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„Ludwig muss sterben, weil das Vaterland leben soll…“

Der Ursprung, die Grundlagen und die Folgen des Prozesses gegen Ludwig XVI. in seiner Bedeutung für Frankreich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 26 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Ein unausweichlicher Prozess? Der Weg zum Prozess gegen Ludwig XVI

2. Die Grundlagen des Prozesses gegen Ludwig XVI. und seine historische Perspektive
2.1. Kann der König verurteilt werden? Die Debatte über den juristischen Rahmen
2.2. Ist der König schuldig? Die Beweislast gegen Ludwig XVI. und seine Verteidigung
2.3. Welche Strafe soll Ludwig XVI. widerfahren? Gründe für die Todesstrafe

3. Der König ist tot, es lebe die Republik? Folgen und Wirkungen des Prozesses

Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

Es ist erstaunlich, wie wenig sich die ältere französische Revolutionsforschung mit dem Thema des Prozesses gegen Ludwig XVI. auseinandergesetzt hat. Denn hier gipfelten alle Ereignisse, die seit der Einberufung der Generalstände im Mai 1789 stattgefunden hatten. Vielleicht liegt der Grund für die anscheinend geringe Anziehungskraft des Prozesses auf Historiker an seinem angeblich vorherbestimmten Ausgang (Sturm auf die Tuilerien, Absetzung des Königs, Proklamation der Republik, Internierung des Königs im Temple).1 Die Entscheidung über das weitere Schicksal des Königs erscheint in diesem Blickwinkel als schlichte Formalität, als vorherbestimmt und offensichtlich. Selbst die gegenrevolutionären und royalistischen Historiker wie Maistre und Bonald haben der Person des Königs nur noch wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Andere Historiker wie Aulard behandelten den Prozess nur aus der Perspektive des Parteikampfes von Girondisten und Montagnards. In keinem Fall werden die Schriften über den Prozess dem enormen symbolischen Wert, des Aufeinandertreffens von Revolution und König, gerecht. Unter den älteren französischen Historikern scheint allein Michelet dem Prozess eine derartige Wirkkraft zukommen zu lassen und widmet ihm ganze 100 Seiten in seiner Geschichte der Französischen Revolution.2 Erst im Zuge des 200jährigen Jubiläums des Prozesses 1993 schien er mit den grandiosen Werken Walzers, Lombards und Jordans wieder ins Licht der Forschung gerückt zu sein.3 Doch selbst in den aktuellen Biographien Ludwigs XVI., bleibt der Prozess eine Randerscheinung und auf wenige Seiten begrenzt.4 Die vorliegende Arbeit möchte dieser Relativierung des Prozesses entgegenwirken und zeigen, was für eine Bedeutung ihm eigentlich beizumessen ist. Dabei sollen vor allem die folgenden Fragenkomplexe gelöst werden: Erstens: War der Prozess tatsächlich vorherbestimmt und historisch unausweichlich? Warum fand er überhaupt statt, bzw. was war der historische Kontext seines Zustandekommens? Zweitens: Was waren die Grundlagen des Prozesses? Wie wurden die drei entscheidenden Fragen des Verfahrens geklärt: Warum konnte ein Prozess stattfinden? War Louis schuldig, welche Beweise gab es und wie verteidigte er sich? Warum stimmten die Abgeordneten für den Tod? Diese Punkte sollen an den entsprechenden Stellen mit dem Prozess Karl I. verglichen werden. Und schließlich drittens: Welche Folgen hatte der Prozess auf die weitere Geschichte der Revolution und Frankreichs. Welchen Einfluss und welche Wirkung besaß der Prozess noch auf die Geschehnisse der Revolution, des Empire, der Restauration, der Juli-Monarchie und des weiteren 19. Jahrhunderts?

Durch diese Fragenkomplexe soll deutlich gemacht werden, welche Bedeutung dem Prozess gegen Ludwig XVI. für die Konstituierung der französischen Nation tatsächlich zugemessen werden muss. Dadurch soll mit einigen überholten und sogar eindimensionalen Ansichten nach einem vorhersehbaren Ende der Monarchie nach Varennes und dem 10. August gebrochen werden. Nicht zuletzt soll damit auch die Frage nach dem Sinn des Todes Ludwigs XVI. geklärt und die innerparlamentarischen Streitigkeiten und Uneinigkeiten des Konvents offenbart werden. Was hier nicht hinterfragt werden soll, ist, ob der Prozess an sich gerecht, legitim oder illegal war. Diese Frage aufzuwerfen würde bedeuten, dass man versuchen würde, die damalige Rechtslage gegen den Gang der Geschichte abzuwägen. Dargestellt werden sollen hier lediglich die unterschiedlichen Meinungen zur Rechtslage des Prozesses ohne dabei eine größere Wertung abzugeben. Eine Untersuchung, wie sie hier vorgenommen wird, kommt natürlich nicht ohne Zuhilfenahme der wesentlichen Prozessdebatten aus. Dementsprechend soll im Laufe der Untersuchung neben der aktuellen Literatur, auch die einschlägigsten Reden im Konvent eingebracht und auf ihre Bedeutung hin untersucht werden.

