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Arthur Schnitzlers 'Traumnovelle' und Heinrich Manns 'Pippo Spano'

Untersuchungen zum Fin de Siècle und dem Frauenbild der Jahrhundertwende

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Literaturhistorische, gesellschaftliche und soziale Hintergründe
2.1 Fin de Siècle und Dekadenzbegriff
2.2 Das Frauenbild der Jahrhundertwende

3. Vorstellung der zu untersuchenden Novellen
3.1 Traumnovelle
3.2 Pippo Spano

4. Motive des Fin de Siècle und Geschlechterbeziehungen in der Traumnovelle und Pippo Spano
4.1 Fridolin und Albertine
4.2 Mario Malvolto und Gemma

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wir haben nichts als ein sentimentales Gedächtnis, einen gelähmten Willen und die unheimliche Gabe der Selbstverdoppelung. Wir schauen unserem Leben zu; wir lee- ren den Pokal vorzeitig und bleiben doch unendlich durstig: denn wie neulich Bourget schön und traurig gesagt hat, der Becher, den das Leben uns hinhält, hat einen Sprung, und während uns der volle Trunk vielleicht berauscht hätte, muß ewig fehlen, was während des Trinkens unten rieselnd verlorengeht; so empfinden wir im Besitz den Verlust, im Erleben das stete Versäumen. Wir haben gleichsam keine Wurzeln im Le- ben und streichen, hellsichtige und doch tagblinde Schatten, zwischen den Kindern des Lebens umher. […] Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens, oder man träumt.“1

In einer Zeit von enormen gesellschaftlichen und sozialen Umschwüngen, Fortschritt in Wissenschaft und Medizin, Frauenbewegung und politischen Umstürzen steht der Mensch an der Schwelle zur Moderne und schwankt zwischen Euphorie und Zu- kunftsangst, Tatendrang und Resignation - das Janusköpfige seiner Epoche, des Fin de Siècle, beschreibt Hugo von Hofmannsthal 1893 in seinem Essay Gabriele d’Annunzio.2

Die Epoche, schon zeitlich schwer einzugrenzen, vereint viele verschiedene Stilrichtungen und Motive, die - wenn nicht sogar konträr - so doch zumindest ineinander überlaufen und schwer voneinander abgrenzbar sind.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, anhand der sehr unterschiedlichen Novellen Pippo Spano von Heinrich Mann und Traumnovelle von Arthur Schnitzler, zwei für die Jahrhundertwende typische Motive - die Décadence und die Geschlechterproblema- tik - aufzuzeigen und näher zu erläutern, sowie Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Bearbeitung der Thematik herauszuarbeiten und in den sozialhistorischen Kontext einzuordnen.

Zunächst sollen die wichtigsten literaturhistorischen, gesellschaftlichen und sozialen Hintergründe dargestellt werden, im Folgenden erfolgt eine Vorstellung der zu untersuchenden Novellen um dann auf dieser Grundlage die Erzählungen dahingehend zu untersuchen, inwieweit sie Merkmale der Décadence aufweisen und wie sie die Geschlechterproblematik des Zeitalters aufgreifen und bearbeiten.

2. Literaturhistorische, gesellschaftliche und soziale Hintergründe

2.1 Fin de Siècle und Dekadenzbegriff

Als Fin de Siècle wird die gesamteuropäische Epoche der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert bezeichnet. Diese Zeit ist geprägt von einem Schwanken zwischen Aufbruchsstimmung, Zukunftseuphorie, diffuser Zukunftsangst und Regression, Endzeitstimmung, Lebensüberdruss, Weltschmerz, Faszination von Tod und Vergänglichkeit, Leichtlebigkeit, Frivolität und Dekadenz.3

Die innere Verunsicherung resultiert aus den enormen gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen der Zeit. Neben den Errungenschaften der Moderne als „Zeitalter von Zigarette und Fahrrad, Konsum und Emanzipation“4 wird auch ihre Kehrseite erkannt, die Menschen sehen sich unzähligen Neuerungen ausgesetzt, die sie in sehr kurzer Zeit verarbeiten müssen.

Vor allem die Dichter des Jungen Wien, zu denen auch Arthur Schnitzler zählte, wurden durch die Theorie des Empiriokritizismus, die der Physiker Ernst Mach (1838-1916) in seinem Hauptwerk Die Analyse der Empfindungen aufstellt, beeinf- lusst.

