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Soziale Arbeit als Grundvollzug christlicher Theologie

Biblische Grundlagen der Diakonie

Wissenschaftlicher Aufsatz 2009 47 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

GLIEDERUNG

1.0 EINFÜHRUNG

2.0 BEGRIFFSBESTIMMUNGEN

3.0 FUNDAMENTE DER KARITATIVEN DIAKONIE IN JUDENTUM UND CHRISTENTUM
3.1 BIBLISCHE GRUNDRISSE FÜR DIE CHRISTLICH-KARITATIVE DIAKONIE

4.0 CHRISTLICH-THEOLOGISCHE PROFILENTWÜRFE UND NORMATIVE ORIENTIERUNGEN FÜR DIE SOZIALE ARBEIT
4.1 PERSONALITÄT
4.2 GEMEINWOHL
4.3 SOLIDARITÄT
4.4 SUBSIDIARITÄT
4.5 GERECHTIGKEIT
4.6 NACHHALTIGKEIT

5.0 CHRISTLICHE SOZIALARBEIT IM SPANNUNGSFELD VON SPIRITUALITÄT, PROFESSIONALITÄT UND IDENTITÄT: EINE ART »FAZIT«

LITERATUR

1.0 EINFÜHRUNG

Soziale Arbeit gilt heute vielen als Errungenschaft der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Folge ihrer Institutionalisierung und Professionalisierung. Die Wurzeln können aber - insofern man danach fragt - bereits sehr viel früher verortet werden, nämlich in der israelitisch-jüdischen Tradition des altruistischen Helfers, der »im Gehorsam dem barmherzigen Gott gegenüber« tätig geworden ist. Auch sind »in dem Gebot der Nächsten- und Feindesliebe in der Verkündigung und im Verhalten Jesu von Nazareth und in vielfältigen Hilfeleistungen in der Alten Kirche « (GERBER 2006: 233) Grundzüge des sozial- diakonischen Handelns begründet worden. Daher ist es wenig überraschend, dass die Geschichte der Sozialen Arbeit eine auffällige Bindung mit Bedeutungsinhalten der christlichen Traditionen aufweist, was seinen Ausdruck u. a. darin findet, dass elementare Begründungsmuster und Motivationen der Sozialen Arbeit unzweifelhaft in Grundsätzen christlicher Überzeugungen verwurzelt sind. Im Prozess der Professionalisierung haben sich diese jedoch weniger niedergeschlagen. Im Gegensatz zu Disziplinen wie Soziologie, Psychologie oder den Rechtswissenschaften trägt die christliche Theologie nur rudimentär zur Begründung von Theorie und Praxis Sozialer Arbeit bei. Die Gründe hierfür sind vielschichtig und liegen zum einen in der Tatsache begründet, dass der Platz der christlichen Theologie im Kanon der Bezugsdisziplinen an staatlichen Hochschulen weitgehend unbesetzt bleibt.

Hinzu kommt, dass sie selbst im universitären Rahmen bislang nur ein begrenztes Interesse an der theologischen Reflexion Sozialer Arbeit bekundet hat. Im günstigsten Fall sieht sie diese Aufgabe an die wenigen Einrichtungen für Caritas- und Diakoniewissenschaft delegiert. Welchen elementaren Beitrag aber gerade die christliche Theologie für die Soziale Arbeit leisten kann, wird am Wirken kirchlicher Institutionen wie Diakonie oder Caritas bei der Bearbeitung sozialer Problemlagen deutlich. Daneben sind es die Zusammenhänge einer wachsenden gesellschaftlichen Komplexität sowie die sich abzeichnenden Umbrüche in einem zunehmend erodierenden Sozialstaat mit einer anhaltenden Ökonomisierung des Sozialen, die Anforderungen auch an die Theologie stellen. Auf Basis der ihr eigenen Ethik und Anthropologie ist sie gehalten, einen Beitrag zur Lösung sozialer Probleme zu leisten und damit zur Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit beizutragen1. Dennoch scheint ein Aufeinanderzugehen der beiden Fachdisziplinen nur allmählich Konturen zu gewinnen. Erst die Rückbesinnung der christlichen Theologie auf ihre diakonischen Dimensionen hat zu der Erkenntnis geführt, dass eine Kooperation und Vernetzung unverzichtbar ist. Insbesondere deshalb, da aufgrund der multiplen und komplexen Problemlagen der Klientel eine ganzheitliche und lebensnahe Unterstützung gefragt ist, was gleichsam bedeutet, dass nicht nur Akteure einer Berufsgruppe bzw. Fachrichtung dieser Aufgabe gerecht werden können. Mitunter scheint es aber dennoch unklar zu sein, was Soziale Arbeit von der christlichen Theologie überhaupt zu erwarten hat. Hierbei muss jedoch gesehen werden, dass sich zahlreiche Übereinstimmungen zwischen den Anliegen der beiden Bereiche finden lassen. So sieht Soziale Arbeit den Klienten nicht (mehr) nur als Objekt der Hilfe, sondern respektiert ihn als Partner mit individuellen Fähigkeiten. Eine Parallelität dazu findet sich in der (katholischen) Pastoraltheologie, besonders im Blick auf das Verständnis von Gemeinde und deren einzelnen Glieder.

