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Das Verhältnis von Kunst und Religion

Eine exemplarische Untersuchung anhand von Hermann Nitschs „Kreuzwegstation (2)“

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Kunst - Uebergreifende Betrachtungen

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Hermann Nitschs „Kreuzwegstation (2)“
2.1. Rot wie Blut?
2.2. Das Malhemd
2.3. Christus: Seine Kreuzwegstationen
2.4. Der Mythos mit seinem rituellen Opfer

3. Fazit

4. Anmerkungen

5. Bibliographie

6. Abbildungen und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Hermann Nitsch wurde am 29. August 1938 in Wien geboren, wo er heute auch noch lebt und arbeitet. Er gehörte als Maler und Aktionskünstler zu den Wiener Aktionisten. Deren wesentliches Merkmal war der Bruch mit der Wirklichkeit: „[W]obei unter Bild das Bild im Sinn von Tafelbild und das Bild im Sinn von Anschauung, Vorstellung und Bewu[ss]tsein davon zu verstehen ist.“1 Es ging somit um einen inneren und nicht einen äußeren Bruch. D.h. die Kunst wurde zur Lebensform, weil die Sprache als Lebensform versagte2. Die Wiener Aktionisten versuchten, eine neue Kunst als Wirklichkeit zu schaffen. In dieser sollte eine möglichst enge Zusammenführung von Trieben und Intellekt stattfinden und ein dem Instinkt folgendes Handeln als Ausdruck der Freiheit gelten3. Das Problem war, dass der Prozess des Machens ein Verstehen des Gemachten verhinderte. Der Betrachter muss sich selbst überschreiten, um seinen Blick von der Empirie auf die Metaphysik zu lenken: „Nitsch strebte in seinen Aktionsdramen das Natürliche, Ent-Symbolisierte und Re-Mythisierte an“4. In dieser Richtung intensivierte er die Mittel seiner Kunst.

Hermann Nitsch interessierte sich schon früh für die Kirche, weil er meinte, dass die „Mythen zu Leitprinzipien für die Menschen [werden], um die Welt besser bewältigen zu können“5. Daher stellt sich die Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Kunst und Religion im Werk von Hermann Nitsch? Im Folgenden soll diese Frage exemplarisch anhand seines Werks „Kreuzwegstation (2)“ untersucht werden.

Am Anfang werde ich eine Bildbeschreibung und eine Voranalyse von Hermann Nitschs „Kreuzwegstation (2)“ vornehmen. Daran schließt eine vertiefende Analyse mit Deutungsansätzen an. Dabei werde ich zunächst auf die Bedeutung der Farbe Rot eingehen. Anschließend zeige ich, dass das Malhemd eine vermittelnde Rolle zwischen Betrachter und Kunstschaffendem darstellt. Darauf folgt die Interpretation des Titels im Kontext der Leidensgeschichte Christi. Zum Schluss soll es um das Opfer im Zusammenhang von Religion und Kunst gehen.

2. Hermann Nitschs „Kreuzwegstation (2)“

Bei „Kreuzwegstation (2)“ von 1995 handelt es sich um eine bemalte Leinwand von 200 x 300 cm. In der Mitte dieser großen Fläche befindet sich ein textiles Kleidungsstück. Diese Arbeit ist Ergebnis einer performativen Malaktion, wobei zu bedenken ist, dass es sich anscheinend um eine Art Sequenz aus einem größeren Werk handelt.

Die Farbe verdichtet sich von außen nach innen. Es liegt die Vermutung nahe, dass die Leinwand aufrecht positioniert war. Dies lässt sich aus der Fließrichtung der Farbe, welche von oben nach unten, sowie von der Mitte oben im Bogen zu den unteren Bildecken verläuft, erschliessen.

