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Identitätsbildung von der Vormoderne bis zur Postmoderne

Fülle und Komplexität der neuzeitlichen Identität

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Menschliche Wesen bei Taylor
2.1 Menschen als stark wertende Subjekte
2.2 Das Moment der Selbstinterpretation

3. Identitätsbildung im Wandel der Zeit
3.1 Die Identitätsentwicklung in der Vormoderne
3.2 Besonderheiten neuzeitlicher Identität
3.3 Der Übergang zur Postmoderne

4. Konsequenzen des neuzeitlichen Individualismus für die Gesellschaft

5. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Kanadier Charles Taylor setzt sich in seinen sozialphilosophischen Betrachtungen vor allem mit Fragen der Moralphilosophie, dem Leben in einer multikulturellen Gesellschaft und der westlichen Identität auseinander. In der vorliegenden Arbeit soll es im Kern um die Besonderheiten der neuzeitlichen Identität und den daraus resultierenden Konsequenzen für die Gesellschaft gehen. Dies wird allerdings vor dem Hintergrund des Modernisierungsprozesses und somit des Übergangs von der vormodernen bis zur postmodernen Gesellschaft geschehen. Dabei soll deutlich werden, was die Besonderheiten der jeweiligen Gesellschaftsformen sind und wie dadurch die Identitätsbildung der Individuen geprägt wird. Der Verlust von Traditionen und Konventionen, der deshalb zunehmende Zwang, das eigene Leben zu planen und zu gestalten, sowie die daraus resultierende Verantwortung für das eigene Leben sollen hierbei thematisiert werden. Aufgrund dieser Überlegung soll schließlich deutlich werden, was die Komplexität der neuzeitlichen Identität ausmacht und welche Konsequenzen daraus für die Gesellschaft resultieren.

Dazu soll im ersten Gliederungspunkt zunächst geklärt werden, wodurch menschliche Wesen in Taylors Augen geprägt sind und was diese ausmacht. Dies stellt allerdings nur eine neuzeitliche Betrachtung dar, denn Taylor ist kein klassischer Modernisierungstheoretiker. Der Fokus seiner Betrachtungen liegt nicht bei der Frage, was die Modernisierung antreibt und welche Folgen dieser Prozess mit sich bringt, sondern Taylor widmet sich ausschließlich der Betrachtung der Moderne. Dabei bezieht er sich vor allem auf das moralische Gefüge und arbeitet auf einer normativen Ebene. Durch die Betrachtung des Menschen bei Taylor soll deutlich werden, was Individuen bei Taylor ausmacht, wie die Identitätsbildungsprozesse ablaufen und aus welchen Gründen das so ist. Im Folgenden geht es um die Frage, wodurch die vormoderne Gesellschaft gekennzeichnet ist. Die Betrachtung der frühen Grundformen menschlichen Zusammenlebens soll in diesem Zusammenhang deutlich machen, welche Kriterien die vormoderne Identität beeinflussen. Der nächste Punkt beschäftigt sich nun intensiv mit den Phänomenen der modernen Gesellschaft. Anhand dessen soll ersichtlich werden, was die Besonderheiten der neuzeitlichen Identität sind. Dabei soll auch geklärt werden, was hierbei unter „Fülle und Komplexität“ zu verstehen ist. Schließlich will ich auch kurz auf den Übergang von der Moderne zur Postmoderne eingehen, um einen aktuellen Bezug auf unsere heutige Gesellschaft herzustellen und darauf hinzuweisen, wie sich die Identität im Zeitalter der Globalisierung in anderer Art und Weise entwickeln muss.

Abschließend soll erläutert werden, was der Wandel zur neuzeitlichen Identität für Auswirkungen auf die Individuen und somit auch auf die Gesellschaft hat.

Ich möchte nun damit beginnen, mich mit der Frage auseinanderzusetzen, was menschliche Wesen nach Taylor ausmacht und welche Eigenschaften er ihnen zuschreibt.

2. Menschliche Wesen bei Taylor

2.1 Menschen als stark wertende Subjekte

Um deutlich zu machen, was Personen bei Taylor ausmacht, will ich zunächst darauf eingehen, dass er sich bei seinen Überlegungen auf Gedanken des Philosophen Harry Frankfurt bezieht. „Frankfurt sieht als die für den Menschen konstitutive Eigenschaft die Fähigkeit an, zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen selbst noch einmal wertend Stellung nehmen zu können“ (Taylor 1988:301). Dabei unterscheidet Frankfurt Wünsche erster und zweiter Ordnung. Obwohl auch Tiere in der Lage sind, zwischen verschiedenen Wüschen zu unterscheiden, haben nur Menschen die Möglichkeit, diese auch zu bewerten. Damit repräsentieren die Wünsche zweiter Ordnung die Selbstinterpretation des Menschen, da sie zur Bewertung der eigenen Wünsche und Handlungsabsichten dienen.

