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Übergang zwischen Heim und Selbständigkeit

Nachbetreuung von Jugendlichen

Bachelorarbeit 2010 50 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Hypothese
1.3 Ziel der Arbeit
1.4 Gliederung der Arbeit
1.5 Motivation

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Definition von Nachbetreuung
2.2 Theoretischer Ansatz: Lebensweltorientierung
2.2.1 Prävention
2.2.2 Dezentralisierung/Regionalisierung
2.2.3 Alltagsnähe
2.2.4 Integration
2.2.5 Partizipation
2.2.6 Weitere Aspekte der Lebensweltorientierung
2.3 Verschiedene Wohnformen
2.3.1 Aussenwohngruppe
2.3.2 Betreutes Wohnen
2.3.3 Milieunahe Heimerziehung
2.4 Sozialpädagogische Familienbegleitung
2.5 Heimaustritt als kritisches Lebensereignis
2.6 Grenzen der Nachbetreuung

3. Angewandte Methode
3.1 Qualitative Forschungsmethode
3.2 Art der Interviews
3.3 Setting
3.4 Auswahl der zu befragenden Personen
3.5 Vorbereitung
3.5.1 Vorbereitungen im Vorfeld
3.5.2 Vorbereitungen unmittelbar vor dem Interview
3.6 Auswertungsmethode
3.6.1 Kodierung
3.6.2 Zusammenfassende Inhaltsanalyse

4. Ergebnisse der Interviews
4.1 Interviews mit ehemaligen Klientinnen/Klienten eines Schulheimes
4.1.1 Interview mit Christoph
4.1.2 Interview mit Anna
4.1.3 Interview mit Jonas
4.1.4 Interview mit Daniel
4.2 Experteninterviews
4.2.1 Interview mit Andres Frosch
4.2.2 Interview mit Urs Dürr
4.2.3 Interview mit Ralf Messmer

5. Fazit
5.1 Hypothese
5.2 Nachbetreuung im Bezug zum Lebensweltorientieren Ansatz
5.2.1 Prävention
5.2.2 Dezentralisierung/Regionalisierung
5.2.3 Alltagsnähe
5.2.4 Integration
5.2.5 Partizipation
5.3 Aufgaben der Nachbetreuung
5.4 Persönliches Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Quellenverzeichnis

8. Anhang
8.1 Vorlage Leitfadeninterview ehemalige Jugendliche
8.2 Vorlage Leitfadeninterview Expertin/Experte

1. Einleitung

1.1 Fragestellung

Im Rahmen meiner berufsbegleitenden Ausbildung zum Sozialpädagogen bin ich immer wieder mit dem Thema Heimaustritt in Berührung gekommen. Zum Teil direkt, wenn ein Bezugskind von mir einen Übertritt oder Austritt aus der Institution hatte, oder indirekt, wenn aus anderen Wohngruppen Kinder/Jugendliche ausgetreten sind.

Oft habe ich mir die Frage gestellt wie es den Kindern, meist Jugendlichen, nach ihrem Heim- aufenthalt geht, wo sie in fünf oder zehn Jahren sein werden und wie sie dann ihr Leben meis- tern.

In unserer Institution ist die Nachbetreuung, Definition siehe Kapitel 2.1, beschränkt auf den Teil vor dem Austritt, verläuft nicht stufenweise und bezieht sicht meist auf den Lebensbereich der Ausbildung. Es werden Anschlusslösungen gesucht und in den allermeisten Fällen auch gefunden, aber eine Begleitung nach dem Heimaufenthalt existiert nicht. Das Suchen einer Anschlusslösung erfolgt durch die Lehrperson und wird nicht durch eine Person ausgeführt, die für die Nachbetreuung zuständig ist.

Aus diesem Grund habe ich entschieden, mich vertieft mit dem Thema der Nachbetreuung von Jugendlichen aus Schulheimen auseinander zu setzten.

