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Arthur Schnitzler

Leutnant Wilhelm Kasda in Schnitzlers "Spiel im Morgengrauen" - Ein Opfer des Ehrenkodexes oder der eigenen Instabilität?

Seminararbeit 2011 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Das Militär zur Zeit Wilhelm Kasdas
1.1 Der Ehrenkodex
1.2 Die Analogie von Leutnant Kasda und Leutnant Gustl

2 Wilhelms Umfeld – Von Spielern umgeben
2.1 Otto von Bogner
2.2 Konsul Schnabel
2.3 Onkel Robert Wilram
2.4 Leopoldine Lebus

3 Das Glücksspiel und das erotische Spiel

4 Der Selbstmord Wilhelms

5 Resümee

Bibliographie

Einleitung

Die vorliegende Ausarbeitung befasst sich mit der Hauptfigur Wilhelm Kasda aus Arthur Schnitzlers Novelle ‹Spiel im Morgengrauen›. Sie geht der Frage nach, ob Kasda sich verschuldet um einem alten Kameraden zu helfen und dadurch schlussendlich ein Opfer des damals herrschenden Ehrenkodexes wird, oder ob ihn seine eigene Spielsucht – seine Instabilität – in den Tod treibt, da er letztlich einen moralischen Ruin erleidet, mit dem er selbst nicht mehr leben kann. Um diese Frage zu beantworten, soll in den ersten beiden Punkten auf die Welt des Militärs zur Zeit Kasdas und auf die Wichtigkeit der Ehrvorstellung eingegangen werden. Hierzu wird auch die Homogenität von Kasda und Leutnant Gustl angeführt, um Schnitzlers Leutnantsbild zu verdeutlichen. Darauf folgend werde ich mich mit Wilhelms Umfeld und einigen wichtigen Persönlichkeiten befassen, die für ein Verständnis seines Konflikts unabdingbar sind. Weitere Gegenstände der Untersuchung sind das Glücks- und das Liebesspiel, welche das zentrale Thema der Novelle darstellen, und woran der letzte Punkt, Wilhelms Selbstmord, anschließt. Den Abschluss dieser Arbeit bildet ein, die Analyse abrundendes Ergebnis.

1 Das Militär zur Zeit Wilhelm Kasdas

Als Schauplatz der Handlung wählt Schnitzler für das Spiel im Morgengrauen wie bereits für Lieutnant Gustl das Offiziersmilieu der Habsburgermonarchie vor dem ersten Weltkrieg[1]. Die jungen Leutnants wurden nach der Ausmusterung aus der Militärakademie in die Regimenter versetzt. Leistungen in der Schule und nicht selten auch Beziehungen entschieden schlussendlich, in welches Regiment man kam. Wichtig bei der Wahl war allerdings auch der Standort. In Wien konnte man das gesellschaftliche Leben und das kulturelle Angebot genießen. Nicht selten entstanden dabei große Spielschulden, die manchen Offizier zwangen Abschied zu nehmen[2]. „Die Sicherheit der gesellschaftlichen Stellung wird nach außen durch eng definierte Verhaltensnormen garantiert. Diese Normen verkörpert ein spezifischer und streng gehandhabter Ehrenkodex, der durch die mit ihm verbundene Satisfaktionsfähigkeit abgesichert wird“[3].

1.1 Der Ehrenkodex Der Eid auf den Kaiser

„Wir schwören zu Gott dem Allmächtigen einen feierlichen Eid, Seiner Apostolischen Majestät, unserem Alldurchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Franz Joseph dem Ersten, von Gottes Gnaden Kaiser von Österreich, König von Böhmen usw. und Apostolischem König von Ungarn treu und gehorsam zu sein, auch Allerhöchst Ihren Generalen, überhaupt allen unseren Vorgesetzten und Höheren zu gehorchen, dieselben zu ehren und zu beschützen, ihren Geboten und Befehlen in allen Diensten Folge zu leisten, gegen jeden Feind, wer es immer sei, und wo immer es seiner kaiserlichen und königlichen Majestät Wille erfordern mag, zu Wasser und zu Lande, bei Tag und bei Nacht, in Schlachten, in Stürmen, Gefechten und Unternehmungen jeder Art, mit einem Wort, an jedem Orte, zu jeder Zeit und in allen Gelegenheiten tapfer und mannhaft zu streiten, unsere Truppen, Fahnen, Standarten und Geschütze in keinem Falle zu verlassen, uns mit dem Feinde nie in das mindeste Einverständnis einzulassen, uns immer so, wie es den Kriegsgesetzen gemäß ist, und braven Kriegsleuten zusteht, zu verhalten, und auf diese Weise mit Ehre zu leben und zu sterben. So wahr uns Gott helfe. Amen“[4].

