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Zum Dissens in der Debatte um die Zulässigkeit des Klonens am Menschen im Islam

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 23 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Medizinische Verfahrensweise und Anwendungsgebiete des Humanklonierens
2.1 Methodik des Klonierens
2.2 Anwendungsgebiete und Zielsetzungen des Humanklonierens

3. Schariatrechtliche Quellen zur Bewertung des Humanklonierens

4. Die Debatte um die Zulässigkeit des Humanklonierens im Islam
4.1 Klonen als Eingriff in die Schöpfung Gottes
4.2 Humanklonierung als Verletzung der Menschenwürde

5. Schlussbetrachtung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Literatur

1. Einleitung

Das Motiv des Doppelgängers ist durch die Jahrhunderte hinweg in verschiedenen Kulturkreisen und Gesellschaften von Bedeutung und besonderem Interesse ge-wesen. So findet sich das Doppelgängermotiv beispielsweise in indischen und afrikanischen Kosmogonien, antiken Mythen, der Literatur und Kunst, sowie in den Humanwissenschaften.[1] Mit der medizin-technisch revolutionären Entdeckung des erfolgreichen Klonens von Tieren (1961) und der damit einhergehenden möglichen Umsetzung des Klonens am Menschen, ist der Doppelgänger nicht länger nur Motiv, sondern wird stoffliche Realität. Die Überschreitung dieser, für unüberwindbar gehaltenen „Grenze der Natur“ zieht vor allem die Herausforderung nach sich, wie die völlig neuen Handlungsmöglichkeiten ethisch, rechtlich und religiös bewertet werden sollten.[2]

Mit einer dieser Herausforderungen, nämlich, der Frage nach Zulässigkeit des Humanklonierens im Islam, beschäftigt sich diese Arbeit.[3] Dabei sollen die diversen Argumentationen, für oder gegen die Ausführung des Humanklonierens, deren Grundlage und die daraus ersichtlichen Problematiken in der Urteilsfindung durch islamische Rechtsgelehrte untersucht werden, um anhand dessen Gründe für den Dissens in der Frage nach der islamisch-rechtlichen Legitimität des Klonens darzulegen. Zur kritischen Analyse der Debatte und der daraus resultierendenunterschiedlichen Bewertung durch islamische Rechtsgelehrte ist eingangs die Beschäftigung mit den medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen und Verfahren zum Klonen notwendig (Kapitel 2).Gleichsam bedarf es zu diesem Zweck einer kurzen Darstellung der Methodik zur Urteilsfindung, die im islamischen Recht vorausgesetzt ist, sowie den relevanten islamisch-rechtlichen Grundannahmen, welche sich im dritten Kapitel anschließen. Auf Grund der Fülle von Argumentationslinien und Positionen verschiedener Rechtsgelehrter unterschiedlicher islamischer Ausrichtungen und Rechtschulen zur Frage der Zulässigkeit des Humanklonierens, können im Rahmen dieser Arbeit nur einige ausgesuchte Standpunkte sunnitischer Rechtsgelehrter diskutiert werden. Weiterhin werden die Argumente aus den Zusammenkünften der Islamic Organization of Medical Sciences (IOMS), die von Eich in seinem Werk „Islam und Bioethik“ dargestellt werden, dieser Arbeit als Grundlage dienen. Diese eignen sich besonders, da deren Beschlüsse, gemäß Eich, maßgeblich die bioethischen Diskussionen und Richtungen der erteilten Rechtsgutachten auf nationaler Ebene beeinflussen würden.[4]

2. Medizinische Verfahrensweise und Anwendungsgebiete des Humanklonierens

Da gemäß Heinemann für „die ethische Legitimation einer Handlung […] die Ge-eignetheit der einzusetzenden Mittel und die Notwendigkeit ihres Einsatzes zum Er-reichen eines Zieles eine wichtige Voraussetzung“[5] darstellt, wird hier eingangs der Bereich der biologischen Methodik des Klonens den medizinischen Anwendungs-gebieten bzw. Zielsetzungen vorangestellt. Dies soll vor allem der Übersichtlichkeit dienen, indem der Leser anfangs mit den grundsätzlichen Verfahrensweisen vertraut gemacht wird, bevor diese in den Bereich der medizinischen Anwendungen eingeordnet werden.