Dies führt nun dazu, dass Taylor zwischen starken und schwachen Wertungen unterscheidet. Dabei stellen die schwachen Wertungen die bloße Anziehungskraft dar, die ein Wunsch auf eine Person ausüben kann, wohingegen die starken Wertungen die interne Beziehung eines Wunsches auf einen bestimmten Wert deutlich machen. Diese starken Wertungen sind eine Besonderheit für menschliche Wesen und deshalb also von zentraler Bedeutung, denn nur sie ermöglichen die Bewertung der eigenen Wünsche. Allerdings ist es dem stark wertenden Subjekt nur möglich, anhand von Sprache zu reflektieren, „[d]enn starke Wertungen entfalten eine Sprache wertender Unterscheidungen, in der Wünsche als edel oder gemein, als integriert oder fragmentiert, als mutig oder feige, als umsichtig oder blind usw. beschrieben werden“ (Taylor 1988:15). Die Wünsche werden also durch kontrastiv charakterisierte Begriffspaare qualifiziert und Präferenzen können somit besser zum Ausdruck gebracht werden. Ein Begriffsverständnis ist folglich nur bei Kenntnis des Gegenbegriffs gewährleistet und die Sprache dient somit als Mittel wertender Unterscheidungen. Da sich die Subjekte zur Formulierung ihrer Wünsche und Handlungsabsichten auf die sprachlichen Traditionen der speziellen Gemeinschaft beziehen, in der sie leben, fungiert die Sprache dementsprechend als Ausdrucksform einer kollektiven Identität. Daran wird deutlich, dass Wertungen immer auf eine kollektiv geteilte Lebensform angewiesen sind. Daraus resultiert also, dass die Subjekte selbst neue Wertungen kreativ hervorbringen müssen, wenn der evaluative Wortschatz ihrer sozialen Gemeinschaft zur Beschreibung der Wertempfindungen nicht mehr genügend Ausdrucksmöglichkeiten bietet (vgl. Honneth 1988:309). Dennoch ist es dabei nicht möglich, sich komplett aus dem vorhandenen sprachlichen Horizont der Gemeinschaft herauszulösen.

2.2 Das Moment der Selbstinterpretation

Aufgrund dieser Art der Artikulation anhand von Sprache kann die Beschreibung der Motivation für eine bestimmte Handlung auf viel tieferer Ebene stattfinden, als das ohne sprachliche Formulierungen möglich wäre. Daran wird deutlich, dass menschliche Wesen, die stark wertend sind, zwangsläufig innere Tiefe besitzen. Subjekten, die zwischen verschiedenen Wünschen lediglich abwägen, diese aber nicht bewerten, fehlt es an dieser Tiefe. Sie macht jedoch die Reflexionsfähigkeit der Subjekte aus und ist laut Taylor entscheidend für das Menschsein. Mithilfe starker Wertungen setzen sich menschliche Wesen außerdem mit Fragen zur eigenen Lebensqualität auseinander. „[E]in Subjekt, das seine Handlungsabsichten in Form einer starken Wertung prüft, [fragt also] stets auch danach, welche Art von Leben es führen möchte“ (Taylor 1988:303). Anhand dieses Moments der Selbstinterpretation menschlicher Wesen wird erneut das Vorhandensein ihrer inneren Tiefe zum Ausdruck gebracht.

Ein Selbst zu sein bedeutet des Weiteren aber auch, sich in einem moralischen Bedeutungsraum zu befinden, in dem man sich anhand einer „moralischen Landkarte“, welche die Horizonte des Guten und Schlechten verzeichnet, orientieren muss (vgl. Rosa 1998:215). Deshalb werden Subjekte also von starken Wertungen dazu motiviert, sich in einer bestimmten Weise zu verhalten und zu handeln. Die Traditionen und Normen, auf welche sich die Individuen dabei beziehen, sind im gemeinsamen Wertehorizont der sozialen Gemeinschaft, in der die Individuen leben, verankert. So entsteht im Laufe der Sozialisationsprozesse ein Bild davon, was in einer bestimmten Gemeinschaft als intersubjektiv gute Lebensweise betrachtet wird. Dies bildet die Grundlage für ein kollektives Verständnis des Guten und der Moral, was deutlich macht, dass die Gemeinschaft, in die ein Individuum eingebettet ist, zwangsläufig die individuelle Identität prägt.

Daraus ergibt sich die Frage, wie die gesellschaftlichen Veränderungen im Zuge der Modernisierungsprozesse die individuellen Entwicklungen von Personen beeinflussen. Da die Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens die Identitätsbildung eines Individuums bestimmt, soll im Folgenden nun deutlich gemacht werden, wie die unterschiedlichen Stufen gesellschaftlicher Entwicklung die Identität jeweils prägen und wodurch diese im Einzelnen charakterisiert sind.