Seit den Militärreformen von 1863 war die Majorität der Soldaten mittelständischer Herkunft, und der sehr autoritäre, an adelige Denkmuster angelehnte Kodex bürgte für die Einheitlichkeit des Corps und wurde als Instrument zur Hervorhebung der ansehnlichen gesellschaftlichen Stellung genutzt[5].

Die Satisfaktionsfähigkeit war für die Offiziersehre ebenfalls grundlegend, da sie den Kreis festlegte, der durch seinen Rang in der Gesellschaft befähigt war, mit Waffengewalt seine Ehre zu verteidigen. Die Satisfaktionsfähigkeit teilte die ehrenhafte Gesellschaft von jener ohne Ehre ab. Als satisfaktionsfähig galten alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft mit einer Stellung innerhalb der gebildeten Stände.

Allerdings konnten auch Mitglieder der satisfaktionsfähigen Ränge aufgrund eines Fehlverhaltens ihren Platz und ihre Privilegien in der ehrenhaften Gesellschaft verlieren. Die Verletzung der Ehre war nie eine Privatsache, sie betraf immer das ganze Offizierskorps. Ehrverletzungen waren auch nicht durch gerichtliche Klagen zu bereinigen, nur ein Duell bedeutete Satisfaktion[6].

1.2 Die Analogie von Leutnant Kasda und Leutnant Gustl

In der Literatur ist oftmals auf die Ebenbürtigkeit des Leutnants Wilhelm Kasda und des Leutnants Gustl hingewiesen worden[7]. Mit der Figur Kasdas „greift Schnitzler einen sozialen Typus auf, dem er sich schon mehr als zwanzig Jahre zuvor in Lieutnant Gustl gewidmet hat. Wie Leutnant Gustl droht auch Willi Kasda der Verlust von Standesehre und sozialem Status“[8].

Laut Lindken teilt Kasda die einfältigen und überalterten Ehrvorstellungen Gustls, da er zwar in der zeitlichen Reihenfolge der Werke Schnitzlers Gustls Nachfahre ist, aber in der ‹historischen› Zeit seinen Zeitgenossen darstellt[9].

Kasda ist in den Befehlsapparat eingebunden, er konstruiert in seiner Lebenswelt kaum Pläne. Er bleibt generell unentschieden, und er überlässt den Zufällen die Problemlösung[10]. „Aber was tun? Gleich nach Wien zurückfahren? Wäre vielleicht das Vernünftigste! Wie, wenn man die Entscheidung dem Schicksal überließe?“[11].

Bereits in der früheren Monolognovelle Lieutnant Gustl von 1900 wird das Denken des Protagonisten von dem fragwürdigen Ehrenkodex der Offiziere bestimmt. Zu dieser Zeit hat das Dasein des Leutnants einerseits bereits an Pracht eingebüßt, andererseits ist er noch immer den außerordentlichen Auflagen des Kodexes ausgesetzt[12]. Doch erst in der späteren Erzählung Spiel im Morgengrauen werden der Ehrenkodex und andere gesellschaftliche Rituale als bloßer Schein entlarvt, indem sie alle Lebensverhältnisse auf das Geld herabsetzen[13]. Gustl hatte zwar seinen Suizid beschlossen, doch durch das abrupte Ableben seines Kontrahenten bleibt ihm dieser erspart[14]. So entlässt Schnitzler „den Leutnant Gustl am Ende als den Leutnant Gustl am Anfang“[15]. Kasda hingegen setzt zum Schluss der Erzählung seinem Leben ein Ende[16].

