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Der islamische Menschenrechtsdiskurs im Zentrum und an der Peripherie im Vergleich

Die arabische Welt und Südafrika

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 25 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Moderne und Menschenrechte in der arabischen Gesellschaft
1.1. Hintergründe des Modernediskurses
1.2. Die aktuelle Menschenrechtsdebatte im Überblick
1.3. Einige ausgewählte Denker
1.3.1. Hasan Hanafī
1.3.2. Mohammad ‘Ābid al-Ğābirī
1.3.3. Mohammad Šahrūr
1.4. Zusammenfassung

2. Der Menschenrechtsdiskurs unter den südafrikanischen Muslimen
2.1. Hintergründe
2.2. Der aktuelle Menschenrechtsdiskurs
2.3. Einige ausgewählte Denker
2.3.1. Achmed Cassiem
2.3.2. Farid Esack
2.3 Zusammenfassung

3. Fazit

Literatur

Einleitung

„Die Universalität der Menschenrechte setzt in ihrem Absolutheitsanspruch voraus, dass zumindest ein Kernbestand an Menschenrechten über historische, kulturelle und religiöse Unterschiede hinweg anerkannt ist.“[1]

In der islamischen Welt wird die grundsätzliche Idee von Menschenrechten mittlerweile nicht ernsthaft in Frage gestellt. In den 1980er und 1990er Jahren wurden verschiedene internationale Menschenrechtskonventionen durch islamische Länder anerkannt. Inzwischen haben über die Hälfte der arabischen Staaten die Pakte über politische und bürgerliche Rechte, sowie wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte ratifiziert.[2] Viele arabische Staaten haben eigene Menschenrechtskommissionen ins Leben gerufen, in Marokko gibt es seit Anfang der 1990er Jahre sogar ein Menschenrechtsministerium.[3] Somit liegt in der Frage der Anerkennung von Menschenrechten auch nicht das Problem.

Vielmehr erscheint der Islam, als Religion aber auch als Kultur, manchen als unvereinbar mit zentralen Aspekten der universellen Menschenrechte. Das Argument, der Islam sei mit dem Prinzip der Religionsfreiheit, oder der Gleichberechtigung von Mann und Frau nicht vereinbar, wird fast schon standardmäßig angeführt, um eine Kompatibilität auszuschließen.[4] Indem der Islam also als unvereinbar mit Prinzipien „der“ Moderne erklärt wird, schließt man auch die Möglichkeit einer Teilhabe der islamischen Welt an eben dieser Moderne aus. Somit könne es für muslimische Gesellschaften nur ein Mittel zur Lösung ihrer vielfältigen Probleme geben, die z.T. stark simplifiziert auf „den“ Islam zurückgeführt werden. Der Rechtswissenschaftler Celallettin Kartal formuliert dies sehr deutlich, wenn er schreibt, dass die „Ethik der kulturellen Moderne [d.h. die westlich-säkulare, Anm. d. Verf.] (…) reklamiert, eingeführt zu werden“.[5]

Auf diese Forderung reagieren die islamischen Staaten, aber auch andere Länder der Dritten Welt, ihrerseits mit dem Argument, dass jede Kultur und jede Gesellschaft Menschenrechte für sich selber formulieren müsse, damit diese dann auch in der jeweiligen Kultur verankert sind und angenommen werden können. Wenn Menschenrechten universelle Gültigkeit zuerkannt werden soll, dann müssten diese Menschenrechte auch kulturübergreifend definiert werden, da die betroffenen Gesellschaften ansonsten ihre eigene Kultur zugunsten westlicher Werte verlieren würden. Proteste einiger westlicher Wissenschaftler, dieser Ansatz sei kulturrelativistisch und würde die Idee der Universalität von Menschenrechten konterkarieren, führen bloß zu einer Verlagerung des Problems von der inhaltlichen Auseinandersetzung weg zu bloßen rhetorischen Geplänkeln. Schließlich übersehen sie dabei, dass die von ihnen propagierten Interpretationen der Menschenrechte auf westlichen Werten beruhen, somit selber kulturrelativistisch sind.[6]

Genau hier liegt auch das Problem. In vielen Ländern der Welt werden die universalen Menschenrechte der UN aufgrund ihrer Entwicklung als westliche Menschenrechte wahrgenommen. Folglich sehen manche in den universellen Menschenrechten lediglich ein Mittel westlicher Staaten, eine hegemoniale Stellung im Verhältnis zu anderen Kulturen zu erlangen, um diesen ihre eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen aufzwingen zu können. Unkluge Politiken mancher westlicher Staaten, die das Menschenrechtsargument nutzen, um eine bestimmte Politik gegenüber vermeintlich gegnerischen Staaten zu begründen, während Menschenrechtsverletzungen in verbündeten Nationen ignoriert werden, tragen nicht dazu bei, dieses Argument zu entkräften.[7]