Christliche Theologie kann aber darüber hinausgehend auch inhaltliche Bezüge herstellen und beispielsweise das Menschenbild eines lebensweltlichen Ansatzes der Sozialen Arbeit aus deren Blickwinkel begründen helfen. Es wird eine Aufgabe dieser Arbeit sein, derartige Bezüge herauszuarbeiten und mit der Praxis Sozialer Arbeit zusammen zu bringen. Was, um es anders auszudrücken, macht eine christlich-theologisch begründete Sozialarbeit im Besonderen aus und inwiefern hebt sich diese von säkular(isiert)en Formen ab. Daneben sollen Gemeinsamkeiten herausgestellt werden, was jedoch ebenso für das Trennende eines spezifisch christlich-theologischen Ansatzes und seinem säkularisierten Gegenüber gilt. Notwendig hierfür ist das Rekurrieren auf Grundzüge der christlichen Religion, wie sie in der katholischen und protestantischen Tradition gemeinsam verkörpert werden2. Unterschiedliche Auffassungen in Angelegenheit der Glaubenspraxis zwischen diesen beiden großen Konfessionen, wie sie in Detailfragen immer wieder auftreten, sind dabei lediglich von marginalem Interesse. Denn es ist in erster Linie die soziale Frage und das tätige Antworten darauf aus dem Gebot der christlichen Nächsten- und Feindesliebe heraus, die das soziale Engagement der beiden Kirchen und ihrer Organe begründen und daher eine prioritäre Stellung einnehmen. Dass dies im Protestantismus und Katholizismus in unterschiedlicher der Ausbildung »das reflexive und tätige Antworten auf soziale Probleme« (ENGELKE 2003: 27) und als Wissenschaft erforscht sie letztendlich solche anhand der entsprechenden wissenschaftlichen Methoden Form und unter Rückgriff auf differierende theoretische Grundlagen geschehen ist, muss dagegen freilich berücksichtigt werden.

Dies hat durchaus auch Auswirkungen auf (sozial-)politische Fragen. Auch wenn Europa - und Deutschland im Besonderen - einer zunehmenden Säkularisierung unterliegt, religiöse Werte und Normen haben überdauert und sind auch für viele areligiöse Menschen Richtschnur ihres Handelns, auch wenn sie sich dessen meist nicht bewusst sind. Festzuhalten ist außerdem, dass Religion sich - trotz der verankerten Trennung von Kirche und Staat - in einem öffentlichen Raum bewegt und damit über die Jahrhunderte neben Kunst und Musik erheblichen Einfluss auf die Rechtsprechung, Philosophie und Naturwissenschaft ausgeübt hat. Religion hat damit die abendländische Kultur nachhaltig geprägt. In diesem Kontext kann man auch heute noch durchaus von einer »Kulturprägung durch Religion« (ANTES 2002: 13) in Europa reden.

