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George Wolf. Von Brünn nach New York oder die Intuition des Augenblicks

Essay 2012 32 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2000: Besuch in New York

1939: Aufbruch nach Prag

2000: Zu Besuch am Central Park West

1939: Aufmarsch am Wenzelsplatz

1939 bis 1942: Die ersten Jahre im Exil

2000: Abschied von New York

1942 bis 1946: Alltag in der Schweiz / Nürnberger Prozesse

1946: Emigration

2000: Ausflug nach Cape Cod

A New Way of Lif

Zusammenfassung

Das Leben von George Wolf, der als Jiri Wolf 1928 in Brünn geboren wurde, ist in

vieler Hinsicht von besonderem, historischem Interesse. Zum einen hat der jüdische Junge durch die Beherztheit seines Vaters den Holocaust überlebt. Kurz nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Österreich reist der Textilhändler Egon Wolf mit seiner Frau Trude und seinem Sohn von Brünn ab. In Prag gelingt ihm das Unmögliche: Er erhält ein Reisevisum nach Italien.

Zum anderen hat George Wolf in seinem jungen Leben immer wieder wichtige Momente der Zeitgeschichte miterlebt. Die Flucht der Wolfs führt sie als Erstes nach Prag, wo Jiri den Aufmarsch der deutschen Truppen auf dem Wenzelsplatz miterlebt und Hitler in der Prager Burg sieht. Nur um Haaresbreite entgehen sie den Nazis in Frankreich. Später begegnet er in einem Krankenhaus in Davos dem Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, der sich bereit erklärt, den schwer erkrankten Jungen unentgeltlich zu behandeln. Nach dem Fall der Nationalsozialisten ist er bei den Nürnberger Prozessen dabei und sieht Göring, Keitel und Frank auf der Anklagebank sitzen. Nach dem Krieg emigriert er in die USA. Bei Ausbruch des Korea-Krieges wird er gezogen und erzielt bei der Aufnahmeprüfung das höchstmögliche Ergebnis. Wenig später kehrt er als Soldat auf den Kontinent zurück. Nun erlebt er in Sonthofen ein bedrohliches Nachkriegsdeutschland, das sich für ihn nur wenig von dem der Nationalsozialisten unterscheidet. Schließlich kehrt Jiri Wolf, der längst George Wolf heißt, nach New York zurück. Hier wird er heiraten und sein gesamtes Leben verbringen.

2000: Besuch in New York

George Wolf - in Amerika kann jeder so heißen. Egal, aus welchem Land man eingewandert ist. Natürlich ist Wolf ein deutscher Name, aber daran denkt in New York niemand. Als ich das erste Mal mit George Wolf Kontakt aufgenommen habe, habe ich auch nicht daran gedacht. Ich wusste auch zu wenig über ihn. Ich arbeitete damals in einer Forschungsgruppe, die sich für die Emigration von Musikern aus dem von Nationalsozialisten besetzten Europa interessierte. Schwerpunkt der Arbeit waren die New Yorker Archive. Ich durchforstete Bestandslisten und Bibliotheksnachweise nach deutschen, nach jüdischen und nach europäischen Namen. Wir kamen längst vergessenen Musikern und Komponisten auf die Spur, ihrem Werk, ihrem Leben in Amerika.

Im Verzeichnis der New York Public Library stieß ich auf den Namen André Singer und fand heraus, dass es sich um einen Komponisten ungarischer Herkunft handelte. Er war Mitte der 30er Jahre aus Wien geflohen. Schon bald erhielt ich die Adresse eines kleinen Colleges im Norden von New York, an dem Singer als Professor für Musiktheorie und Komposition gearbeitet hatte. Die Bibliothekarin schrieb mir, dass er aus Europa gekommen war und seine Stellung im Sarah Lawrence College in den 40er Jahren angetreten hatte. Seine Kompositionen und Schriften waren im College archiviert. Für genauere Auskünfte sollte ich mich an Beth und George Wolf wenden - sie betreuten den privaten Teil seines Nachlasses.

So bekam ich die Adresse der Wolfs am Central Park West und schrieb einen förmlichen Brief, in dem ich nach weiteren Informationen zum Leben Andre Singers fragte. Ich erhielt einen freundlichen Brief zurück - ja, sie hätten Andres Privatkorrespondenz, Aufzeichnungen und einzelne Autographe und wären gerne bereit, mir weitere Auskünfte zu geben. An diesen Auskünften war ich interessiert - es kam nicht oft vor, dass ich auf Freunde von Emigranten stieß, die noch am Leben waren.

