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Sprachvergleich Türkisch - Deutsch

An den Beispielen des Artikelgebrauchs und der grundlegenden Satzstellung

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Didaktik - Deutsch - Grammatik, Stil, Arbeitstechnik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Artikelgebrauch
2.1. Artikelgebrauch im Deutschen
2.2. Artikelgebrauch im Türkischen
2.3. Vergleich

3. Grundlegende Satzstellung
3.1. Grundlegende Satzstellung im Deutschen
3.2. Grundlegende Satzstellung im Türkischen
3.3. Vergleich

4. Problematik beim Erlernen der Sprachen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Komparativ zu arbeiten, noch dazu im grammatischen Bereich, ist sicher für uns alle eine neue Erfahrung. Man könnte es als Glück bezeichnen, dass wir mit dem Sprachenvergleich Türkisch – Deutsch zwei durchaus repräsentative Sprachen (für ihre frühere Klassifikation der Sprachwissenschaft bezüglich ihrer Sprachfamilien) und noch dazu im schulischen und politischen Diskurs aktuell thematisierte Sprachen ausgewählt haben.

Türkisch, als charakteristisches Beispiel für eine agglutinierende Sprache, stellt einen im System der üblicherweise flektierenden indoeuropäischen Sprachfamilie Denkenden vor ganz neue Herausforderungen und erweitert den Blick auf das eigene Herkunftssprachsystem.

Überblicksartig wird hier nun versucht, die ausgewählten Themengruppen des Artikelgebrauchs und der grundlegenden Satzstellung zu beschreiben. In einem weiteren Schritt haben wir auch versucht, uns Gedanken darüber zu machen, mit welchen Schwierigkeiten die jeweils Sprachlernenden in diesen Bereichen konfrontiert werden können.

2. Artikelgebrauch

2.1. Artikelgebrauch im Deutschen

Im Deutschen erfüllt der Artikelgebrauch oder die Tatsache, dass überhaupt Artikelwörter existieren, eine determinierende Funktion. Der Artikel wird nach Genus, Kasus und Numerus des Bezugswortes (das ein inhärentes grammatisches Genus besitzt) dekliniert. Beim Bezugswort/ Substantiv werden diese grammatischen Kategorien oft nur anhand des Artikels sichtbar, z.B.: des Hasen – der Hasen. Das Genus der Substantive, das gelernt werden muss oder bei Muttersprachlern von einem adäquaten Sprachgefühl dafür ausgegangen wird, bildet die Basis eines komplexen Referenzsystems der deutschen Sprache. Es spielt daher auch auf Text- und Diskursebene eine besondere Rolle, nämlich wenn es zur Verkettung von Äußerungen kommt.[1]

Das Deutsche verfügt über unterschiedliche Mittel, eine Determination zu realisieren. Einen Teil davon stellen Artikelformen dar:

- Definiter Artikel/ bestimmter Artikel (der, die, das)
- Indefiniter Artikel/ unbestimmter Artikel (ein, eine, ein)
- Nullartikel (Frau, Frauen)[2]

Im Satzgefüge steht der Artikel als selbständiges Morphem vor seinem Bezugswort/ Substantiv.

In Bezug auf deren Funktion werden zwei Bedeutungspaare unterschieden. Mit einem definiten Artikel stellt man den Zusammenhang zu einem bekannten (identifizierbaren) Gegenstand her; mit dem indefiniten Artikel indiziert man dagegen, dass der Gegenstand noch unidentifizierbar, also als nicht bekannt, vorausgesetzt werden kann. Mit dem unbestimmten Artikel wird weiters auch spezifiziert oder auf einen unspezifischen, also irgendeinen, Gegenstand verwiesen. Definitheit und Indefinitheit stellen somit Unterkategorien der Determination dar. Im Spracherwerb wird die Fähigkeit zur Determination bereits im Vorschulalter erworben, was für den grundlegenden Charakter dieser Funktion im Kommunikationsprozess spricht.[3]