Wenig überraschend ist daher, dass JÜRGEN HABERMAS (1999) den Beitrag der Religion - im Besonderen auf die jüdisch-christliche Ethik abstellend - für die Entwicklung Europas dezidiert betont, wenn er schreibt: »Das Christentum ist für das normative Selbstverständnis der Moderne nicht nur eine Vorläufergestalt oder ein Katalysator gewesen. Der egalitäre Universalismus, aus dem die Ideen von Freiheit und solidarischem Zusammenleben, von autonomer Lebensführung und Emanzipation, von individueller Gewissensmoral, Menschenrechten und Demokratie entsprungen sind, ist unmittelbar ein Erbe der jüdischen Gerechtigkeits- und der christlichen Liebesethik. In der Substanz unverändert, ist dieses Erbe immer wieder kritisch angeeignet und neu interpretiert worden. Dazu gibt es bis heute keine Alternative« (HABERMAS 2001: 174f.)3.

Vor dem Hintergrund dieser Bestandsaufnahme und der eingangs geschilderten Spannung zwischen christlicher Theologie und Sozialer Arbeit könnte man - wenngleich etwas überspitzt - fragen, ob es überhaupt ein rein säkularisiertes Handeln des Sozialen gibt? Mit Blick auf die Soziale Arbeit wäre darunter eine solche zu verstehen, die sich gänzlich von ursprünglich christlichen Werthaltungen gelöst hat. Anders ausgedrückt: Inwiefern ist es der heutigen (säkularen) Sozialen Arbeit überhaupt möglich, ohne Rückgriff auf genuin christliches Gedankengut handlungsfähig zu bleiben? Um es vorweg zu nehmen.

Selbstverständlich ist Soziale Arbeit heute außerhalb der christlichen Glaubenslehre begründbar und handlungsfähig. Aber die beiden großen christlichen Konfessionen haben einen erheblichen Beitrag im Prozess der Institutionalisierung und Professionalisierung geleistet, der nicht verschwiegen werden sollte. Dabei sind Modellentwürfe und Konzepte in die Soziale Arbeit eingeflossen, die deren Gesicht geprägt und Raum für ein spezifisch christliches Profil geschaffen haben, was bis heute Auswirkungen auf die Soziale Arbeit im Ganzen ausstrahlt.

2.0 BEGRIFFSBESTIMMUNGEN

Soziale Arbeit, wie wir sie heute kennen, ist - wie bereits angemerkt - Ergebnis von Professionalisierungs- und Institutionalisierungsprozessen während des zweiten Abschnitts des zwanzigsten Jahrhunderts, hat aber Wurzeln, die bis in die israelitisch-jüdische Tradition zurückreichen. Gemeint sind damit wesentlich die Grundlagen der karitativen Diakonie, wie sie auf Basis der biblischen Überlieferung zunächst innerhalb des Judentums und mit der Zeitenwende dann in der christlichen Urgemeinde praktisch umgesetzt und in ihrer späteren Entwicklung schrittweise institutionalisiert worden sind.

Der Bedeutungsgehalt des Diakonie -Begriffes leitet sich aus der griechischen Wortfamilie diakon und den dazugehörigen Termini diakonia, diakonos und diakoneo ab, was gewöhnlich mit ›dienen‹, ›Diener‹ bzw. ›Dienst‹ übersetzt wird. Diakoneo steht dabei für unterschiedliche Arten von ›Diensten‹, im Wortsinn bezogen auf den ›Tischdienst‹, wie er in Lukas 10, 40 und Apostelgeschichte 6, 1 beschrieben wird. In einem etwas weiter gefassten Sinn ist damit die Sorge um den Lebensunterhalt gemeint. Meist stellt das Verbum aber auf eine umfassende Definition von ›dienen‹ ab. In Abgrenzung zu dem Begriff doulos (›Sklave‹) scheint der Wortstamm sich mehr auf eine Funktion als auf einen bestimmten Status zu beziehen. Auch ist damit nicht - zumindest primär - das Dienen für Gott bzw. die Erfüllung einer kultischen Pflicht gemeint (latreuo) und auch nicht die Erfüllung einer öffentlichen Pflicht (leitourgeo) oder medizinischen Dienstleistung (therapeuo).

