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Spezielle Sakramentenlehre der katholischen Kirche - 4. Buße

Das Sakrament der Rechfertigung und Vergebung.

Skript 2008 52 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
a) Heil
b) Sünde

2. Geschichtliche Entwicklung des Bußsakrament
a) Sündenbegriff des NT
b) Sünde und Buße in der nachapostolischen Zeit
c) Öffentliche Buße und ihr Verfall im Osten
d) Aufkommen der Privatbuße im Westen
e) Theologie des Bußsakramentes vomMittelalter bis zum Tridentinum
f) Reformierte Sicht der Buße

3. Biblische Sicht der Sündenvergebung
a) Sündenvergebung im AT
b) Sündenvergebung im NT

4. Bestimmung der kirchlichen Sündenvergebunsgewalt

5. Materie und Form des Bußsakramentes
a) Materie des Bußsakramentes
b) Form des Bußsakramentes

6. Notwendigkeit des individuellen Bußsakramentes

7. Spender und Empfänger des Bußsakramentes
a) Spender des Bußsakramentes
b) Empfänger des Bußsakramentes

8. Büßerakte
a) Mitwirkung mit der Gnade. Erlösung versus Heil
b) Gewissenserforschung
c) Reue
d) Sündenbekenntnis
e) Genugtuung (Satisfactio)

9. Gnadenwirkungen des Bußsakraments

10. Ablass

1. Einführung

Das Sakrament der Buße hängt mit dem christlichen Verständnis von Sünde, Gnade und Rechtfertigung zusammen, sowie mit dem Verständnis der Kirche als des Ortes, an dem man von der persönlichen Sünde, welche auch die Kirche als den Leib Christi schädigt, freigesprochen wird.

Kirche Sünde

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gnade Rechtfertigung

a) Heil

Der Sündenbegriff ist komplementär zum Heilsbegriff zu sehen. Unter Heil verstehen wir die ultimative Gottesnähe. Heil ist der Inbegriff der Vollendung des menschlichen Verlangens nach einem endgültigen Innewerden von Wahrheit und Güte in Freiheit und Liebe,[1] welche nur in Gott verwirklicht werden können.

a. Das Heil geht heilsgeschichtlich von Gott aus und führt zu Gott, im Eschaton, hin.
b. Das Heil wird dem ganzen Menschen, mit Leib und Seele, geschenkt, welcher ein Individuum und gleichzeitig ein Mitglied einer Gemeinschaft ist. Er ist als Erdenpilger im Diesseits behaftet und nimmt dennoch als Gotteskind teilweise an der eschatischen Fülle des Himmels teil.
c. Daher müssen wir als Sünde all das verstehen, was uns an der Gottesnähe hindert.

b) Sünde

1. Der Begriff der Sünde ist theologisch nur in Bezug auf Gott zu verstehen, obgleich umgangssprachlich von „Diät“- oder „Verkehrssünden“ gesprochen wird.

2. Die Sünde richtet sich zuerst gegen Gott: „Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was dir missfällt.“ (Ps 51,6)

a. Natürlich kann die menschliche Sünde Gott, welcher vollkommen ist, in keinster Weise schädigen.
b. Da aber Gott die ursprünglichste, höchste und ultimative Wirklichkeit ist, von welcher alle anderen Wirklichkeiten zehren, so verwehrt sich der sündigende Mensch selbst den Zugang zu dieser Wirklichkeit, welche spätestens nach seinem Tod zu seiner ganzen Wirklichkeit wird, da keine alternative Wirklichkeit vorhanden sein wird.
c. Da Gott als Person die Liebe und die Güte selbst ist, so ist die Sünde eine „Beleidigung Gottes“ (offensio Dei) zu nennen.[2] Sie ist in etwa mit einer Kränkung vergleichbar, die wir einem guten, uns liebenden Menschen zufügen.

3. Da der Mensch immer ein Teil einer Gemeinschaft ist, richtet sich seine Sünde fast immer mittelbar oder unmittelbar gegen diese Gemeinschaft, welche so durch die Tugenden oder Fehltritte ihrer Mitglieder zum Guten oder zum Schlechten verändert wird.