2.1 Methodik des Klonierens

Bei möglichen biologischen Verfahren zur Humanklonierung wird in der Regel zwischen zwei Techniken unterschieden: dem Zellkerntransfer und dem Embryo-Splitting.[6] Die Methode des Zellkerntransfers oder der Zellkern-Transplantation bezeichnet ein Verfahren, bei dem der Zellkern einer Körperzelle in eine entkernte, reife, unbefruchtete Eizelle übertragen wird. Dies kann durch die Technik der Mikroinjektion erfolgen, bei welcher der Zellkern der Spenderzelle mittels einer Hohlnadel direkt in die Eizelle injiziert wird, oder durch Zellfusion. Die Fusion der Zellmembranen der Spenderzelle und der Eizelle wird entweder durch kurzzeitige Aussetzung mit elektrischem Strom (Elektrofusion) oder durch die Aussetzung mit bestimmten chemischen Substanzen (Inkubation) herbeigeführt. Bei allen Verfahren des Zellkerntransfers können die Spenderzellen sowohl aus embryonalen Zellen, als auch aus Zellen differenzierter Gewebe erwachsener Individuen gewonnen werden. So könnten auch Spender- und Eizelle derselben Frau für dieses Klonierungsverfahren verwendet werden, womit das daraus entstandene Individuum mit eben jener Frau genetisch vollkommen identisch wäre. Werden Spender- und Eizelle von unterschiedlichen Individuen verwendet, wobei das Geschlecht des Individuums der Spenderzelle sowohl weiblich als auch männlich sein kann, so würden die daraus entstehenden Klone genetisch nicht vollständig mit dem der Spenderzelle überein-stimmen.[7] Denn, trotzdem der Eizelle ihr Erbgut tragender Zellkern entnommen wurde, besitzt sie im Zytoplasma das mitochondriale Genom,[8] welches etwa 0,01-0,02% der Gesamterbinformation ausmacht.Aufgrund des geringen Erbgutpotentials wird dieser Fakt in der Frage der genetischen Gleichheit jedoch vernachlässigt.

Das zweite mögliche Klonierungsverfahren ist das Embryo-Splitting. Diese Technik stellt eine künstliche Zwillingsbildung dar, welche entweder durch die Separation einzelner Zellen (Blastomerenseparation), oder durch die Abtrennung von Zellgewebe (Blastozystenteilung) vom Embryo, erfolgen kann.[9] Die Anwendung der Blastomerenseparation bei Humanembryonen ist 1993 zuerst den US-amerikanischen Wissenschaftlern J. Hall und R. Stillman gelungen. Bei dieser Methode werden in einem sehr frühen Entwicklungsstadium des Embryos (ca. bis Tag 4), der durch In-vitro-Fertilisation (IVF), also künstliche Befruchtung in der Petrischale hergestellt wurde, die Blastomeren separiert. Die Zellen des frühen Embryos, welche nach der ersten Teilung der befruchteten Eizelle oder Zygote entstehen, werden als Blastomere bezeichnet.Diese werden im 2-8-Zellstadium[10] von der Schutzhülle, der sogenannten Zona pellucida, befreit, separiert und mit einer künstlichen Zona pellucida umgeben, sodass im Experiment von Hall und Stillman aus 17 Embryonen 48 isolierte Blastomere gewonnen werden konnten.[11] Da die Blastomeren totipotente Zellen, also Zellen mit dem Potential der Ausdifferenzierung in ein „vollständiges Individuum mit normaler Lebenserwartung“ sind, können aus ihnen mit dieser Methode genetisch identische „Geschwister-Mehrlinge“ generiert werden.[12] Bei dem Verfahren der Blastozystenteilung werden hingegen durch die mechanische Verdünnung der Zona pellucida des Blastozysten mit einer Mikronadel monozygote Zwillinge generiert. Als Blastozyste wird der Gewebeverband bezeichnet, der entstanden ist, wennsich das Zellgewebe, aus welchem sich der Embryo entwickelt (Embryoplast), in einer flüssigkeitsgefüllten Höhle (Blastozystenhöhle) befindet (ab Tag 4-4,5).Wie genau die Abtrennung eines Teils des Blastozystenerfolgt, ist nicht bekannt. Es wird jedoch vermutet, dass sich durch die Verdünnung der Zona pellucida eine Ausstülpung bildet, die Blastozystenanteile enthält, sich in der weiteren Entwicklung abtrennt und so zu der Entwicklung von monozygoten Zwillingen führt.[13]