Auf diesem Hintergrund habe ich für meine Bachelor Thesis folgende Fragestellungen formu- liert:

1. Wie wird Nachbetreuung definiert und welche Betreuungsformen existieren?
2. Wie beurteilen ehemalige Jugendliche und Expertinnen/Experten das Bedürfnis nach Nachbetreuung?
3. Welchen minimalen und maximalen Standards sollte ein Nachbetreuungskonzept entspre- chen?

1.2 Hypothese

Durch meine persönlichen Erfahrungen und aus Untersuchungen habe ich festgestellt, dass die Zeit nach einem Heimaufenthalt eine grosse Herausforderung für die betroffene Person darstellt. Daraus habe ich folgende Hypothese abgeleitet:

Nachbetreuung stellt eine wichtige Unterstützung für ein selbständiges Leben nach einem Schulheimaufenthalt dar.

1.3 Ziel der Arbeit

Mit dieser Arbeit werde ich mich mit dem Thema der Nachbetreuung genauer auseinandersetzen. Ich möchte herausfinden wie junge Erwachsene den Übergang zwischen Schulheim und Selbständigkeit erlebt haben. Den Fokus richte ich dabei auf die Nachbetreuung, beziehungsweise wie es ohne Nachbetreuung war.

Bei der Nachbetreuung gehe ich davon aus, dass die Ablösung aus dem Schulheim auf gegen- seitigen Wunsch erfolgt und nicht einen „Rauswurf“ der Klientin, des Klienten aus der Insti- tution darstellt.

Aus den theoretischen und praktischen Erkenntnissen versuche ich wichtige Punkte für die Nachbetreuung herauszuarbeiten, die für Konzepte im Schulheimbereich von Nutzen sein können.

1.4 Gliederung der Arbeit

Im ersten Teil meiner Arbeit geht es um den theoretischen Hintergrund. Was ist Nachbetreuung? Was gehört alles dazu? Was sind Vorteile, beziehungsweise Nachteile der Nachbetreuung? Wo liegen die Grenzen der Nachbetreuung?

Im zweiten Teil werde ich Erfahrungen aus Interviews auswerten. Die Interviews habe ich mit Menschen geführt, die in der Nachbetreuung arbeiten oder die selbst Nachbetreuung erfahren haben, und mit einigen, die eben keine Nachbetreuung erlebt haben nach einem Heimaufent- halt.

Im dritten Teil werde ich mögliche Ansätze für Nachbetreuungskonzepte darlegen und ein persönliches Fazit ziehen.

1.5 Motivation

Schon bevor ich mich konkret mit der Frage nach dem Thema meiner Bachelor Thesis aus- einander gesetzt habe, kam mir immer wieder der Gedanke: Was geschieht mit den Kindern und Jugendlichen, die aus dem Schulheim, in dem ich arbeite, austreten? Daher war der Schritt nahe liegend, diese Frage in meine Bachelor Thesis einfliessen zu lassen. Da ich in der Nachbetreuung noch grosses Einwicklungspotential sehe, und dies nicht nur im Bezug auf die Institution, in der ich arbeite, war dies für mich die Hauptmotivation, mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.

2. Theoretischer Hintergrund

Im folgenden Kapitel erfolgt eine Definition von Nachbetreuung. Danach folgt der theoretische Ansatz und zum Schluss verschiedene Formen von Nachbetreuung.

2.1 Definition von Nachbetreuung

Eine klare Definition von Nachbetreuung gibt es in der Literatur nicht. Die Grenzen sind fliessend und je nach Kontext sehr verschieden. Teilweise wird auch der Ausdruck „nachgehende Betreuung“ synonym für Nachbetreuung verwendet. Ich verwende für diese Arbeit den Ausdruck Nachbetreuung.

Im medizinischen wird Nachbetreuung anderes verstanden als bei Menschen mit einer Behin- derung usw. Nachbetreuung kann also sehr verschieden ausgelegt und angewendet werden. Bei dieser Arbeit geht es um die Nachbetreuung von Jugendlichen aus Schulheimen. Sie be- trifft also junge Menschen, die für eine gewisse Zeit in einer stationären Institution für Nor- malbegabte gelebt haben.

In meiner Definition lehne ich mich an die Lostorfer Gruppe (vgl. 2007: 12) und die Diplomarbeit von Schweizer und Suter (vgl. 2000: 7-12) an.