In weiteren Briefen erfuhr ich, dass George Wolf eng mit Andre Singer befreundet gewesen war. Endlich hatte ich, was ich suchte: Informationen über die nackten Lebensdaten hinaus. Ich erfuhr etwas über die Sozialisation des Komponisten, in welchen Stadien seine Emigration verlaufen war, und wie er mit seiner Situation als Neu-Amerikaner zurecht gekommen war. Und ich erfuhr, dass George Wolf ebenfalls ein Emigrant war, der genauso wie Andre Singer aus dem großen k.u.k.-Reich stammte.

Unser Briefkontakt wurde persönlicher und als ich ein halbes Jahr später meine Sachen packte, um vor Ort Manuskripte zu studieren, strich ich die Telefonnummer der Wolfs in meinem Notizbuch rot an. Wir würden uns treffen, und ich war sehr gespannt, diesen Mann kennenzulernen, mit dem das Schicksal der zahllosen Emigranten mir erstmals leibhaftig vor Augen treten würde.

Ich habe während des Vierteljahres, das ich in New York verbrachte, viel von George und seiner Frau Beth erfahren. Das erste Mal traf ich sie in meinem Hotel am Madison Square Garden - 2000, ein Jahr vor den Anschlägen auf das World Trade Center eine Gegend voller Touristen, harmlos und eher unattraktiv. Sie fuhren mich mit ihrem silbernen Mercedes durch New York, wir tauschten erste Höflichkeiten aus, gingen zum Essen zum Italiener in der Columbus Street und anschließend auf einen Drink in ihre Wohnung direkt am Central Park. Ich erfuhr, dass George Wolf nach seiner Pensionierung als Teilhaber in eine kleine Textilfirma eingestiegen war. Beth, seine Frau, eine begabte Musikerin, hatte eine zeitlang als Model gearbeitet und sich dann schließlich der Musik zugewandt. Andre Singer war ihr Lehrer am Sarah Lawrence College gewesen. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Schon bald ging das Gespräch über das wissenschaftliche Interesse meiner Forschungsreise hinaus. Ich bekam Geschichten zu hören, die so ganz anders waren als das, was ich - eine typische Vertreterin der in den 60er Jahren in Deutschland geborenen - bis dahin gehört hatte. Es waren Geschichten von Rettung und Flucht, eher beiläufig erzählt. Und es waren in der Regel Erfolgsgeschichten, von denen, die es geschafft hatten -angekommen jenseits der Hitlerschen Vernichtungsmaschine. Und je mehr ich fragte, und je mehr ich hörte, hatte ich den Eindruck, dass diese Geschichten auf Fragen gewartet hatten, auf Fragen, die nur aus Deutschland kommen konnten.

Und so fragte ich, in den Fonds von klimatisierten Autos, mit denen wir am Wochenende nach Upstate New York fuhren; in Restaurants am oberen Verlauf des Hudson Rivers zwischen tuna salad, corn bread und pseudodeutschen „Würsteltellern“; auf der Holzveranda eines Wochenendhauses auf der Halbinsel Cape Cod, mitten in den Kiefernwäldern einer amerikanischen Feriensiedlung. Was ich erfuhr, war die Geschichte einer punktgenauen Rettung. In der Lebensgeschichte des George Wolf ist alles zum richtigen Zeitpunkt geschehen: Er war stets am richtigen Ort, es gab stets einen Helfer, der sich nicht an die Regeln hielt und es gab etwas, was man die Intuition des Augenblicks nennen kann - Glück eben.

1939: Aufbruch nach Prag

Am Abend des 14. März 1939 fährt ein Unternehmer aus Brünn mit seinem Sohn und seiner Frau nach Prag. Der elfjährige Junge ist krank und fiebert, dick in Decken eingepackt, verbringt er die mehrstündige Fahrt auf der Rückbank liegend. Immer wieder passieren Fahrzeuge der deutschen Wehrmacht das Auto der Familie. Als sie schließlich am nächsten Morgen ihr Reiseziel erreichen, befinden sie sich mitten in den Kolonnen des deutschen Militärs. Egon Wolf hatte am vergangenen Abend einen Hinweis bekommen, den er ernst nahm - so ernst, dass weder das Fieber seines Sohnes noch der Unmut seiner Frau ihn an seinem Entschluss hindern konnten. „Sie sollten die Tschechoslowakei besser verlassen, weil meine Leute heute einmarschieren“, hatte ihm nach Dienstschluss einer seiner Mitarbeiter gesagt. Mehr nicht, aber es genügte, um in Egon Wolf die endgültige Entscheidung reifen zu lassen.