Primär wurde Rot verwendet: Von Kadmiumrot bis Krapprot. Teilweise sind auch bräunlich-orange Akzente zu erkennen, wobei es sich um organische Farbe, genauer Blut, handelt. Blut nimmt bei Hermann Nitsch eine zentrale Rolle ein, wobei zu bedenken ist, dass dieses meistens mit roter Acrylfarbe, in diesem Fall mit roter Ölfarbe, gemischt wird. Im Abschnitt „Rot wie Blut?“ werde ich auf diesen Aspekt genauer zu sprechen kommen. Es sind auch dunklere Farbtöne zu erkennen, welche sich durch das Verlaufen der schwarzen mit der roten Ölfarbe ergeben: Englischrot, Terra rossa, Caput mortuum, Achatbraun, uvm.

Eine zentrale Rolle im Bild nimmt das Hemd ein. Dieses ist auf einer durch die Ärmel gezogenen Holzleiste aufgespannt. Es fällt auf, dass diese Leiste von der Farbe fast vollständig unberührt ist. Dies spricht dafür, dass sie erst nach der Fertigstellung des Bildes montiert wurde. Ein weiterer Hinweis darauf ist, dass sich an der Stange rote Abdrücke, vermutlich Fingerabdrücke von Nitsch, befinden. Zudem zeichnet sich eine farbige Kante an den Stellen ab, wo die Stange mit dem Textil in Berührung kommt. Es liegt die Vermutung nahe, dass der Künstler den Stoff nachgespannt haben muss, wobei seine Hände, so wie das Hemd, noch mit frischer Farbe versehen waren. Des Weiteren fällt die offensichtlich absichtliche Befestigung der Leiste mit Hemd mittels eines Nagels auf, welcher direkt mittig positioniert ist. Diese so akribische Vorgehensweise von Nitsch lässt darauf schließen, dass das Hemd eine außerordentlich hohe Bedeutung hat. Das heißt, weil es sich um ein Teil des Bildes handelt, so muss dieses Hemd auch Anteil an der Entstehung des Bildes gehabt haben: Der Künstler trug dieses Hemd selber. Dies ist zum Beispiel bei Hermann Nitschs „37. Malaktion“ vom 12. März 1971 zu erkennen6. Nun lässt sich erahnen warum im Hüft- und Brustbereich die Farbe so stark verdichtet ist: Nitsch hat sich während des Malens die Hände am Hemd gesäubert.

Es lassen sich aus dem bereits Genannten Aussagen zum Entstehungsprozess des Werks machen. Hermann Nitsch muss zum Malen seine Hände und keinen Pinsel benutzt haben. Die Verteilung der Farbe auf der Leinwand weist auf Schütt- und Spritzbewegungen hin.

Es lässt sich auch vermuten, dass die Entstehung dieses Bildes relativ schnell verlief, was darauf hindeutet, dass die Bedeutung des Bildes weniger in der Form, sondern eher im Inhalt bzw. im Künstlerkonzept zu finden ist.

Durch den Titel „Kreuzwegstation (2)“ lassen sich drei Dinge festhalten:

1. Es handelt sich um ein religiöses Thema, welches mit Jesus Christus und seiner Passion zu tun hat.
2. Im Kontext mit dem Dargestellten erhält das rituelle Opfer eine zentrale Bedeutung.
3. Aus der Bezeichnung „Station (2)“ lässt sich ableiten, dass es sich nur um einen Teil eines umfangreicheren Werks von Hermann Nitsch handelt und/oder dass es sich um eines von mehreren Bildern eines Zyklus derselben Komposition handelt.

Im Abschnitt „Christus seine Kreuzwegstationen“ werde ich den ersten Punkt entschlüsseln. Der zweite Punkt wird im Abschnitt „Der Mythos mit seinem rituellen Opfer“ genauer geklärt. Punkt drei soll im Kapitel „Das Malhemd“ vertieft werden.