Die Nachbetreuung im weiteren Sinn beginnt mit den ersten Vorbereitungen für den Austritt aus einer stationären Institution. Im Idealfall verläuft diese stufenweise. Dies können Formen sein wie: Aussenwohngruppe (siehe Kapitel 2.4.1), betreutes Wohnen (siehe Kapitel 2.4.2) und betreutes Einzelwohnen ausserhalb der Institution.

Im engeren Sinn beginnt Nachbetreuung ab dem Zeitpunkt, an welchem die Klientin/der Klient nicht mehr direkt in irgendeiner Form an die Institution gebunden ist, wie beispielsweise durch die Wohnform. Meist wird eine Person der Institution - es können aber auch mehrere sein - Ansprechperson für die Klientin, den Klienten. Wie die Kontaktaufnahme zwischen den beiden Parteien zustande kommt ist Verhandlungssache zwischen der Klientin, dem Klienten und der Betreuungsperson. Die Betreuung endet mit dem letzten offiziellen Kontakt mit der Person, die für die Nachbetreuung verantwortlich ist.

Die Inhalte dieser Nachbetreuung sind sehr verschieden und können je nach Person sehr individuell sein. Es soll grundsätzlich eine Unterstützung für alle Lebensbereiche sein, sofern dies von der Klientin, dem Klienten erwünscht ist. Es sollte immer das Ziel sein, die Selbständigkeit der Person zu vergrössern. Die Unterstützung umfasst auch das Umfeld wie zum Beispiel die Eltern, Vormundschaft, Ausbildungsverantwortliche usw.

2.2 Theoretischer Ansatz: Lebensweltorientierung

Für die Nachbetreuung können mehrere theoretische Ansätze verwendet werden. Für diese Arbeit konzentriere ich mich auf den Lebensweltorientierten Ansatz. Diesen stelle ich in die- sem Kapitel vor. Aus meiner Sicht bietet sich dieser sehr gut für die Nachbetreuung an. Dies aus folgendem Grund: Die fünf Strukturmaximen, siehe folgende Unterkapitel, bieten sich als Grundlage der Nachbetreuung sehr an. Natürlich wären auch andere Ansätze wie beispiels- weise der Systemische oder der Lösungsorientierte Ansatz möglich als Grundlage für die Nachbetreuung.

„Das Konzept Lebensweltorientierte Soziale Arbeit zielt darauf, Menschen in ihren Verhältnissen, in ihren vorenthaltenen Partizipationschancen und ihren Schwierigkeiten des Alltags zu sehen.“ (Grunwald/Thiersch 2004: 5)

Diese Soziale Arbeit hat dabei immer Hilfe zur Selbsthilfe vor Augen. Das Konzept hat zum Ziel, dass die institutionellen Arbeitsstrukturen den aktuellen Lebensverhältnissen angepasst sind und sich daraus die Aufgaben der Sozialen Arbeit definieren (vgl. ebd.: 13). Das heisst für die Nachbetreuung, dass sie sich an der Klientel orientiert, neue Trends aufnimmt und integriert.

Die fünf Strukturmaximen Prävention, Dezentralisierung/Regionalisierung, Alltagsnähe, In- tegration und Partizipation bilden die Grundwerte der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit (vgl. ebd.: 26).

In den folgenden Unterkapiteln gehe ich auf diese fünf Maximen näher ein mit dem Fokus der Nachbetreuung.

2.2.1 Prävention

Bei der Prävention geht es, wie das Wort von der Bedeutung her erahnen lässt, um Vorbeu- gung und Verhütung (Duden 2005). Grunwald und Thiersch (vgl. 2004: 26) sprechen von Hilfe, bevor Situationen überfordernd und belastend werden. Es soll vorausschauend und rechtzeitig agiert werden. Das Ziel ist die Stabilisierung, gerechte Lebensverhältnisse und eine gute Erziehung.

