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Das radikale Böse bei Kant

Hausarbeit 2012 12 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung: das radikale Gute

2. Der kategorische Imperativ

3. Das radikale Böse

4. Schlusswort: Aufrichtigkeit und Würde

1. Einleitung: das radikale Gute

Kant beginnt den ersten Abschnitt der Grundlegung der Metaphysik der Sitten mit den Worten: „ Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein GUTER WILLE[1]. Der Wille ist in praktischer Hinsicht frei, da wir nicht anders als unter der Idee der Freiheit handeln können[2]. Der Wille ist kein bloßer Wunsch, da dieser immer aus einer Neigung hervorgeht, und nicht frei sein kann; der durch einen Wunsch geleitete Wille ist heteronom, sprich unfrei und fremdbestimmt. Der in praktischer Hinsicht freie Wille kann also durchaus unfrei sein, aber nur insofern er sich selbst für die Heteronomie entscheidet, d. h. sich von äußeren und kontingenten Bestimmungen leiten lässt, anstatt für sich selbst gesetzgebend zu sein.

Durch Menschenliebe oder Wohlwollen wird der Wille nicht zu einem guten Willen; der bloße Wunsch, alle Menschen für alle Zeiten glücklich zu machen, hat überhaupt keinen moralischen Wert. Auch den Tugenden und den zum guten Handeln befördernden Fähigkeiten spricht Kant ab, für einen guten Willen relevant zu sein "Verstand, Witz, Urteilskraft und wie die Talente des Geistes sonst heißen mögen, oder Mut, Entschlossenheit, Beharrlichkeit im Vorsatze als Eigenschaften des Temperaments sind ohne Zweifel in mancher Absicht gut und wünschenswert; aber sie können auch äußerst böse und schädlich werden, wenn der Wille, der von diesen Naturgaben Gebrauch machen soll und dessen eigentümliche Beschaffenheit darum Charakter heißt, nicht gut ist"[3]. Weder das Streben nach Glückseligkeit, von dem die Rede ist, bevor Kant zur Ableitung eines kategorischen Imperativs übergeht, noch die Konsequenzen, die ein durch einen bestimmten Willen verursachtes Handeln bewirkt, machen einen guten Willen aus. Die Würde, die einem guten Willen zukommt, besteht in seiner Autonomie, und nicht in seiner Wirkung: "Der gute Wille ist nicht durch das, was er bewirkt oder ausrichtet, nicht durch seine Tauglichkeit zu Erreichung irgend eines vorgesetzten Zweckes, sondern allein durch das Wollen, d. i. an sich gut, und, für sich selbst betrachtet, ohne Vergleich weit höher zu schätzen als alles, was durch ihn zu Gunsten irgend einer Neigung, ja wenn man will, der Summe aller Neigungen, nur immer zustande gebracht werden könnte"[4]. Da Kant feststellt, dass das Einzige, was vorbehaltlos als gut angesehen werden kann, ein guter, sprich sich aus seiner praktischen Freiheit zum Guten bestimmender Wille ist, ist davon auszugehen, dass sein Begriff des Bösen ebenfalls nichts mit kontingenten Nichtigkeiten zu tun hat, wie wenn er z.B. das Materielle als böse, und das Geistige dagegen als gut erklärte, sondern auf derselben praktischen Freiheit des Menschen, wie der gute Wille, aufbaut. Die Frage, woher das Böse kommt, und warum die Welt seit jeher in einem kläglichen Zustand ist, wird mit Kant erstmals auf einer begrifflichen Höhe beantwortet, die der Freiheit des Menschen angemessen ist.