2.1. Rot wie Blut?

„[Blut] enthält zahlreiche Botenstoffe und versorgt die übrigen Organe; für seine rote, an der Luft nicht beständige Farbe ist das Hämoglobin verantwortlich.“7

Es handelt sich bei „Kreuzwegstation (2)“ um eine optische Täuschung, weil Blut an der Luft braun wird, was an bestimmten Stellen im Bild erkennbar ist. Zum Beispiel verwendete Nitsch auf „Unterirdischer Stadt(plan)“8 von 1983 Blut. Es handelt sich somit bei einem Großteil der verwendeten Farbe um Ölfarbe. Nitsch bestätigt selbst, dass es ihm um die Symbolbelastung geht, welche vom Betrachter auf das Bild projiziert wird: „Die Assoziationen sind mir aber wichtig.“9

Wozu braucht Nitsch diese Illusion? Es liegt die Vermutung nahe, dass eine Ästhetisierung erzielt werden soll: „[M]enschliches wie tierisches Blut als Stoff für ästhetische Zwecke“10. Hierzu sagt Nitsch: „[D]ie [K]unst, die [M]alerei bedient sich der [E]rfahrungen der [P]sychoanalyse. [N]icht der [F]arbklang war wesentlich, sondern die [S]ubstanz der [F]arbe wurde wesentlich, die [F]lüssigkeit, die [F]arbpaste.“11 D.h. es geht um das, was man sieht: Die rote Farbe. Aber Nitsch hätte genauso Gelb oder eine ähnlich intensive Farbe verwenden können. Seine Wahl begründet er wie folgt: „30 [J]ahre lang verwendete ich die [F]arbe [R]ot, weil sie die intensivste [F]arbe ist und die zu demonstrierende [F]arbflüssigkeit extrem veranschaulicht, wobei die [B]lut-[A]nalogie offensichtlich war.“12 Es geht ihm, so sagt er, um das „theatralische“, was er im „Blut“ vermittelt sah13. Der Gedanke der Katharsis hat für Nitsch dabei eine hohe Bedeutung: Der Betrachter erfährt eine Triebbefreiung durch die Vorstellung der körperlichen Entladung des Künstlers beim Akt der Verteilung des „Blutes“14.

In der Bibel heißt es: „Denn des Leibes Leben ist im Blut“15. Dies bedeutet zum einen, dass im Blut die Seele liegt, und zum anderen, dass Christus sein Blut und seinen Leib opferte. Auch bei Aristoteles findet sich die Vorstellung, dass Blut und Seele identisch seien: „Andere, wie Kritias, behaupteten, die Seele sei das Blut, wobei sie von der Annahme ausgingen, dass das Gefühl eine der wesentlichen Eigenschaften der Seele sei und dass diese Eigenschaft von der Natur des Blutes herrühre.“16 In der Liturgie spricht der Pfarrer, während er Oblate und Kelch reicht, die Spendenformel: „Christi Leib, für dich gegeben. Christi Blut, für dich vergossen.“17 Wir trinken das Opferblut Christi, welches Nitsch als „Wein der Metaphysik“18 bezeichnet. Somit hat Blut bei Nitsch eine höhere Bedeutung: „Blut steht im Zusammenhang mit de[m] Opferritual und mit dem Kreuz“19.

2.2. Das Malhemd

Hermann Nitsch schreibt 1986 in einer theoretischen Schrift: „[F]reut euch, frohlockt und jubelt, weil die [Z]eit erfüllt ist, da[ss] ich mein [G]ewand anziehe, das mir von [A]nfang an bereitet ist. [I]ch werde mein weißes [G]ewand beflecken mit na[ss]-feuchten, purpurtraubigen [B]lutstropfen. [Ö]lige [F]ette, fruchtfleischrote [B]lutstropfen und blutstinkende, feuchte [S]chweißflecken tränken das [G]arn des [K]leides. [S]chweiß- und urinnnaß vom [B]lut durchschwitzt ist mein [W]inzerkleid.“20 Er deutet auf die Reinheit des Weißes hin, welches durch verschiedene Flüssigkeiten verunreinigt wird. D.h. er betont die Sinnlichkeit im Rahmen eines Exzesses. Die Wörter „purpurtraubig[…]“ und „fruchtfleischig[…]“ weisen auf Wein hin, welcher seinerseits auf den Gott Dionysos verweist: Nitsch interessierten „der Mythos als Struktur und besonders Gott Dionysos als überschäumendes Lebensprinzip“21. Es geht also bei Nitsch um die Ekstase, welche sich in seinem Malhemd widerspiegelt: „Ich beschütte, bespritze, besudle die Fläche mit Blut und wälze mich in den Farblachen.“22

