des Proseminars Über die „Kraft der Schwachen“. Die Erzählerin Anna Seghers entstand, soll nun eine Novelle beleuchtet werden, die ein eindrucksvolles Zeugnis Anna Seghers’ Auffassung der Bedeutung des einzelnen Menschen im Nationalsozialismus und zugleich ein Aufruf wider das Vergessen ist: „Der Ausflug der toten Mädchen“.

„[...] eine der schönsten Erzählungen der modernen deutschen Literatur.

Thema und Arbeitsziel

Die Wahl der Novelle“[1] „Der Ausflug der toten Mädchen“ aus Anna Seghers’ umfangreichem Œuvre begründet sich in der Besonderheit des Textes im Werk von Seghers und in seiner eindringlichen Wirkung. Zwischen beidem besteht natürlich ein Zusammenhang, denn die Wirkung dieses Textes geht hauptsächlich von einem ungewöhnlichen künstlerischen Verfahren in der Darstellung aus: der Verwebung von mehreren Zeitebenen zu einer. Durch den autobiografischen Anstrich der Novelle und das Spiel mit der Zeit entstehen Möglichkeiten, in die Anna Seghers sowohl eine persönliche Verarbeitung von Zeitgeschichte als auch eine allgemeine Anregung zur Auseinandersetzung mit ihr einbettet. Auch in dieser Erzählung besteht die für Seghers typische Potenz, das Individuelle zu verallgemeinern.

Inhaltlich erscheint die Untersuchung der erzählerischen Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte interessant, da Anna Seghers’ Blick durch die Ferne des Exils geschärft ist für die Vorgänge im nationalsozialistischen Deutschland. Sie kann sich durch die allgemeine Verantwortung des Schriftstellers und ihren eigenen Anspruch der antinazistischen Haltung[2] der Thematik nicht entziehen. Sie muss durch aufarbeiten v e r arbeiten. Auch die Ohnmacht, die sie im Exil spürt und die sie zur Unruhe treibt, ist ein Grund für Anna Seghers, sich auf die ihr gegebene Weise mit dem Zeitgeschehen auseinanderzusetzen.

Zum methodischen Vorgehen in dieser Hausarbeit sei gesagt, dass als äußerer Rahmen eine Verknüpfung von biografischen Zügen Seghers’ mit Stationen der Novelle erfolgt. Dies soll dem Überblick und der nötigen Information über Lebensumstände und deren schriftstellerische Umsetzung dienen, so dass auf dieser Grundlage eine zielgerichtete Analyse erfolgen kann. Die Untersuchung der Erzähltechnik von Zeit erscheint insofern wichtig, als dass sie die Beantwortung der Frage nach der Bedeutung von

Zeit für Anna Seghers und ihre Erzählung unterstützt.

Der Begriff Z e i t geschichte deutet den Zusammenhang von Zeit mit der zentralen Thematik schon an. Zeit ist ein formaler Determinant der Zeitgeschichte. Die Auffassung von Zeit und die Bedeutung, die ihr zugemessen wird, sind in philosophischer Hinsicht Indikatoren für das Verhältnis eines Menschen zum Zeitgeschehen. Was bedeutet Vergangenheit im Hinblick auf die aktuellen Ereignisse? Würde es etwas an deren Verlauf ändern, wenn gleichzeitig mit der Gegenwart die Zukunft bewusst wäre? Welche Rolle spielt Zeit beim Vergessen und Verfälschen von Erinnerungen? Inwieweit wird die Bewusstmachung der Vergangenheit durch Erinnerungsstrukturen eingegrenzt?

Der Gegenstand dieser Arbeit, Anna Seghers’ Blick aus dem Exil und ihre durch diesen beeinflusste Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte, wird ohne den Versuch von Antworten auf diese Fragen nicht auskommen.

Einige von Anna Seghers verfasste Essays, u.a. „Deutschland und wir“, „Vaterlandsliebe“ und „Volk und Schriftsteller“, sollen die theoretischen Ansichten der Autorin zum Zeitgeschehen mit denen, die sie in der Erzählung umgesetzt hat, verbinden.

