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Magie und Zauberei in Ulrichs von Zatzikhoven "Lanzelet"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Magie und Zauberei
2.1 Zum Begriff
2.2 Geschichte der Magie bis zum Mittelalter
2.3 Unterscheidungsmöglichkeiten
2.4 Magie in der höfischen Kultur des Mittelalters

3. Magie im Lanzelet
3.1 Magische Personen
3.1.1 Malduc
3.1.2 Elidîâ
3.2 Magische Orte
3.2.1 Mâbûz auf Schatel le mort
3.2.2 Wahsende warte
3.3 Magische Gegenstände
3.3.1 Der Mantel
3.3.2 Das Minnezelt

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Magie ist die Technik, die auf dem Glauben an geheime Kräfte im Menschen und im Weltall beruht, Kräfte, die unter besonderen Voraussetzungen vom Menschen geweckt und gelenkt werden können.“1

Dieses Zitat von Georg Luck beschreibt sehr gut, was für viele Menschen im Mittelalter feststand: Magie existiert und mit Hilfe von magischem Wissen können Dinge vollbracht werden, die auf konventionelle Weise unmöglich sind.

Heute hat sich das Verständnis von Magie und Zauberei grundlegend geändert. Auch wenn es gegenwärtig noch vereinzelt unerklärliche Phänomene gibt, so sind diese doch eher Randerscheinungen. Was jedoch in unserer Zeit an Bedeutsamkeit verloren hat, war im Mittelalter ein zentraler Bereich des Wissens und weit verbreiter Glaube. Untersucht man mittelalterliche Literatur wie Ulrichs von Zatzikhoven „Lanzelet“, so ist dieser historische Kontext, in dem das Werk entstanden ist, wichtig für das Verständnis. Der Glaube an die Macht der Magie war - wenn auch in verschiedener Form - in allen Schichten verbreitet. Begünstigt durch mangelnde naturwissenschaftliche Erkenntnisse wurde zu dieser Zeit zu allen möglichen Zwecken „gezaubert“.

Aus diesem Grund wird der erste Teil dieser Arbeit sich mit dem Begriff der Magie befassen, die geschichtliche Entwicklung bis zum 12. Jahrhundert darstellen und Unterscheidungs-möglichkeiten für die damalige Magie präsentieren. Auch auf das Magieverständnis in der höfischen Kultur wird eingegangen, da Werke wie der „Lanzelet“ ursprünglich und hauptsächlich für ein höfisches Publikum geschrieben wurden. Mit dieser historischen Grundlage im Rücken, befasst sich der zweite Teil dann explizit mit der Magie im „Lanzelet“. Wo und zu welchem Zweck setzt Ulrich magische Elemente in seinem Werk ein und was für ein Verständnis für Zauberei erzeugt er dabei beim Leser. Diese Fragen werden an exemplarischen Textstellen behandelt werden.

2. Magie und Zauberei

2.1 Zum Begriff

Will man Magie zu dieser Zeit beschreiben, so trifft dieser Vergleich es wohl am besten: Magie war „[…] eine Art Kreuzung oder Knotenpunkt der mittelalterlichen Welt, […] ein(en) Ort, an dem verschiedene Linien und Straßen dieser Kultur zusammenlaufen.“2

Zum einen basierten die magischen Geheimwissenschaften des Mittelalters „[…] auf dem mystischen Wissen der Antike.“3 Die antiken Magietraditionen waren dabei jedoch keinesfalls einheitlich. Sie setzen sich aus vielen verschiedenen Strömungen und Kulturen zusammen. Besonders hervorzuheben sind vor allem persische, babylonische und ägyptische Überlieferungen, die „[…] die Grundlage der wissenschaftlichen Systeme von geordneten Vorschriften, Regeln und Bräuchen[…]“4 bildeten. Zum anderen flossen auch Vorstellungen und Praktiken der germanischen und keltischen Völker Nordeuropas in die magischen Wissenschaften des mittelalterlichen Europas ein.