Mach geht davon aus, dass das Ich keine unveränderliche, bestimmte und streng be- grenzte Einheit sei, sondern ein Produkt von Empfindungskomplexen, bestehend aus gänzlich unbeständigen Empfindungen, Erfahrungen, Stimmungen, Assoziationen, Erinnerungen und Gefühlen. Somit ist für ihn auch die Wirklichkeit nicht als feste, kohärente Größe anzusehen, sondern ebenso als jeweils subjektiv wahrgenommener Empfindungskomplex.5

Seine Gedanken zur Auflösung der inneren und äußeren Wirklichkeit fanden bei den Dichtern des Fin de Siècle, die sich schon seit längerem mit dem Problem des IchVerlusts beschäftigt hatten, regen Anklang und wurden in vielerlei Werken mit den Fragen nach den Grenzen von Schein und Sein, Wirklichkeit und Illusion und der unaufhörlichen Suche nach dem Ich verarbeitet.

Hermann Bahr veranlasste die Debatte zu folgenden Sätzen:

„Die Sensationen allein sind Wahrheit, zuverlässige und unwiderlegliche Wahrheit; das Ich ist immer schon Konstruktion, willkürliche Anordnung, Umdeutung und Zurichtung der Wahrheit, die jeden Augenblick anders gerät, wie es einem gerade einfällt, eben nach der Willkür der jeweiligen Stimmung, und man hat genau ebenso viel Berechtigung, sich lieber gleich hundert Iche zu substituieren, nach Belieben, auf Vorrat, woher und wodurch die Dekadence zu ihrer Ichlosigkeit gedrängt ward.“6

Hier setzt die Décadence an, sie radikalisiert die Grundgedanken des Fin de Siècle und ergötzt sich in Niedergangs- und Verfallsstimmungen. Der beängstigende Ge- danke vom Subjektzerfall führt zu einer Flucht vor der Realität in die Gegenwelt der Kunst und zur Abkehr von der Natur. Das Gefühl von der Entfremdung vom Leben wird aufgegriffen und zu einem Kult der Innerlichkeit und Künstlichkeit gesteigert. Dieser extrem verfeinerte Zustand, gänzlich auf den Geist, die Nerven und die Küns- tlichkeit des Seins reduziert, wird zugleich als Höhe- und Endpunkt gesehen, dem in Konsequenz nur die Katastrophe als letzte Steigerung noch folgen kann.7

Die Décadencebewegung der Jahrhundertwende trägt jedoch die innere Tendenz zur Überwindung bereits in sich. Der Mensch leidet unter seiner selbstgewählten Isolati- on und versucht sie aus seinem Inneren heraus zu bekämpfen, da er sich nach einer neuen Einbindung in den Lebensprozess sehnt und die Stärke seiner Vorfahren bei sich selbst vermisst.8

2.2 Das Frauenbild der Jahrhundertwende

„Ohne Zweifel hat der Mann ein lebhafteres geschlechtliches Bedürfnis als das Weib. […] Er liebt sinnlich, wird in seiner Wahl bestimmt durch körperliche Vorzüge. Dem mächtigen Drange der Natur folgend, ist er aggressiv und stürmisch in seiner Liebes- werbung. […] Anders das Weib. Ist es geistig normal entwickelt und wohlerzogen, so ist sein sinnliches Verlangen ein geringes. Wäre dem nicht so, so müßte die ganze Welt ein Bordell und Ehe und Familie undenkbar sein. Jedenfalls sind der Mann, welcher das Weib flieht, und das Weib, welches dem Geschlechtsgenuss nachgeht, abnorme Er- scheinungen.“9

Während erotische Reize immer mehr Einzug in das bürgerliche Leben halten - neue Medien wie Photographie und Film verbreiten sich schnell und die Prostitution verbreitet sich mit der Verstädterung - und auch in der Kunst das Sexuelle stark thematisiert wird, versteift sich das Bürgertum der Jahrhundertwende auf die klassischen Geschlechterrollen und Zuweisungen. Gerade der Mann ist in Zeiten des starken Umbruches und seines „latenten Machtverlustes im privaten und öffentlichen Lebens“ auf „Stabilität in der Geschlechterordnung angewiesen“10. Die Sexualität der Frau wird allein durch den Mann entfacht. Erotik hat ihren Platz im niederen Milieu, bei Prostituierten und den Geliebten des Mannes.11