Kaum jemand in Brünn wäre im Jahr 1939 wegen eines solchen Satzes in sein Auto gestiegen und nach Prag aufgebrochen. Für Egon Wolf jedoch war dies nicht der erste Hinweis darauf, dass sein Judentum ihn in seiner Heimat in Bedrängnis und Schwierigkeiten bringen könnte.

Egon Wolf war Seidenhändler, er war viel unterwegs, reise vor allen Dingen in die

Schweiz und nach Frankreich, wo die großen Seidenwebereien standen. Und er war auch am 11. März 1938 unterwegs gewesen und hatte auf seiner Fahrt durch Österreich unglaubliche Dinge mit angesehen. Was die Einen als den Anschluss Österreichs feierten, war für die Anderen eine menschenverachtende Behandlung jüdischer Mitbürger, die sie in Angst und Schrecken versetzte. Von diesem Zeitpunkt an versuchte Egon Wolf, eine Zukunftsperspektive außerhalb Europas für seine Familie zu entwickeln.

Er muss ein besonders klar denkender und entscheidungsfreudiger Mensch gewesen sein, ein Realist, der selbstbewusst genug war, um eine Gefahr für sich und seine Familie zu erkennen und richtig einzuschätzen. Ein erfolgreicher Unternehmer und Mitglied der sozialdemokratischen Partei, der schnelle Autos liebte, Rennen fuhr und gelegentlich zur Jagd ging. Ein Lebemann mit maßgeschneiderten Hemden, attraktiv und angenehm im Umgang.

Mit seiner Frau Trude und seinem Sohn Jiri, genannt Schorsch, lebte er in Brünn in der Spielberggasse, die sich direkt am Eingang des großen Parks mit seiner Burg befand. Zum Haushalt der Wolfs gehörten außerdem eine Köchin, ein Kindermädchen und ein Mechaniker.

Das Geschäft der Wolfs lag in der „Alfa-Passage“ mitten im Zentrum von Brünn.

Zum Zeitpunkt seiner Flucht muss sich Egon Wolf sicher gewesen sein, dass er nicht nur das Leben seiner Familie, sondern auch seine Firma und mit ihr seinen Lebensstil vor den Nationalsozialisten würde retten können. Er war gut vorbereitet. Geschäftlich stand er in engem Kontakt mit Partnern in der Schweiz und Frankreich. Einen Großteil der Provisionen, die er von französischen und Schweizer Seidenwebereien für den Verkauf in Mähren erhalten hatte, hat er bereits vor einigen Jahren in der Schweiz deponiert. Seit dem März 1938 versucht er nun, amerikanische Visa zu bekommen, und wird immer wieder vertröstet. Als er den Hinweis auf den bestehenden Einmarsch der Nationalsozialisten erhält, weiß er, dass nun endgültig der Zeitpunkt zum Handeln gekommen ist.

2000: Zu Besuch am Central Park West

Straße hoch ge„ Wolf 16 F “ sage ich zu dem Wachmann im Eingangsbereich. Ich bin von der 83.laufen. Zwei Blöcke über die Columbus und die Amsterdam Avenue und dann weiter am Central Park entlang. Wir haben Mitte Mai und inzwischen ist es richtig heiß. Ich wohne zur Untermiete in der Wohnung von Freunden, die gerade in Europa sind. Es ist gemütlich - Parkettboden, ein offenes Wohnzimmer, das Haus wurde wahrscheinlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut. Für George zählt nur, dass es keine Klimaanlage hat - das ist unvorstellbar für die Wolfs, die sich bereits bei diesem Wetter vor die Schlitze der air condition stellen, um nichts von dem kühlen Luftzug zu verpassen. Ich tue so, als würde es mir gar nichts ausmachen, bei der Hitze und einem ewig dröhnenden Ventilator zu schlafen. In Wirklichkeit stelle ich den Ventilator Nachts auf die kleinste Stufe, weil er dann nicht so laut rotiert. Und natürlich wache ich auch ständig auf, weil es so heiß ist. Die extremen New Yorker Temperaturen haben es in sich, und ich sehe viele schwarze Männer, die mit nacktem Oberkörper und einem Handtuch um die Schultern durch die Straßen gehen. Ich mag diese Hitze, sie bringt die Arbeitskräfte zum Erliegen und scheint eine Art ewig langer Sommerferien zu eröffnen. Die Bürgersteige flimmern, als ich den Kiesweg am Rand des Central Parks hoch laufe. Ich bin ziemlich verschwitzt, als ich schließlich bei der Nummer 295 ankomme.