2 Wilhelms Umfeld – Von Spielern umgeben

„Spielwelt ist schon die Ausgangswelt Kasdas. Das Militär in seiner Umgrenztheit und Abgeschiedenheit von der übrigen bürgerlichen Lebenswelt bildet ein eigenes ‹Spielfeld›. Es setzt eigene Regeln, einen eigenen Ehrenkodex und eigene Verhaltensnormen und verlangt von seinen Angehörigen Gehorsam. Unproduktiv, wie sie ist, gibt diese Spielwelt ihren Mitgliedern doch Halt und eine gewisse Geborgenheit. Muß draußen im Leben alles geplant, entworfen und entschieden werden, so nehmen das Reglement und die hierarchischen Strukturen dem Militär diese Art subjektivistischer Verantwortung ab“[17].

Die Charaktere in Schnitzlers ‹Spiel im Morgengrauen› entscheiden nicht selbst über ihr Leben, sondern werden gelenkt. Ihr Leben findet „eingespannt in gesellschaftliche Normen, in ein hermetisches Moralkorsett, dem längst seine ethische Begründung fehlt“[18], statt. Sie leben in einer Scheinwelt, in der nichts der Wirklichkeit entspricht[19]. „Kasda kommt mit dieser anderen Spielwelt durch seine Begegnung mit verschiedenen anderen Spielertypen in Berührung, für die die ganze Welt das Spielfeld und das Leben selbst ein Glücksspiel ist“[20]. Laut Geißler sind die „Spielfelder“ die Kaserne, das Theater, die geschäftliche Organisation, das gesetzte Recht und auch die ärztliche Tätigkeit[21].

2.1 Otto von Bogner

An erster Stelle dieser Spielercharaktere steht zunächst Otto von Bogner. Den Militärdienst bereits wegen Verbindlichkeiten aus dem Glücksspiel aufgegeben, gleicht er nun sein privates Pech – die Krankheit seines Kindes etwa – durch die gewagten Maßnahmen der Betrügerei aus[22]. In seiner zivilen Anstellung weiter vom monetären Elend getrieben, bedient er sich fallweise in der Betriebskasse, um die Verwandtschaft am Leben halten zu können[23].

In Kasdas Imagination fluktuiert sein Abbild Bogners zwischen einem Kollegen der Pech im Spiel hatte, bis hin zum charakterlosen Betrüger, mit dem er sich nicht identifizieren kann. Laut Lindken ist Bogner aber wohl der erste in einer Reihe von „Todesboten“ – er hat das Amt das „makabre Karussell“ zu initiieren. Unvorhergesehen taucht Bogner aus der Vergangenheit – der Finsternis der Ehrlosigkeit – auf, um am Ende der Erzählung wieder in der Dunkelheit unterzutauchen[24].

2.2 Konsul Schnabel

Konsul Schnabel, ebenfalls eine Spielernatur, erscheint als nächste Figur auf Kasdas folgenschwerem Weg ins Verderben[25].Sein Dasein stellt sämtliche Erscheinungsformen einer dubiosen Glückswelt dar: Er verfügt über eine zweifelhafte Herkunft, einen ehrlosen Lebenslauf und verbüßte eine Haftstrafe, dennoch besitzt er einen grenzenlosen Reichtum. Die Verwandtschaft in Amerika, eine Geliebte in Baden und die Passion für Spielkarten vervollständigen seine Erscheinung[26].

Einerseits erscheint der Konsul freundlich – herablassend und zivilisiert, doch andrerseits blitzt hinter der Fassade unverhofft die kalte Grausamkeit und Unmoral eines hinterhältigen Menschenhassers auf. Diese lässt ihn von vornherein als Todfeind des Leutnants, und nicht als Spielpartner Kasdas zutage treten. Spiel ist für den Konsul zu einer leeren, effizienten Berechnung verkommen, das darauf aus ist, den Gegner auszulöschen[27].