Diakonie nimmt neben Martyria (›Zeugnis‹), Leiturga (›Gottesdienst‹) und Koinonia (›Gemeindebildung‹) den Status einer der Grundfunktionen von Kirche ein. Diese stehen nicht - wie man meinen könnte - additiv nebeneinander sondern durchdringen und bedingen sich gegenseitig4. Neben einem ursprünglich materiellen Sinn, ausgedrückt durch konkrete Gaben bzw. Almosen, begegnet uns Diakonie im Neuen Testament auch in einem religiös-spiritualisierten Sinn als Versöhnungsdienst (2 Kor 5, 18) sowie als Dienst am Wort (Apg 6, 4). Grundsätzlich hat sich karitativ-diakonisches Handeln nach christlicher Interpretation »an dem Modell der frei gewählten Diakonie, wie sie von Jesus von Nazareth gelebt worden ist« (METTE 1995: 185) zu orientieren.

Das Äquivalent zum protestantischen Diakonie-Begriff findet sich im katholischen Sprachgebrauch mit dem Terminus der Begriff Caritas. Dieser leitet sich aus dem Lateinischen carus ab und bedeutet soviel wie ›teuer‹, ›lieb‹ bzw. ›Liebe‹, was allerdings eine erotische Dimension nicht einschließt. Gemeint ist damit die Übersetzung des neutestamentarischen Begriffs Agape, das karitative Handeln im gottesdienstlichen Kontext. Im Bereich von Kirche und Theologie versteht man darunter in erster Linie die der ›Nächstenliebe‹ verpflichtete sozial-kirchliche Arbeit. Diese spiest sich aus der Liebe Gottes zu den Menschen, was wiederum Urgrund der menschlichen Liebe ist (Eph. 5, 2; 1 Joh 4, 11.19). Damit in Verbindung steht der Begriff der ›Barmherzigkeit‹, meist mit der Bedeutungszuweisung von barmherzigen Werken. Hiermit werden Hilfeleistungen angesprochen, »die einerseits zeit- und kulturgeschichtlich, also durch die Situation der Notleidenden und Helfenden bestimmt sind, andererseits aber allgemeinmenschliche und zu allen Zeiten wiederkehrende existentielle Nöte beheben sollen« (VÖLKL 1965: 1052). Daran wird deutlich, dass auch dem Caritasbegriff eine dienende Dimension inne ist, d. h. er durchaus im Wortsinn diakonischen Charakter hat, wie dies beispielhaft an der Fußwaschung in Joh 13, 15ff. beschrieben wird. Er berücksichtigt jedoch weitaus stärker als der Diakoniebegriff die Freiheit des Adressaten (Gal 5, 13; Röm 8, 2), also auch dessen Recht, Hilfe abzuweisen oder nicht in Anspruch zu nehmen, da diese Entscheidungsfreiheit Teil der menschlichen Würde ist.

Eine erste formale Verankerung erfährt die karitative Diakonie in Apg 6, 2-7, wo für die mit der Liturgie verbundene Armenhilfe eigens Diakone bestellt werden. Im Verlauf der Kirchengeschichte haben sich - ausgehend von der Kirchenspaltung - evangelische und katholische Modelle der Sorge um die Schwachen der Gesellschaft in teils unterschiedliche Richtungen ausdifferenziert, was ab Mitte des 19. Jahrhunderts entsprechende institutionelle Früchte getragen hat. 1897 gründet LORENZ WERTHMANN (1858-1921) im Raum der Katholischen Kirche den Caritasverband für das katholische Deutschland. Auf evangelischer Seite ist es JOHANN HINRICH WICHERN (1808-1881) der 1848 auf einem Kirchentag in Wittenberg zur Bildung des Central-Ausschusses für Innere Mission aufruft. Nach dem Zweiten Weltkrieg entsteht unter Federführung von EUGEN GERSTENMAIER (1906-1986) mit dem Evangelischen Hilfswerk ein zweiter großer evangelischer Wohlfahrtsverband. Beide Werke schließen sich in den 1970er Jahren zum Diakonischen Werk zusammen, was in Westdeutschland 1976, und in Ostdeutschland 1979 vollzogen wird. Nach der Wende werden diese beiden Diakonischen Werke 1990 zum Diakonischen Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e. V. vereinigt. Die unterschiedlichen institutionellen Verläufe haben Auswirkungen auf das Selbstverständnis des katholischen und evangelischen karitativen Handelns ausgeübt, was sich insbesondere auch bei der Entwicklung wohlfahrtsstaatlicher Instrumente niedergeschlagen hat. Auf die eigentlichen Grundpfeiler dieses Dienstes, wie sie sich aus den biblischen Texten ergeben, hat das wenig Auswirkungen gehabt. Deren Gültigkeit und Bedeutung sind auch heute noch gegeben, wie an dem gemeinsamen Wort Für eine Zukunft in Solidarit ä t und Gerechtigkeit des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz deutlich geworden ist, wenngleich das im Kontext der organisiert-verbandlicher Hilfe nicht immer durchscheinen mag.

