Lade Inhalt...

Von Polizey- zum Justizstaat: Preußen (1740-1794)

Welche Ideen der Aufklärung liegen den Reformen Friedrichs des Großen zu Grunde und wie wirken sich diese auf den Staat, die Bevölkerung und die Zeit nach Friedrich des Großen aus?

Studienarbeit 2009 16 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Preußen als Polizeystaat

3.Friedrich
3.1. Die Reformen Friedrichs II. in Religion, Wirtschaft und Schule
3.1.1.Die Änderungen im Bereich der Religion
3.1.2.Die Reform der Wirtschaft
3.1.3.Die Reform des Schulsystems
3.2. Die Reform des Justizsystems
3.2.1.Der Fall des Müllers Arnold
3.2.2.Vom AGB zum ALR

4.Schlussbetrachtung

5.Literatur

1. Einleitung

Das Allgemeine Landrecht für die preußischen Staaten von 17941 ist „wohl die größteKodifikation der deutschen Gesetzgebungsgeschichte und zugleich eines der wichtigstenDenkmäler der Preußischen Aufklärung“.2 Zu Beginn der Regierungszeit Friedrichs II.bestand Preußen 1740 aus 25 Territorien.3 Nach den Schlesischen Kriegen und den TeilungenPolens erweiterte sich das Gebiet Preußens gewaltig. Jedoch herrschte in dem gesamtenGebiet Preußens, genau wie in den anderen Landesherrschaften im deutschen Raum keineeinheitliche Rechtsprechung.4 Das ALR ist „mit fast 20.000 Paragraphen[...] das bei weitemumfangreichste Gesetzbuch der Neuzeit“.5 Friedrich II. ist maßgeblich an der Einführung desALR beteiligt und ohne ihn wäre diese bedeutende Reform der preußischen Justiz nichtdenkbar gewesen, auch wenn das Gesetz erst nach dem Tod Friedrichs des Großen in Kraftgetreten ist. Ferner muss beachtet werden, dass bereits „Friedrich Wilhelm I. derJuristenfakultät in Halle den Auftrag zur Abfassung eines Gesetzbuches gegeben“6 hat.Hieraus entwickelte sich jedoch kein Gesetz und das Reformwerk konnte erst 60 Jahre spätererfolgreich begonnen werden. Um das Ausmaß des ALR verstehen zu können, ist es wichtigdie Ausgangssituation in Preußen genauer zu analysieren. Deshalb werde ich zunächst dieSituation in Preußen vor den Reformen Friedrichs des Großen genauer erläutern und hierzubeschreiben wie ein Polizeystaat, der in Preußen vorherrschte, definiert wird. Ausgehenddavon gehe ich auf die Person Friedrichs II. explizit ein, da es wichtig die GedankenFriedrichs II. nachvollziehen zu können, um daraus resultierend das ALR beurteilen zukönnen. Bevor ich die Justizrefom in Preußen schildern werde, werde ich anhand derReformen im Bereich der Schule, der Wirtschaft und der Religion zeigen, dass diehumanitären Ideale Friedrichs II. nicht in allen Bereichen gleichstark ausgeprägt waren.Daraufhin werde ich den Fall des Müllers Arnold darstellen, da dieser durch den MachtspruchFriedrichs II. maßgeblich an der Entstehung des ALR beteiligt war. Bevor ich das ALR näherbeschreibe, werde ich den Übergang vom AGB zum ALR darstellen. Hier werde ichschwerpunktmäßig die Befürchtungen und Hoffungen der einzelnen Stände näher erläutern Zum Schluss meiner Arbeit werde ich zeigen, welche wichtigen Fortschritte sich durch das ALR entwickelt haben, vor dem Hintergrund, dass an der bestehenden feudalen Ständeordnung wenig geändert wurde.