2.2.2 Dezentralisierung/Regionalisierung

Laut Grundwald und Thiersch (vgl. 2004: 26) meint die Dezentralisierung/Regionalisierung die Hilfe vor Ort, die Regionalisierung und Vernetzungsarbeit. Die Arbeit soll den lokalen und regionalen Strukturen angepasst sein, womit man die Alltagsnähe anstrebt. Damit werden die Erreichbarkeit und die Flexibilisierung der Jugendhilfe erhöht.

2.2.3 Alltagsnähe

Es geht bei der Alltagsnähe erstens um niederschwellige und erreichbare Angebote für die Klientel (vgl. Grunwald/Thiersch 2004: 26, Thiersch 2005: 32). Zum Zweiten geht es um die Ganzheitlichkeit der Hilfsangebote. Die Lebenserfahrungen des Adressaten, der Adressatin dienen als Orientierung. Die Ressourcenarbeit stellt einen weiteren zentralen Punkt der All- tagsnähe dar.

2.2.4 Integration

Die Integration hat zum Ziel die Nichtausgrenzung (vgl. Grunwald/Thiersch 2004: 26), sprich die Eingliederung und Einbeziehung des Klientels. Alle haben das Recht auf die gleichen Grundansprüche, jedoch immer mit der Möglichkeit auf Verschiedenheit.

2.2.5 Partizipation

Bei der Partizipation geht es um die vielen Formen von Beteiligung und Mitbestimmung (vgl. ebd.: 26). Die Klientel und ihr Umfeld, Eltern usw., sollen gleichberechtigt bei Entscheidun- gen mitwirken können. Die Unterstützungsprozesse sollen in der Planung offen ausgehandelt werden.

2.2.6 Weitere Aspekte der Lebensweltorientierung

„… Arbeit mit schwierigen Heranwachsenden muss sich auf die Komplexität des sozialen Netzes, also auf die Unterschiedlichkeit der sozialen Erfahrungen beziehen und darf sich nicht auf die klassischen Lebensorte von Familie und Schule beschränken. Lebensweltori- entierte Soziale Arbeit verhandelt aber vor allem die Brüche und Verwerfungen in heuti- gen sozialen Beziehungen: Die Trennung also von Verlässlichkeit und dauerhafter Ver- bindlichkeit in Beziehungen und die Chancen und Probleme neuer Kooperationen in Be- ziehungen, die sich auf Zeit und für ein Projekt bilden. Lebensweltorientierte Arbeit insis- tiert auf der Spannung zwischen dem Bedürfnis nach Dauer und Verlässlichkeit und neu- en, offenen Lebensformen…“

(ebd.: 34)

Aus diesen Aussagen ergeben sich aus meiner Sicht etliche Aufgaben, die in der Nachbetreu- ung relevant und wichtig sind. Im ersten Teil, „Unterschiedlichkeit der sozialen Erfahrungen“, geht es bei der Nachbetreuung erstens darum, den Jugendlichen nicht eine Einheitslösung anzubieten, sondern eine individuelle mit ihnen herauszuarbeiten. Zweitens soll sich diese Lösung nicht nur auf die „klassischen Lebensorte“ beschränken. Die Unterstützung soll Folge dessen breit abgestützt sein: neben klassischen Lebensorten Schule und Elternhaus gehören zum Beispiel Jugendtreff, Sportverein u. a. m. Aus dem zweiten Teil, „Brüche und Verwerfungen“, sehe ich die Hauptaufgabe für die Nachbetreuung bei den Übergängen, also beim Austritt aus einer Institution und den darauf folgenden neuen Lebensabschnitt der/des Jugendlichen. Aus dem letzten Teil, „Bedürfnis nach Dauer und Verlässlichkeit“, ergibt sich für die Nachbetreuung eine offene und flexible Haltung für neue Ideen und Bedürfnisse im Fokus der Lebensformen, die gleichzeitig lebensförderliche Konstanten aufweist.

2.3 Verschiedene Wohnformen

Wie in der Definition erwähnt, siehe Kapitel 2.1, verläuft die Nachbetreuung idealerweise in verschieden Stufen von Wohnformen ab. In den folgenden Unterkapiteln werden die Aussen- wohngruppe, das betreute Wohnen und die milieunahe Heimerziehung genauer angeschaut.