Dazu kommt noch die Tatsache, dass „[…]der Zauberglaube antiker Herkunft sich mit einheimischen Volkstraditionen verbunden […]“5 hatte. Dieses „[…]zusammengewürfelte Wesen der Magie […]“6 macht es folglich in vielen Fällen unmöglich, einzelne Inhalte nach ihrer Herkunft eindeutig einzuordnen.7 Und auch auf eine andere Weise war die Zauberei dieser Zeit ein Knotenpunkt: Denn gezaubert − wenn auch in unterschiedlicher Form − wurde scheinbar quer durch die Gesellschaft: Bei Klerikern oder Laien, bei Adeligen oder Gemeinen, bei Männern oder bei Frauen, auf dem Land oder in der Stadt. Magie − in welcher Form auch immer − war bei der mittelalterlichen Bevölkerung allgegenwärtig. Der Glaube an sie, war dabei, begünstigt durch mangelnde naturwissenschaftliche Erkenntnisse und einen weit verbreiteten Aberglauben, sehr groß.

Zauberei wurde immer da eingesetzt, wo die Menschen mit konventionellen Mitteln nicht mehr weiterkamen und sich einer höheren Macht anvertrauten, um ihre Ziele zu erreichen.

2.2 Geschichte der Magie bis zum Mittelalter

In der klassischen Antike bezeichnete das Wort Magie „[…] ursprünglich alle Künste der magi, jener persischen Priester des Zoroaster, mit denen die Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. oder früher in Berührung kamen.“8 Die Griechen und Römer, die zu dieser Zeit lebten, hatten nur eine unpräzise Vorstellung davon, was die magi taten und wo deren Fähigkeiten lagen. Es wird berichtet, dass „[…] die Priester sich mit Astrologie beschäftigten, daß sie sich als Ärzte betätigten […] und daß sie ganz allgemein nach ‚Wissen von verborgenen Dingen‘ strebten.“9 Die Gesamtheit der Tätigkeiten, denen die magi nachgingen, wurde deshalb „[…] die ‚Künste der magi ‘[…], die ‚magischen Künste‘ oder eben einfach ‚Magie‘“10 genannt.

Von Beginn an war also der Begriff der Magie unklar. Bei den Menschen der damaligen Zeit führte diese nebulöse Vorstellung zu Missfallen und Verdacht. „Die fremden magi und ihre exotischen Künste beschäftigten die Phantasie der Menschen […]“11, was dazu führte, dass der Begriff der Magie mit starken Emotionen und vielen dunklen Nebenbedeutungen behaftet war. Magie wurde als verdächtig und bedrohlich empfunden. Wenn nun Römer oder Griechen Praktiken anwendeten, die denen der magi ähnlich waren, so „[…] schien etwas von jener furchteinflößenden Fremdheit auf sie überzugehen.“12 In der Folgezeit erweiterte sich der Begriff der Magie und beinhaltete alle dunklen Machenschaften von Okkultisten, egal ob Ausländer oder Einheimische.

Diese negative Bedeutung des Wortes wurde von den frühchristlichen Autoren übernommen. Sie legten sogar besonderes Gewicht auf … Konotation der magischen Künste. Für sie war klar: „Wenn die griechischen und römischen Heiden die Zukunft vorhersagen oder Kranke heilen konnten, dann nur mit Hilfe […]“13 teuflischer Dämonen.

Und der Einfluss der Kirche war zu dieser Zeit enorm: „[…] die Autorität des Kirchenvaters war in der Kultur des Mittelalters so gewaltig, daß seine Auffassungen hier wie auch auf anderen Gebieten für viele unverändert gültige Lehre blieben.“14

Diese ablehnende Auffassung änderte sich auch bis zum Ende des 12. Jahrhundert nicht. Erst in der Folgezeit bildete sich eine differenziertere Vorstellung von Magie:

„Um das 13. Jahrhundert herum begannen zwei Entwicklungen das Denken über die Magie zu verändern. Erstens traten nun Autoren auf, die einen Unterschied postulierten zwischen einer Natur-Magie und einer anderen, die dämonischen Ursprungs sei. Zweitens wurde es üblich, unter dem Begriff Magie neben den Weissagungskünsten mehr und mehr auch jene Praktiken zu fassen, die nicht auf Erkenntnis, sondern auf eine materielle Wirkung, etwa auf Heilung, abzielen.“15

Auch wenn in dieser Zeit ein positiveres Denken einsetzte, so muss hier angemerkt werden, dass die negative Bedeutung der Magie unter der Bevölkerung erhalten blieb und viele immer noch glaubten „[…] daß Magie immer Dämonenwerk sei […].“16 Folglich verwundert es kaum, dass das Ansehen der Magier und Zauberer im Mittelalter ähnlich schlecht war wie das der magi im Altertum.