„Nein, von viel weiter her. Aus Europa.

Leben, Exil und Erzählung

„[...] die Erlebnisse und die Anschauungen eines Schriftstellers,“[3] glaube ich, werden am allerklarsten aus seinem Werk, auch ohne spezielle Biografie.“[4] Es entsprach Anna Seghers’ kritischer und nüchterne Auffassung von schriftstellerischer Tätigkeit, dass sie sich selbst hinter das Erzählte zurückstellte, um ihre gesellschaftliche Funktion als Autorin zu betonen.[5]

Deshalb ist eine der Besonderheiten am „Ausflug der toten Mädchen“ die autobiografische Skizze, die den Rahmen dieser Erzählung bildet. Anna Seghers, die sonst nicht viel von ihrem eigenen Leben preisgibt, breitet hier

ihre vom Heimweh bestimmten, zur Fiktion verdichteten Erinnerungen offen aus.[6] Es handelt sich hierbei um biografische Fragmente, welche die

Anregung zum künstlerischen Schaffensprozess gaben und durch ihn variiert wurden. „Der Ausflug der toten Mädchen“ ist somit nicht als Autobiografie, sondern als Fiktion zu lesen.

Die Novelle ist nicht, wie so oft bei Anna Seghers, im Arbeitermilieu angesiedelt. Die Autorin erzählt statt dessen von der ruhigen und fast heiteren Atmosphäre aus der Zeit, als sie in ihrem bürgerlichen Elternhaus lebte, von dessen Kleinbürgerlichkeit sie sich früh gelöst hatte, weil die Vorstellung einer gerechten Welt ihr die liberalen Vorstellungen ihrer Herkunft entfremdet hatte.

Vielleicht führt eine Betrachtung der Lebensumstände Seghers’ um 1943, der Zeit, in der die Novelle entstand, zu Anhaltspunkten, die das Einfließen biografischer Erlebnisse in den Stoff ihrer Erzählung geradezu unumgänglich erscheinen lassen.

Anna Seghers war schon kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aufgrund ihrer Bücher und ihrer politischen Einstellung verfolgt worden. Seit 1933 lebte sie im französischen Exil, musste 1941 jedoch vor den Nazis und der ihnen gehorsamen Vichy-Regierung fliehen.[7] Mexiko nahm sie und ihre Familie auf, wie auch viele andere deutsche Exilanten.

Die Emigrantin Seghers hörte nicht auf, eine deutsche Schriftstellerin zu sein. Im Gegenteil: im Exil, das für Anna Seghers auch eine glückliche Zeit war, in der sie positive Erfahrung machte und zum Beispiel die nationale Identität und das starke Selbstwertgefühl des natürlichen und sinnlichen mexikanischen Volkes[8] erfuhr, klärte sich durch die Distanz ihr Blick für Deutschland[9] und regte sie geradezu an, sich mit dem Geschehen dort auseinander zusetzen. Diese intensive Beschäftigung mit Deutschland spiegelt sich im „ Ausflug der toten Mädchen“.

Anna Seghers’ Erzählung ist spannungsreich durch starke Gegensätze.

Neben dem Gegensatz der Zeitebenen ist auch ein geographischer durch die extrem anschauliche Darstellung regelrecht fühlbar: der Kontrast von wilder, flimmernder Exilprärie und gemächlicher harmonischer Rheinlandschaft, ihrem Herkunftsort, dem sie sich durch die Entfernung des Exils mehr als sonst verbunden fühlt. Das Motiv der weißen Mauer, das sowohl das mexikanische Rancho als auch das Ausflugslokal am Rhein

umgrenzt, unterstützt eine Parallelität beider Orte, die auch durch die Gestaltung der Zeit dargestellt wird.