4. Weil der Mensch mit Selbsterhaltungsinstinkten ausgestattet ist, welche ihn nicht nur dazu bewegen sein Leben physisch und moralisch zu erhalten, sondern auch es weiterzuentwickeln, so richtet sich jede Sünde, mag sie auch so „klein“ oder verborgen sein, immer vorrangig gegen den Sünder selbst.

5. Die Sünde wird im Christentum objektivistisch-subjektivistisch verstanden. Das bedeutet, dass die Sünde einen Verstoß gegen das von Gott offenbarte also „deklarierte“, Gesetz darstellt, welches sich, wenigstens im Ansatz, im menschlichen Herzen als Gewissen wiederfindet.

a. Der Katechismus der Katholischen Kirche zitiert bei seiner Sündenbestimmung die Sündendefinition von Augustinus
„Dictum, factum vel concupitum contra Legem aeternam.“[3]
“Etwas, was gegen das ewige Gesetz gesagt, getan oder begehrt wurde”.[4]
b. Demnach ist die Sünde als ein objektiver Verstoß gegen etwas objektiv Bestehendes zu sehen. Dieser Grundsatz ist philosophisch auf die Annahme eines Naturrechts zurückzuführen, welches als in der menschlichen Natur verankert einen Teil derselben ausmacht. Das Naturrecht also ist der Teil der göttlichen Ordnung, welcher der Natur, im Besonderen aber der menschlichen Natur, implementiert wurde. Obwohl die Existenz des Naturrechts von vielen philosophischen Systemen bestritten wurde, so stellt einzig und allein die Annahme einer allgemeinen menschlichen Natur mit allen daraus resultierenden Menschenrechten und Menschenpflichten, das Fundament einer, den Menschen und die Gesellschaft betreffenden, Gesetzgebung. So wäre auch die Verabschiedung der im Grundgesetz verbürgten Menschenrechte ohne den philosophischen Hintergrund des Naturrechts nicht denkbar.
c. Da die göttliche Ordnung in der menschlichen Natur verankert ist und somit einen Teil derselben ausmacht, kann kein Sünder seine Gedanken, Worte und Werke damit entschuldigen, dass er um diese göttliche Ordnung nicht weiß oder diese nicht anerkennt. Ähnlich wie kein Verkehrsteilnehmer, welcher eine Einbahnstraße in die umgekehrte Richtung fährt, sich damit entschuldigen kann, dass er diese Regelung nicht kennt, und falls doch, sie dennoch unsinnig findet, nicht an sie glaubt oder sie nicht akzeptiert.
d. Wie von jedem Verkehrsteilnehmer erwartet wird, dass er seinem Alter, seiner Bildung und seiner Verkehrsteilnahme entsprechend über das notwendige Verkehrswissen verfügt, so erwartet auch Gott von jedem, dass er sich ein moralisches Wissen aneignet, welches für sein Alter, Bildung, Familienstand und Beruf notwendig ist.
e. Weil das Leben eine ständige Weiterentwicklung darstellt, so müssen wir sowohl unser religiöses, als auch unser moralisches Wissen weiterentwickeln, indem wir immer wieder lernen, was in jedem Lebensumstand gut, recht und gottgefällig ist.

6. Die Buße beinhaltet also ein subjektives Sündenverständnis, welches dem objektiven Sündenverständnis, der Sicht der Sünde aus der Sicht Gottes, angeglichen werden muss.

7. Natürlich kann jemand nur diese Sünden bekennen, die ihm als solche bewusst sind, aber es ist sehr hilfreich sich objektivierender Beichtspiegel zu bedienen, welche uns die objektive Wirklichkeit der Sünde und der Verpflichtungen Gott und den Menschen gegenüber in jedem Lebensstand aufzeigen.

