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Der Sozialkapitalansatz als theoretische Fundierung von Wagniskapitalinvestments

von B.Sc. Christoph Tatje (Autor) Constantin Götze (Autor)

Seminararbeit 2011 42 Seiten

BWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Titelblatt

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wagniskapitalinvestments

3. Die Entstehung des Begriffs des sozialen Kapitals

4. Einführung in generelle Konzepte des Sozialkapitals in der Organisationsforschung

5. Ausgewählte Konzepte des sozialen Kapitals
5.1 Sozialkapital und andere Kapitalien - Bourdieu
5.2 Sozialkapital und sozialer Tausch - Coleman
5.3 Strukturelle Löcher in Netzwerken - Burt
5.4 Sozialkapital und gesellschaftlicher Verfall - Putnam
5.5 Eine Theorie sozialer Strukturen und Handlungen - Lin

6. Weitere Konzepte des sozialen Kapitals
6 .1 Netzwerke, Ressourcen und Unterstützung - De Graaf und Flap
6.2 Orientierungsrahmen für das soziale Kapital - Portes
6.3. Sozialkapital im Management Kontext - Nahapiet und Ghoshal
6.4 Zusammenführung der Sozialkapitalkonzepte - Adler und Kwon

7. Die drei Dimesionen nach Nahapiet und Ghoshal

8. Nicht-monetäre Leistungen von Wagniskapital

9. Exemplarische Darstellung anhand von Fallstudien

10. Anwendung der vorgestellten Theorien
10.1 Sozialkapital nach Nahapiet und Ghoshal als Erfolgsfaktor
10.2 Weitere Theorien des Sozialkapitalansatzes in Bezug auf die Fallstudien
10.3 Bewertung der Erkenntnisse

11. Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Finanzierungsvarianten von Start-ups

Abb. 2: Defizitäre Kompetenzen bei Gründern

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird der Sozialkapitalansatz als theoretische Fundierung von Wagniskapitalinvestments genauer untersucht und angewendet. Unternehmensgründungen sind in der Entwicklungsphase zahlreichen Herausforderungen ausgesetzt. Von einer Produktoder Geschäftsidee bis zu einer funktionierenden und agierenden Unternehmung ist es häufig ein langer und von vielen Problemen begleiteter Prozess.

Wagniskapitalgeber, die Risikokapital für solche jungen Unternehmen zur Verfügung stellen, können in diesem Prozess ggf. eine besondere und wichtige Rolle einnehmen. Die Risikokapitalgeber investieren in junge Unternehmen und streben eine positive Entwicklung dieser an. Dazu stellen sie neben finanziellen Ressourcen in besonderem Maße auch soziales Kapital den Start-ups zur Verfügung.

Sozialkapital umfasst in diesem Sinne insbesondere die Unterstützung der Unternehmen durch die Risikokapitalgeber hinsichtlich des Managements oder auch des Aufbaus von Ge- schäftskontakten. Soziales Kapital generiert daher für die Entwicklung der Unternehmen wichtige Ressourcen. Die wissenschaftlichen Betrachtungen dieses Themenkomplexes sind bislang sehr stark auf die monetären Aspekte des Wagniskapitals fokussiert. Erst in den letz- ten Jahren interessiert sich eine größere Anzahl von Wissenschaftlern für die Ausprägungen und die Bedeutung des Sozialkapitals bei Wagniskapitalinvestments. Im weiteren Verlauf dieser Ausführungen werden ausschließlich die Aspekte des Sozialkapitals bei Wagniskapital- investments analysiert und nicht finanzielle Bedeutungen von Wagniskapitalgebern.

In der vorliegenden Arbeit werden zunächst unterschiedliche Sichtweisen und wissenschaftli- che Ansätze von Sozialkapital erläutert, damit diese als theoretische Fundierung für weitere Betrachtungen dienen können. Hiernach wird aufbauend auf den zuvor erläuterten theoreti- schen Grundlagen anhand von zwei Fallstudien die Entwicklung junger erfolgreicher Unter- nehmen beschrieben. Abschließend erfolgt einer Betrachtung der beiden Unternehmen unter dem Aspekt des Sozialkapitals, um eine Aussage treffen zu können, ob Wagniskapitalgeber und das damit einhergehende Sozialkapital Einfluss auf eine positive Entwicklung der jungen Unternehmen haben.