2. Preußen als Polizeystaat

Innerhalb der Staatsform des Polizeystaats kontrolliert die Staatsführung mit Hilfe ihrerVerwaltungsorgane die Gesellschaft. Das Verständnis, welches wir heute von einemPolizeistaat haben, weicht erheblich von dem Polizeystaat in Preußen ab, da Preußen keinUnterdrückungsstaat wie das nationalsozialistische Deutschland, die DDR oder Nordkoreawar. Vielmehr war Preußen ein Polizeystaat im klassischen Sinn, mit dem Ziel derWohlfahrtsstaatlichkeit. Die Staatsform des Polizeystaats basiert auf der mittelalterlichenStändeordnung. „Der Staat wird - der aristotelischen Tradition folgend - als die politischverfaßte und sich eben dadurch konstituierte Gesellschaft verstanden“.7 Um die Aufgabe der„Herstellung und Gewährleistung einer Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft“8 sicherstellenzu können, waren die Machtmittel zentralisiert. Es entwickelte sich eine Staatsverwaltung,deren Grundzüge mit modernen Verwaltungen vergleichbar sind und es herrschte eine strikteTrennung von Privat- und Staatshaushalt. Ferner lag das Gewaltmonopol gänzlich beim Staat,damit dieser die öffentliche Sicherheit garantieren konnte.9 „Öffentliche Sicherheit beinhaltetdabei sowohl die äußere und innere Sicherheit“.10 In Anlehnung an die genannte öffentlicheSicherheit ist auch zu verstehen, dass der Herrscher die absolute Macht innehielt und dastägliche Leben durch die Regierung geregelt wurde, da die Bürger ihre „wahren“ Interessennicht kannten, was schlussendlich zu einer Behinderung ihrer Freiheit führte. Als Beispielefür klassische Polizeystaaten sind Preußen unter Friedrich dem Großen sowie das HabsburgerReich unter Joseph II. zu nennen.

3. Friedrich II.

Friedrich der II. war einer der bedeutensten Monarchen Preußens. Durch die gewonnenenKriege, während seiner Zeit als König, entwickelte sich Preußen zur fünften europäischen Großmacht. Er gilt als Repräsentant des aufgeklärten Absolutismus und bezeichnete sich selbst als „erster Diener des Staates“.11 Trotz der humanitären Ideale Friedrichs II., dientenseine Handlungen stets der Festigung der Macht des Staats.12 Da die Interessen Friedrichs II.stets an die Interessen des Staates gekoppelt waren, gab es für ihn kein anderes Wohlergehen,als das des Staates.13 Es gilt nun zu prüfen, warum Friedrich II. ein aufgeklärter Monarch war.Zum einen sei hier zu nennen, dass sein Vater Friedrich Wilhelm I. sehr streng war. Nacheinem Fluchtversuch Friedrichs II. wurde sein Freund, der Leutnant von Katte, aufgrund einesMachtspruchs seines Vaters hingerichtet. Dieser Machtspruch wurde gegen die Entscheidungaller Instanzen erzwungen und Friedrich II. musste bei der Hinrichtung seines engenVertrauten zusehen. Zum anderen zeigte Friedrich Wilhelm I. eine brutale Willkür gegenüberallen Untergebenen. Kurz nachdem Friedrich II. 1740 preußischer König wurde, schuf er dieFolter ab und schränkte die Prügelstrafe in der Armee ein.14 Dies erregte Aufsehen in Europa,obwohl die Folter bei Morden noch angewandt wurde und erst 1754 endgültig abgeschafftwurde. Des Weiteren ist das Verhältnis zu Voltaire, der die Ideen des Humanismus nahezuperfekt verkörperte, elementar für das Rechtsempfinden Friedrichs II.. Bereits vor seiner Zeitals preußischer König suchte Friedrich II. die Gesellschaft Voltaires, da er gernephilosophierte und sich von Voltaire erhoffte viel lernen zu können.15 Durch einen Zwistentfernten sich beide Personen voneinander, ohne jedoch den Kontakt gänzlich einzustellen.Es entwickelte sich eine Hassliebe zwischen Friedrich II. und Voltaire. Dies ist besonderswährend des siebenjährigen Krieges zu erkennen. Einerseits hielt Voltaire Friedrich denGroßen von einem Selbstmord ab, während er zugleich den Untergang Preußens undFriedrichs II. ersehnte.16 Die Zeit Friedrichs II. als Kronprinz war ausschlaggebend dafür,dass Voltaire Friedrich den Großen in Bezug auf seine Auffassung von Aufklärung prägenkonnte, wodurch Friedrich II. sich zu einem aufgeklärten Herrscher entwickeln konnte.Aufgrund der geschilderten Umstände ist die Politik Friedrichs II. teilweise zu verstehen.Fraglich ist jedoch, ob alle Reformen im preußischen Staatswesen auf aufgeklärten Ideen beruhen oder ob andere politische Notwendigkeiten vorlagen. Dies werde ich folgend anhand der Reformen im Bereich der Schule, Wirtschaft und Religion verdeutlichen.

3.1 Die Reformen Friedrichs II. in Religion, Wirtschaft und Schule

Wie bereits angedeutet, hat Friedrich II. nicht nur das Justizsystem reformiert, sondern versuchte, in dem vorher rein absolutistisch geprägten Preußen, auch andere Bereiche zu verändern. Diese Änderungen waren häufig politisch notwendig.