2. Geschichtliche Entwicklung des Bußsakraments

a) Sündenbegriff des NT

1. Die kirchliche, besonders aber die altkirchliche Sicht, der Buße hing mit der Sicht des Taufsakramentes zusammen. So wie man durch die Taufe die Sündenvergebung erfuhr, welche alle, bis zur Taufe begangenen Sünde beinhaltete, so war man nach der Taufe zu einem sündenlosen Leben verpflichtet, da jede begangene Sünde nicht nur den Sünder selbst, sondern die Kirche als den mystischen Leib Christi, schädigte und schädigt.[5]

2. Da die Kirche, als der mystische Leib Christi, von der heiligmachenden Gnade und dem Heiligen Geist beseelt wird, wurden schon sehr früh manche Taten, welche mit dem christlichen Begriff der Heiligkeit unvereinbar waren, als schwere Sünden verstanden, welche den Verlust des Gnadenlebens oder Gnadenstandes bewirkten.

a) Da den Jüngern Jesu der Sündenbegriff des AT bekannt war (Mt 18,18-19; Mk 10,19; Lk 18,20), brauchte Christus nicht die Sünde materiell zu definieren, d.h. zu bestimmen, was den Inhalt der Sünde ausmacht.
b) Dennoch führte Jesus eine formelle Sündenbestimmung ein, indem er sagte, dass die Sünde nicht erst mit der äußerlichen Tat anfängt und endet, sondern dass sie sich auf „das Herz“, d.h. Gedanken, Gefühle und Intentionen erstreckt (Mt 5,13-28; Mt 15,18-20; Mk 7,20-23).

b) Sünde und Buße in der nachapostolischen Zeit

1. Für das Urchristentum, welches nicht nur aus Judenchristen, sondern auch aus Heidenchristen bestand, war, aufgrund des Vorlebens der Letzteren, der Sündenbegriff weniger klar, so dass schon Paulus bestimme Sündenkataloge aufzeichnete bzw. einführte (Gal 5,19 ff; vgl. Eph 5,3-9; 2 Tim 3,2-6). Daraus entstand die Lehre von den vitandi (d.h. der zu meidenden Glieder der kirchlichen Gemeinschaft: 2 Thess 3,6.14; 1 Kor 5,1.11.13; 2 Tim 3,5; 1 Tim 3,5; 1 Tim 1,19 f; Apg 8,20 ff.)

2. Schon die ältesten christlichen Schriften zeigen die Lehre von den zwei Wegen, welche an den Ps 1 erinnert. DIDACHE (1-5) beschreibt sie folgendermaßen:

(1.) „Zwei Wege gibt es, einen zum Leben und einen zum Tode; der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß. (2.) Der Weg des Lebens nun ist dieser: »erstens du sollst deinen Gott lieben, der dich erschaffen hat, zweitens deinen Nächsten wie dich selbst«; »alles aber, von dem du willst, dass man es dir nicht tue, das tue auch du keinem anderen«. (3.) In diesen Worten ist aber folgende Lehre enthalten: »Segnet die, welche euch fluchen und betet für eure Feinde; ja fastet für die, die euch verfolgen; denn welche Gnade (soll euch werden), wenn ihr die liebet, die euch lieben? Tun nicht auch die Heiden dasselbe? Ihr aber sollt lieben, die euch hassen«, und ihr sollt keinen Feind haben. (4.) Enthalte dich der Lüste des Fleisches und des Körpers! »Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, reiche ihm auch die andere dar und du wirst vollkommen sein; wenn einer dich eine Meile weit nötigt, gehe zwei mit ihm; wenn einer dir den Mantel nimmt, gib ihm auch den Rock; wenn dir einer das Deinige nimmt, fordere es nicht zurück«; denn du kannst es auch nicht. (5.) »Jedem, der dich bittet, gib und fordere es nicht zurück«; denn der Vater will, dass allen gegeben werde von den eigenen Gnadengaben. Glücklich, wer dem Gebote entsprechend gibt; denn er ist frei von Schuld. Wehe dem, der nimmt! Zwar wenn einer in der Not nimmt, so soll er ohne Schuld sein; ist er aber nicht in Not, dann muss er sich verantworten, weshalb er genommen und wozu? Man wird ihn ins Gefängnis werfen und ihn genau untersuchen über sein Tun, und er wird »von dort nicht herauskommen, bis er den letzten Heller bezahlt hat«".