Im Deutschen sind Artikelwörter grundsätzlich unbetont. Werden sie betont, so haben sie deiktische Eigenschaften. Der bestimmte Artikel kann in Form eines Portemanteau-Morphems realisiert werden, indem der Artikel im Singular mit der vorangehenden Präposition verschmilzt. Er wird außerdem verwendet, wenn Gattungsnamen zuvor per unbestimmten Artikel ins gemeinsame Redeuniversum eingeführt wurden; wenn nur ein bestimmter Gattungsname in Frage kommt; bei Maßeinheiten; bei Abstrakta, die auf Gemeinsamkeiten bezogen sind und wenn ein generischer Gebrauch vorliegt und es nur eine Gattung gibt.

Eigennamen werden in der Regel ohne Artikel gebraucht, weil sie ja bereits identifiziert sind, bei fiktiver Unterscheidung mehrerer Namensträger in einem, kann aber sowohl der bestimmte als auch der unbestimmte Artikel verwendet werden. Auch wenn von geographischen Einheiten die Rede ist und diese im Plural stehen (bei einigen auch im Singular), kann der bestimmte Artikel zu Einsatz kommen.

Der unbestimmte Artikel kann im Singular nur auf zählbare Objekte angewandt werden. Außerdem wird zwischen Numerale “ein” und dem unbestimmten Artikel “ein” unterschieden.

Die Verwendung des Nullartikels bezeichnet im Singular meist ein identifizierbares, aber nicht spezifisches Objekt (Meine Schwester hat Angst vor Wasser.) Im Plural übernimmt er zusätzlich die Funktionen des unbestimmten Artikels und bezeichnet dann nicht-spezifische und nicht-identifizierbare Referenzobjekte. Er wird auch in der Beschreibung unspezifischer Teilmengen, bei Abstrakta, bei Gleichsetzungssätzen in denen Berufe oder Nationaltiäten angegeben werden, bei metasprachlichen Wendungen, bei absoluten Genitiven in modaler Funktion und bei bestimmten emphatischen Ausrufen verwendet.[4]

2.2. Artikelgebrauch im Türkischen

Im Türkischen gibt es kein grammatisches Geschlecht, Substantive werden daher nicht in Maskulina, Feminina und Neutra unterteilt. Infolgedessen existieren keine bestimmten Artikelformen. Dass das Türkische keinen definiten Artikel hat, bedeutet aber keineswegs, dass es keine Determination kennt, sondern es werden andere Mittel verwendet, die determinatives Potential haben. Nämlich der Akkusativ, die Wortstellung, Possesiva, derivierte Adjektive auf -ki, die deiktischen Determinative bu, şu und o und Eigennamen.[5] Der infinite Artikel wird dagegen mit bir realisiert, wobei dies selten vorkommt.

Türkische Substantive sagen alleine für sich nichts über Bestimmtheit oder Unbestimmtheit aus, daher werden Zusatzwörter vor die Bezugswörter gestellt, um diese näher zu beschreiben: kadın (die Frau – ohne grammatisches Geschlecht) → kadın doktor (die Ärztin), erkek (männlich), erkek doktor (der Arzt)...

Ein weiteres Beispiel für Bestimmtheit oder Unbestimmtheit gäbe es hier in Bezug auf die Wortstellung als Tool zur näheren Bestimmung des Bezugswortes:

Kadın trende oturuyor. - Die Frau sitzt im Zug.

Trende kadın oturuyor. - Im Zug sitzt eine Frau.

