Lade Inhalt...

Stadtentwicklung im Mittelalter am Beispiel der Bischofsstadt Paderborn unter Bischof Meinwerk

Seminararbeit 2011 22 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil

1. Ursachen und Voraussetzungen der Stadtentwicklung

2. Die Definition des Stadtbegriffes – oder: Was unterscheidet die Stadt vom Land?

3. Die Bischofsstadt Paderborn unter Bischof Meinwerk
3.1. Der berufliche Werdegang Bischof Meinwerks und seine Beziehung zum Königshaus
3.2. Bischof Meinwerk als Bauherr und Großkonsument

Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Paderborn – im südöstlichen Winkel der Westfälischen Bucht umgeben von Eggegebirge und Weserbergland entspringen rund 200 Quellen, die pro Sekunde 3000-9000 Liter Wasser abgeben. Aus den fünf Quellarmen entstand noch im mittelalterlichen Stadtgebiet der kürzeste Fluss Deutschlands – die Pader. Aus etymologischer Sicht hat die Stadt von diesem Fluss ihren Namen.[1] Doch im Fall von Paderborn erfahren wir mithilfe der Namensherkunft noch sehr wenig über die Ursachen und Voraussetzungen der Stadtentwicklung. Wie die Pader aus vielen einzelnen Quellen entspringt, fließen auch bei der Entwicklungsgeschichte einer Stadt immer mehrere Einflüsse zusammen, die aus kleinen Siedlungsinseln eine florierende Stadt werden lassen: römische Kontinuität, Herrschaftssitze, Kirchen, Stifte, Handel und Gewerbe, Reliquienkulte oder Flüsse und Küstenbereiche können Siedlungsfaktoren sein.[2] Doch welche Voraussetzungen und Ursachen spielten bei der Stadtentwicklung im Mittelalter eine Rolle? Wie lässt sich der Stadtbegriff überhaupt definieren? Auf diese Fragen soll im ersten Teil der Hausarbeit näher eingegangen werden. Zu den Ursachen der Stadtentstehung haben vor allem Edith Ennen und Heinz-Dieter Heimann in ihren Einführungswerken zur mittelalterlichen Stadt eine gute Übersicht geliefert.[3] Der Forschungsstand zur Definition des Stadtbegriffes ist bis heute offen, da der Begriff Stadt nicht eindeutig definiert werden kann. Vor allem Max Weber und Carl Haase haben hier jedoch überzeugende Definitionsmöglichkeiten geliefert, die Franz Irsigler unter anderem in seinem Aufsatz „Annäherungen an den Stadtbegriff“ zusammengefasst, bewertet und so die wichtigsten Kriterien zur Definition des Stadtbegriffes herausgearbeitet hat.[4] Im zweiten Teil der Hausarbeit soll die Bischofsstadt – als eine Möglichkeit der Stadtentwicklung – genauer betrachtet werden. Hier soll der Fokus auf der Bischofsstadt Paderborn liegen, die vor allem unter der Regierungszeit von Bischof Meinwerk (1009-1036) ihre „zweite Gründung“ erfuhr.[5] Doch wieso spricht man hier überhaupt von einer „zweiten Gründung“? Welchen Einfluss hatte Bischof Meinwerk auf Paderborn? Inwiefern konnte er zur Kultivierung und zum Ausbau der Stadt beitragen? Mit der Beantwortung dieser Fragen sollen die Merkmale einer Bischofsstadt im Mittelalter herausgearbeitet werden. Paderborn und die Regierungszeit von Bischof Meinwerk geben hierzu einen guten Rahmen, da uns für diesen Zeitraum eine Vielzahl von Quellen zur Verfügung steht.[6] Die wichtigste Quelle ist zweifellos die Vita Meinwerci, die jedoch 130 Jahre nach seinem Tod vermutlich von Abt Konrad von Abdinghof verfasst wurde. Aus diesem Grund sollte man die kritische Quellenbetrachtung nicht außer Acht lassen.[7] Im Allgemeinen ist die Quellensituation zu dem Forschungsthema Stadtentwicklung weitgehend auf archäologische Ausgrabungen beschränkt, weil schriftliche Überlieferungen generell nur wenig zur Verfügung stehen. Für Paderborn lieferten zum Beispiel die Ausgrabungen von Wilhelm Winkelmann und die Untersuchungen von Uwe Lobbedeys wichtige Informationen, um die Stadtgeschichte Paderborns rekonstruieren zu können.[8] Dank der Ausstellung „Für Königtum und Himmelreich“, die im Jahr 2009 zum 1000-jährigen Jubiläum des Amtsantrittes Bischof Meinwerks in Paderborn stattfand, steht eine breite Basis an Aufsätzen und Forschungsergebnissen zu diesem Thema zur Verfügung.[9]