3.0 FUNDAMENTE DER KARITATIVEN DIAKONIE IN JUDENTUM UND CHRISTENTUM

Karitativ-diakonische Grundlagen des Judentums gehen wesentlich auf die frühjüdische Tradition des Traktat Pirke Avot zurück, was meist mit ›Abschnitte der Väter‹ oder ›Sprüche der Väter‹ (FABER 2002: 23) übersetzt wird und als Fortsetzung der alttestamentlichen Spruchweisheit anzusehen ist. Dieser Traktat findet sich in der Mischna, der ersten autoritativen Sammlung von Gesetzen, religiösen Regeln und Vorschriften des täglichen Lebens des nachbiblischen Judentums. Innerhalb der Mischna nimmt der Traktat eine Sonderstellung ein, die sich daraus begründet, dass er nicht religionsgesetzlich ausgerichtet ist, sondern moralische Vorgaben und rabbinisch-weisheitliche Lebensregeln wiedergibt.

Als grundlegende ethische Weisung enthält der Traktat Avot die Lehre, dass die jüdische Frömmigkeit eine bedeutsame praktische Dimension beinhaltet, wie Rabbi SCHIMON HA- ZADDIK erkannt hat: »Auf drei Dingen steht die Welt: auf der Tora, auf dem Gottesdienst und auf der Liebestätigkeit« (AVOT I 2). ›Liebestätigkeit‹ geht hier aber über das Almosengeben (z e daqah) und die Erfüllung der durch die Tora auferlegten Pflichten bzw. Erfüllung von Geboten (mizwoth) hinaus. Gemeint sind vielmehr die ›guten Werke‹ bzw. ›Werke der Barmherzigkeit‹ zu denen Krankenbesuche ebenso gehören wie die Tröstung im Leid, die Gastfreundschaft, das Kleiden von Nackten, die Ausstattung mittelloser Bräute, die Erziehung von Waisen und die Pflege von Gefangenen bis hin zum Geleit von Trauernden und die Sorge um eine würdige Bestattung5. Der Unterschied zum bloßen Almosengeben besteht darin, dass diese Werke das Engagement der ganzen Person fordern und nicht nur eine Geldleistung (vgl. LUZ 2005: 18).

Die Tora setzt diese Handlungen nicht in eine Rangfolge, sondern gleichberechtigt nebeneinander. Das Torastudium weckt sozusagen das Gewissen des Menschen und schärft dessen Blick für Notleidende. Wie zentral das Torastudium für die Ethik des Judentums ist, beweist ein Ausspruch von Rabbi El´ ASAR BEN´ ASARJA (erstes Drittel des 2. Jahrhunderts): »Ohne Tora keine Bildung, ohne Bildung keine Tora« (Avot III 17a). Wahre Menschlichkeit ist danach ohne Tora nicht möglich, ja im Grunde ermöglicht diese erst »echte Humanität und wahre Bildung« (FABER 2002: 35). Für das spätere Judentum ist dann Micha 6, 8 eine grundlegende biblische Textpassage:

» Es ist dir gesagt, o Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Rechtüben und die Güte lieben und demütig wandeln vor deinem Gott. «

Gott selbst, das wird hier deutlich, ist Vorbild für die Liebeswerke. Der Jude Jesus hat dies folgendermaßen ausgedrückt:

» Werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist « (Lk 6, 36).