2. Wagniskapitalinvestments

Im nachfolgenden Teil soll zunächst der Begriff des Wagniskapitalinvestments näher erläutert werden. Dieser stellt die Grundlage für die späteren Definition des Sozialkapital dar und dessen Anwendung an einem Beispiel.

Wagniskapitalinvestments werden in der Literatur in Anlehnung an den aus dem amerikani schen Sprachgebrauch entstammenden Begriff Venture Capital mit den Termini Risikokapi- tal, Chancenkapital oder Wagniskapital umschrieben. Die erste Venture Capital-Gesellschaft wurde 1946 durch den Harvard Professor Georges Doriot sowie dem Präsidenten der Federal Reserve Bank Ralph E. Flanders in Boston gegründet und unterstützte junge Technologieun- ternehmen im Raum Boston. Die Entstehung des Begriffes Venture Capital wurde bei der Suche nach Kapitalgebern von dem Ingenieur Arthur Rock 1957 im Silicon Valley geprägt (vgl. Weitnauer 2011, S. 19).

Der Definition des Venture Capital nach können vier Unterscheidungskriterien diesem Be- griff zugeordnet werden (vgl. Röper 2004, S. 18). Hinsichtlich der Struktur und Charakteri- stika der Finanzierung bzw. Investition unterscheidet man zwischen Beteiligungskapital oder beteiligungsähnlichem Kapital. Dieses jeweils haftende Kapital wird ohne die üblichen Kre- ditsicherheiten für 3-6 Jahre einem jungen Unternehmen bereitgestellt. Eine Finanzierung junger Unternehmen kann durch Eigen- oder Fremdfinanzierung erfolgen. Dabei stellt Eigen- kapital immer Haftungskapital dar und kann in der Form von sogenannten Beteiligungsfinan- zierungen, Selbstfinanzierungen aus Gewinnen oder durch Kapitalfreisetzung vorliegen (vgl. Fischer 2004, S. 13).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Finanzierungsvarianten von Start-ups (Quelle: In Anlehnung an Fischer 2004, S. 13).

In Abbildung 1 wird erkennbar, dass für junge Unternehmen, die sehr häufig ihre unterneh merischen Aktivitäten nicht über Kredite finanzieren können, ganz besonders die Möglichkeit einer Beteiligungsfinanzierung mittels Venture Capital im Mittelpunkt steht. Eine Kreditfi- nanzierung kann häufig nicht durchgeführt werden, weil nur unzureichende Sicherheiten vor- handen sind und eine Historie der Unternehmung fehlt, wodurch eine betriebswirtschaftliche Analyse z. B. auf der Grundlage von Kennzahlen für eine Risikoeinschätzung nicht möglich ist. Eine Finanzierung aus Rücklagen, Kapitalfreisetzung oder Gewinnen ist in der Phase des Start-up nicht möglich, da z. B. Gewinne nicht angefallen sind und auch Rücklagen noch nicht gebildet werden konnten.

Ferner werden die Charakteristika der Beteiligungsunternehmen untersucht, wobei es sich in der Regel um junge innovative, noch nicht an einer Börse emissionsfähige Unternehmen handelt. Relevant ist ebenfalls die Ausgestaltung des Beteiligungsverh ä ltnisses. Die Kapitalgeber stellen neben Eigenkapital insbesondere auch betriebswirtschaftliches Know-how, unternehmerische Betreuung und wichtige Kompetenzen entlang der Wertschöpfungskette (Produktion, Finanzen, Marketing und Vertrieb) bereit. Diese Aspekte werden im Folgenden intensiver betrachtet. Ein weiteres Unterscheidungskriterium ist die Zielsetzung der Venture Capital Finanzierung, die eine Realisierung des Investitionserfolges, also die gewinnträchtige Veräußerung der Beteiligung über eine Börse oder anderweitig an Dritte nach dem Ablauf der Wachstumsperiode, vorsieht (vgl. Röper 2004, S. 19ff.).