1. Ein unausweichlicher Prozess? Der Weg zum Prozess gegen Louis XVI.

Ab wann genau sich Frankreich auf dem Weg in Richtung des Prozesses gegen Ludwig XVI. bewegte ist schwer zu bestimmen. Viele Ereignisse zwischen 1789 und 1792 führten zu einer zunehmenden Verschlechterung der Beziehungen zwischen Ludwig XVI. und seinem Volk. Die gescheiterte Flucht nach Varennes zwischen dem 20. und 25. Juni 1791 gilt zwar, als Anfang vom Ende der Monarchie, aber die Flucht führte nicht deterministisch zum Prozess gegen Ludwig. Sie führte weniger zur Schwächung der Monarchie, sondern vielmehr zu einer Polarisierung Frankreichs ihr gegenüber. Einerseits führte die Flucht zu einem ersten umstrittenen öffentlichen Auftreten republikfreundlicher Minderheiten wie dem Cordelier Klub und der Jakobiner. Auf der anderen Seite führte Varennes zu einer zunehmenden Konzentration der verbliebenen royalistischen und konservativen Kräfte, um Männer wie Barnave, Bailly und La Fayette, sowie dem Großteil der Nationalversammlung um den Thron. Frankreich war noch nicht bereit für die Gründung der Republik und einem offenen Bruch mit dem König.5 Das Ergebnis von Varennes war also vielmehr ein „Rechtsruck“ der politischen Führung Frankreichs, als ein einheitlicher Ruf nach Absetzung des Königs. Frankreich blieb eine Monarchie, die mit aller Härte verteidigt wurde und ein Prozess gegen den König undenkbar. Das treffendste Bild über diesen Gemütszustand Frankreichs nach Varennes schildert sicherlich, die in Paris veröffentlichte Anordnung kurz vor der Rückführung des Königs: „Hochrufe werden mit Stockschlägen bestraft. Wer den König beleidigt, wird gehängt.“6