An den unterschiedlichen Verfahrensweisen geklontes Zellmaterial herzustellen, welches sich dann in ein ausdifferenziertes Individuum entwickeln könnte, ist zu sehen, wie universell der Begriff des „Klonens“ oder „Klonierens“, und der des Klons gebraucht werden. So werden mit denselben Begrifflichkeiten nicht nur unterschiedliche Techniken und biologische Methoden, die zum Klonen angewendet werden, bezeichnet, sondern auch die daraus generierten verschiedenartigen Klone. Denn während bei dem Zellkerntransfer Klone entstehen, die maßgeblich mit dem Zellkernspender genetisch identisch sind, entstehen durch das Embryo-Splitting Klone, die mit der Zygote genetisch identisch sind, welche jeweils einen haploiden[14] Chromosomensatz zweier Individuen enthält. Aufgrund dieses Unterschieds argumentieren Cohen und Tomkin beispielsweise, dass das Embryo-Splitting nicht als Klonen aufgefasst werden sollte, da die natürliche Entstehung von Zwillingen ebenfalls nicht als Klonen bezeichnet werden könne.[15] Insgesamt kann keine konsistente Begriffsdefinition von „Klon“ und „Klonen“ angeführt werden. Nach Heinemann, der sich der Schwierigkeit einer Begriffsdefinition ausführlich widmet,[16] kann lediglich festgehalten werden, dass sich der Begriff Klon durch die Bestimmung seiner Herstellung, also dem Klonieren, ergibt. Damit wäre alles das, was durch „künstlich induzierte Teilung einer bereits bestehenden Entität (Organismus, Zelle, Molekül)“ und das, was durch „Synthese einer Entität de novo als Kopie nach einer bestehenden Vorlage“ entsteht, als Klon zu bezeichnen.[17]

2.2 Anwendungsgebiete und Zielsetzungen des Humanklonierens

Die Anwendungsgebiete des Klonierens im Humanbereich werden in der Regel in den Bereich des reproduktiven und den des therapeutischen Klonens unterteilt.[18] Der Unterscheid beider Bereiche liegt darin, dass bei dem reproduktiven Klonen ein vollständiges Individuum generiert werden soll, wogegen das therapeutische Klonen medizinischen Zwecken dient, ohne einen vollständig lebensfähigen Organismus zu produzieren.

Im Zentrum der therapeutischen Anwendung des Klonens am Menschen stehen vor allem Konzepte der Zell- oder Gewebetransplantation. So könnten aus generierten Körperzellen, die das Potential besitzen sich in verschiedene Zelltypen oder Gewebe zu differenzieren (sogenannte totipotente Stammzellen), eventuell Organe zur Einpflanzung in den Menschen gezüchtet werden. Diese besonders spezialisierten Stammzellen können derzeit jedoch nur aus embryonalen Stammzellen (ES-Zellen) gewonnen werden, da ausschließlich jene die Eigenschaft der Totipotenz besitzen. Wissenschaftler entnehmen ES-Zellen zur Forschung entweder Embryonen, die im Rahmen einer IVF nicht transferiert wurden, Embryonen aus Abtreibungen innerhalb der fünften bis elften Schwangerschaftswoche, oder Embryonen, die durch Zellkerntransfer speziell zu diesem Zweck hergestellt wurden.[19] Aus ES-Zellen sollen in Zukunft nicht nur Organ- oder Gewebeersatz für den Zellkernspender in vitro kultiviert, sondern auch geschädigtes oder abgestorbenes Gewebe im menschlichen Körper ersetzt werden können. Mit der erfolgreichen Umsetzung dieser Theorie wäre damit die Aussicht auf Heilung für heute nur therapierbare Krankheiten wie beispielsweise Parkinson, Alzheimer oder Diabetes gegeben.[20] Der entscheidende Vorteil des Klonens läge dabei in der Übereinstimmung des genetischen Erbmaterials von dem Transplantat und dem Zellkernspender, was eine Abstoßung des implantierten Organs, Gewebe oder der injizierten Zellen verhindern würde.[21] Ein Bereich innerhalb dessen es sich bei der grundsätzlichen Unterscheidung beider Zielsetzungen, also dem therapeutischen und dem reproduktiven Klonen, nicht um einen Gegensatz handeln würde, wäre der der Reproduktionsmedizin. Denn bei dem Versuch den Kinderwunsch von Menschen zu realisieren, die in ihrer Fortpflanzungsfähigkeit eingeschränkt sind, oder diese nicht besitzen, zielt die Klonierung von Individuen, wie Kersten feststellt, sowohl auf reproduktive, als auch auf therapeutische Zwecke ab.[22]

[...]


[1] Siehe hierzu ausführlich Forderer, Christof: Ich-Eklipsen. Doppelgänger in der Literatur seit 1800 Stuttgart und Weimar 1999.

[2] Oduncu, Fuat S.: Klonierung von Menschen – biologisch-technische Grundlagen, ethisch-rechtliche Bewertung, in: Ethik in der Medizin, Bd. 13 (2001): S. 112, 116.