Vor dem Hintergrund des Dritten Reiches jedoch erscheinen die ungastlichen Berge, die Anna Seghers beschreibt, wie lebenswerte Freiheit. Trotzdem, „Um Rettung genannt zu werden, dafür war die Zuflucht in diesem Land zu fragwürdig und zu ungewiss.“[10] Das Land erscheint ihr abweisend und fremd, als sei sie „Vom Mond.“[11] Sie hat Angst vor Entwurzelung.[12] Zudem ist durch einen Unglücksfall auch hier in Mexiko Seghers’ Leben bedroht. Nach einem Zusammenprall mit einem Bus ist sie dem Tod nahe.[13] Doch ist dies eine zwar unberechenbare, doch entrinnbare Gefahr und unvergleichlich mit der geplanten systematischen Mordmaschinerie in Hitlerdeutschland.

Die glühende Sonne und die karge Exillandschaft haben sie zermürbt, ihre Reiselust hat sich längst ins Gegenteil verkehrt: Anna Seghers sehnt sich nach ihrer Heimat und nach Identität. „ Die Lust auf absonderliche, ausschweifende Unternehmungen, die mich früher einmal beunruhigt hatte, war längst gestillt, bis zum Überdruss. Es gab nur noch eine einzige Unternehmung, die mich anspornen konnte: die Heimfahrt.“[14] Die Landschaftsbeschreibung zeigt den Seelenzustand der Erzählerin, ein Schwanken zwischen verschwommener Bewusstlosigkeit durch die Suche nach Halt und klarem Bewusstsein durch die Distanz zu Deutschland. Hier vermischen sich Vergangenheit und Gegenwart untrennbar.

Anna Seghers kann sich nicht anpassen, sich nicht von den Bedingungen hier in Mexiko beherrschen lassen. Das Land steht ihr in der Erzählung

gnadenlos gegenüber, jedoch nicht kalt und grausam wie Nazideutschland, sondern wie eine ungewohnte Fremde. Sie hat momentan keine Heimat, die sie stärken könnte, und so wartet Anna Seghers sehnsüchtig, jedoch nicht untätig, auf das baldige Kriegsende, an das sie fest glaubt.[15]

Das Warten-Müssen macht sie jedoch müde. Sie will selbst ihren Lebensrhythmus bestimmen, ihn nicht von der versteinerten, reglosen

Landschaft vorgeben lassen, deren Eigenschaften bildlich für ihre eigene Lage im Exil stehen.

Den Ausflug in die mexikanischen Berge gestaltet Anna Seghers als einen Weg zu sich selbst. Das Tor auf dem leblosen Rancho markiert ihren Eintritt in die phantastisch anmutende Erinnerung, die jedoch nicht als eine solche ausgewiesen ist. Es kann Symbol sein für gegensätzliche Welten wie beispielsweise Gegenwart und Vergangenheit, Vision und Realität oder sogar Leben und Tod.[16] Die Realität Mexikos entgleitet allmählich, auch wenn sie verschwommen im Hintergrund bleibt. Die Erzählerin ist jetzt beides: Kind und Erwachsene, Netty und Anna. Mit allen Sinnen spürbar wird die Landschaftswandlung.

Anna ist jetzt wieder am Rhein, ihrem Tor zu fremden Welten und in die Freiheit. Über ihre Liebe zu dem Fluss bekannte Anna Seghers: „Ich bin vom Rhein und sah jeden Tag den Rhein mit Neid an, weil er bald in Holland ins Meer fließen wird.“[17]

Sichtbar wird ihre Reise zurück in die Kindheit spätestens, als jemand ihren lange abgelegten Namen Netty ruft. Für Anna Seghers stehen ihre verschiedenen Namen für das Verhältnis von Menschen zu ihr und einen bestimmten Lebensabschnitt. Netty steht für Geborgenheit und frische Jugend. Der alte Name ist auch Trost am vergangenen Leben.