Vor allem die voranschreitende Emanzipation der Frau - feministische Angriffe auf sittlich bedenkliches Verhalten der Männer, Forderungen nach politischer Teilhabe und Zulassung zur Universität - schürt die Angst vor der erstarkenden Frau und fördert die repressive Sexualpädagogik von Seiten des Staates.12

Doch das vom Kaiserreich propagierte patriarchalische Denken ist keineswegs die vorherrschende Denkweise, lediglich die öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema wird vermieden, im Privaten wird Sexualität durchaus thematisiert.13

Auch in der literarischen Verarbeitung dominiert die Verunsicherung des Mannes, der sich in seiner Machtposition von der Frau bedroht fühlt. Zugespitzt lässt sich das weibliche Rollenrepertoire in der Epoche des Fin de Siècle auf das der Hure und das der Heiligen reduzieren. Zur Femme fatale, dem verführerischen und Unheil brin- genden Weib, sowie der klassischen Eva gesellt sich die enthumanisierte Femme fragile - die schwache, reine, entkörperte und ganz geistige Kindfrau.14

In der Dekadenzdichtung kommt es vor, dass sich die Rollen der Femme fatale und der Femme fragile verschränken und ihre weibliche Dämonie in der Zweideutigkeit ihrer Erotik offenbaren.15

Auch hier wird erneut das Janusköpfige des Fin de Siècle deutlich: Einerseits emanzipatorischer Fortschritt und sexuelle Freizügigkeit, andererseits die bürgerliche Doppelmoral und die repressive Sexualpädagogik des Staates. Der Mensch ist gefangen zwischen Fortschritt und Regression, zwischen Zukunftsangst und Fortschrittsglaube, verunsichert durch konservative Moralvorstellungen auf der einen und freizügige Erotik auf der anderen Seite.

[...]


1 Hofmannsthal, Hugo von: Gabriele d’Annunzio. Zitiert nach: Fischer, Jens M.: Fin de Siècle. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler 1978, S. 87f.

2 Vgl. ebd., S. 87f.

3 Vgl. Haupt, Sabine; Bodo, Stefan (Hg.): Handbuch Fin de Siècle. Stuttgart: Kröner 2008.

4 Kimmich, Dorothee; Wilke, Tobias: Einführung in die Literatur der Jahrhundertwende. Darmstadt: WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2006, S. 84.

5 Vgl. Fischer, Jens M.: Fin de Siècle. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler 1978, S. 71f. 4

6 Bahr, Hermann: Wahrheit! Wahrheit!. Zitiert nach: Fischer, Jens M.: Fin de Siècle. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler 1978, S. 72.

7 Vgl. Fin de Siècle. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, hg. Von Klaus Weimar. Band 1. Berlin/ New York: Gruyter 1997, S. 602ff.

8 Vgl. Dekadenzdichtung. In: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, hg. von Werner Kohlschmidt und Werner Mohr. Band 1. 2. Auflage. Berlin/New York: Gruyter 2001, S. 228.

9 Kraft-Ebing, Richard von: Psychopathia sexualis. Mit besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung. Eine medizinisch-gerichtliche Studie für Ärzte und Juristen (1912). Zitiert nach: Tebben, Karin: Versuche im Bereich der Kunst. Zum Bildrepertoire des weiblichen Körpers im Fin de Siècle. In: Frauen - Körper - Kunst. Literarische Inszenierungen weiblicher Sexualität, hg. von Ders. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2000, S. 11. Im Folgenden zitiert als ‚TEBBEN 2000‘

10 Vgl. TEBBEN 2000, S. 11f.

11 Vgl. Pankau, Johannes G.: Sexualität und Modernität. Studien zum deutschen Drama des Fin de Siècle. Würzburg: Königshausen & Neumann 2005 (= Schriften der Frank Wedekind-Gesellschaft Band 4), S. 46f.

12 Vgl. TEBBEN 2000, S. 15.

13 Vgl. ebd., S. 16f.

14 Vgl. TEBBEN 2000, S. 16.

15 Vgl. ebd., S. 18f.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656178484
ISBN (Buch)
9783656179474
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192799
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Novelle Arthur Schnitzler Heinrich Mann Traumnovelle Pippo Spano Fin de Siècle Jahrhundertwende Frauenbild Décadence

Autor

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