[3] Mögliche Unterschiede in der Verwendung und Bedeutung der Begriffe „Klonen“, „Klonieren“ oder „Humanklonierung“sind für diese Arbeit nichtrelevant und werden daher vernachlässigt. Ebenjene Begrifflichkeiten werden im Folgenden synonym verwendet.

[4] Eich, Thomas: Bioethics. http://www.brillonline.nl/subscriber/entr?entry=ei3_COM-23420 (08. 09.2010).

[5] Heinemann, Thomas: Klonieren beim Menschen. Analyse des Methodenspektrums und internationa- ler Vergleich der ethischen Bewertungskriterien, Bd1. Studien zu Wissenschaft und Ethik, Berlin und New York 2005, S. 220.

[6] Bei Heinemann werden drei Techniken des Klonierens unterschieden. Da die Anwendungsmöglich- keit der Methode des Klonierens mittels der Regeneration von tetraploiden Blastozysten im Hu- manbereich jedoch noch unklar bzw. hypothetisch ist, wurde dieses Verfahren zu Gunsten des Um- fangs dieser Arbeit ausgespart. Siehe zum Klonierungsverfahren mit tetraploiden Blastozysten. Heinemann: S. 203-4.

[7] Heinemann: S. 169-179.

[8] Das Genom, das in Form von Chromosomen vorliegt, bezeichnet die Summe der Erbinformationen, die sich in einer menschlichen Zelle befindet und als DNA (Desoxyribonukleinsäure) vorliegt. Das mitochondriale Genom ist demnach jene Erbinformation, die durch die DNA der Mitochondrien, also der eigenständigen Zellorgane, die für die Energiegewinnung einer Zelle verantwortlich sind, bestimmt ist. Siehe dazu: Kersten, Jens: Das Klonen von Menschen. Eine verfassungs-, europa- und völkerrechtliche Kritik, Tübingen 2004, S. 6-7.

[9] Oduncu: S. 114.

[10] Das heißt, wenn die Zygote aus 2-8 Zellen besteht.

[11] Heinemann: S. 55, 200-201

[12] Oduncu: S. 114.

[13] Heinemann: S. 55-56, 202.

[14] Menschen besitzen in ihren Körperzellen einen doppelten, diploiden Chromosomensatz, der sich aus 46 Chromosomen zusammensetzt. Keimzellen oder Geschlechtszellen, wie die Eizelle und das Spermium, enthalten dagegen nur einen einfachen haploiden Chromosomensatz aus 23 Chromoso- men. Durch die Verschmelzung der Keimzellkerne bei der Befruchtung wird zum einen der diplo- ide Chromosomensatz in der Zygote wieder hergestellt, sowie das menschliche Genom durch die Neukombination von Chromosomen variiert, bevor die Embryonalentwicklung durch die erste Teilung der Zygote eingeleitet wird. SieheKersten: S. 7.

[15] Cohen, Jacques und Tomkin, Giles: The Science, Fiction, and Reality of Embryo Cloning, in: Bran- nigan, Michael C. (Hrsg.): Ethical Issues in Human Cloning. Cross-Disciplinary Perspectives, New York und London 2001, S.14.

[16] Siehedazu Heinemann: S. 21-45.

[17] Heinemann: S. 44.

[18] Heinemann spricht zusätzlich die “grundlagenwissenschaftliche“ Zielsetzung von Klonierung im Humanbereich an. Dieses Teilgebiet beschäftigt sich vor allem mit dem Erkenntnispotential, wel- ches das Humanklonen in den Bereichen der „entwicklungsbiologischen Forschung“, der „Pharma- kologie und Toxikologie“, sowie der „Tumorforschung“ ermöglichen könnte. Da diese zusätzliche Dimension jedoch lediglich bei Heinemann angeführt wird und die Zielsetzung des wissenschaft- lichen Erkenntnisgewinns für das Thema dieser Arbeit ausreichend mittels der Unterteilung in zwei Anwendungsgebiete zum Tragen kommt, wird die genaue Beleuchtung dieser dritten Kategorie ausgespart. Siehe dazu Heinemann: S. 206-209.

[19] Kersten: S. 22.

[20] Heinemann: S. 209-211.

[21] Eich, Thomas: Islam und Bioethik. Eine kritische Analyse der modernen Diskussion im islamischen Recht, Wiesbaden 2005, S. 94.

[22] Kersten: S. 17.

Details

Seiten
23
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656179511
ISBN (Buch)
9783656180241
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192829
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Islamwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Klonen Islam Bioethik Ethik Religion Humanklonierung Muslime Medizin Forschung

Autor

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