Die Positionierung der eigenen Kultur im Verhältnis zur westlich geprägten Moderne und die Verbindung beider ist daher einer der zentralen Bereiche des islamischen Modernediskurses. Ganz zentral hierbei ist die Frage der Menschenrechte. Wie eingangs erwähnt wurde, wird das Konzept von Menschenrechten auch in der islamischen Welt grundsätzlich anerkannt. Gleichwohl gibt es Differenzen wenn es um die Bestimmung des Inhalts und der Reichweite solcher Rechte geht. Hier fordern Muslime verständlicherweise die Bestimmung eines inhaltlichen Kerns, der ihnen nicht von außen aufgezwungen wird und mit dem sie sich identifizieren können.[8] Wie ein solches Konzept zusammen gehen kann mit der Anerkennung der Universalität von Menschenrechten erklärt Baderin durch die Unterscheidung in „universality of human rights“, als internationale Anerkennung der Menschenrechtsidee wie sie durch die UN-Mitgliedsstaaten geschehen ist auf der einen Seite und „universalism in human rights“, als eines universellen Wertekonsenses für Interpretationen und Umsetzungsspielräume von Menschenrechten.[9]

Doch wie könnte dieser Kern aussehen? Welches sind die zentralen Argumente und Überlegungen dieses islamischen Diskurses?

Ziel dieser Arbeit ist es, durch einen Vergleich der aktuellen Menschenrechtsdebatte im Zentrum und an der Peripherie der islamischen Welt verschiedene Argumente und Positionen darzustellen und anschließend auf Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen.

Die Betrachtung der arabischen Menschenrechtsdebatte bietet sich dabei wie selbstverständlich an. Denn zum einen ist die arabische Welt das historische und kulturelle Zentrum des Islams. Viele muslimische Gemeinden und Staaten weltweit unterhalten enge Beziehungen zu einem oder mehreren arabischen Ländern und orientieren sich in religiösen und kulturellen Fragen oftmals an diesen. Zum anderen fanden und finden in nahezu allen arabischen Staaten massive Menschenrechtsverletzungen statt, die auch massive interne Kritik hervorrufen. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich hier eine durchaus ernstzunehmende grenzübergreifende Debatte um Menschenrechte und Menschenrechtsverletzungen entwickelt.[10]

Weshalb aber der Vergleich mit Südafrika? Die dortige muslimische Minderheit stellt gerade einmal zwischen 1,3[11] bis zwei Prozent[12] der Gesamtbevölkerung dar. Eine zu vernachlässigende Größe, wenn man bedenkt, dass sich die dortige muslimische Gemeinde an der absoluten Peripherie der islamischen Welt befindet. Südafrika ist ein demokratischer Rechtsstaat und die Probleme und Gefahren der muslimischen Gemeinde dort sind, ebenso wie ihre Möglichkeiten, doch ganz anders zu beurteilen als in den, zum großen Teil autoritär regierten und gleichzeitig mehrheitlich muslimischen, arabischen Ländern. In Ägypten beispielsweise drohen Journalisten bei einer Verurteilung wegen Verleumdung seit Mitte der 1990er Jahre bis zu zwei Jahre Gefängnis. Regierungskritische Zeitungen werden in vielen arabischen Ländern, selbst in solchen, die, wie zum Beispiel Marokko, eine Liberalisierung der Medienlandschaft anstreben, zensiert oder verboten. Immer wieder werden auch einzelne Personen zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.[13] So wurde der ägyptische Literaturwissenschaftler Abū Zaid aufgrund seiner modernen Koraninterpretation als Apostat verurteilt und muss seitdem im Exil leben, und auch gegen den Syrer Šahrūr und den Ägypter Hasan Hanafī wurde bereits der Vorwurf der Apostasie erhoben.[14]

Doch die Annahme, die Menschenrechtsfrage hätte keine Bedeutung für die südafrikanischen Muslime, ist falsch. Denn unter dem bis Anfang der 1990er Jahre herrschenden Apartheidregime zählte die Mehrheit der Muslime zur Bevölkerungsgruppe der „Farbigen“ und war daher sozialen und politischen Diskriminierungen ausgesetzt.[15]

Gerade deshalb bietet sich ein Vergleich an. Denn wie gezeigt werden wird, sind die Hintergründe für den Menschenrechtsdiskurs sehr ähnlich. Gleichzeitig erlaubte die Lage an der Peripherie den südafrikanischen Muslimen einen Diskurs, der sich ohne Beeinträchtigungen und Verfolgungen durch das traditionelle religiöse Milieu entfalten konnte. Zusätzlich stellen die Probleme der muslimischen Minderheit in Südafrika mit seiner mehrheitlich nichtmuslimischen Bevölkerung eine Art miniaturisierte Version der Probleme der arabischen Welt in einem mehrheitlich nichtmuslimischen internationalen Umfeld dar.