Allerdings, es bleibt nicht bei dieser Vorbildfunktion. Gott fordert die sittliche Tat ein: »Mache Seinen Willen zu deinem Willen, damit er deinen Willen zu Seinem Willen mache. Verzichte auf deinen Willen Seinem Willen gegenüber, damit er die anderen auf ihren Willen deinem Willen gegenüber verzichten lasse« (Avot II 4a). Was zunächst wie nach einem Tauschhandel klingt, ist in letzter Konsequenz das dezidierte Verlangen Gottes nach sittlichem Handeln. Er tritt dem Menschen »als der Gebietende« gegenüber, »als der Sprechende, Richtende, Gerechte; er [sc. der Mensch] erfährt, wie Gott die sittliche Tat von ihm verlangt, das Gebot vor ihn hinstellt, damit er es erfülle« (BAECK 1998: 151). Die Liebe Gottes teilt dem Menschen mit, was er ist. Die Gerechtigkeit, die den Menschen im Gebot offenbart wird, teilt ihm mit, was er sein soll. Beides gemeinsam ist »die Offenbarung von dem einen Gott« (ebd.). Gott der Herr bleibt nicht stumm, sein Wille bleibt nicht unergründlich, sein sittlicher Wille ist erfahrbar. Durch diesen erfahrbaren Willen erfährt der Mensch, wie er handeln soll und wird sich dabei - das ist nicht unwesentlich - seiner Freiheit bewusst. Er kann sich nämlich dem Willen Gottes verschließen. Wendet er sich aber Gott zu und macht dessen Willen in einem Akt freier Entscheidung zu seinem eigenen Willen, wird er zum Mitarbeiter Gottes in der Welt, der Wille Gottes wird der Wille der dienenden Person. Dabei dient der Mensch Gott als Helfer im Werk der Schöpfung, und nicht durch »dienen und bücken« (FABER 2002: 27), was bezeichnenderweise biblische Adjektive für den Götzendienst sind. Der Gott des Judentums ist also ein »redender, begegnender, wollender Gott, sein Wille ist die Grundlage für ein sittliches Leben« (ebd.).

Das Judentum ist demnach nicht eine Religion der bloßen Gesetzeserfüllung, sondern eine Religion der Tat. »Die Tora enthält an ihrem Anfang und an ihrem Ende Liebeswerke. An ihrem Anfang, wie geschrieben steht: Jahwe-Elohim machte für Adam und seine Frau Röcke (Gen 3, 21) und an ihrem Ende, wie geschrieben steht: Gott begrub Mose im Tal (Dtn 34, 6)« (Sota 14a, zit. n. LUZ 2005: 19). Dieses jüdische Verständnis der Liebestätigkeit ist Basis der christlichen Überzeugung, dass karitativ-diakonisches Handeln Grunddimension christlichen Lebens ist, was zur Folge hat, dass Diakonie niemals nur aus einer professionellen Distanz heraus betrieben werden kann.

Dieser altjüdische Entwurf der ›Liebeswerke‹ hat Eingang ins Christentum gefunden und steht im Zentrum des biblischen Glaubens. Damit kann man aus christlicher Sicht auch nicht darauf insistieren, Jesus von Nazareth sei der (irdische) Erfinder des Liebesgebots. Dem stehen die biblischen Sozial- und Schutzgebote, wie sie das Alte Testament eindrucksvoll überliefert, entgegen. Allerdings erweitert der Nazarener den Adressatenkreis. Nicht nur die Armen, die Witwen und Waisen sollen angesprochen werden, sondern auch die Fremdlinge und Sklaven, die Tauben und Blinden, Tagelöhner und nicht zuletzt die Frauen und Kinder, deren gesellschaftliche Stellung zur Zeit Jesu von marginalen Charakter gewesen ist. Das altbiblische Liebesgebot bleibt auch für Jesus in Kraft und ist somit von herausragendem Charakter, da es sozusagen eine Folge anderer Schutzbestimmungen kulminativ abschließt:

» 9 Wenn du dein Land aberntest, sollst du nicht alles bis an die Ecken deines Feldes abschneiden, auch nicht Nachlese halten. 10 Auch sollst du in deinem Weinberg nicht Nachlese halten noch die abgefallenen Beeren auflesen, sondern dem Armen und Fremdling sollst du es lassen; ich bin der HERR, euer Gott. 11 Ihr sollt nicht stehlen noch lügen noch betrügerisch handeln einer mit dem andern. 12 Ihr sollt nicht falsch schw ö ren bei meinem Namen und den Namen eures Gottes nicht entheiligen; ich bin der HERR. 13 Du sollst deinen N ä chsten nicht bedrücken noch berauben. Es soll des Tagel ö hners Lohn nicht bei dir bleiben bis zum Morgen. 14 Du sollst dem Tauben nicht fluchen und sollst vor den Blinden kein Hindernis legen, denn du sollst dich vor deinem Gott fürchten; ich bin der HERR. 15 Du sollst nicht unrecht handeln im Gericht: Du sollst den Geringen nicht vorziehen, aber auch den Gro ß en nicht begünstigen, sondern du sollst deinen N ä chsten recht richten. 16 Du sollst nicht als Verleumder umhergehen unter deinem Volk. Du sollst auch nicht auftreten gegen deines N ä chsten Leben; ich bin der HERR. 17 Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, sondern du sollst deinen N ä chsten zurechtweisen, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich l ä dst. 18 Du sollst dich nicht r ä chen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen N ä chsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR « (Lev 19, 9-18).

Im Lauf der Geschichte sind biblische Rechtssetzungen immer deutlicher in einer religiösen Weise interpretiert und verstanden und somit als Entsprechungen zum Handeln Gottes ausgelegt worden. Der barmherzige, gnädige Gott, wie ihn zum Beispiel Ex 34,6 oder Ps 103, 8 umschreiben, nimmt sich selbst der Waisen und Witwen an und verschafft ihnen ihr Recht, liebt den Fremdling und sorgt für Nahrung sowie Kleidung (Dtn 10, 18) und versteht sich als deren Anwalt (Ps 68, 6). Sein Verhalten ist Richtschnur für das Handeln des Menschen! Der wesentliche Unterschied zwischen der Zeit des Ersten Testaments und der des Zweiten Testaments liegt darin begründet, dass diakonisches Handeln in urchristlichen Gemeinden eine christologische Begründung erfahren hat und die Christen als Minoritäten in einer fremden Umwelt sehr viel mehr dazu gezwungen waren, eigenständige diakonische Institutionen auszubilden.

3.1 BIBLISCHE GRUNDRISSE FÜR DIE CHRISTLICH-KARITATIVE DIAKONIE

Statistische Erhebungen6 haben ergeben, dass sich die sozialen Dienste der Kirchen, Diakonie und Caritas, in der Bevölkerung großer Beliebtheit erfreuen und ihnen tiefes Vertrauen entgegengebracht wird. Gründe dafür liegen aller Wahrscheinlichkeit nach neben dem konkreten sozial-karitativen Handeln in den grundlegenden Prinzipien des Evangeliums, die zur Zeit Jesu durchaus revolutionären Charakter besessen haben und bis in die Gegenwart nachwirken und herausfordern.

Ein wesentlicher Aspekt dabei ist die Umkehrung von Hierarchien, wie sie in der Jesus- Gemeinschaft praktiziert, durch den Dienst am Nächsten transparent gelebt und damit den Ärmsten zugleich ein Wert als Subjekt zuerkannt worden ist. Daher ist das Grundprinzip des Dienens essenziell für das Selbstverständnis einer christlich orientierten Sozialarbeit, was durch zahlreiche überlieferte Jesusworte7 untermauert wird. Mit der christlichen Urgemeinde ist die basale Glaubenshaltung fest in das Selbstverständnis der karitativen Diakonie eingegangen und hat bis heute Bestandskraft, denn »… der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene « (Mk 10, 45a).

Gilt dies für Jesus als Sohn Gottes, so erst recht für die Mitglieder seiner Gemeinde. Dass es dabei nicht lediglich um den Dienst am Nächsten geht, sondern um die radikale Umkehr herrschaftlicher Verhältnisse, wird erkennbar, wenn man die vorhergehenden Verse 43 und 44 berücksichtigt. Dort institutionalisiert Jesus - entgegen den gesellschaftlichen Gepflogenheiten heidnischer Völker - unter seiner Jüngerschaft eine Gemeinschaftsordnung der anderen Art:

» 43 … wer gro ß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; 44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein « (Mk. 10, 43.44).