Die Verwendungen des Begriffes Venture Capital in der Wissenschaft sind jedoch mannigfal- tig. "Nach Stadler ist Venture Capital definiert als Beteiligungskapital für wachstumsträchtige Firmen, die in innovative Technologien investieren. Hierbei handelt es sich in der Regel um Minderheitsbeteiligungen" (Fischer 2004, S. 45). Eine weitere Definition nach Schmidt und Willms umschreibt „im engeren Sinne die Gründungs-, Start- und Wachstumsfinanzierung von jungen Unternehmen der High-Tech-Branche in Form von Eigenkapitalfinanzierung, kombiniert mit Managementberatung und der Zielsetzung einer Maximierung des Unterneh- menswertes" (Fischer 2004, S. 46).

Weitnauer prägt in seinem Handbuch Venture Capital den Begriff „Anschubfinanzierung“ und deutet damit darauf hin, dass in einer Frühphase der Unternehmensgründung Venture Capital relevant ist, um eine Finanzierung erster Aktivitäten der jungen Unternehmungen zu gewährleisten. Ferner beschreibt er unterschiedliche Beteiligungsphasen. In einer Frühphasen- finanzierung findet die Entwicklung einer Geschäftsidee hin zu einem Prototypen und z.B. die Schaffung von ersten Strukturen der Unternehmung statt. Weitnauer definiert noch eine wei- tere, daran anschließende, Expansionsphasenfinanzierung. Venture Capital wird hier zur Fi- nanzierung des Vertriebsaufbaus, für das Wachstum des Unternehmens und die Ausnutzung des Marktpotentials verwendet (vgl. Weitnauer 2011, S. 4; vgl. Weitnauer 2011, S. 9).

Sinnvoll erscheint auch eine Abgrenzung zum Begriff des Private Equity, der fälschlicherweise häufig als Synonym für Wagniskapital verwendet wird. Bei dieser Form des Investments stehen etablierte Unternehmen im Fokus der Investoren. Die Betreuungsleistung und die Be- reitstellung von Kompetenzen durch den Investor sind im Vergleich zum Venture Capital gering. Die Unternehmung befindet sich in einer relativ späten Phase der Expansion bzw. Gründung, wodurch auch die Renditeerwartung des Investors im Vergleich zu Venture Capi- tal-Beteiligungen gemäßigter ist. Das Beteiligungsvolumen bei Private Equity Investments ist besonders durch Mehrheitsbeteiligungen des Investors an dem Unternehmen gekennzeichnet (vgl. Fischer 2004, S. 47).

Im Zuge einer Definition von Venture Capital und ersten Betrachtungen ist es notwendig, auch die örtliche Konzentration von Wagniskapital zu beschreiben. Die Beobachtung „ven- ture capital investment in bio-healthcare is concentrated only in a few regions“ (Rosiello/Paris 2009, S. 188) entstammt einer Studie über die Bioindustrie in Großbritannien. Sogenannte „bio-cluster“ (Rosiello/Paris 2009, S. 200) sind dort z.B. vermehrt in dem Raum Glasgow und Dundee zu finden. „In UK bio-healthcare is concentrated in specific regions“ (Rosiello/Paris 2009, S. 196) deutet darauf hin, dass eine lokale Verankerung des Wagniskapitals gegeben zu sein scheint. Weitnauer stellt fest, dass diese Cluster-Bildung - hier im Bereich der Biotech- nologie - in der Nähe von Forschungseinrichtungen, Universitäten, Kliniken und wissen- schaftlichen Instituten stattfindet (vgl. Weitnauer 2011, S. 11). Daraus folgt, dass Venture Capital und das daraus resultierende und einhergehende Sozialkapital eine örtliche Abhängig- keit aufweisen können.

Im weiteren Verlauf der Arbeit werden zunächst die Konzepte des Sozialkapitals dargestellt, um sie dann am Beispiel der eben genannten Unternehmen anzuwenden.

3. Die Entstehung des Begriffs des sozialen Kapitals

Zunächst wird in diesem Abschnitt die Entstehung des Begriffs des sozialen Kapitals dargestellt, um im Anschluss eine Hauptauswahl von bekannten Konzepten vorzustellen. Dabei steht die Sozialkapitalforschung noch am Anfang und zeichnet sich durch unklare Konturen aus. Daher wird im Folgenden versucht, zunächst ausgewählte zentrale Sozialkapitalbegriffe und Erklärungsansätze zu betrachten (vgl. Iseke 2007, S. 30).