Das Tragen des Hemdes hat bei Nitsch drei besondere Ursachen: „[M]eine gro[ß]e [V]erehrung für [S]tefan [G]eorge und [K]limt und meine [Ü]berzeugung, dass [K]unstausübung der [T]ätigkeit eines [P]riesters gleichzusetzen ist […].“23 Stefan George war ein Lyriker, welcher sich von der Sprache des Alltags durch hohe stilistische und formale Strenge abgrenzte. Nitsch sah sich durch ihn inspiriert zu einer eigenen komplexen Sprache. Gustav Klimt war ein bedeutender österreichischer Maler und Vertreter der Wiener Secession. Seine statische Flächenhaftigkeit, zum Beispiel „Birkenwald“24 von 1903, inspirierte Nitsch dazu, auf riesigen Flächen zu arbeiten. Der Priester zeichnet sich „durch eine besondere religiöse oder göttliche Kraft aus […] und [nimmt] in seiner Eigenschaft als Kultvorsteher eine Mittlerrolle zwischen jeweiliger Gottheit und den Menschen ein“25. In der Bibel heißt es: „Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und Mensch: der Mensch Jesus Christus.“26 Nitsch sieht sich als Vermittler zwischen dem Gott Dionysos und dem Publikum, womit er „Priester“ ist. Das Malhemd ist dabei als Träger der Sünden des Publikums deutbar, welche er mit Farbe und anderen Substanzen symbolisiert. Auch wenn er „Priester“ per Definition ist, so ist er dennoch nicht per Definition Christus. Aber Nitsch spielt im weitesten Sinne darauf an, weil er die Sünde, mittels Farbe, aufnimmt. Zudem beschreibt er sein Werk als „Beitrag zur Überwindung der Welt in Richtung Erlösung“27.

Im Kontext der Bedeutung des Priesters benennt er die besondere Bedeutung der Messgewänder: „Ich verwende zum Beispiel Messgewänder einfach deshalb, weil sie eine starke Assoziationsaura auch für nichtreligiöse Menschen haben. In diesen Messgewändern wurden vom Priester die heiligen Handlungen durchgeführt, an die er glaubt, da wird die Eucharistie erlebbar und alle Vorgänge, die sich bei der Messe ereignen, wo es heißt, dass da Christi Tod jedesmal aufs neue stattfindet, sich wiederholt.“28 Seine Arbeit tendiert, so wie er es bezeichnet, zu einer „Religionsphänomenologie“29. Also wird in seiner Arbeit eine kritische Christusverehrung sichtbar.

2.3. Christus: Seine Kreuzwegstationen

Der Titel „Kreuzwegstation (2)“ weist direkt auf die Passion Christi hin. Des Weiteren ging aus den vorherigen Abschnitten der Bezug zur Religion, besonders zum Christentum, hervor. Auffallend ist, dass Nitsch im Titel den Singular und nicht den Plural verwendet. D.h. sein Bild stellt nur einen Ausschnitt aus der Leidensgeschichte Christi dar.

In Anbetracht dessen, dass Nitsch dem Betrachter seine Assoziationen freistellt, lassen sich zwei Möglichkeiten benennen:

1. Wenn es um das sichtbare Produkt geht, dann fungiert das Hemd als Relikt des Opfers Christi oder
2. Wenn es um den Schaffensprozess des Bildes geht, dann symbolisiert das Hemd Christus, welcher in Nitsch als Schaffendem versinnbildlicht wird.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656178118
ISBN (Buch)
9783656178729
Dateigröße
7.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192645
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Fakultät Kunst
Note
1,3
Schlagworte
Hermann Nitsch Kreuzwegstation Malhemd Wiener Aktionismus

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