3.1.1 Die Änderungen im Bereich der Religion

Friedrich II. war selbst religionskritisch, jedoch ist dies nicht die Ursache für die religiöseToleranz in Preußen. Preußen war bereits sehr lange vor Friedrich II. in religiösenAngelegenheiten sehr tolerant, was nicht üblich für die damaligen europäischen Verhältnissewar. Friedrich II. nutze die vorherrschende Toleranz zweckmäßig. Durch die AnnexionSchlesiens kamen neue katholische Bürger nach Preußen. Religiöse Beschränkungen hättenzu Zwist innerhalb der Bevölkerung geführt, wodurch eine innenpolitische SchwächungPreußens die Folge gewesen wäre. Diese mögliche innenpolitische Schwächung entsprachjedoch nicht dem Streben Friedrichs II. nach einem starken Staat. Ferner stellten Immigrantenjeglicher Religionen einen wichtigen Wirtschaftsfaktor für Preußen dar.17 Von besonderemInteresse waren die Juden. Sofern Juden keine Bedeutung hinsichtlich wirtschaftlicherBelange hatten, stand Friedrich II. ihnen sehr kritisch gegenüber. Sein Ziel war es dieEinwohnerzahl der Juden in Preußen zu beschränken. Dazu erließ er Maßnahmen, die einegesellschaftliche Integration verhindern sollten.18 Diese Maßnahmen stehen eindeutig imGegensatz zu humanitären Idealen.

[...]


1 künftig nur noch ALR genannt

2 Allgemeines Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794, mit einer Einführung von Dr. Hans Hattenhauer

o. Professor an der Universität Kiel und einer Bibliographie von Dr. Günther Bernert Privatdozent an der Universität Marburg, Berlin 1970, S.5

3 Wolff, Jörg (Hrsg.): Das Preußische Landrecht. Politische, rechtliche und soziale Wechsel- und Fortwirkungen, Heidelberg 1994, S.3

4 Möller, Horst: Fürstenstaat und Bürgernation. Deutschland 1763-1815, Berlin 1989, S. 68

5 zitiert nachSchwennicke, Andreas: Die Entstehung der Einleitung des Preußischen Allgemeinen Landrechts von 1794, Frankfurt am Main, 1993, S.1

6 zitiert nach Hattenhauer (1970), S.11

7 Kaufmann, Franz-Xaver: Diskurse über Staatsaufgaben, in Grimm, Dieter: Staatsaufgaben, Frankfurt am Main1996, S.20

8 Kaufmann (1996), S.21

9 Kaufmann (1996), S.21

10 Kaufmann (1996), S.21

11 zitiert nach: Hartung, Fritz: Der aufgeklärte Absolutismus, in: Aretin, Karl Omar Freiherr von (Hrsg.): Der aufgeklärte Absolutismus, Gütersloh 1974, S.62

12 Nürnberger, Richard: Friedrich der Große als Staatsmann, in Oswald (Hrsg.): Friedrich der Große in seiner Zeit, Köln u.a. 1987, S.96 u.100

13 Vierhaus, Rudolf: Staatsverständnis und Staatspraxis Friedrichs II. von Preußen, in Kunisch, Johannes (Hrsg.): Analecta Fridericiana, Berlin 1987, S.81

14 Venohr, Wolfgang: Fridericus Rex, Friedrich der Große - Portrait einer Doppelnatur, Bergisch-Gladbach 1985,Einband

15 Noyes, Alfred: Voltaire, Dichter -Historiker - Philosoph, Deutsche Übersetzung von Wolfgang Rüttenauer, München 1976, S.149

16 Hainz, Otto: Peter der Große, Friedrich der Große und Voltaire. Zur Entstehungsgeschichte von Voltaires „Histoire de l´empire Russie sous Pierre le Grand“, in Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse, Mainz 1961, Nr.1, S.540 f

17 Krockow Christian Graf von: Toleranz in Brandenburg-Preußen vom Großen Kurfürsten bis Friedrich II., inGreiffenhagen, Martin (Hrsg.): Friedrich der Große: Herrscher zwischen Tradition und Fortschritt, Gütersloh1985, S.158ff

18 Borries, Achim von: Die Rolle der Juden und ihre Existenzbedingungen unter Friedrich II., in: Greiffenhagen,Martin (Hrsg.): Friedrich der Große: Herrscher zwischen Tradition und Fortschritt, Gütersloh 1985, S.163ff

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656176404
ISBN (Buch)
9783656176534
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192654
Institution / Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Note
1,3
Schlagworte
polizey- justizstaat preußen welche ideen aufklärung reformen friedrichs großen grunde staat bevölkerung zeit friedrich

Autor

Zurück

Titel: Von Polizey- zum Justizstaat: Preußen (1740-1794)