Der Begriff des Sozialkapitals wurde vor allem von Hanifan in der ersten Hälfte des vergan- genen Jahrhunderts geprägt. Er definiert Sozialkapital als „those tangible assets [sic!] that count for most in the daily lives of people: namely goodwill, fellowship, sympathy and social intercourse among the individuals and families who make up a social unit“ und konzipiert Sozialkapital damit als Merkmal eines Kollektivs (Iseke 2007, S. 32f.). Auf diese Idee ver weisen auch heutige Sozialkapitalkonzeptionen (vgl. Woolcock 1998, S. 192).

Als die Stadtsoziologin Jane Jacobs den Begriff des sozialen Kapitals 1961 wieder verwendete, war er über die Zeit fast in Vergessenheit geraten. Sie benutzt ihn in einer Abhandlung, in der sie den Einfluss von städtebaulichen Maßnamen auf nachbarschaftliche Netzwerke darstellt. Hier definiert sie Sozialkapital als das Vorhandensein sozialer Netzwerke, welche mit einem Gemeinschaftsgefühl einhergehen und Vertrauen in die gegenseitigen Hilfeleistungen unter Nachbarn bedingt. Dieses führt letztendlich zu einer sozialen Kontrolle, die z. B. Kriminalität verhindert (vgl. Jacobs 1961, S. 138; vgl. Iseke 2007, S. 33).

Zwar verwenden die eben genannten Autoren den Begriff Sozialkapital, dennoch war es nicht ihre Absicht, diesen systematisch zu entwickeln. Bei ihnen wird er aufgrund seiner assoziati- ven Bedeutung verwendet, um zu verdeutlichen, dass Netzwerke, Gemeinschaftsgefühl und wechselseitige Unterstützung ökonomischer Signifikanz haben (vgl. Iseke 2007, S. 33). Mit Loury (1977) verwendet erstmals ein Ökonom den Begriff des Sozialkapitals. Dieses ge- schieht in Zusammenhang mit einer Analyse von Einkommensunterschieden zwischen ethni- schen Gruppen. Hierbei macht er deutlich, dass der soziale Kontext eines Individuums einen wesentlichen Einfluss auf spätere Einkommensmöglichkeiten darstellt und unterschiedliche Erträge aus Humankapital bewirkt. Daher folgert er, insbesondere als Kritik zu den tradi- tionellen, rein am individuellen Humankapital orientierten, Ansätzen: „It may thus be useful to employ a concept of ’social capital’ to represent the consequences of social position in fa- cilitating acquisition of the standard human capital characteristics“ (Loury 1977, S. 176; vgl. Iseke 2007, S. 33). Ihm geht es hierbei vor allem um die Wirkung von Sozialkapital auf den Erwerb individuellen Humankapitals und er verwendet diesen Begriff daher figurativ. Anders als Hanifan und Jacobs nimmt er eine individualistische Perspektive ein und definiert Sozial- kapital als strukturelle Ressource, welche aus der Positionierung eines Akteurs in sozialen Organisationen resultiert. Dabei unterliegt die soziale Organisation aber nicht der Kontrolle des Individuums (vgl. Iseke 2007, S. 33f.).

In diesem Abschnitt wurde zunächst die Entstehung des Begriffs des sozialen Kapitals dargestellt. Nachfolgend wird der Blick konkretisiert, in dem nun Konzepte aus der Organisationsforschung betrachtet werden.

4. Einführung in generelle Konzepte des Sozialkapitals in der Organisationsforschung

In den folgenden Abschnitten wird zunächst eine generelle Einleitung gegeben, um dann anschließend einzelne Autoren und Konzepte ausführlich darzustellen. Diese Konzepte werden, wie bereits erwähnt, in einem späteren Teil der Arbeit angewendet.

Als grundlegendes Konzept in der Netzwerkforschung soll der Begriff des Sozialkapitals das Verständnis über Funktion und Wirkung sozialer Netzwerke verbessern und den Mangel an Theorie beseitigen. Bereits Anfang der 90er Jahre fanden die Konzepte im angloamerikanischen Raum Beachtung und führten letztendlich dazu, dass auch in Deutschland das Interesse an dieser Thematik zugenommen hat. Dabei werden hohe Erwartungen an die Thematik des Sozialkapitals geknüpft (vgl. Iseke 2007, S. 29).

