Lade Inhalt...

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Humor als Emotion
Humor
Emotionen
2.1. Komponentenanalyse
a. Intentionalität und evaluativ-repräsentativer Inhalt
b. Verhaltensantrieb
c. Körperliche Veränderungen
d. Erlebnisqualität, Intensität und Erregung
2.2. Funktion

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Barbara Wild, die Herausgeberin von „Humor in Psychiatrie und Psychotherapie“, bat alle Autoren, die an ihrem Buch mitgearbeitet haben, in ihren Beiträgen auch eine eigene Definition von Humor darzulegen. Ich überlegte mir, was würde ich dazu schreiben? Mein spontaner Gedanke war: Humor ist wie Salz. Ohne ihn würde das Leben fad schmecken. Eine Welt ohne das spaßige Gefühl und ohne ein herzhaftes Lachen wäre eine allzu ernste Welt. Keine Emotionsäußerung ist so laut und so mitreißend, wie ein vergnügliches Lachen. Wir brauchen nicht einmal einen Blickkontakt, um uns von dieser Emotion anzustecken.

Lachen als Emotionsausdruck ist angeboren. Darwin berichtet über die taub-blinde Laura Bridgman, die keinen Emotionsausdruck durch Nachahmung lernen konnte, und dennoch lachte sie und die typische freudige Erregtheit war ihr anzusehen.1 Die Liste der angeborenen Grundemotionen ist unterschiedlich lang2. Merkwürdig ist, dass das Verhältnis zwischen Emotionen, die sich angenehm anfühlen zu den Unangenehmen, eins zu viel ist. Das müsste bedeuten, dass wir uns vorwiegend unwohl fühlen müssten. Dass uns das Leben doch lebenswert vorkommt, liegt vielleicht daran, dass die Emotionskategorie Freude als ein Sammelbegriff von positiven Emotionen verstanden wird. Humor müsste eine eigene Emotion sein. Denn es fühlt sich anders an, wenn man sich über den Besuch eines guten Freundes freut oder wenn man sich tränenlachend über etwas Lustiges vergnügt. Der Unterschied zwischen „sich über etwas freuen“ und „etwas lustig finden“ zeigt sich bereits an der Distanz zwischen Subjekt und Bezugsobjekt der Emotion. Je mehr uns das Freudige angeht, desto intensiver freuen wir uns. Dagegen ist beim Witz ein gewisser Abstand zu uns entscheidend, denn wenn der Witz uns zu persönlich trifft, werden wir das nicht als witzig empfinden.

Absicht dieser Arbeit ist jedoch nicht die Grenze zwischen Freude und Humor zu ziehen, sondern zu zeigen, dass Humor eine Emotion ist. In einer Komponentenanalyse werde ich zeigen, wie sich die konstitutiven Komponenten der Emotionen beim Humor manifestieren. Anschließend werde ich die Funktion des Humors ergründen.

2. Humor als Emotion

Das Thema führt zwei große Forschungsgebiete zusammen: Humor und Emotionen. Beide Phänomene sind sehr komplex und die Theorien über ihre Wesen sind teilweise kontrovers.

Humor

Das Wort Humor stammt aus dem lateinischen umor und bedeutet Flüssigkeit oder Feuchtigkeit. Ursprünglich diente es als medizinischer Fachbegriff für die vier Körpersäfte (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle) nach der Säftelehre des Hippokrates. Später, im Mittelalter, in Zusammenhang mit den Temperamenten (Choleriker, Melancholiker, Sanguiniker, Phlegmatiker) wurde Humor als labiles Verhalten und Stimmung im Sinne von „Laune“ verstanden. Ab Ende des 17. Jahrhunderts wurde Humor eher als Talent für Sinn für Humor verwendet. Die englische Kombination good humour führte dazu, dass humour allein immer mehr die positiven Anlässe des Lachens bedeutete. Schrittweise wurde in England humour zu einer Tugend, wie tolerance und gentlemanship. Der englische Begriff wurde auch in anderen Sprachen übernommen.3

Das Thema Humor wird in der Philosophie sehr unterschiedlich aufgefasst. Für Aristoteles ist Komik als das Lächerliche eine Abweichung vom Richtigen und Schönen.4 Hobbes beschreibt Komik als ein Verhältnis von Über- und Unterlegenheit, als einen Akt der Selbstaffirmation. Das Komische wird zum Thema seiner Affektenlehre. „Bei plötzlicher Freude über ein Wort, eine Tat, einen Gedanken, die das eigene Ansehen zu erhöhen, das fremde zu mindern, werden außerdem häufig die Lebensgeister emporgetrieben, und dies ist die Empfindung des Lachens“5. Nach Hegel zeigt das Komische die gelassene Souveränität des Subjekts in allen widersprüchlichen Situationen und Handlungen.6 Nietzsche sieht im Komischen den „Übergang aus momentaner Angst in kurzdauernde Übermut.“7