2.3.1 Aussenwohngruppe

Bei den Aussenwohngruppen ist die Dezentralisierung der wichtige Punkt (vgl. Frei- gang/Wolf 2001: 89f). Aus Sicht der Heimerziehung wird die Dezentralisierung als Verlage- rung von Gruppen in Häusern ausserhalb von einem zentralen Heimgeländes verstanden. Dies ist ein Prozess, der bedeutet, dass eine Verlagerung der Kompetenzen von der Heimleitung auf die Mitarbeitenden stattfindet und die eine räumliche Zersiedelung mit sich bringt. Jedoch bleiben die Aussenwohngruppen organisatorisch und rechtlich Teil der Einrichtung und blei- ben der Heimleitung unterstellt.

Zentrale Vorsorgeeinrichtungen, wie zum Beispiel eine Grossküche, existieren in Aussenwohngruppen nicht. Die hauswirtschaftlichen Tätigkeiten finden nicht hinter den Kulissen statt. Inwieweit die Kinder und Jugendlichen in diese Arbeiten miteinbezogen werden, hängt stark vom Betreuungspersonal ab.

Auf Aussenwohngruppen treffen folgende Merkmale zu:

Die Gruppen sind nicht in einem zentralen Heim und auf einem zentralen Heimgelände platziert, sondern in normalen Wohngegenden .

Die Häuser und Wohnungen sind in der Regel nicht für Heimerziehungszwecke erbaut worden und könnten grundsätzlich auch von anderen Menschen als privater Lebensort genutzt werden.

Die Gruppen werden im Schichtdienst betreut. In der Regel arbeiten dort drei bis fünf pädagogische Mitarbeitende, oft zusätzlich eine hauswirtschaftliche Kraft. Sie sind Teil einer grösseren Einrichtung, die mehrere Gruppen umfasst. (ebd.: 90)

Diese Wohnform bietet schon wesentlich mehr Alltagsnähe und wird von den Betroffenen meist als Fortschritt im Vergleich zur klassischen Heimerziehung angesehen (vgl. ebd.: 102). Jedoch bleiben Merkmale des Heimsettings erhalten wie zum Beispiel das Zusammenleben in einer grossen Gruppe, die Betreuung im Schichtbetrieb usw.

2.3.2 Betreutes Wohnen

Im Vergleich zu anderen Wohnformen, im Kontext der Heimerziehung, ist das Betreute Woh- nen schon sehr weit weg vom klassischen Heim (vgl. ebd.: 155 - 184). Durch die Betonung von Wohnen und Betreuung in der Bezeichnung wird dies schon deutlich. Die Wohnform ist nicht nur „ein Dach über dem Kopf“, sondern von ihr hängt die Leistungsfähigkeit ab. Auch der Ausdruck Betreuerin/Betreuer geht mehr ins Coaching als ins Erzieherische. Die Mitarbeitenden (Betreuenden) sind die meiste Zeit nicht anwesend. Sie kommen vorwie- gend am Nachmittag oder am Abend für ein paar Stunden vorbei. Dadurch wird die unmittel- bare Kontrolle durch Erwachsene erheblich geringer. Es steigt die Eigenverantwortung der Jugendlichen und sie bekommen die Chance sich zu emanzipieren und ihre Selbstkontrolle und Selbststeuerung zu erhöhen.

Viele alltägliche Angelegenheiten müssen die Jugendlichen unter sich regeln. Durch diese Selbstregulierung kann ein selbstverständlicher Lernprozess stattfinden. Die Mitbewohnenden können zu Bezugspersonen werden und Orientierungshilfe bieten.

Folgende Merkmale kennzeichnen das Betreute Wohnen:

Mehrere Jugendliche leben in einer Wohngemeinschaft zusammen.

Sie werden von einer sozialpädagogischen Fachkraft regelmässig betreut. Diese Betreuung ist nicht im Schichtdienst organisiert, es gibt also längere betreuungsfreie Zeit.

Es ist keine hauswirtschaftliche Versorgung durch Mitarbeitende vorgesehen.