Eine andere Zweiwegelehre findet sich im BARNABASBRIEF (18-20):

(18.1.) „Nun wollen wir aber übergehen zu der anderen Erkenntnis und Lehre. Es gibt zwei Wege der Lehre und der Macht, nämlich den des Lichtes und den der Finsternis. Der Unterschied zwischen den beiden Wegen aber ist groß. Auf dem einen sind nämlich aufgestellt lichttragende Engel Gottes, auf dem anderen aber Engel des Teufels. (2.) Und jener ist Herr von Ewigkeit zu Ewigkeit, dieser aber ist der Fürst dieser gegenwärtigen, gottlosen Zeit. (19.1.) Der Weg des Lichtes nun ist dieser: Wenn einer seinen Weg gehen will bis zum vorgesteckten Ziele, so soll er sich beeilen durch seine Werke. Die Erkenntnis nun, die uns gegeben wurde darüber, wie wir auf diesem Wege wandeln müssen, ist also: (2.) Liebe den, der dich erschaffen, fürchte den, der dich gebildet, verherrliche den, der vom Tode dich erlöst hat! Sei geraden Herzens und reich im Geiste! Verkehre nicht mit denen, die wandeln auf dem Wege des Todes! Hasse alles, was Gott nicht gefällt, hasse jegliche Heuchelei! Versäume nichts von Gottes Geboten! (3.) Erhebe dich nicht selbst, denke demütig in jeglicher Hinsicht, schreibe dir selbst keine Ehre zu! Fasse keinen bösen Anschlag wider deinen Nächsten! Gestatte deiner Seele keine Anmaßung! (4.) Treibe nicht Unzucht, Ehebruch, Knabenschändung! Das Wort Gottes rede nicht bei der Unreinheit anderer! Schau nicht auf die Person, wenn du jemand zurechtweisest über einen Fehltritt! Sei milde, ruhig, zittere vor den Worten, die du gehört hast! Deinem Bruder trage Böses nicht nach! (5.) Sei nicht geteilter Meinung, ob es [d.h. Die Verheißungen] sich erfüllen werden oder nicht! "Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen"! Liebe deinen Nächsten mehr als deine eigene Seele! Töte das Kind nicht durch Abtreibung, noch auch töte das Neugeborene! Ziehe deine Hand nicht zurück von deinem Sohne oder von deiner Tochter, sondern lehre sie von jung auf die Furcht Gottes! (6.) Begehre nicht nach dem Besitze deines Nächsten, werde nicht habsüchtig! Geselle dich nicht in deinem Herzen zu den Hochmütigen, sondern verkehre mit den Demütigen und Gerechten! Was dir übles zustößt, das nimm als gut an und wisse, dass ohne Gott nichts geschieht! (7.) Denke nicht noch rede zwiespältig! Denn die Doppelzüngigkeit ist ein Fallstrick des Todes. Sei untertan deinem Herrn als dem Vertreter Gottes in Achtung und Furcht! Gib deinem Knecht und deiner Magd, die auf den gleichen Gott hoffen, deine Befehle nicht in Bitterkeit, damit sie nicht einmal ablegen