Why do you insist on walking? “ Auch das kann George einfach nicht verstehen.

Natürlich hätte er mich abgeholt und ich hätte auch eine Station mit der sub fahren können. Aber dass ich mich durch die Mittagshitze schleppe und dabei noch so typisch deutsche Argumente wie Bewegung und frische Luft vorbringe, ruft nichts als Unverständnis in ihm hervor.

Oben, in ihrem Apartment im 16. Stock angekommen, bewundere ich wie immer als Erstes die Aussicht. Man blickt direkt über den Central Park in Richtung East Side. Links leuchtet das Blau des Jackie Kennedy Reservoirs, direkt vor mir türmt sich das Grün des Parks, weiter hinten die zerrissene Skyline der Upper East Side. Es ist eine kleine Wohnung, ein winziger Eingangsbereich, dann das Wohnzimmer, in dem wir gerade stehen. Von dort kommt man in die Küche und es gibt noch ein Schlafzimmer - das ist alles. Hier wohnen George und Beth seit 1958, seit sie geheiratet haben.

Auf meine Frage, wie sie eine Wohnung in einer solchen Wohnlage finanzieren können, lacht George. Auch in Amerika gibt es Formen der sozialen Absicherung - sie sind nur Anders, versteckter als in Deutschland. Tatsächlich darf der Besitzer des Hauses den Beiden schon seit vielen Jahren die Miete nur minimal erhöhen, eben weil sie schon so lange dort wohnen. „Wir zahlen wahrscheinlich die niedrigste Miete im ganzen Block“ sagt George. Er erzählt gerne, wie es dazu gekommen ist, dass sie hier eingezogen sind.

Er kannte Beth Holerick damals seit zwei Jahren. Seinem Heiratsantrag hatte sie nur unter der Bedingung zugestimmt, dass sie selbst eine passende Wohnung aussuchen würde. Beth, die Tochter russischer Einwanderer, war in New York geboren, und hatte genug Wohnungen gesehen, in die sie auch aus Liebe nicht einziehen würde. George arbeitete den ganzen Tag, und als er von ihr einen Anruf erhielt, er solle doch nach CPW 295 fahren und sich dort das Apartment 16f zeigen lassen, wurde ihm ein wenig mulmig. George lächelt verschmitzt: „ Now I knew it would be serious! “

1939: Aufmarsch am Wenzelsplatz

Er kann es einfach nicht fassen. Schorsch steht am Fenster eines Hotelzimmers in Prag. Hier sind sie gestern Nacht abgestiegen, er hat nicht mehr viel mitbekommen und wurde gleich schlafen gelegt. Doch nun steht der Elfjährige mit offenem Mund am Fenster. Soldaten, Soldaten, Panzer, Standarten - der ganze Platz ist voller Menschen, Waffen, militärischer Ausrüstung, darüber die Fahnen, die aus den Fenstern der umliegenden Häuser und Paläste hängen und schließlich die kreisenden ME-109-Kampfflugzeuge, die kreischend über den Platz ziehen - unter anderen Umständen wäre Schorschi, wie er gern genannt wird, begeistert gewesen. Doch es ist der 15. März 1939 und Adolf Hitler feiert seinen Einmarsch in die Tschechoslowakei. Für Schorsch ist dieser Aufmarsch kein Grund für kindliche Begeisterung. Er weiß, dass hier der Grund ihres plötzlichen Aufbruches liegt, er weiß, dass das merkwürdige verhakelte Kreuz, das auf den riesigen rot-weißen Fahnen und Bannern prangt, für Grausamkeit und Brutalität steht. Er hat vom Anschluss gehört, von der Kristallnacht, von den öffentlichen Demütigungen der Juden in den Straßen Wiens und vom Konzentrationslager im bayerischen Dachau.