Das bedeutet, definite Substantive werden oft satzinitial positioniert und werden somit als bekanntes Wissen signalisiert. Steht ein Nomen in der Subjektrolle vor dem Verb, so hat es Indefinitheitsstatus.[6]

Genauso fungiert das Akkusativmorphem -(y)i ähnlich einem bestimmten Artikel, denn ein Gegenstand, der durch direkte oder indirekte Vorerwähnung vom Hörer identifiziert werden kann, wird obligatorisch markiert.[7]

Bu, şu und o sind wie bereits oben erwähnt, deiktische Determinative, mit deren Zeigefunktion sich der Hörer an dem Gezeigten orientieren kann. Sie unterscheiden sich hinsichtlich Ferne und Nähe des Objekts im Zusammenhang mit der Sprecherperspektive. Bu steht für etwas, das sich in unmittelbarer Nähe befindet: bu kitap – dieses Buch (hier); şu bezeigt etwas Entfernteres: şu kitap – das Buch da; und mit o kommt eine deiktische Ebene dazu, die es im Deutschen so nicht gibt, nämlich, dass sich das bezeigte Objekt außerhalb des Wahrnehmungsbereiches befindet, also momentan nicht präsent ist. Am Ehesten könnte man “jenes” als Äquivalent benutzen. O kitap – jenes Buch; das Buch dort.[8]

Die Verwendung von bir ist, ähnlich wie beim deutschen indefiniten Artikelgebrauch, historisch aus dem Zahlenadjektiv entstanden. Anders als im Deutschen wird aber hier nicht die Betonung als Unterscheidungsmerkmal herangezogen, sondern wieder die Stellung von bir in der Nominalgruppe. Steht es am Anfang, so handelt es sich um ein Zahlenadjektiv, sonst wird es als indefiniter Artikel behandelt.[9]

Die Pluralbildung erfolgt durch die Suffixe -ler oder -lar, die an die Grundform des Substantives angehängt werden. Die türkischen agglutinativen Elemente unterliegen einer strengen Konsonanten- und (hier) Vokalharmonie, das bedeutet, dass das Suffix -ler nur dann zum Einsatz kommt, wenn die letzte vorhergehende Silbe einen hellen Vokal (e, i, ö, ü) trägt. Und das Suffix -lar wird lautlich an dunkle Vokale angepasst (a, ı, o, u).[10]

Die flektierenden Sprachen haben in der Regel auch eine Pluralendung bei konkreten Zahlenangaben, z.B.: drei H ä us er. Im Türkischen dagegen wäre das ein Fehler, denn es gibt auch ein strenges Ökonomieprinzip (also warum etwas 2mal sagen, wenn es eh schon klar ist?). Ein Pluralsuffix kann also nur dort stehen, wo die Pluralität nicht erschlossen werden kann: * dört ev-ler → hier wäre die Menge schon durch dört festgelegt; es muss also heißen dört ev.

Weiters kann man – als kleinen Exkurs – im Türkischen auch Fragewörter in der Mehrzahl bilden: Kim (wer) geliyor (kommt)? Kimler geliyor (wer kommt; in Erwartung mehrerer Personen).

2.3. Vergleich

“Hey, Kenan Kedi” der bir gün Benekli. “Acaba musluk nedir?” Kenan Kedi yine tembel tembel pofuduk mavi minderin üzerinde, günesin altinda uzanmistir. Ve yerinden bir milim bile kimildamaya niyeti yok gibi görünmektedir.

“Du, Kater Karl”, sagt eines Tages der Punktehund. “Was ist eigentlich ein Wasserhahn?” Der Kater liegt mal wieder faul auf seinem dicken blauen Kissen in der Sonne. Und er sieht gar nicht so aus, als ob er Lust hätte, sich auch nur einen einzigen Zentimeter zu bewegen.[11]

Hier wird der Kater mit Eigennamen näher beschrieben und damit sein Geschlecht näher bestimmt. Auch der Punktehund ist als Eigenname determiniert. Der Wasserhahn – weil er ja neu in das Gespräch eingeführt wird, steht an zweiter Stelle und ist damit indefinit. Also wird er im Deutschen mit “ein” übersetzt. “Der Kater” ist hier aus dem Kontext schon bekannt und steht noch dazu satzinitial. Dass das blaue Kissen “seines” ist, geht in der türkischen Textvorlage nur aus dem Kontext hervor, wird aber grammatisch nicht wie für uns gewohnt realisiert. Wörtlich heißt es hier: *Kater mal wieder faul faul dicken blauen Kissen über, Sonne unter liegt.