ihre Furcht vor Gott, der über euch beide herrscht. Denn er ist nicht gekommen, um zu berufen nach Ansehen der Person, sondern zu denen, die der Geist vorbereitet hat. (8.) Von allem sollst du deinem Nächsten mitteilen und nicht sagen, es sei dein eigen! Wenn ihr nämlich die unvergänglichen Güter gemeinsam habt, um wie viel mehr die vergänglichen? Sei nicht vorlaut! Ein Fallstrick des Todes ist nämlich der Mund. Soviel du kannst, führe ein reines Leben deiner Seele zulieb! (9.) Sei nicht so, dass du deine Hand ausstreckst zum Nehmen, zum Geben aber sie zuhältst! Liebe wie deinen Augapfel jeden, der dir das Wort des Herrn verkündet! (10.) Bei Tag und bei Nacht denke an den Tag des Gerichtes und suche täglich das Antlitz der Heiligen, sei es dass du durch Reden dich abmühest, hingehest, sie zu trösten, und nachsinnest, wie du durch die Rede eine Seele rettest, oder dass du mit den Händen [durch Almosen] arbeitest zur Tilgung deiner Sünden. (11.) Zweifle nicht, ob du geben sollst, und gib ohne Murren! Du wirst einsehen, wer der herrliche Erstatter deines Lohnes ist. Bewahre, was du erhalten, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzunehmen! Das Böse hasse in Ewigkeit! Urteile gerecht! (12.) Rufe keine Spaltungen hervor, sondern stifte Frieden, indem du Streitende versöhnst! Bekenne deine Sünden! Schreite nicht zum Gebete mit einem schlechten Gewissen! Das ist der Weg des Lichtes. (20.1.) Der Weg der Finsternis aber ist krumm und voll Fluch. Es ist nämlich der Weg zum ewigen Tode voll Strafe; auf diesem befindet sich das, was ihre Seelen zugrunde richtet: Götzendienst, Frechheit, Überhebung wegen der Macht, Heuchelei, Doppelherzigkeit, Ehebruch, Mord, Raub, Stolz, Übertretung, List, Bosheit, Anmaßung, Giftmischerei, Zauberei, Habsucht, Vermessenheit gegen Gott. (2.) Leute, die die Guten verfolgen, die Wahrheit hassen, die Lüge lieben, den Lohn der Gerechtigkeit nicht kennen, dem Guten nicht nachstreben und dem gerechten Urteil, sich nicht bemühen um Witwen und Waisen, sich nicht kümmern um die Gottesfurcht, sondern um das Böse, von denen gar weit entfernt ist Sanftmut und Geduld, die das Eitle lieben, nach Vergeltung haschen, kein Mitleid haben mit dem Bettler, sich nicht annehmen um den Niedergebeugten, die bereit sind zum Verleumden, die ihren Schöpfer nicht anerkennen, Kinder morden, die Geschöpfe Gottes im Mutterschosse umbringen, dem Bedürftigen den Rücken zukehren, den Bedrängten unterdrücken, den Reichen beistehen, die Armen ungerecht richten, Sünder in allen Stücken.“