Die Jugendlichen haben einen erheblichen Spielraum, ihr privates Lebensfeld nach ihrem Geschmack zu gestalten.

(ebd.: 157)

2.3.3 Milieunahe Heimerziehung

Mit der milieunahen Heimerziehung ist nicht, wie bei den vorhergehenden Wohnformen, die Art des Wohnen gemeint. Es geht vielmehr um den konzeptionellen Gedanken der Milieunähe. Aber was heisst Milieu? Ich beziehe mich dabei auf die Definition von Lothar Böhnisch in Grunwald/Thiersch (2004: 437).

„Milieu … bezeichnet den lebensweltlichen Nahbereich. … die räumlich und zeitlich begrenzte Nahwelt, ein besonderes psychosoziales1 Aufeinanderbezogensein, eine typische, meist gruppen- oder gemeinwesenvermittelte emotionale Gegenseitigkeitsstruktur.“ Das milieunahe Konzept versucht zu vermeiden, dass Kinder aus ihrem Milieu hergelöst werden, weit entfernt von den Eltern in einem Heim platziert werden und dessen Lebensstil abgewöhnt wird (vgl. Freigang/Wolf 2001: 111 - 126). Der alltägliche Kontakt zu den Eltern soll gewährleistet bleiben. Die gleiche Schulkasse sollte ebenfalls besucht werden können und auch der Kontakt zum bestehenden Freundeskreis muss gewährleistet bleiben. Ziel sollte es sein, den Lebensstil weiter zu entwickeln. Dies kann zum Beispiel die Beziehung zu den Eltern sein. Es soll aber nie die Nahwelt verlassen werden, sondern in dieser neue Lern- und Entwicklungsmöglichkeiten arrangiert werden.

Folgende Merkmale kennzeichnen die milieunahe Heimerziehung:

Die Kinder werden durch die Heimeinweisung nicht aus ihrem Lebensfeld und ihrer bisherigen Kultur herausgerissen, sondern ihre Verbindung, vielleicht Verwurzelung in ihrem Milieu wird respektiert und auch als Ressource betrachtet. Dadurch werden die Übergänge ins Heim und aus der Heimerziehung heraus als weiche Übergänge konzipiert, die nicht zwangsläufig mit Beziehungsabbrüchen verbunden sind und weniger als biografische Brüche erlebt werden.

Statt einer Vorstellung von schneller Umgewöhnung und vom Einfügen in ein neues Lebensfeld wird die allmähliche Umorganisation der Interpretation der bisherigen Le- benserfahrungen, Strategien und Weltdeutungen begleitet und erleichtert. Intensive Formen von Auseinandersetzung und Kooperation mit den Eltern wird mög- lich.

(ebd.: 114)

Die Perspektive des „Umerziehens“ in der Heimerziehung soll verlassen werden. Vielmehr muss nach den Ressourcen, welche die „falschen Lebensstile und Einstellungen“ der Eltern und Freunde mitbringen, gesucht werden. Hohe Gewichtung sollte den Orientierungsleistungen und dem emotionalen Rückhalt attestiert werden.

Jedoch sind die Lebensbedingungen für die Kinder nicht sehr idyllisch. Es ergeben sich gros- se Bewältigungsaufgaben, die durch die milieunahe Heimerziehung nur partiell Entlastung bietet. Durch das milieunahe Heim soll das Kind seine eigenen Ressourcen finden, die ihm helfen seine, zum Teil schwierigen, Aufgaben zu meistern.

2.3.3.1 Situation für die Kinder

Auch wenn bis jetzt hervor gehoben wurde, was sich für ein Kind nicht ändert, so sind mit einem Eintritt in ein Heim Änderungen im Leben vorgegeben. Es gibt einen Umzug, zusätzli- che Menschen treten in den Alltag ein, der Tagesablauf ändert sich, usw. Diese Umstellungs- leistung ist nicht zu unterschätzen, auch wenn diese Entwicklungschancen verspricht. Spannend wird die Situation für die Kinder und Jugendlichen nach der Entlassung aus einem milieunahen Heim. Der Kontakt zum Heim kann leicht erhalten bleiben. Es ist naheliegend für das Kind die Wohngruppe zu besuchen um zu sehen, was los ist, oder, wenn bei ihm Schwierigkeiten auftreten, dort Hilfe zu holen. Denn dies ist ohne grossen organisatorischen Aufwand möglich.