Da es keine bestimmten Artikel gibt und kein grammatisches Geschlecht, fehlen auch Anaphern wie “er, sie es”, die ja genusdifferenziert sind und die Fortführung bereits bekannter Gegenstände initiieren. Diese Pronomen werden daher in der deutschen Übersetzung eingefügt. Im Türkischen braucht man sie nicht. “Sonne” ist durch unser Weltwissen determiniert und wird daher mit dem bestimmten Artikel geführt.

“Einen einzigen Zentimeter” wird hier mit dem Zahlwort bir dargestellt und in der Übersetzung, um dem “einen” noch mehr Nachdruck zu verleihen, wird “einzigen” dazugestellt.

[...]


[1] Hoffmann, Ludger [Hrsg.]: Sprachdidaktik in mehrsprachigen Lerngruppen: Vermittlungspraxis Deutsch als Fremdsprache, Baltmannsweiler: Schneider Verl. Hohengeren, 2011, S. 31.

[2] Hentschel, Elke/ Weydt, Harald: Handbuch der deutschen Grammatik, 3., völlig neu bearb. Aufl., Berlin – New York: Walter de Gruyter, 2003, S. 35 – 39.

[3] Hentschel, Elke/ Weydt, Harald: Handbuch der deutschen Grammatik, 3., völlig neu bearb. Aufl., Berlin – New York: Walter de Gruyter, 2003, S. 35 – 39.

[4] Hentschel, Elke/ Weydt, Harald: Handbuch der deutschen Grammatik, 3., völlig neu bearb. Aufl., Berlin – New York: Walter de Gruyter, 2003, S. 35 – 39.

[5] Hoffmann, Ludger [Hrsg.]: Sprachdidiaktik in mehrsprachigen Lerngruppen: Vermittlungspraxis Deutsch als Fremdsprache, Baltmannsweiler: Schneider Verl. Hohengeren, 2011, S. 44.

[6] Hoffmann, Ludger [Hrsg.]: Sprachdidiaktik in mehrsprachigen Lerngruppen: Vermittlungspraxis Deutsch als Fremdsprache, Baltmannsweiler: Schneider Verl. Hohengeren, 2011, S. 45.

[7] Moser-Weithmann, Brigitte: Türkische Grammatik, Hamburg: Buske, 2001.

[8] Hoffmann, Ludger [Hrsg.]: Sprachdidiaktik in mehrsprachigen Lerngruppen: Vermittlungspraxis Deutsch als Fremdsprache, Baltmannsweiler: Schneider Verl. Hohengeren, 2011, S. 46.

[9] Hoffmann, Ludger [Hrsg.]: Sprachdidiaktik in mehrsprachigen Lerngruppen: Vermittlungspraxis Deutsch als Fremdsprache, Baltmannsweiler: Schneider Verl. Hohengeren, 2011, S. 47.

[10] http://www.lehrer-info.net/kompetenz-portal.php/cat/13/aid/110/title/Agglutination, 07.01.2011

[11] Bangert, Dagmar/ Hammer, Sibylle: Der Kater Karl und der Punktehund/ Kenan Kedi ile Benekli. Ein deutsch-türkisches Kinderbuch. Übersetzung: Gül Dilek Schlieker, Schlieker&Koth Verlag für mehrsprachige Kinderbücher GbR.

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656178156
ISBN (Buch)
9783656178828
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192590
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
2
Schlagworte
sprachvergleich türkisch deutsch beispielen artikelgebrauchs satzstellung

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