Durch das große Interesse, welches sowohl im wissenschaftlichen als auch im praktischen Bereich zu finden ist, entstand eine Mannigfaltigkeit an Interpretationen und Zugängen, die ein Abbild der Heterogenität der Erkenntnisinteressen und wissenschaftlichen Hintergründe der Sozialkapitalforscher darstellt. So wird der Begriff von Ökonomen, Politologen und Soziologen verwendet, jeweils aber unterschiedlich interpretiert. In der Organisationsforschung wird der Begriff des Sozialkapitals vor allem als erfolgsrelevante Größe für Individuen und Organisationen definiert (vgl. Iseke 2007, S. 29).

Der Begriff des Sozialkapitals in der Organisationsforschung lässt sich primär in zwei Konzepte unterscheiden. Die ersten sind die strukturellen Ansätze. Hierbei werden besondere Netzwerkeigenschaften als Sozialkapital bezeichnet. Im Gegensatz dazu stehen die ressourcenorientierten Ansätze. Diese interpretieren Sozialkapital als die sozialen Verbindungen zu erreichenden Personen und deren Ressourcen (vgl. Iseke 2007, S. 12).

Trotz der zunehmenden Bedeutung des Begriffs des Sozialkapitals als Metapher für wertvolle soziale Beziehungen stecken die Forschungen zu diesem Begriff noch am Anfang. So können drei zentrale Defizite ausgemacht werden. Zunächst besteht ein konzeptionelles Defizit, wel- ches durch verschiedenartige Zugänge und Anwendungsfelder geprägt ist. Bei den strukturel- len Ansätzen führt dieses zu inkonsistenten empirischen Befunden, da nicht geklärt ist, ob eher schwache oder starke Verbindungen wertvoll sind. Des Weiteren wird nicht deutlich, ob offene oder geschlossene Netzwerke vorteilhafter sind. Diese inkonsistenten Erkenntnisse liegen daher nicht allein an verschiedenen Operationalisierungen und Untersuchungsdesigns, sondern weisen darauf hin, dass Netzwerkcharakteristika nicht mit dem Wert des Netzwerks gleichzusetzen sind (vgl. Iseke 2007, S. 21). Auch bei den ressourcenorientierten Ansätzen sind konzeptionelle Defizite zu erkennen. So wird nicht deutlich, wie Akteure vom Status und der Ressourcenausstattung anderer Akteure profitieren können (vgl. Iseke 2007, S. 22).

Als Konsequenz dieser Defizite bedarf es einer Sozialkapitaldefinition, die einen Unterschied zwischen dem Netzwerk und den darin enthaltenen Ressourcen verdeutlicht und die Möglichkeit bietet, die tatsächliche Verfügbarkeit einer Ressource für eine Person explizit zu erfassen (vgl. Iseke 2007, S. 22).

Ein weiterer Mangel in der Sozialkapitalforschung sind die theoretischen Defizite. Dabei be- dienen sich die strukturellen Untersuchungen vor allem an Leithypothesen, denen es zum größten Teil an einer theoretischen Basis fehlt. Als Konsequenz fehlt es den meisten Untersu- chungen an einem expliziten theoretischen Fundament, um divergierende Ergebnisse ver- ständlich machen zu können und eine systematische Identifikation von Kontingenzfaktoren zu ermöglichen. Allerdings fällt auf, dass sich zahlreiche Sozialkapitalforscher an impliziten oder expliziten tauschtheoretischen Argumenten bedienen. So bezeichnen sie Tauschakte als grundlegenden Mechanismus, welche zu einer Entstehung und Nutzung sozialen Kapitals führen. Darüber hinaus besteht eine große Einigkeit darüber, dass Akteure ihren individuellen Nutzen vergrößern, in dem sie Kontakte instrumentell formen und einsetzen (vgl. Iseke 2007, S. 22).

Ein empirisches Defizit wird dadurch deutlich, dass Operationalisierungen losgelöst von theoretischen oder konzeptionellen Erwägungen eher spontan geschehen (vgl. Iseke 2007, S. 23). Daher sprechen sich Lin et al. für eine Integration von Theorie-Entwicklung und empirischer Sozialkapital-Messung aus (vgl. Lin et al. 2001, S. 57). Die These eines empirischen Defizits wird auch dadurch gestützt, dass bislang keine empirische Studie vorliegt, die gleichzeitig die Bedeutung individueller und situativer Determinanten der Sozialkapitalbildung erfasst und damit die relative Wirkung darstellt (vgl. Iseke 2007, S. 23).