2. Der kategorische Imperativ

Tue dies, wenn du jenes bewirken willst, ist kein moralisches, sondern ein bloß technisches Gesetz. Kant nennt ein solches einen hypothetischen Imperativ: "Der hypothetische Imperativ sagt also nur, daß die Handlung zu irgend einer möglichen oder wirklichen Absicht gut sei"[5]. Nicht weil wir die Konsequenzen unserer Handlungen nicht vollständig berechnen können, sondern weil der Wille durch eine teleologisch bestimmte Handlung seine Autonomie einbüßt, kann eine durch eine Absicht hervorgerufene Handlung nicht moralisch sein. Eine moralische Handlung ist nur mit dem Begriff der Pflicht zu denken, und eine Handlung aus Pflicht bestimmt Kant folgendermaßen: „ ...eine Handlung aus Pflicht hat ihren moralischen Wert nicht in der Absicht, welche dadurch erreicht werden soll, sondern in der Maxime, nach der sie beschlossen wird, hängt also nicht von der Wirklichkeit des Gegenstandes der Handlung ab, sondern bloss von dem Prinzip des Wollens, nach welchem die Handlung unangesehen aller Gegenstände des Begehrungsvermögens geschehen ist[6]. Die Pflicht ist „ die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz[7]. Ein Gesetz[8], welches allein durch die Autonomie des Willens zustande kommt, ist ein kategorischer Imperativ: „ Was kann das aber wohl für ein Gesetz sein, dessen Vorstellung, auch ohne auf die daraus erwartete Wirkung Rücksicht zu nehmen, den Willen bestimmen muss, damit dieser schlechterdings und ohne Einschränkungen gut heißen könne? Da ich den Willen aller Antriebe beraubt habe, die ihm aus der Befolgung irgend eines Gesetzes entspringen könnten, so bleibt nichts als die allgemeine Gesetzmäßigkeit der Handlungen überhaupt übrig, welche allein dem Willen zum Prinzip dienen soll, d.i. ich soll niemals anders verfahren, als so, dass ich auch wollen könne, meine Maxime solle ein allgemeines Gesetz werden[9]. Da der kategorische Imperativ durch nichts als die Autonomie des Willens zustande kommt, ändert er sich nicht von Fall zu Fall, sondern ist immer gleich: "Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde"[10]. Entscheidend ist allein seine Form der Gesetzmäßigkeit, welche eine Brücke zwischen der Natur und der Freiheit schlägt: "Weil die Allgemeinheit des Gesetzes, wonach Wirkungen geschehen, dasjenige ausmacht, was eigentlich Natur im allgemeinsten Verstande (der Form nach), d. i. das Dasein der Dinge, heißt, sofern es nach allgemeinen Gesetzen bestimmt ist, so könnte der allgemeine Imperativ der Pflicht auch so lauten: handle so, als ob die Maxime deiner Handlung durch deinen Willen zum ALLGEMEINEN NATURGESETZE werden sollte"[11]. Der Verweis auf das Naturgesetz ist eine Glanzleistung Kants, mit der er den Dualismus von Geist und Materie überwindet, und zeigt, dass sowohl die kausal determinierte Welt als auch der freie Wille unter derselben Form der Gesetzmäßigkeit zu denken sind. Erst dadurch ist erstens eine Kausalität aus Freiheit theoretisch möglich, und zweitens das ohne jeden ursächlichen Bezug zur äußeren Wirklichkeit - am kategorischen Imperativ orientiert - aufgestellte moralische Gesetz auch praktisch relevant. Eine Kausalität aus Freiheit ist theoretisch möglich, weil sie durch den kategorischen Imperativ praktisch wirklich sein kann, was wiederum darauf verweist, dass es einen freien Willen geben kann[12].

Durch die Autonomie seines Willens, dadurch, dass er eine Person ist, erhält der Mensch eine Würde, einen absoluten Wert, und ist damit ein Zweck an sich. Hieraus folgt: "Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest"[13]. Das ist der praktische Imperativ, das aus dem Begriff des Vernunftwesens Mensch resultierende Gebot, welches die Moral aus der Vernunft selbst, und nicht durch einen der Vernunft fremden Gesetzgeber begründet. Deshalb kann Kant die Vorrede zur "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft" mit den Worten beginnen: "Die Moral, sofern sie auf dem Begriffe des Menschen, als eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens, gegründet ist, bedarf weder der Idee eines andern Wesens über ihm, um seine Pflicht zu erkennen, noch einer andern Triebfeder als des Gesetzes selbst, um sie zu beobachten"[14]. Die Frage, warum es nichts Gutes außer einem guten Willen geben kann, und worin dieser gute Wille besteht, wird, wie gezeigt, von Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten beantwortet. Damit ist die Vorarbeit zu einer dem freien Willen gemäßen Bestimmung des Bösen geleistet.