Dieses Wort steht in diametralem Gegensatz zu nichtjüdischen Gesellschaftsformen, denn gerade innerhalb des Hellenismus sind ›Dienen‹ oder ›Niedrigkeit‹ von nur geringem Status8 gewesen. Mit der jüdischen Gesellschaftsordnung steht diese Aussage Jesu aber in keinem Widerspruch, steht doch Gott der Gerechte - wie gesehen - auf der Seite der Armen und Rechtlosen. Allerdings, Jesu Aussage ist ganz grundsätzlich zu verstehen und geht so weit über die jüdische Tradition hinaus, die ja primär auf den eigenen Kulturraum beschränkt bleibt. Jesu Sendung zeichnet sich sozusagen dadurch aus, dass er sich den Kranken und Besessenen, Frauen und Kindern und den religiösen Außenseitern (!) zuwendet und somit das Liebesgebot in das Zentrum des Glaubens stellt. »Mit ›Dienen‹ ist also kompromisslose und nicht auf Gegenseitigkeit spekulierende Liebe gemeint« (LUZ 2005: 21). Ausdruck dessen ist die Fußwaschung Jesu an seinen Jüngern, wie sie in Joh 13, 4f. beschrieben ist oder auch das Gleichnis vom ›Dienst‹ des wiederkehrenden Herrn an seinen Knechten aus Lk 12, 37. Damit verbindet sich die Grundaussage aus Mk 10, 43f. mit dem Dienst am Tisch, was sich dann in der Überlieferung der Evangelien zu einem elementaren Wesenszug von Jüngerschaftetabliert hat:

»Wenn jemand will der Erste sein, der soll der Letzte sein von allen und aller Diener« (Mk 9, 35a).

[...]


1 Soziale Arbeit wiederum vollzieht sich auf drei Ebenen. Praktische Aufgabe dieser ist es, Menschen in den verschiedensten Problemlagen bei ihrer Lebensgestaltung zu unterstützen, was den Einsatz unterschiedlicher professioneller Methoden erforderlich macht. Daneben aber vermittelt sie auf der Ebene

2 Die Orthodoxie bleibt im Rahmen dieser Arbeit außen vor, da sie in Deutschland nur von geringer Bedeutung ist.

3 DIRK BERG-SCHLOSSER (1997) sieht dies ähnlich, wenn er es bemerkenswert findet, dass die Konzeptionen der Demokratie und der Menschenrechte im Rahmen der (christlich) europäischen Kulturen und Philosophietraditionen entstanden sind, dennoch aber universalen Charakter besitzen.

4 Es hat sich insbesondere für die Stellung der Frau in der Kirchengeschichte verhängnisvoll ausgewirkt, dass - entgegen der Praxis im frühen Christentum - aus diesen Grundfunktionen eine Rangordnung abgeleitet wurde, die nicht selten auf die Besetzung von Ämtern ausgerichtet und daher auf den Gewinn oder Erhalt von Machtstellungen ausgerichtet war.

5 Hier findet sich eine frappierende Parallele zu den leiblichen Werken der Barmherzigkeit, wie sie im Neuen Testament bei Matthäus beschrieben werden.

6 Vgl. dazu die Internetumfrage von McKINSEY, Stern und ZDF aus dem Jahr 2004: www.perspektive- deutschland.de

7 Neben der o. a. Bibelstelle geben Mt 20, 26f.; Lk 22, 26f;Mt 23, 11; Mk 9, 35 sowie Joh 12, 26 diesem Prinzip Ausdruck.

8 Zeugnis von dieser Haltung legt der Philosoph PLATO ab, indem er fragend formuliert: »Wie könnte ein Mensch glücklich werden, der irgend einem dient?« (PLATO: Gorgias 491e).

Details

Seiten
47
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656176237
ISBN (Buch)
9783656176343
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192592
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Sozialpädagogik
Note
Schlagworte
soziale arbeit grundvollzug theologie biblische grundlagen diakonie

Autor

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Titel: Soziale Arbeit als Grundvollzug christlicher Theologie