Er stürzt Kasda in den Bankrott, da er Vergeltung an dem System üben will, welches ihn seinerzeit mit einer Gefängnisstrafe belangte[28]. Die Maske des Konsuls fällt für Kasda erst nach der Heimfahrt im Fiaker, auf der Schnabel ihn zum Mitwisser seiner Charakterlosigkeit und seiner kriminellen Vergangenheit macht[29].

[...]


[1] Neymeyr, Barbara: Nachwort. In: Arthur Schnitzler: Spiel im Morgengrauen. Reclam. Stuttgart 2006. S. 115. Zitiert nach: Alfred Doppler, ‹Leutnant Gustl und Leutnant Willi Kasda. Die Leutnants- Geschichten Arthur Schnitzlers›, in: Im Takte des Radetzkymarschs…Der Beamte und der Offizier in der österreichischen Literatur, hrsg. Von Joseph P. Strelka, Bern 1994, S. 241 – 254.

[2] Vgl. L.-H. Thümmler: Nationalismus im österreichischen Berufsoffizierkorps in der Zeit von 1848/49 bis 1914. In: Zeitschrift für Heereskunde, Heft 377, 59 Jg., 1995, S. 102 – 114.

[3] Seegers, Andre: Der k. u. k. Soldat im Werk Arthur Schnitzlers: Figuration fremdbestimmter Identitäten. Igel Verlag GmbH 2009. S. 11.

[4] Allmayer – Beck, J.C.: Dienstreglement von 1873, S. 50ff. In: Das Heergeschichtliche Museum Wien. Wien 1989.

[5] Vgl. Seegers, S. 11 – 12.

[6] Troger, Franziska: Ehre und Duell in der Literatur des Jung Wien. Analyse der politischen Semantik des Ehrbegriffs in „Der Weg ins Frei“ und „Das neue Ghetto“. Diplomarbeit. Universität Wien. Wien 2010. Online unter: http://othes.univie.ac.at/9164/1/2010-03-23_0402271.pdf [eingesehen am 04.08.2011]. S. 23.

[7] Dazu u.a.:

Scheffel, Michael: Spiel im Morgengrauen. Das Ende des Leutnants. In: Interpretationen Arthur Schnitzler. Dramen und Erzählungen. Reclam. Stuttgart 2007. S. 230.

Lindken, Hans Ulrich: Interpretationen zu Arthur Schnitzler. R. Oldenbourg Verlag. München 1970. S. 15.

Neymeyr, S. 114 – 115.

[8] Scheffel: Spiel im Morgengrauen. Das Ende des Leutnants. S. 230.

[9] Vgl. Lindken, S. 15.

[10] Vgl. Geißler, Rolf: Die Welt als Spiel – Arthur Schnitzlers ‹Spiel im Morgengrauen›. In: Literatur für Leser, 1986. S. 205.

[11] Schnitzler, Arthur: Spiel im Morgengrauen. S.26.

[12] Vgl. Scheffel, S. 234.

[13] Vgl. Neymeyr, S. 114 – 115.

[14] Vgl. Scheffel, S. 230.

[15] Lindken: Interpretationen zu Arthur Schnitzler. S. 80.

[16] Vgl. Scheffel, S. 230.

[17] Geißler: Die Welt als Spiel. S. 205.

[18] Panagl: Das Leben ein Spiel – Das Spiel ein Leben. Zu Arthur Schnitzlers Novelle Spiel im Morgengrauen. S. 186 – 187.

[19] Ebd., S. 187.

[20] Geißler: Die Welt als Spiel. S. 206.

[21] Vgl. Geißler, S. 204 – 205.

[22] Vgl. Geißler, S. 206.

[23] Vgl. Panagl, S. 183.

[24] Vgl. Lindken, S. 20 – 21.

[25] Ebd., S.21.

[26] Vgl. Geißler, S.207.

[27] Vgl. Lindken, S.22.

[28] Vgl. Neymeyr, S. 114.

[29] Vgl. Lindken, S.22.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656178033
ISBN (Buch)
9783656178682
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192670
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
arthur schnitzler leutnant wilhelm kasda schnitzlers spiel morgengrauen opfer ehrenkodexes instabilität

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Titel: Arthur Schnitzler