3. Identitätsbildung im Wandel der Zeit

3.1 Die Identitätsentwicklung in der Vormoderne

Die vormodernen Formen des menschlichen Zusammenlebens sind dadurch geprägt, dass die Gesellschaft einen Bestandteil einer kosmischen Ordnung darstellt. Die vorherrschenden Strukturen innerhalb der Feudalgesellschaft bildeten den äußeren Horizont für die Entwicklung der Identität. Dabei wurde die ständische Ordnung, in deren Rahmen die Subjekte lebten, von ihnen nicht infrage gestellt, sondern „[d]er Einzelne lebt[e] ‚naiv‘ in der Gemeinschaft“ (Luckmann 1972:169). Sich aus dieser Gesamtgesellschaft herauszulösen, war den Subjekten aufgrund der gefestigten Strukturen nicht möglich. Ein erfülltes Leben zu führen, hieß deshalb, seine Position innerhalb der strukturierten Ordnung so gut wie möglich zu verwirklichen. Daran wird deutlich, dass die Ziele und Handlungsabsichten der Individuen allein durch das Bestreben motiviert wurden, dieser Position in der gemeinsamen Ordnung gerecht zu werden.

Die Lebensmuster und Ziele von Personen wurden also durch die Familienzugehörigkeit vorherbestimmt und nicht aufgrund von Interessen oder Wünschen selbst gewählt. Es ging einem Familienvater beispielsweise deshalb darum, die Existenz der eigenen Familie zu sichern, weil es seine Aufgabe war, die anhand seiner Position innerhalb der gemeinschaftlichen Ordnung bestimmt wurde, unabhängig davon, ob es seinem Wunsch entsprach oder nicht. Dabei fehlte es den Individuen an jeglicher Privatheit. Sich der sozialen Gemeinschaft zu entziehen, war ihnen nicht möglich, denn die Alltagsbeziehungen, beispielsweise zwischen Hausherr und Bediensteten oder auch die ausgeprägten Verwandtschaftsbeziehungen, ließen die Isolierung des Einzelnen von der sozialen Lebenswelt nicht zu. Selbst Entscheidungen wie die Wahl eines Ehepartners wurden nicht aufgrund persönlicher Neigungen und Gefühle getroffen, sondern die jeweiligen Verwandtschaftsordnungen waren ausschlaggebend dafür.

Um die gegebene Ordnung zu sichern, wurde das Befolgen der festgelegten Rituale und Sitten der dörflichen Gemeinschaft streng durch die Gemeinschaft selbst kontrolliert. Diese Konventionen konnten dadurch aufrechterhalten werden, dass demjenigen, der sich entgegen des öffentlichen Musters verhielt, Sanktionen und öffentlicher Spott der sozialen Gemeinschaft drohten (vgl. Taylor 1988:253). Aufgrund der Sozialisation in diese zusammenhängende gesellschaftliche Wirklichkeit, wurde diese Lebensweise, die eine kollektive Identität hervorgebracht hat, von den Einzelnen nicht hinterfragt. Erst die einsetzende Modernisierung führte dazu, dass sich der Einzelne nicht mehr wie von selbst in die Sozialwelt fügte. Denn dadurch kam es schließlich zur „Ausbildung zentralisierter politischer Institutionen, zur Bürokratisierung wesentlicher gesellschaftlicher Funktionen und zur Abgrenzung gesellschaftlicher Schichten“ (Luckmann 1972:169). Die traditionale Gemeinschaft wurde nun zunehmend als Last empfunden und verlor ihren Status, was zur Folge hatte, dass die Individuen sich von ihr lossagten. Dieser Prozess führte letztendlich zur Veränderung der Lebensweise und des Bewusstseins der Subjekte. Durch die sich folglich wandelnde soziale Gemeinschaft, begann sich deshalb auch die personale Identität auf eine andere Art und Weise zu entwickeln.

3.2 Besonderheiten neuzeitlicher Identität

Um die besonderen Eigenschaften der modernen Individuen deutlich zu machen, muss zunächst gezeigt werden, inwiefern sich die gesellschaftliche Ordnung im Zuge der Modernisierungsprozesse gewandelt hat. Denn nur anhand dessen kann ersichtlich werden, auf welche Art und Weise sich die Identität verändert hat und warum das der Fall ist. Es wurde bereits deutlich, dass sich die Individuen zunehmend der Kontrolle und Überwachung durch die eigene Verwandtschaftsordnung entzogen, zugunsten einer steigenden Privatsphäre in der Kernfamilie. Auch der Einfluss der Verwandtschaftsgruppen oder sogar der dörflichen Gemeinschaft auf die Partnerwahl wurde geringer. Stattdessen nahm die Eheschließung aufgrund von Zuneigung und Gefühlen einen hohen Stellenwert ein. Von den modernen Subjekten sind nun ein hoher Grad an emotionaler Bindung zum Ehepartner und folglich auch die Freiwilligkeit zur Eheschließung gefordert. Gefühle wie Liebe und Zuneigung sind somit in der modernen Gesellschaft zu einem wichtigen Bestandteil eines

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Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656175452
ISBN (Buch)
9783656175957
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192562
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,7
Schlagworte
Identität Identitätsbildung Charles Taylor Modernisierung

Autor

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