Sein Vater ist längst unterwegs. Mit den drei Pässen der Familie Wolf in der Hand ersucht er um eine Ausreisegenehmigung im frisch eingerichteten Gestapo- Hauptquartier. Was Egon Wolf nicht weiß, ist, dass überhaupt keine Ausreisegenehmigungen für jüdische Bürger vorgesehen sind. Doch Egon Wolf ist es gewohnt, zu bekommen, was er möchte. Zudem hat er permanente Einreisevisa nach Frankreich und in die Schweiz vorzuweisen. Die zahlreichen französischen und Schweizer Stempel in seinem Pass verunsichern den Beamten, mit dem er spricht. Und so erhalten die Wolfs am 15. März in ihre Pässe jeweils einen Stempel, der es ihnen erlaubt, innerhalb der nächsten 30 Tage in Italien Urlaub zu machen. Die Wolfs sind gerettet.

Inzwischen hat sich der militärische Aufmarsch hoch zum Hradschin, der Kaiserburg, bewegt. Die Familie schließt sich der Massenbewegung an, die schließlich auf dem großen Platz vor der Burg zum Stehen kommt. Ein Soldat hört, dass sie Deutsch miteinander sprechen, und möchte nett zu dem Jungen sein: „Hast du schon den Führer gesehen, Kleiner?“ fragt er und hebt Schorsch auf einen Panzer, damit der Junge den Mann am Fenster auch wirklich sehen kann.

Am nächsten Tag trennt sich die Familie. Egon fliegt nach Paris, um Geldgeschäfte abzuwickeln. Er will so viel wie möglich von seinem verbliebenen Vermögen retten, Kontakte machen und Möglichkeiten wahrnehmen, um seine Familie nach Frankreich zu bringen. Denn die Franzosen bieten, im Gegensatz zu den Schweizern, ausländischen Bürgern die Möglichkeit einer Arbeitserlaubnis. Anschließend wird Egon weiter nach Zürich fliegen und dort auf Trude und seinen Sohn warten.

Die Beiden fahren währenddessen zurück nach Brünn, wo sie, so ist es geplant, die wichtigsten Dinge zusammenpacken sollen, um dann mit dem Zug über Italien in die Schweiz zu reisen. Doch kaum sind sie im heimatlichen Brünn angekommen, setzt bei Trude Wolf ein vager Optimismus ein, dieser trügerische Optimismus, dem so viele Menschen anheim gefallen sind: Sie wiegt sich in Sicherheit. Es war so leicht, das Visum zu bekommen.

Nichts deutet auf die drohende Gefahr hin, die ihr Mann ihr so drastisch beschrieben hat. Schließlich ist Trude Wolf eine reiche und angesehene Frau in Brünn, das Geschäft in der „Alfa-Passage“ ist weithin bekannt.

Statt wie besprochen, am nächsten Tag Brünn zu verlassen, zieht sie sich ihr „Petitpoint“-Kostüm an, und geht mit dem Ausreisevisum in der Hand ins Gestapo-Quartier und bittet um eine Verlängerung.

Man mag sich die Gesichter der Polizisten vorstellen, als da eine jüdische Unternehmersgattin, deren Bürgerrechte von nun an nicht mehr gelten sollten, ihr Bleiberecht in Brünn einforderte. Trude Wolf ist eine attraktive Frau, sie strahlt Selbstbewusstsein aus und die Sicherheit derjenigen, die es gewohnt ist, zu befehlen. Natürlich bekommt sie eine solche Verlängerung nicht, doch sie gibt sich damit nicht zufrieden und spricht mehrmals im Hauptquartier vor. Während Egon in Zürich immer nervöser wird, kokettiert Trude in Brünn mit der Zeit, mit der Gestapo, mit dem Leben. Als sie zum dritten Mal auf der Kommandantur erscheint, platzt einem Offizier der Kragen: Für kein Geld der Welt würde er diese Genehmigung verlängern. Sie soll das Papier benutzen und so schnell wie möglich abreisen. So verlassen Trude und Schorsch Brünn schließlich für immer - von einem Mitglied der Gestapo aus ihrer Heimat hinaus komplimentiert.

[...]

Details

Seiten
32
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656171621
ISBN (Buch)
9783656171904
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192267
Note
Schlagworte
Geschichte Nationalsozialismus Emigration USA Deutschland New York Brünn Schweiz Antisemitismus Judenverfolgung Exodus Judentum in Europa Jüdisches Leben in New York

Autor

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Titel: George Wolf. Von Brünn nach New York oder die Intuition des Augenblicks