3. Nach der übereinstimmenden Meinung der Urkirche galt jede Sünde als vergebbar. Man ging davon aus, dass die Sünde die Kirche schädigt und gegen sie gerichtet ist und daher nur die Kirche die Sünden vergeben kann, weil es außerhalb der Kirche kein Heil gibt (nulla salus extra Ecclesia). Der Sünder, der durch die schwere Sünde seine Taufgnade verlor, musste seitens der Kirche öffentlich die Rekonziliation empfangen, worauf er sich mit langer, öffentlicher Buße vorbereitete.

4. In der frühen nachapostolischen Zeit (Hermas) nahm man an, dass solche Kapitalsünden wie Ehebruch, Mord und Apostasie, die nach der Taufe begangen wurden, erst nach einer langen, manchmal lebenslangen Buße, von der Kirche nur einmal erlassen werden können. Später wurde noch eine zweite Buße zugestanden, die als unhintergehbar angesehen wurde (z. B. Klemens von Alexandrien, 3 Jhd.).

c) Ö ffentliche Buße und ihr Verfall im Osten

1. Die früheste Bußform war die Exkommunikationsbuße. Dies bedeutete, dass jemand der die drei Kapitalsünden begangen hatte und ipso facto exkommuniziert wurde, im geheimen seine Sünden dem Bischof bekannte und zu der eigentlichen Kirchenbuße zugelassen wurde, welche von verschiedener Dauer war, wonach die Rekonziliation und die Aufnahme in die Kirchengemeinschaft erfolgte. Der theologische Grund für diese Praxis war die hohe Auffassung von der Heiligkeit des christlichen Lebens und der Wirkung der Taufe, sowie die Überzeugung, dass die bösen Taten vor Gott und den Menschen abgebüßt werden sollten, um zu zeigen, dass jemand der Wiederaufnahme in die kirchliche Gemeinschaft würdig war.
2. Im Osten entstanden verschiedene Klassen der Büßer:
a) flentes - die Weinenden, welche die Kirche nicht betreten durften;
b) audientes – die Zuhörenden, welche zum Wortgottesdienst zugelassen wurden;
c) substrati – die Knieenden, welche am Ende des ganzen Gottesdienstes zu dem sie zugelassen wurden, aber keine Kommunion empfangen durften, den Büßersegen empfingen;
d) consistentes – die Stehenden, welche am ganzen Gottesdienst teilnahmen, aber ebenfalls die Kommunion nicht empfangen durften.
3. Die Bußzeit wurde am Anfang des 5 Jhd. auf die Zeit von Aschermittwoch bis Gründonnerstag festgesetzt.
4. Als Bußübungen wurden verschiedene Praktiken angesehen: Bußgewand tragen, Asche aufs Haupt legen, Fasten, Almosen, Gebete, Enthaltung von Bad und Ehegemeinschaft, völliger oder teilweiser Ausschluss vom Gottesdienst, Büßerplatz in der Gemeinde, häufige Gebete und Beschwörungen durch den Bischof und Priester.
5. Seit dem 4. Jhd. fand eine Auflockerung der Bußdisziplin statt. So wurde es den Klerikern erlaubt, das Bußwerk privat zu verrichten. Den Schwerkranken wurde erstmals in dieser Zeit die Kommunion vor der Ableistung der Buße gereicht. Dennoch waren der Ausschluss und die Aufnahme in die Kirche immer noch öffentlich.
6. Im Osten wurde nach der Decischen Verfolgung (nach 250/51), bei welcher viele Christen öffentlich vom Glauben abgefallen sind, das Amt eines eigenen Bußpriesters eingeführt, welcher das Bußmaß zumessen, die Bußübungen überwachen und die Rekonziliation erteilen musste. Dieses Amt wurde im Jahre 391 abgeschafft, weil die öffentliche Buße in einem nunmehr christlichen Staat (seit 380) für viel Ärgernis sorgte.
a) Die öffentliche Buße wurde zwar nicht abgeschafft, sondern sie wurde immer seltener, weil man davon ausging, dass der einzelne Gläubige seine Sündenschuld durch seine eigene, von niemandem aufgetragene Buße, ableisten sollte.
b) Seit der Klostergründung im Osten im 4 Jhd. durch Basilius trat neben die öffentliche Buße auch die nichtöffentliche Mönchsbeichte, von welcher auch Laien reichen Gebrauch machten. Die 85 Canones über die Buße, welche von Basilius zusammengetragen worden sind (Ep. 88, 199, 217, in: PG 32, 470, 715, 794), geben uns ein Bild über das Sünden- und Bußverständnis seiner Zeit.[6]
c) Da in der Ostkirche die Bedeutung des Charismatikers groß war, übten die Mönche die Tätigkeit des Beichtpriesters aus, auch wenn sie Laien waren. Diese Praxis wurde von den Kanonisten seit dem 12 Jhd. bekämpft, besonders seit dem Unionskonzil von Lyon (1274), wo die West- und Ostkirche die Buße als eine Sakrament erklärten, welches also nur vom Priester gespendet werden dürfte (D 465 – DS 8600).
7. Mit der Zeit rückte die Absolution vor die Ableistung der Buße und die Lossprechung, nicht die Bußwerke, wurde als das eigentlich wirkende Moment der Rekonziliation gesehen.