2.3.3.2 Situation für die Mitarbeitenden

Als Sozialpädagogin/Sozialpädagoge wird man nicht „Ersatzmutter oder -vater“, sondern „Ergänzungs-Bezugsperson“ auf Zeit. Jedoch wird der Zuständigkeitsbereich sehr breit abge- steckt. Zu den Bedürfnissen des Kindes kommen die der Eltern, der Freunde und des Stadt- teils hinzu. Eine Abgrenzung der Zuständigkeit ist hier kaum möglich und unlogisch, da sich in diesen Feldern die Handlungsmöglichkeiten abspielen. Dadurch entstehen neben den offi- ziellen Zuständigkeiten auch inoffizielle für Menschen, die für das Kind wichtig sind.

2.3.3.3 Situation für die Eltern

Durch die Heimeinweisung verlieren die Eltern ihr Kind nicht „aus den Augen“. Sie werden aber ihr „Kind auch nicht los“. Welcher Aspekt überwiegt, hängt natürlich von der Beziehung zwischen den Eltern und dem Kind ab. Es kann aber die Entscheidung erleichtern ein Kind in ein Heim unterzubringen, wenn die Möglichkeit besteht das Kind täglich zu sehen und das Heim schon lange bekannt ist. Viele schätzen die einfache Kontaktaufnahme mit den Erzie- henden und deren Hilfe für sich selbst. Es kann aber auch als Belastung empfunden werden, wenn das ganze Umfeld weiss, dass das Kind momentan in einem Heim lebt.

Generell bleibt die Zuständigkeit der Eltern für das Kind stärker erhalten.

2.3.3.4 Situation für die Träger

Die Träger von milieunahen Heimen sind meist als Verein organisiert. Mitarbeitende sind oft auch Vereinsmitglieder und dadurch sind sie ihre eigenen Arbeitgeber. Dies erhöht die Identi-

fikation mit der Institution, wodurch sie auch die ökonomische Seite ihrer Arbeit kennen. Da- durch steigt aber auch die Belastung, was bei der Arbeit berücksichtig werden muss. Schwierigkeiten können entstehen beim Überschreiten von stationären Grenzen, auch wenn diese Fachlich gut begründet sind. Wenn die Institution solche Aufgaben übernimmt, sind dafür vielfach keine zusätzlichen Ressourcen wie Arbeitskräfte und/oder Finanzen vorhanden. Dies kann zum Beispiel sein, wenn Dienstleistungen für Eltern erbracht werden und dafür kein offizieller Auftrag besteht.

Die Realisierung von solchen Grenzüberschreitungen erfordert das Überwinden von Hinder- nissen, die einen zusätzlichen Aufwand bedeuten und dem Rechung getragen werden muss.

2.3.3.5 Entwicklungspotential der milieunahen Heimerziehung

Ausserhalb der Städte, wenn die Bevölkerungsdichte abnimmt, wird es schwieriger mit dem milieunahen Heimen. Denn eine regionale Unterbringung ist oft nicht möglich, weil keine entsprechende Institution vorhanden ist.

Für die Realisierung solcher Heime ausserhalb der Städte sollte dem Gemeinwesenbezug ein besonderer Stellenwert eingeräumt werden. Die Bemühungen sollten hier in die Richtung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit der offenen Jugendarbeit gehen.

2.4 Sozialpädagogische Familienbegleitung

Die sozialpädagogische Familienbegleitung (SPF) stellt eine Form der Nachbetreuung dar, die dem Kind und der Familie die Möglichkeit bietet, Unterstützung nach dem Heimaufenthalt zu erhalten.