Hauptteil

1. Ursachen und Voraussetzungen der Stadtentwicklung

Städte gibt es nicht erst seit dem Mittelalter. Schon seit dem 2. Jahrtausend v. Chr. lassen sich Stadtkulturen im östlichen Mittelmeerraum nachweisen und auch im Vorderen Orient gab es Städte schon seit dem 7. Jahrhundert. Die antike Stadt verlor jedoch zurzeit der Germanenstürme erheblich an Bedeutung, sodass zum Beispiel in Trier die Einwohnerzahl von 60.000 zur römischen Zeit auf nur wenige Tausend im 6. Jahrhundert sank. Die Oberschicht wanderte auf das Land ab. Die Zentren der Städte verfielen, weil die Franken keine Stadtkultur kannten. Kontinuitäts- und erneuter Siedlungspunkt waren nur die antiken Bischofskirchen am Rand der römischen Stadt, die in vielen Fällen den Anfang der mittelalterlichen Stadtentstehung bildeten:[10] „Die mittelalterliche Stadt war nicht unmittelbar Fortführung der antiken Stadt, aber sie baute auf deren Fundament auf.“[11] Kontinuität war jedoch nicht der einzige Anstoß für die sich später entwickelnden Städte. Einer der wichtigsten Gründe ist das seit dem 7. Jahrhundert im deutschen Gebiet zunehmende Bevölkerungswachstum. Nach einer Bevölkerungsstatistik, basierend auf den Ergebnissen J. C. Russells, stieg die Bevölkerungszahl in Deutschland und Skandinavien von 2 Millionen Einwohnern im Jahr 650 auf 11,5 Millionen Einwohner im Jahr 1340 an.[12] Die höchste Wachstumsrate lag zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert, wo sich die Bevölkerungsdichte annähernd verdreifachte.[13] Diese Bevölkerungszunahme benötigte neue Siedlungsmöglichkeiten. Doch wieso zog es die Menschen in die Städte? Zurückzuführen ist diese Bevölkerungszunahme auf ertragreichere Produktionsbedingungen in der Agrarwirtschaft, die zu einer verbesserten Nahrungsmittelversorgung führten. Hier sind vor allem die technischen Fortschritte der Geräte (Egge, Pflug, Dreschflegel), die Verbreitung der Wassermühle und die Dreifelderwirtschaft zu nennen. Eine Überschussproduktion und frei werdende Arbeitskräfte waren die Folge. Dies führte u. a. zu der allmählichen Auflösung feudalistischer Strukturen, sodass immer mehr Hofhörige sich aus ihrer Grundherrschaft lösten und in die Städte zogen, um sich dort Hoffnungen auf eine bessere Zukunft machen zu können:[14] „Ein freieres und leichteres Leben, größere Sicherheit, mehr Chancen zu etwas zu kommen, mehr Geselligkeit, mehr Augenschmaus an hohen Kirchenfesten […]; das lockte in die Stadt.“[15] Diese Freiheiten bestanden meist aus den von den Stadtherren verliehenen Privilegien. Kaufleute standen zum Beispiel unter dem besonderen Schutz des Stadtherrn und wurden vom Gottesurteil und Zweikampf befreit. Die Stadtherren schufen zudem oft Anreize (Herrscherpolitik), da sie am wirtschaftlichen Ausbau der Stadt interessiert waren.[16] So erhielt zum Beispiel ein zugezogener Bewohner in Freiburg „gegen einen Jahreszins von einem Schilling ein Hausgrundstück von 50 x 100 Fuß zu Erbzinspacht, hatte Nutzungsrechte an der Allmende und genoss Marktfrieden und Zollfreiheit.“[17] Weiterhin hofften vom Land zugezogene Hofhörige, dass sie von dem Recht „Stadtluft macht frei binnen einem Jahr und Tag“[18] profitieren konnten, „wenn der Grundherr in dieser Frist keine Ansprüche mehr stellte, und sie dem städtischen Recht und Gericht sowie dem Stadtherrn unterstellte.“[19]

Infolge des vermehrten Austausches zwischen Land- und Stadtbevölkerung kam es zu einem Aufschwung der Markttätigkeit. Landbewohner verkauften ihre Überschussproduktion an die Stadtbewohner, die auf die Lebensmittel aus dem Umland angewiesen waren. Im Gegenzug erhielten die Landbewohner gewerbliche Produkte aus der Stadt.[20] Erneuerungen im Marktrecht waren die Folge, sodass diese Reformen „in der Verbindung mit Zoll und Münze den Markthandel zwar abgabepflichtig machte, ihn dafür aber beaufsichtigte und ordnete und die erforderlichen Zahlungsmittel in für alle Handlungstreibenden akzeptabler Form bereitstellte […] Marktbesucher und Marktort traten unter königlichen Schutz; der Marktfriede wurde garantiert.“[21] Zum Aufschwung des Handels trug außerdem die Währungsreform um 800 bei, sodass nun Silbermünzen anstatt Gold für den alltäglichen Markt geltend wurden. Dieses war eine Reaktion auf einen weltweiten Wandel im Handel, denn schon 696/697 führte der Kalif Abd al Malik im arabischen Raum eine Münzreform durch, um den Kleinhandel zu fördern.[22] Nach dem Mittelalterarchäologen Heiko Steuer „hatten die politisch maßgebenden Kräfte also erkannt, dass für einen florierenden Handel und Marktbetrieb ein praktikables Münzgeld-System zu etablieren sei (…).“[23] Doch nicht nur die Händler profitierten vom Fortschritt des Marktwesens, auch die gewerbliche Produktion weitete sich aus, denn die Händler garantierten den Handwerkern den nötigen Absatzmarkt. Infolgedessen nahm die Arbeitsteilung zwischen Land und Stadt zu – eine berufliche Differenzierung und Spezialisierung war die Folge.[24] Edith Ennen beschreibt die Situation: „Der Markt macht die Stadt zum zentralen Ort des Wirtschaftslebens (…).“[25] Diese Veränderung der Lokalmärkte übertrug sich außerdem auf eine wie schon zuvor angedeutete weltweite Veränderung im Handel, sodass sich die Handelsbeziehungen auch überregional ausweiteten. So wurde vor allem der Handel mit den arabischen und islamischen Ländern immer bedeutender. Zum einen konnten hier Luxusgüter wie zum Beispiel Seide oder Tabak erworben werden, zum anderen fand ein reger Kulturaustausch statt, der in einem erhöhten kulturellen Niveau resultierte.[26]