Es herrscht in verschiedenen Veröffentlichungen „Einigkeit über die generelle Bedeutung von sozialem Kapital, nicht jedoch ein einheitliches Verständnis dessen, was unter sozialem Kapi- tal überhaupt zu verstehen ist.“ (Maurer 2003, S. 22; vgl. Portes 1998, S. 6; vgl. Reiners 2008,

S. 46). Dessen ungeachtet kann zwischen zwei grundsätzlich differenzierten begrifflich- konzeptionellen Sichtweisen unterschieden werden. Dabei geht es darum, wie weit das Kon- zept im Hinblick auf den Ausschluss oder die Einbeziehung von Ressourcen, die über Netz- werkpartner zur Verfügung stehen, definiert wird. Nachfolgend wird sowohl eine enge als auch eine weite Begriffsfassung des sozialen Kapitals gegeben (vgl. Reiners 2008, S. 46f.). Bei der engen Fassung des Konzepts, auch „narrow camp“ genannt (vgl. Adler/Kwon 2002, S. 26), werden die Ressourcen explizit ausgeschlossen. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Struktur des Netzwerks und die Gestaltung der Beziehungen an sich als Machtressource, die den Akteuren die Möglichkeit gibt, sich durchzusetzen (vgl. Portes 1998, S. 6; vgl. Burt 1992, S. 60; vgl. Reiners 2008, S. 47).

Eine breitere Fassung des Konzepts, dem sogenannten „broad camp“ (vgl. Adler/Kwon 2002, S. 26), erweitert die enge Fassung durch die Einbindung der Ressourcen, welche an den Kno- tenpunkten des Netwerks vorhanden sind (vgl. Nahapiet/Ghoschal 1998, S. 243; vgl. Reiners 2008, S. 47). Diese Erweiterung erscheint sinnvoll, da soziales Kapital frei von Ressourcen ohne Effekt bleiben wird. Denn durch das Fehlen von Fähigkeiten den Netzwerkpartner un- terstützen zu können, handelt es sich nicht um soziales Kapital (vgl. Burt 1992, S. 59ff.). So kommt es bei der Betrachtung des sozialen Kapitals nicht darauf an, ob Partnerschaften beste- hen, sondern ob diese über Ressourcen verfügen, die einen Vorteil bringen (vg. Reiners 2008, S. 49)

In dem oberen Abschnitt wurde deutlich, dass der Sozialkapitalansatz noch im Entstehungsprozess ist. Um die verschiedenen Standpunkte darzustellen, werden nachfolgend einzelne Ansätze vorgestellt. Dabei bauen sie aufeinander auf bzw. werden sie von einzelnen Autoren auch verknüpft, um einem gemeinsamen Ansatz näher zu kommen.

5. Ausgewählte Konzepte des sozialen Kapitals

Nachfolgend werden einzelne Ansätze des sozialen Kapitals dargestellt. Aufgrund des Umfangs der Arbeit wurde die Anzahl beschränkt. Es wurde versucht, die aktuellsten und wichtigsten Ansätze darzustellen, um so einen generellen Überblick über die Sozialkapitalforschung zu erhalten. Orientiert wurde sich dabei hauptsächlich an der Ausarbeitung von Iseke (2007). Darüber hinaus wurden andere Quellen zu Ergänzung herangezogen.

5.1 Sozialkapital und andere Kapitalien - Bourdieu

In seinem Aufsatz von 1983 stellt Bourdieu einen ersten systematischen Entwurf des sozialen Kapitals dar. In diesem konzipiert er jenes als dritte Kapitalart neben den bereits vorhandenen kulturellen und ökonomischen Kapitalarten. Dabei umfasst das ökonomische Kapital alle Ausprägungen des materiellen Reichtums. Dagegen ist das kulturelle Kapital in Form von permanenten Dispositionen, wie kulturelle Fertigkeiten und Fähigkeiten (inkorporierter Zu- stand), als kulturelle Güter (objektiver Zustand) und in institutionalisierten Zustand, (z. B. akademische Titel) vorhanden (vgl. Iseke 2007, S. 34; vgl. Bourdieu 1983, S. 184; vgl. Rei- ners 2008, S. 44).