Freud betrachtet Witz, Komik und Humor als Arten des Komischen. Nach Freud hat der „seelische Apparat“ unterschiedliche Arbeitsweisen und unterschiedliche Funktionen. Die seelische Tätigkeiten bei Witz, Komik und Humor werden in unterschiedlichen Bewusstseinsstrukturen vollzogen: Komik und Humor werden im Vorbewussten verarbeitet und der Witz zwischen Vorbewussten und Unbewussten. Witz, Komik und Humor sind drei verschiedene Methoden, um aus der seelischen Tätigkeit eine Lust wiederzugewinnen, welche eigentlich erst durch diese Tätigkeit verlorengegangen ist. Die Lust stammt von einer Ersparung. Die Lust des Witzes geht aus erspartem Hemmungsaufwand hervor, die Lust der Komik aus erspartem Vorstellungsaufwand und die Lust des Humors aus erspartem Gefühlsaufwand mit Unlustcharakter. Humor ist nach Freud die höchste Abwehrleistung der Psyche.8

Humor wird in der Ästhetik als eine Kategorie des Komischen von Witz, Ironie, Satire, u.a. abgegrenzt.9

In der heutigen Humorforschung wird Humor nach dem angloamerikanischen Bezugssystem als Überbegriff für alle Phänomene des Komischen verstanden und er ist immer mit dem Erleben von Lustigem verknüpft.10

Emotionen

Der Begriff der Emotion ist ebenfalls nicht eindeutig. Eine Abgrenzung der Emotionen von Körperempfindungen, Stimmungen und Dispositionen wird durch die konstitutiven Komponenten der Emotionen11 ermöglicht. Einige der Komponenten sind unstrittig anerkannt, andere wiederum nicht, je nachdem welche grundlegende Auffassung in dem philosophischen Leib-Seele-Problem vertreten wird. Die unterschiedlichen Positionen in dieser Problematik ergeben sich aus dem Grundverständnis über das Verhältnis zwischen psychischen und physischen Ereignissen. Ich werde in dieser Arbeit die verschiedenen Überzeugungen nicht berücksichtigen und beachte alle konstitutiven Komponenten der Emotionen. Daraus ergibt sich folgender Begriff: Emotionen sind intentional, sie stellen ihr Bezugsobjekt auf einer bestimmten Weise seiend dar, sie manifestieren sich in körperlichen Veränderungen sowie in einem bestimmten Verhalten und sie werden als innerliche Erregung mit einer bestimmten Gefühlsqualität und Intensität erlebt.

Meine These ist, dass das humorige Erlebnis eine Emotion ist. In einer Komponentenanalyse werde ich zeigen, wie sich die konstitutiven Komponenten der Emotionen beim Humor manifestieren.

2.1. Komponentenanalyse

a. Intentionalität und evaluativ-repräsentativer Inhalt

Emotionen sind auf etwas in der Welt gerichtet, d.h. sie sind intentional. Sie stellen ihr jeweiliges Bezugsobjekt in einer bestimmten Weise seiend dar. Diese Repräsentation ist nicht neutral, sondern bewertet. Daraus ergibt sich, dass Emotionen einen evaluativrepräsentationalen Inhalt haben.12

Bezugsobjekt des Humors kann alles sein: ein Bild, eine Situation, ein Sachverhalt, ein Text, eine Rede, eine Person, ein Geräusch, eine Handlung, eine Erinnerung, Tabus oder gesellschaftliche Normen. Das Bezugsobjekt für sich ist erst neutral. Das Lustige ist kein Objekt der Welt. Das Lustige ist eine Repräsentation der Emotion Humor. Das, was wir beobachten und lustig finden, hat bereits Humor in uns ausgelöst.

Der Prozess, der Humor auslösen kann, ist sehr speziell, daher möchte ich ihn gesondert darstellen. Erkenntnis ist eine notwendige Bedingung des Humors. Selbst Nonsens muss erst erkannt werden.