3. Das radikale Böse

Wenn nichts ohne Einschränkung als gut betrachtet werden kann, als ein guter Wille, so ist es naheliegend, dass nur ein böser Wille als uneingeschränkt böse gesehen werden kann. Dies setzt jedoch einen positiven Begriff des Bösen voraus, welches nicht ein bloßer Mangel des Guten sein kann. Gegen einen solchen Begriff des Bösen hatte sich die Moralphilosophie lange gewehrt, weshalb Kant zunächst auf diesen zurückkommt, um seine Schwächen aufzuzeigen und ihn zu verwerfen: "Der Grund dieses Bösen kann nun 1) nicht, wie man ihn gemeiniglich anzugeben pflegt, in der Sinnlichkeit des Menschen, und den daraus entspringenden natürlichen Neigungen gesetzt werden"[15]. Das Kreatürliche sei, wie die gesamte conditio humana, so Kant, vielmehr eine Anlage zum Guten, und dazu zählt er: "1) Die Anlage für die Tierheit des Menschen, als eines lebenden; 2) Für die Menschheit desselben, als eines lebenden und zugleich vernünftigen; 3) Für seine Persönlichkeit, als eines vernünftigen, und zugleich der Zurechnung fähigen Wesens"[16]. Weder in der Neigung zur natürlichen Selbstliebe noch in der Geselligkeit und der Fähigkeit zur Willkür kann laut Kant der Grund für das Böse liegen, denn nichts davon widerstrebt schon an sich dem moralischen Gesetz, tut es aber erst dann, wenn der Mensch diese Anlagen willentlich lasterhaft gebraucht[17]. Fing Kant in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten damit an, dass die Tugenden, für sich allein betrachtet, noch nicht gut seien, so streitet er in der Religionsschrift zunächst ab, dass die menschliche Natur selbst für das Böse verantwortlich sei. Das Naheliegende erweist sich in Fragen der Moral in der Regel als ein Irrtum, weil der gesunde Menschenverstand zunächst von einer Heteronomie des Willens ausgeht, und ihm der Begriff eines freien Willens leer erscheint. Ohne einen autonomen Willen werden aber die Begriffe des Guten und des Bösen ausgehöhlt, weil derselbe Mensch in derselben Hinsicht entweder gut oder böse sein muss, damit ein sinnvolles moralisches Urteil überhaupt möglich ist, zugleich aber beides sein kann, wenn er, seinen Neigungen (der angeblichen Ursache des Bösen) folgend, auf die Tugenden (die gemeinhin als das Gute betrachtet werden) nicht verzichtet. Erst Kants praktischer Nachweis der Autonomie des Willens in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten schafft die begriffliche Grundlage für die Unterscheidung des Guten von dem Bösen. Ein selbstbestimmter Wille entscheidet selbst, welchen Neigungen er folgt, und welche er nicht in sein Handeln einfließen lässt, womit es irrelevant wird, welche Neigungen es ursprünglich gibt, denn nicht ihre Beschaffenheit, sondern der freie Wille bestimmt allein, ob sie für das praktische Handeln eine Rolle spielen.

[...]


[1] Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Stuttgart, 2005. S. 28.

[2] Vgl. A. a. O., S. 105f.

[3] A. a. O., S. 28.

[4] A. a. O., S. 29.

[5] A. a. O., S. 59.

[6] A. a. O., S. 37f.

[7] A. a. O., S. 38.

[8] Hier ist von keinem besonderen Gesetz die Rede, sondern von einem Prinzip, der den Willen unmittelbar nötigt, und den Kant einen Imperativ nennt: "Die Vorstellung eines objektiven Prinzips, sofern er für einen Willen nötigend ist, heißt ein Gebot (der Vernunft), und die Formel des Gebots heißt IMPERATIV" (a. a. O., S. 56f).

[9] A. a. O., S. 40.

[10] A. a. O., S. 68.

[11] A. a. O., S. 68.

[12] Obwohl Kant selbst nicht für nötig hält, die Willensfreiheit theoretisch zu beweisen, legt er hiermit einen Grundstein für den Beweis der Willensfreiheit.

[13] A. a. O., S. 79.

[14] Kant, Immanuel: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. Hamburg, 2003. S. 3.

[15] A. a. O., S. 43.

[16] A. a. O., S. 30f.

[17] Vgl. A. a. O., S. 31ff.

Details

Seiten
12
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656175261
ISBN (Buch)
9783656175391
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192591
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
Schlagworte
böse Kant Moral Würde

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