2.3 Unterscheidungsmöglichkeiten

Um für die mittelalterliche Magie eine Einteilung vorzunehmen, gibt es viele unterschiedliche Modelle. Was alle gemein haben ist die Tatsache, dass sie immer gegensätzliche Paare gegenüberstellen. So gelten beim ersten Modell folgende traditionellen Unterscheidungs-kategorien:

„Die Schwarze Magie (Zauberei, Dämonenbeschwörung) steht der Weißen entgegen (bei der Engel helfen), die Naturmagie (mit natürlichen, die die Menschen noch nicht kennen) der künstlichen (mit Maschinen bewerkstelligten), die himmlische Magie (Astrologie des günstigen Zeitpunkts) der zeremoniellen (Dämonenbeschwörung).“17

Ein anderes Modell zieht eine Trennungslinie zwischen der dämonischen und der natürlichen Magie. Letztere, auch Naturmagie genannt, besitzt einen eher rationalen, wissenschaftlichen Charakter. Und auch wenn diese Art der Magie sich hauptsächlich mit den verborgenen, okkulten Kräften der Natur beschäftigt, so zeigen viele Beispiele, dass mittelalterliche „[…]Naturwissenschaft oft mit Vorstellungen der Magia naturalis verbunden war […].“18

Dem stellt dieses Modell die dämonische Magie gegenüber. Diese Art der Zauberei hat ihre Wurzeln in der Religion. Dies zeigt die Tatsache, dass sich hier christliche Liturgie wiederfindet und bei Beschwörungen oft Bibelstellen zitiert werden. Da diese Zauberei aber Dämonen beschwört, um sie für die eigenen Zwecke einzusetzen, gilt sie als „[…] pervertierte Religion, die sich von Gott abgewandt hatte […]“19. In der mittelalterlichen Gesellschaft galt daher, im Gegensatz zur Magia naturalis, die dämonische Zauberei als unerlaubte Magieform.

Ein anderes Modell stellt nicht die Art der Magie, sondern die Absicht des Handelnden in den Vordergrund. Also will der Akteur Schaden anrichten oder abwenden? Hier wird ein Unterschied zwischen Maleficium (Schadenzauber, schwarze Magie) und Beneficium (Heilzauber, weiße Magie) gemacht.20 Man sieht also, dass eine Einordnung einzelner Zauber, je nach Modell, sehr unterschiedlich ausfallen kann.21

[...]


1 Luck: Magie und andere Geheimlehren in der Antike, S. 1.

2 Kieckhefer: Magie im Mittelalter, S. 9.

3 Habiger-Tuczay: Magie und Magier im Mittelalter, S. 327.

4 Ebd.

5 Ebd. S. 330.

6 Bologne: Magie und Aberglaube im Mittelalter, S. 26.

7 Kieckhefer: Magie im Mittelalter, S. 10.

8 Kieckhefer: Magie im Mittelalter, S. 19.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd. S. 20.

15 Kieckhefer: Magie im Mittelalter, S. 21.

16 Ebd.

17 Bologne: Magie und Aberglaube im Mittelalter, S. 33.

18 Dinzelbacher (Hg.): Mediaevistik Band 7, S. 265.

19 Kieckhefer: Magie im Mittelalter, S. 18.

20 Vgl. Dinzelbacher (Hg.): Mediaevistik Band 7, S. 264.

21 Ein gutes Beispiel ist der oft verwendete Liebeszauber. Da dieser mit Hilfe von Dämonen durchgeführt wurde, müsste er als schwarze Magie, also böse eingeordnet werden. Würde der Handelnde jedoch damit einen guten Zweck verfolgen, so müsste der Zauber, nach letzt genanntem Modell, gut sein.

Details

Seiten
18
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656177067
ISBN (Buch)
9783656177593
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192721
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Lehrstuhl für Deutsche Philologie des Mittelalters
Note
1,3
Schlagworte
Magie Zauberei Zatzikhoven Lanzelet Mediävistik Artusroman Mittelalter

Autor

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