Suls13 hat ein 2-Stufen-Modell zum Verstehen eines Witzes erstellt: im ersten Schritt wird eine Inkongruenz zwischen Witzanfang und Pointe entdeckt und im zweiten Schritt wird die Inkongruenz aufgelöst, indem eine neue Kohärenz hergestellt wird.14

Dieses Modell kann auf alle anderen Arten von Bezugsobjekten angewendet werden, nicht nur auf den Witz. Denn das „Verstehen“ geschieht nicht nur durch bewusste Denkprozesse und logische Schlüsse. Die Entdeckung der Spiegelneurone hat gezeigt, dass das Verstehen einer Handlung mit der Aktivierung eines neuronalen Systems zusammenhängt. Wenn wir jemanden sehen, der ein Eis in seiner Hand hält und dieses in Richtung Mund führt, dann wird gemäß unserem motorischen Wissen automatisch die potentielle Akt „zum Mund führen, um zu essen“ simuliert.15 Drückt die beobachtete Person das Eis auf seinen Stirn, anstatt es zu essen, entsteht eine plötzliche Inkongruenz zwischen Erwartung und Beobachtung. Diese Inkongruenz kann durch eine weitere Handlung oder durch den Kontext der Handlung (z.B. Komödie) aufgelöst werden. Slapstick benutzt diese Methode um Humor auszulösen.

Witze können höhere Assoziationsfähigkeiten verlangen, um Inkongruenzen aufzulösen. Nehmen wir folgenden Witz:

Zwei Rumänen sitzen beim Schnapstrinken. Sie unterhalten sich:„Unsere Vergangenheit war Mist, unsere Gegenwart ist Mist.“.“Ein Glück, dass wir keine Zukunft haben!“

Der letzte Satz stellt eine Inkongruenz zwischen Erwartung und Pointe dar. Der antizipierte Stereotyp wäre etwa die Hoffnung oder die Gewissheit, dass in der Zukunft alles besser wird. Die Situation, dass die Männer zu viel Schnaps getrunken haben und Unsinn reden, könnte die Inkongruenz auflösen. Oder man kennt die Einstellung, nach der man sich lieber über eine aussichtslose Situation lustig macht, anstelle sich selbst zu bemitleiden. Jeder löst die Inkongruenz nach seiner eigenen Kenntnis auf. Wenn nicht, dann wird man sagen, der Witz sei schlecht gewesen.

Alles was wir wahrnehmen, löst in uns automatisch Erwartungen oder Antizipationen aus. Wir sind in der Lage, ein Gesicht zu erkennen, ohne das Ganze zu sehen. Wir antizipieren das Ende des Satzes, sobald wir den Anfang hören. Wahrnehmungen aktivieren bestimmte neuronale Systeme, Gedächtnisstrukturen oder Wissensschemata, welche die Erwartungen auslösen, die sich am ehesten mit der jeweiligen Beobachtung vereinbaren lassen.

Schopenhauer erklärt den Ursprung des Lächerlichen mit der plötzlichen „Wahrnehmung der Inkongruenz des Gedachten zum Angeschauten, also zur Wirklichkeit“16. Der Sieg der anschauenden Erkenntnis über das Denken erfreut uns.“Diese strenge, unermüdliche, überlästige Hofmeisterin Vernunft jetzt ein Mal der Unzulänglichkeit überführt zu sehn, muß uns daher ergötzlich seyn. Deshalb also ist die Miene des Lachens der der Freude sehr nahe verwandt.“17 Je größer und unerwarteter diese Inkongruenz zwischen dem Abstrakten und dem Anschaulichen ist, desto vergnüglicher wird der Zustand und desto heftiger fällt das Lachen aus.18

[...]


1 Darwin, S. 180

2 Nach P. Ekman: Zorn, Furcht, Ekel, Trauer, Überraschung, Glück; nach S. Tomkins: Überraschung, Interesse, Freude, Wut, Ekel, Scham, Angst; nach R. Plutchiks Akzeptanz, Erwartung, Erstaunen, Zorn, Furcht, Ekel, Trauer, Überraschung, Glück; nach K. Oatley: Zorn, Furcht, Ekel, Trauer, Glück (Ledoux, S.121)

3 Ruch (2012), S. 12

4 Bachmaier, S. 12

5 Bachmaier, S. 16

6 Bachmaier, S. 34

7 Bachmaier, S. 131

8 Freud, S. 246

9 Ruch (2012), S. 10

10 Ruch (2012), S. 11

11 Birnbacher, S. 9

12 Döring, S.15

13 Jerry M. Suls, Psychologe

14 Wild, S. 34

15 Rizzolatti, S. 136

16 Bachmaier, S. 45

17 Bachmaier, S. 46

18 Bachmaier, S. 45

Details

Seiten
19
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656178507
ISBN (Buch)
9783656447160
Dateigröße
807 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192795
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Schlagworte
Emotionen; Humor

Autor

Zurück

Titel: Humor als Emotion