Die SPF Baselland (2004) definiert ihre Arbeit folgendermassen: „Sozialpädagogische Fami- lienbegleitung ist eine vorübergehende, zeitlich begrenzte, direkte und intensive Erziehungs- und Familienhilfe durch eine pädagogische Fachperson, die bei der Familie zu Hause stattfin- det.“

Das Ziel ist es, die Familie in ihren Erziehungsstrategien zu fördern, damit die Sicherheit und die positive Entwicklung des Kindes gewährleistet werden (vgl. Krieg/Messmer 2010: 2). Gemeinsam werden Entwicklungsziele im familiären Alltag festgelegt. Der Einsatz in der Familie versteht sich als Hilfe zur Selbsthilfe. Übungsfelder werden gemeinsam ausgearbeitet, durchgeführt und reflektiert. Dadurch wird die Familie befähigt, verschiedene Lösungsstrate- gien anwenden zu können oder selber Lösungsstrategien zu entwickeln, welche hilfreich im Umgang mit dem Kind sind. Die Familie soll schnellst möglich wieder zur Eigenständigkeit geführt werden.

Durch die sehr enge Zusammenarbeit zwischen der Familie und der Sozialpädagogin/dem Sozialpädagogen der SPF, betritt die Begleitung die Intimsphäre der Familie. Daraus resultieren einige anspruchvolle Punkte, die unbedingt beachtet werden müssen:

Vertrauen: Dies ist eine wichtige Grundbedingung für das alltagsorientierte pädagogi- sche Handeln, denn ohne wird sich die Familie nicht öffnen (vgl. Astrid Woog in Grunwald/Thiersch 2004: 100f.). Für den fortwährenden Herstellungsprozess des Ver- trauens ist der Wille zur Selbstgestaltung aller Familienmitglieder von zentraler Be- deutung. Die Fachperson ist nicht Experte/Expertin. Wichtig sind die Teilnahme am Geschehen und die Bereitschaft auf die Familie einzugehen. Erst wenn ein Basisver- trauen entstanden ist, wird die Familie eine Einmischung in ihre Angelegenheiten ak- zeptieren können.

Nähe und Distanz: Durch die Nähe zwischen der Familie und der Fachperson, müssen die Grenzen beidseitig beachtet und respektiert werden. Zu Beginn steht die Vertrau- ensbildung im Vordergrund. Später werden dann die Grenzen und Funktionen der Fachperson aufgezeigt, damit der nötige Abstand gewährleistet ist. Gleichzeitig kann die Familie lernen andere Grenzen zu akzeptieren und eigene Grenzen zu setzen (vgl. ebd.: 102).

Achtung der Autonomie: Die Autonomie der Familie zu erhalten ist ein Grundsatz der SPF, da diese auf Selbsthilfe und Selbstbestimmung ausgerichtet ist (vgl. Hel- ming/Schatter/Blüml 1998: 238). Gleichzeitig birgt die Autonomie auch eine Schwie- rigkeit, da es schnell passiert, dass die Familie Entscheidungen und Verantwortung gerne abgibt oder dass die Fachperson diese Rolle unreflektiert übernimmt.

2.5 Heimaustritt als kritisches Lebensereignis

Es gilt zu beachten, dass ein kritisches Ereignis in der Sozialpädagogik nicht, wie im Alltags- verständnis, grundsätzlich als negatives Ereignis bewertet wird (Lambers 1996: 50 - 53). Kri- tische Lebensereignisse meint das „relative Ungleichgewicht in einem bis dato aufgebauten Passungsgefüge zwischen Person und Umwelt. … Ein kritisches Lebensereignis ist dann ge- geben, wenn diese Kongruenz zwischen Person und Umwelt ein Mindestmass unterschreitet und die Neuorganisation des Person-Umwelt-Gefüges erforderlich macht (ebd.: 51).“

[...]


1 psychosozial: durch soziale Gegebenheiten bedingt (Duden 2005)

Details

Seiten
50
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656198826
ISBN (Buch)
9783656199984
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192419
Institution / Hochschule
Fachhochschule Nordwestschweiz
Note
Schlagworte
Heim Nachbetreuung Jugendliche Kinder Lebenswelt

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Titel: Übergang zwischen Heim und Selbständigkeit