Den ausländischen Mächten und den Agitationen der Emigranten kam hingegen auf dem Weg zum Prozess die entscheidende Rolle zu. Besonders die Herzöge von Artois und der Provence warben im Ausland (mit zunächst wenig Erfolg) für die Entsendung von Truppen gegen das aufständische Frankreich, das sich zunehmend um einen Krieg sorgte.7 Erst die Pillnitzer Deklaration vom 27. August 1791 wurde, begleitet von einem offenen Brief der Herzöge von Artois und Provence, zu einem ersten - aber schwachen - gegenrevolutionären Manifest Österreichs und Preußens.8 Umgekehrt gewann langsam auch in der Nationalversammlung, die Idee eines universellen Krieges, eines „revolutionären Kreuzzugs“, an Boden.9 In der Nationalversammlung hoffte man auch darauf, dass Ludwig durch den Krieg gezwungen sein würde, Stellung zur Revolution zu beziehen und sich entweder zu kompromittieren oder offen gegen die Monarchien Europas zu stellen.10 Ludwig XVI. war nach Bekanntgabe der Pillnitzer Erklärung in der Tat schockiert über die Handlungen seiner Brüder und beschwor ihnen gegenüber die prekäre Situation, in die sie ihn durch derartige Unternehmungen versetzten: „Durch Euer Vorgehen bringt Ihr mich in eine Lage, in der ich gegenüber der Nation scheinbar mit der einen Hand [die neue Ordnung] akzeptierte und mit der anderen Hand die auswärtigen Mächte um Hilfe rufe. Welcher aufrichtige Mann kann Verständnis für ein derartiges Verhalten aufbringen?“11 Angesichts der immer kriegswilligeren Öffentlichkeit und Nationalversammlung (und dem kontinuierlichen Drängen Marie-Antoinettes)12 befürwortete Ludwig aber seit April 1792 ebenfalls den Krieg; einerseits um nach außen hin konform mit der Revolution zu gehen, aber vor allem, weil er eine Niederlage der Revolution und die damit verbundene Rückkehr zum Ancien R é gime vorauszusehen glaubte. Der sich abzeichnende Krieg gegen Europa sollte Frankreich geradewegs in den Prozess gegen Ludwig XVI. führen.13 Innerhalb weniger Monate geriet Frankreich durch den Krieg in eine bedrohliche Situation. Bis August/September 1792 waren die meisten größeren Grenzfestungen im Osten überrannt und Paris unmittelbar bedroht. In diesem Klima suchte die revolutionäre Presse und die Nationalversammlung fast panisch nach Sündenböcken und wurde schnell fündig.14 Wie konnte im Namen eines Königs ein Krieg gegen alle gekrönten Häupter Europas geführt werden konnte? Wie konnte der König, der Oberbefehlshaber, so mangelhafte Vorbereitungen für einen Krieg treffen? Warum lähmte er durch zahlreiche Vetos die Regierungsgeschäfte Frankreichs in Zeiten, in denen das „Vaterland in Gefahr“ schwebte?15 War seine Frau nicht eine österreichische Spionin und der ganze Hof zu einem österreichischen Komitee (Comit é autrichien) geworden?16 War also seine ganze Passivität nicht ein Beweis für seine Kollaboration mit dem Feind, von dessen Sieg er zweifellos profitieren würde? Die sich verschlimmernde Kriegssituation kann im Kontext des Prozesses kaum bedeutend genug bewertet werden, denn gerade sie legitimierte für die Cordeliers und Jakobiner ein schnelleres und brutaleres Vorgehen gegen den König, bevor alles zu spät sei. In dieser elektrisierten und angespannten Atmosphäre des Hochsommers 1792 geschah dann von Seiten der Preußen etwas, was entscheidend zum Untergang der französischen Monarchie beitrug. Das Manifest des preußischen Oberbefehlshabers, dem Herzog von Braunschweig, wurde Anfang August 1792 in Paris bekannt. Es drohte den Parisern mit blutiger Vergeltung sollte dem königlichen Paar in den Tuilerien etwas angetan werden.17 War das nicht der offene Beweis, dass Ludwig XVI. und Marie-Antoinette mit dem Ausland gemeinsame Sache machten?18 Die aufgebrachten Pariser und Teile der Revolutionstruppen, organisiert, bewaffnet und aufgewiegelt durch die Commune und die Pariser Klubs, stürmten am 10. August 1792 in einem blutigen Gemetzel die Tuilerien und verjagten die königliche Familie, die in der Nationalversammlung Schutz suchte.19 Diese neuerliche Flucht des Königs und die Einnahme seines Stadtschlosses symbolisierten den faktischen, aber rechtswidrigen Zusammenbruch der Monarchie.20 In der Folge wurde der König suspendiert und mit seiner Familie als Gefangene der Commune in den Temple verlegt. Die Bedrohung durch die ausländischen Truppen konnte dadurch aber nicht beseitigt werden. Am 20. September 1792 standen schließlich die preußischen Truppen, den Truppen der französischen Generäle Dumouriez und Kellermann bei Valmy gegenüber. Völlig unerwartet wurde Valmy der erste Triumph der revolutionären Armeen und bestätigte die Ereignisse, die in Paris stattfanden und noch stattfinden sollten. Erst „die Kanonade von Valmy“ ermöglichte also den Prozess gegen den König und verdammte die Monarchie endgültig.21 Schon am 21. und 22. September trat der neue links geprägte Konvent zusammen, schuf die Monarchie ab und rief die Republik aus.22 Ludwig XVI. wurde zu einem Monarchen ohne Land und zum Gefangenen der Republik. Im Pariser Temple interniert, haderte Ludwig seinem Schicksal. Die Initiative lag nun beim neu zusammengetretenen Nationalkonvent bestehend aus einer Minderheit der radikalen Linken, den Montagnards, einer republikfreundlichen aber dem König eher wohlgesonnenen Rechten, den Girondisten und einer moderaten aber neutralen Mehrheit, der Marais.23

2. Die Grundlagen des Prozesses gegen Ludwig XVI. und seine historische Perspektive

2.1. Kann der König verurteilt werden? Die Debatte über den juristischen Rahmen

Spätestens die Ereignisse zwischen dem 10. August und dem 22. September 1792 haben die Monarchie in Frankreich faktisch verurteilt. Frankreich war eine Republik geworden und die militärische Wende bekräftigte diese Entscheidung. Doch selbst nach Gründung der Republik blieben viele Franzosen der Monarchie treu ergeben und in den ländlichen Regionen West- und Nordfrankreichs war die Bevölkerung Ludwig XVI. wohlgesonnen.24 Paris war allerdings das Zentrum der revolutionären Veränderungen und die Commune war Ludwig gegenüber feindlich eingestellt. Was sollte also mit der Person des ehemaligen Ludwigs XVI. geschehen? Was für eine Rolle konnte ein Prozess gegenüber Ludwig und der Monarchie überhaupt noch spielen? War er notwendig oder überflüssig? Und konnte einem ehemaligen König überhaupt der Prozess gemacht werden? War ein öffentlicher Prozess nicht ein Risiko, weil man Ludwig nochmal ins Rampenlicht stellte, der für viele, politisch bereits tot war?25