d) Aufkommen der Privatbuße im Westen

1. Im Westen hielt man an der Einmaligkeit der kanonischen Buße bis ins 8 Jhd. fest, obwohl man den Weg zum Heil denjenigen, die nur eine private Buße leisteten, nicht absprach.
2. Seit dem 4 Jhd. durften Kleriker keine öffentliche Buße leisten, obwohl einen Schuldigen eine Kirchenstrafe traf, die in der Amtsenthebung und der Rückführung in den Laienstand bestand. Als Laie konnte er ohne eine weitere Buße in der Gemeinschaft der Kirche verbleiben.
3. Dem neuentstandenen Mönchsstand im Westen ist seit dem 5 Jhd. eine Weiterentwicklung der Privatbuße zu verdanken. Den Klöstern schlossen sich sog. Religiosen, also in der Welt lebende Laien, an, welche ihre Lebensweise dem Ordensleben angeglichen haben. Man ging davon aus, dass diese sog. Konversen durch ihre Lebensweise auch die Vergebung der schweren Sünden erlangen können (Gennadius von Marseille, De eccl. Dogm. C. 53: PL 58, 994). Manche bekamen den Ehrentitel poenitens, d.h. „der Büßer“, wodurch die Buße zu etwas Ehrenvollem und Erstrebenswertem wurde.
4. Seit dem 6. Jhd. wurde die Osterkommunion auch großen Sündern gereicht, wenn sie das öffentlichen Ärgernis, das sie ausgelöst haben, behoben und die Absicht äußerten, eine spätere Buße auf sich zu nehmen (Avitus von Vienne: PL 59, 253 ff.). An die Stelle einer lebenslangen Buße trat eine kirchliche Strafe, die vorübergehend von der Teilnahme an der Eucharistie ausschloss.
5. Seit der Gründung der Klöster im Westen wurde es eine mönchische Übung, auch kleinere Vergehen dem Ordensvorgesetzten zu bekennen, was auch von Laien nachgeahmt und als wertvoll gesehen wurde. Diese Beichte schuf wichtige Voraussetzungen von einer einmaligen, lebenslänglichen und peinlichen kanonischen Buße abzugehen und zu einer wiederholbaren, ehrenvollen, nicht öffentlichen, sakramentalen Buße überzugehen.
6. Die Wende zur privaten Buße kam von der keltisch-angelsächsischen Kirche. Nach dem Fall von Rom (476), welcher in die Zeit der spätantiken Völkerwanderung (375-568) fiel und von dieser mit verursacht wurde, musste der Westen von neuem missioniert werden. Diese Missionierung erfolgte von Irland und England, einer Kirche also, welche die öffentliche, einmalige und diffamierende Kirchenbuße nicht kannte, sondern eine wiederholbare, private Buße praktizierte.
7. Die neuen Missionare bedienten sich der Bußbücher, welche Beichtfälle und genau bemessenen Bußen enthielten. Die wichtigsten von ihnen waren: Poenitantiale Viniani, Poenitantiale Cummeani und das Poenitentiale Theodori.[7] Das letztere wurde im 8. Jhd. vom Bischof von Canterbury ausdrücklich für ganz Irland vorgeschrieben.
8. Anstelle der im Altertum betonten Bußgesinnung trat in den Poenitentialien das Bußwerk der Tarifbuße auf, bei welchem die Kommutationen (Bußumwandlungen) und Redemptionen (Bußablösungen durch andere Werke, auch durch Geldabgabe) dazu führten, dass häufige Gebete, Almosen, Fasten, Unterstützung von Klöstern, Zuwendungen an kirchliche Einrichtungen die alte persönliche Bußgesinnung mehr und mehr verdrängten. Anstelle der Gesinnung (metanoia) trat ein Leistungsdenken.
9. Auf dem europäischen Festland wurde diese Art der Buße auf der Synode von Chalôn 650 anerkannt. Damit wurde im Westen offiziell eine Privatbuße mit Rekonziliation vor der erfolgten Bußleistung und die Häufigkeit der sakramentalen Buße inauguriert. Bis zum 11. Jhd. waren Bußbücher in Gebrauch. Der Ritus der Poenitentialen sah in etwa folgendermaßen aus:

[...]


[1] Wolfgang Beinert (Hg.), Lexikon der katholischen Dogmatik, Herder: Freiburg [u.a.] 1987, S. 236.

[2] Katechismus der Katholischen Kirche (= K KK),1422 www.vatican.va/archive/DEU0035/_P4C.HTM.

[3] Augustinus, Contra Faustum, 22,27.

[4] KKK 1849.

[5] Das Sakramente der Buße wird größtenteils referiert nach J. Auer, Sakramente der Kirche, in: Kleine katholische Dogmatik, Bd.VII, S. 123-193.

[6] Ebenfalls im Internet zu finden unter: www.ucalgary.ca/~vandersp/Courses/texts/cappadoc/basilcep.html

[7] Manche Bußbücher sind im Internet zu finden: http://books.google.de/books?id=hyQBAAAAQAAJ&pg=PA108&lpg=PA108&dq=Poenitentiale&source=web&ots=4k2WcaHQk_&sig=67EdQFIRid2VURR65umpxUE-DUA&hl=de

Details

Seiten
52
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656176800
ISBN (Buch)
9783656176701
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192614
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Katholische Theologie
Note
Schlagworte
Katholische Theologie Sakramentenlehre Buße-Beichte Bußpraxis Sünde Rechtfertigung Ohrenbeichte Ablässe Vergebung der Sünden

Autor

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