Ergänzend dazu nennt er das symbolische Kapital. Dieses wird als „wahrgenommene und legitimierte Form von ökonomischen, kulturellem und sozialem Kapital“ (Iseke 2007, S. 34) definiert „und stellt somit eine Beschreibung der drei Kapitalformen in Wahrnehmungskate gorien dar“ (Iseke 2007, S. 34).

Durch die Betonung von kulturellem und sozialem Kapital widerspricht er der vorherrschen- den ökonomischen Sichtweise auf soziale Phänomene, die menschliche Interaktion nur auf wirtschaftliche Kriterien reduziert. Nach Bourdieu verhindert gerade diese Sichtweise ein ausführliches Verständnis gesellschaftlicher Kausalitäten. Daher spricht er sich für eine sozi- alwissenschaftliche Annäherung aus, welche neben dem Warenaustausch auch andere Formen des sozialen Austauschs zulässt (vgl. Bourdieu 1983, S. 184; vgl. Reiners 2008, S. 44).

Für Bourdieu ist Kapital in seinen drei Entscheidungsformen „als vis insita [...] eine Kraft, die den objektiven und subjektiven Strukturen innewohnt; gleichzeitig ist das Kapital - als lex insita - auch grundlegendes ,Prinzip der inneren Regelmäßigkeiten der sozialen Welt‘“ (Bourdieu 1983, S.183; vgl. Reiners 2008, S. 44). „Erst durch die Einbeziehung aller drei Ka- pitalarten ergibt sich ein vollständiges Bild von der Kapitalausstattung der Akteure, das sozia- le Gesetzmäßigkeiten und (Lebens-)Chancen deutlicher erkennen lässt“ (Reiners 2008, S. 44). In seinem bereits erwähnten Aufsatz von 1983 definiert Bourdieu Soziales Kapital folgen- dermaßen: „Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Be- ziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden ist; oder anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugeh ö rigkeit zu einer Gruppe beruhen. Das Gesamtkapital, das die einzelnen Gruppenmitglieder besitzen, dient ihnen allen gemeinsam als Sicherheit und verleiht ihnen - im weitesten Sinne des Wortes - Kreditw ü rdigkeit.“ (Bourdieu 1983, S. 190f.)

In seinem Aufsatz stellt Bourdieu einen überwiegend zweckbezogen ausgerichteten Ansatz des Sozialkapitalbegriffs dar, indem er den Nutzen für das Individuum in den Vordergrund stellt. Hierbei beschreibt er ohne Systematik in Teilen sehr heterogen anmutende Vorteile, die sich aus dem vorhandenen sozialen Kapital ergeben können. Dazu zählen z. B. die Möglich- keit auf „Gefälligkeiten“ zurückzugreifen und „materielle“ Vorteile zu erhalten. Darüber hin- aus stiftet soziales Kapital eine soziale Identität und sorgt über den Mechanismus der Institu- tionalisierung für Ordnung und Orientierung. Des Weiteren sieht Bourdieu soziales Kapital als Multiplikator beim Einsatz von kulturellen und ökonomischen Kapital, da diese durch die richtigen Kontakte ertragreicher investiert werden können (vgl. Bourdieu 1983, S. 190ff.; vgl. Reiners 2008, S. 45).

Zu den eben angesprochenen Vorteilen sieht Bourdieu soziales Kapital auch als Ergebnis ei- ner „Beziehungsarbeit“, welche er folgendermaßen beschreibt: „Das Beziehungsnetz ist das Produkt individueller oder kollektiver Investitionsstrategien, die bewusst oder unbewusst auf die Schaffung und Erhaltung von Sozialbeziehungen gerichtet sind, die früher oder später einen unmittelbaren Nutzen versprechen.“

[...]

Details

Seiten
42
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656172000
ISBN (Buch)
9783656172376
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192284
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg – Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisationstheorie
Note
2,3
Schlagworte
sozialkapitalansatz fundierung wagniskapitalinvestments

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Titel: Der Sozialkapitalansatz als theoretische Fundierung von Wagniskapitalinvestments