Nach der Darstellung der Hintergründe des arabischen Menschenrechtsdiskurses, wird die aktuelle Debatte in der arabischen Welt zunächst im Überblick beschrieben werden. Dadurch sollen die wichtigsten Positionen und Argumente dargestellt werden. Anschließend werden drei wichtige Denker, ihre Gedanken und Argumente, detaillierter betrachtet werden. Entscheidend für die Auswahl dieser drei Personen sind nicht ihre jeweiligen Positionen, die sich sehr ähneln, sondern ihre Bekanntheit und Rezeption innerhalb wie außerhalb der arabischen Welt und ihre Herkunft. Mit Hasan Hanafī aus Ägypten, Mohammad ‘Ābid al-Ğābirī aus Marokko und Mohammad Šahrūr aus Syrien wird der arabische Raum auch geografisch abgedeckt.

Ebenso wird darauf folgend mit Südafrika verfahren werden. Die Auswahl der Einzelbeispiele richtet sich hier jedoch nach den gegensätzlichen Positionen Farid Esacks und Achmed Cassiems, die auch beide außerhalb Südafrikas wahrgenommen werden.

1. Moderne und Menschenrechte in der arabischen Gesellschaft

1.1 Hintergründe des Modernediskurses

Wie Kurzman schreibt wurden in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg die globalen Rechtsdiskurse im Rahmen der UN so dominierend, dass es kaum mehr Raum für einen islamischen Diskurs gegeben hat.[16] Die Niederlage der arabischen Staaten gegen Israel 1967 stellte eine Zäsur der arabischen Geschichte des 20. Jahrhunderts dar. Bis dahin waren säkulare und panarabische Ideen weit verbreitet und der Modernediskurs geprägt von einem westlich orientierten Fortschrittsglauben.[17] In vielen Staaten waren die führenden Eliten noch in den Bildungszentren der alten kolonialen Herren ausgebildet worden und somit stark von westlichen Ideen und Vorstellungen beeinflusst. Besonders im Maghreb konnte sich Frankreich auf diese Weise lange Zeit seinen wirtschaftlichen, aber auch politischen Einfluss erhalten.[18]

Doch mit der Niederlage wurde offensichtlich, dass es keiner arabischen Regierung gelungen war, ihr Land zu modernisieren. Im Gegenteil verbreitete sich das Gefühl, durch den Versuch dem Westen nachzueifern und den Sprung in „die“ Moderne zu schaffen, die eigene kulturelle Identität verloren zu haben.[19] Hinzu kamen ein steigendes Bildungsniveau und der steigende internationale Informationsaustausch.[20] In den Folgejahren kam es so zu einer Neubelebung des Islams, der den diskreditierten Säkularismus als „politisch hegemonial und bestimmend für den Modernediskurs“[21] ablöste.

Begünstigt wurde diese Entwicklung auch durch die Destabilisierung einiger arabischer Staaten in den 19070er und 1980er Jahren. Negative Handelsbilanzen, eine hohe Arbeitslosenquote und ein geringes Wirtschaftswachstum bei einem gleichzeitig rasanten Bevölkerungswachstum führten zu starken sozialen und wirtschaftlichen Umwälzungen.[22] Unruhen und Bürgerkriege in Afghanistan, dem Libanon, dem Sudan, Somalia und dem Jemen und dann insbesondere die ersten beiden Golfkriege führten zu einer politischen Spaltung der arabischen Welt, die bis heute nicht überwunden werden konnte.[23]

[...]


[1] Kuhn-Zuber: Universalität der Menschenrechte, S. 307.

[2] Monshipouri: Islam and human rights S. 95

[3] Hegasy/ Jürgensen: Zur Menschenrechtssituation, S. 160f.

[4] Kuhn-Zuber: Universalität der Menschenrechte, S. 315; Monshipouri: Islam and human rights S. 97f.

[5] Kartal: Islam und Menschenrechte, S. 399.

[6] Kuhn-Zuber: Universalität der Menschenrechte, S. 308f.

[7] Monshipouri: Islam and human rights, S. 91f, 96.

[8] Ebert: Arabische Verfassungen, S. 521.

[9] Baderin: International human rights, S. 23f.

[10] Hegasy/ Jürgensen: Zur Menschenrechtssituation, S. 160-165.

[11] Niehaus: Muslim Minority, S. 121.

[12] Heyns/ Viljoen: United Nations Human Rights Treaties, S. 540.

[13] Hegasy/ Jürgensen: Zur Menschenrechtssituation, S. 164f.

[14] Mudhoon: Muhammad Schahrûr, S. 138; Kurzman: The globalization of rights, S. 138.

[15] Müller: Recht kulturell gemischter Ehen, S. 135.

[16] Kurzman: Globalisation of rights, S. 136.

[17] Hendrich: Islam und Aufklärung, S. 259.

[18] Dwyer: Arab Voices, S. 16.

[19] Hendrich: Islam und Aufklärung, S. 155.

[20] Kurzman: Globalisation of rights, S. 133.

[21] Hendrich: Islam und Aufklärung, S. 156.

[22] Dwyer: Arab Voices, S. 15.

[23] Hendrich: Islam und Aufklärung, S. 210.

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656174004
ISBN (Buch)
9783656174073
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192316
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Schlagworte
Islam und Menschenrechte Islam in Südafrika Modernediskurs

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