Zweifellos brachte das weitere Schicksal des Königs, den Konvent in eine unangenehme Position. Den meisten Abgeordneten wäre es wohl am liebsten gewesen, wenn der König und seine Familie am 10. August gestorben wären. Damit wäre „Ludwig der Letzte“ zusammen mit der Monarchie untergangen.26 Und doch war das Problem vorhanden und musste ab Ende September 1792 im Konvent diskutiert werden.

[...]


1 Ozouf, Mona, Art. „Der Prozess gegen den König“, in: Furet, François/Ozouf, Mona (Hg.), Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution, Band 1, Frankfurt am Main 1996, S. 160.

2 Ebd., S. 160.

3 Dazu sei auf die zahlreichen Ersterscheinungen zu diesem Thema im Jahr 1993 hingewiesen, vgl. Literaturund Quellenverzeichnis.

4 Vgl. dazu z.B.: Taeger, Angela, Ludwig XVI. 1754-1793. König von Frankreich, Stuttgart 2006. 3

5 Jordan, S. 26f.

6 Malettke, S. 248.

7 Chaussinand-Nogaret, Guy, Louis XVI. Le règne interrompu, Paris 2006, S. 102; Price, Munro, The Road from Versailles. Louis XVI., Marie Antoinette and the Fall of the French Monarchy, New York 2003, S. 263; Vovelle, Michel, Nouvelle histoire de la France contemporaine. La chute de la monarchie. 1787-1792, Band 1, Paris 1999, S. 278-282.

8 Für den genauen Wortlaut der Pillnitzer Deklaration vgl.: Malettke, S. 253.

9 Fischer, S. 145-157; Schulin, Ernst, Die Französische Revolution, München 2004, S. 125f.

10 Price, S. 266, 285f.; Schulin, S. 124.

11 Malettke, S. 254.

12 Jordan, S. 31.

13 Schulin, S. 126.

14 Hardman, 1993, S. 208-223; Price, S. 285; Taeger, S. 147.

15 Ludwig machte im Laufe des Sommers 1792 mehrmals von seinen Rechten als Chef der Exekutive Gebrauch, was beim Volk nicht gut ankam. So setzte er im Juni sein girondistisches-brissotistisches Kabinett ab und blockierte wesentliche Kriegsentscheidungen in der Nationalversammlung mit seinem suspensiven Veto. In der Folge verspottete das Volk ihn mit dem Namen Monsieur V é to. Vgl., Cottret, Monique, Tuer le tyran? Le tyrannicide dans l’Europe moderne, Paris 2009, S. 340 ; Price, S. 286; Schulin S. 127.

16 Marie-Antoinette hatte vor Beginn der französischen Operationen über Graf von Fersen, den französischen Feldzugsplan an die Österreicher ausgeliefert. vgl. Cottret, S. 340 ; Schulin, S. 124 ; Price, S. 285.

17 Cottret, S. 340 ; Jordan, S. 41.

18 Malettke, S. 259, Jordan, S. 41; Schulin, S. 129.

19 Goyard, S. 22 ; Jordan, S. 34-40; Lombard, Paul, Le Procès du Roi, Paris 1993, S. 10 ; Price, S. 298-302. 6

20 Cottret, S. 341.

21 Jordan, S. 43f.; Price, S. 314.

22 Goyard, S. 22.

23 Jordan, S. 48-50.

24 Goyard, S. 25.

25 Ozouf, S. 162f.

Details

Seiten
26
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656173915
ISBN (Buch)
9783656174264
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192449
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
Schlagworte
Französische Revolution Ludwig XVI. Louis XVI. Prozess Prozess gegen Ludwig XVI. Prozess gegen Louis XVI Robespierre Saint-Just Danton Vaterland ist in Gefahr Varennes Flucht nach Varennes Guillotine französische Republik Valmy Schlacht von Valmy Girondisten Montagnards Bergpartei Jakobiner
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Titel: „Ludwig muss sterben, weil das Vaterland leben soll…“