Zusammenfassend führten also vor allem das erhöhte Bevölkerungswachstum, die technischen Verbesserungen in der Agrarwirtschaft sowie der Ausbau der Lokal- und Fernmärkte zur Ausweitung der Städte im Hochmittelalter. Natürlich spielten viele weitere Einflüsse wie zum Beispiel der Ausbau der Infrastruktur und des Transportwesens sowie die im 12. Jahrhundert entstehende Bürgergemeinde eine wichtige Rolle, die hier jedoch nicht weiter ausgeführt werden können und sollen.

[...]


[1] Vgl. Jörg Jarnut: Paderborn: Geschichte der Stadt in ihrer Region, Band 1: Das

Mittelalter: Bischofsherrschaft und Stadtgemeinde (Paderborn, 1999), S. 3f.

[2] Vgl. Hans-Werner Goetz: Leben im Mittelalter vom 7. bis zum 13. Jahrhundert (München, 1986),
S. 204-209.

[3] Vgl. Edith Ennen: Die europäische Stadt des Mittelalters (Göttingen, 1987); Heinz-Dieter

Heimann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters (Stuttgart, 1997).

[4] Vgl. Franz Irsigler: „Annäherungen an den Stadtbegriff“, in: Ferdinand Opll (Hg.):

Europäische Städte im Mittelalter (Innsbruck, 2010), S. 15-30.

[5] Vgl. Hagen Keller: „Meinwerk von Paderborn und Heimrad von Hasungen. Spätottonische Kirchenmänner und Frömmigkeitsformen in Darstellungen aus der Zeit Heinrich IV. und Friedrich Barbarossas“, in: Westfälische Zeitschrift 157 (2007), S. 179.

[6] Ebd., S. 181.

[7] Vgl. Jarnut: Paderborn: Geschichte der Stadt in ihrer Region, S. 67f.

[8] Vgl. ebd., S. 12.

[9] Vgl. Christoph Stiegemann und Martin Kroker (Hg.): Für Königtum und Himmelreich.

1000 Jahre Bischof Meinwerk von Paderborn (Paderborn, 2009).

[10] Vgl. Goetz: Leben im Mittelalter, S. 204-207.

[11] Ebd., S. 207.

[12] Vgl. J. C. Russel: Late Ancient and Medieval Population (Philadelphia, 1958), S. 148 (Quelle der

Bevölkerungsstatistik entnommen aus: C. M. Cipolla und K. Borchardt: Europäische

Wirtschaftsgeschichte, Band 1, Mittelalter (Stuttgart, 1983), S. 21).

[13] Vgl. Heimann: Einführung, S. 135.

[14] Vgl. Ennen: Europäische Stadt, S. 78-80.

[15] Ebd., S. 80.

[16] Vgl. Goetz: Leben im Mittelalter, S. 215.

[17] Goetz: Leben im Mittelalter, S. 212.

[18] Ebd., S. 215.

[19] Ebd., S. 216.

[20] Vgl. Ennen: Europäische Stadt, S. 79f.

[21] Entnommen aus: Ebd., S. 80.

[22] Vgl. Heiko Steuer: „Münzprägung, Silberströme und Bergbau um das Jahr 1000 in Europa –

wirtschaftlicher Aufbau und technische Innovation.“, in: Achim Hubel und Bernhard Schneidemüller

(Hg.): Aufbruch ins zweite Jahrtausend. Innovation und Kontinuität in der Mitte des Mittelalters

(Ostfildern, 2004), S. 119.

[23] Ebd., S. 120.

[24] Vgl. Ennen: Europäische Stadt, S. 83f.

[25] Ebd, S. 89.

[26] Vgl. Ennen: Europäische Stadt, S. 89f.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656170785
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192259
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
stadtentwicklung mittelalter beispiel bischofsstadt paderborn bischof meinwerk

Autor

Zurück

Titel: Stadtentwicklung im Mittelalter am Beispiel der Bischofsstadt Paderborn unter Bischof Meinwerk