Anna beobachtet diesen Lebensabschnitt jedoch nicht nur, sondern erlebt ihn wieder, exemplarisch an einem Sommerausflug mit der Lyzeumsklasse. In ihrer Erinnerung ist die Jugend an eine bestimmte Umgebung gebunden. Die erste bewusste Aufnahme dieser hat sich stärker als spätere Eindrücke in ihrem Gedächtnis eingegraben und mit einem Lebensabschnitt

verbunden, der für sie unbeschwert war. Sie selbst sagt über diese Prägung: „ In dieser Stadt, in der ich meine Kindheit verbrachte, empfing ich, was Goethe den Originaleindruck nennt; den ersten Eindruck, den ein Mensch von einem Teil der Wirklichkeit in sich aufnimmt [...]“[18] So beschreibt Anna Seghers auch, noch bevor sie Netty ihre Schulfreundinnen treffen lässt, typische Pflanzen der Rheinlandschaft, sozusagen als Einstimmung auf ihren Ausflug in die Vergangenheit. Ihre Erinnerungen an Kindheit und Elternhaus werden nicht zuletzt durch die schrecklichen Nachrichten aus ihrer Heimat wachgerufen: Ihre Mutter kam 1942 in einem Konzentrationslager um, und Mainz war völlig zerstört.[19]

Anna Seghers verarbeitet in der Novelle Ereignisse, die sich unmittelbar ereignet hatten und die sie selbst betrafen. Insofern ist die Gestaltung von Zeit im „Ausflug der toten Mädchen“ der Versuch, durch die Gleichzeitigkeit von Erinnerung und Zeitgeschehen einen authentischen Eindruck ihrer von Heimweh und Ohnmacht bestimmten Situation im Exil zu geben und darüber hinaus den Nationalsozialismus zu entlarven. Nicht zuletzt findet hier auch das Bedürfnis Ausdruck, die unmittelbare Krise, die das Zeitgeschehen bei Anna Seghers auslöste, gestaltend zu überwinden.[20]

[...]


[1] Wolf, Christa: Lesen und Schreiben. Darmstadt/Neuwied 1972, S.98.

[2] Im Zusammenhang mit Deutschland wird hier der Begriff antinazistisch anstelle von antifaschistisch verwendet, da sich der Nazismus vom Faschismus graduell durch ein Übermaß an Gnadenlosigkeit, Konsequenz, menschlicher Kälte und Grausamkeit abhebt und somit nicht nur ein Ableger des italienischen Faschismus, sondern ein ideologisch selbstständiges System ist.

[3] Zitiert wird im folgenden nach der Textausgabe: Seghers, Anna: Der Ausflug der toten Mädchen.. In: Der Bienenstock. Ausgewählte Erzählungen in zwei Bänden, Berlin 1953.

[4] Seghers, Anna: Aufsätze, Ansprachen, Essays 1954 – 1979. Berlin/Weimar 1980,

S. 411.

[5] Vgl. Pasche, Wolfgang: Interpretationshilfen Exilromane. Stuttgart/Dresden 1993, S. 187.

[6] Vgl. Batt, Kurt: Anna Seghers. Leipzig 1973., S. 127.

[7] Vgl. Aufsätze über Anna Seghers und ihr Werk. Berlin 1965, S. 27.

[8] Vgl. Schrade, Andreas: Anna Seghers. Stuttgart 1993 ( = Sammlung Metzler, Bd. 275),

S. 75.

[9] Vgl. Zehl Romero, Christiane: Anna Seghers. Reinbek 1993, S.

[10] Seghers: Ausflug. S. 242.

[11] Ebd.

[12] Vgl. Zehl-Romero, S. 81.

[13] Zehl Romero, S. 82.

[14] Seghers: Ausflug. S. 243.

[15] Vgl. Schrade, S. 72.

[16] Vgl. Hilzinger, Sonja: Im Spannungsfeld zwischen Exil und Heimkehr - Funktionen des Schreibens in der Novelle: Der Ausflug der toten Mädchen. In: Weimarer Beiträge 1990, S. 1572.

[17] Seghers, Anna: Briefe an Leser. Berlin/Weimar 1970, S. 11.

Details

Seiten
30
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783656187035
ISBN (Buch)
9783656187745
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192943
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Germanistik
Note
1,6
Schlagworte
Anna Seghers Mexiko Exil Milieu Novelle

Autor

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Titel: Der Blick aus dem Exil: Anna Seghers’ erzählerische Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte untersucht an der Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“