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Die Bedeutung der Gegenübertragung am Beispiel eines Sandbildes

Bachelorarbeit 2011 100 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

Teil A Theoretischer Teil

2. Psychoanalyse
2.1.1. Von den Anfängen bis zur Gegenwart
2.2. Das Menschenbild nach Freud
2.3. Stellung der Psychoanalyse innerhalb der Wissenschaften
2.4. Grundüberzeugungen der Psychoanalyse

3. Die psychoanalytische Theorie der Gegenübertragung
3.1. Die Entdeckungsgeschichte der Gegenübertragung
3.2. Definition der Übertragung
3.3. Definition der Gegenübertragung
3.4. Definition der Gegenübertragung nach C.G. Jung
3.5. Beispiel zur Übertragung
3.6. Beispiel zur Gegenübertragung
3.7. Formen der Gegenübertragung
3.8. Gegenübertragungswiderstand
3.9. Beispiel zum Gegenübertragungswiderstand
3.10. Die Gegenübertragungsanalyse
3.11. Die Gegenübertragungsbereitschaft
3.12. Die Gegenübertragung als analytische Methode
3.13. Die Gegenübertragung im Bild

4. Sandspieltherapie
4.1. Geschichte der Sandspieltherapie
4.2. Theoretischer Hintergrund der Sandspieltherapie
4.2.1. Das Selbst
4.2.2. Ich-Komplex
4.2.3. Persona
4.2.4. Schatten
4.2.5. Das Unbewusste
4.2.6. Komplexe
4.2.7. Archetypen
4.2.8. Symbolik
4.2.9. Individuation
4.2.10. Das Bild
4.2.11. Kreativität
4.3. Die Methode des Sandspiels
4.3.1. Die Gestaltung des Sandspielraumes
4.3.2. Der Sandkasten als Übertragungsraum
4.3.3. Die Haltung des Therapeuten
4.3.4. Wirksamkeit der Sandspieltherapie
4.3.5. Praktische Durchführung
4.3.6. Therapiebeginn
4.3.7. Verlauf der Stunde
4.3.8. Abschluss der Stunde
4.3.9. Dokumentation
4.3.10. Interpretation
4.3.11. Indikation

Teil B Praktischer Teil

5. Forschungsmethode
5.1. Zum Forschungsstand
5.2. Motivation und Vorgehensweise
5.3. Die Studienteilnehmer
5.4. Qualitative empirische Sozialforschung
5.5. Die Methodentriangulation
5.6. Die schriftliche Befragung
5.6.1. Die Datenerhebung
5.6.2. Die Datenerfassung
5.6.3. Die Datenauswertung
5.7. Das Sandbild
5.7.1. Die Datenerhebung
5.7.2. Die Datenerfassung
5.7.3. Die Datenauswertung

6. Auswertung
6.1. Auswertungsschritte zum Fragebogen nach Kriterien der qualitativen Inhaltsanalyse
6.2. Auswertungsschritte zum Sandbild B
6.3. Hypothesenbildung
6.4. Ergebnisdarstellung

7. Diskussion

8. Weiterführende Fragestellungen

9. Fazit

10. Ausblick

11. Literaturverzeichnis

12. Anhang
12.1. Einladung
12.2. Anleitung zum Experiment
12.3. Einverständniserklärung
12.4. Fragebogen
Fragebogenantworten
12.5. Bildmaterial

1. Einführung

Nur in der Verbundenheit ist der Mensch lebensfähig. Aus dieser Erkenntnis, aufeinander bezogen zu sein, lebt jedes dialogische professionelle Handeln. Auch für die Psychoanalyse ist der Dialog ein wesentliches strukturbildendes Element der Persönlichkeit. Der dialogische Beziehungsaspekt von Übertragung und Gegenübertragung generiert sein Wissen auf eine eigene, subjektorientierte methodische Weise (vgl. Gerspach 2009, S. 17).

Der Begriff der Gegenübertragung entstammt der analytisch orientierten Psychotherapie. In der Heilpädagogik ist die Gegenübertragung ein hochbedeutsamer Faktor im professionellen Umgang mit Menschen, die im Zusammenhang mit Beeinträchtigungen unter erschwerten Bedingungen gefördert und unterstützt werden. Sowohl in der Psychoanalyse wie auch in der Heilpädagogik soll der betreffende Mensch, sei es ein Erwachsener oder ein Kind, dazu befähigt werden, seine Entwicklung selbst zu bestimmen. Hier wird Therapie zu einer Möglichkeit der Heilpädagogik um herauszufinden, welche sozialen Lebenskonstellationen für die psychische Entwicklung eines Menschen ungünstig sind und welche unbewussten Verarbeitungs- bzw. Abwehrformen zu einer psychischen Erkrankung geführt haben. Die Kenntnis der psychoanalytischen Theorie verbessert das Verständnis für die Bedingungen gelingender heilpädagogischer Praxis (vgl. Gerspach 2009).

Die vorliegende Arbeit befasst sich eingehend mit der Gegenübertragung in ihren theoretischen Aspekten. Zugleich soll das Phänomen anhand eines Sandbildes visualisiert werden. „Gegenübertragung ist grundsätzlich unbewusst“ (Reinke 1995, S. 48). Diese Tatsache macht es so schwierig, Gegenübertragungsreaktionen zu erfassen. In der Studie soll das Verständnis des Gegenübertragungsgeschehens vertieft und verdeutlicht werden. Das Sandspiel eignet sich durch seinen bereitgestellten Übertragungsraum im Sand dazu, das Übertragungsgeschehen darzustellen und zu verdeutlichen. Die Probanden der Studie lassen ein vorgelegtes Sandbild A auf sich wirken und reagieren in einem eigenen Sandbild B. Sie besitzen zu dem vorgelegten Sandbild A keinerlei Hintergrundinformation. In der Studie wird die Verbindung von Sandbild A zu Sandbild B untersucht. Hierzu dienen Auswertungskategorien wie auch ein Fragebogen, den die Probanden nach der Gestaltung ihres Sandbildes B ausgefüllt haben. Die Auswertung der Studie befasst sich mit den Ergebnissen der beschriebenen Untersuchung.

Die Hypothese zu der Studie wird in der Annahme formuliert, dass die Probanden zu dem vorgelegten Sandbild A reagieren und diese Reaktion in einem Sandbild B visualisiert werden kann.

Da das Phänomen der Gegenübertragung von Sigmund Freud in seiner psychoanalytischen Theorie entdeckt wurde, wird im theoretischen Teil dieser Arbeit im 2 . Kapitel die Entstehung der Psychoanalyse, ihre Geschichte von den Anfängen bis heute und die psychoanalytische Theorie in ihren Grundzügen erklärt. Im 3. Kapitel wird auf der psychoanalytischen Theorie Freuds aufbauend der Begriff der Gegenübertragung beschrieben und definiert. Insbesondere wird der Umgang mit diesem Phänomen von seiner ersten Erwähnung im Jahr 1909 bis in die Gegenwart hinein dargestellt. Die Sichtweise zur Gegenübertragung zeigt eine historische Entwicklung und hat sich von einem Haupthindernis bis in die heutige Zeit zum mächtigsten Hilfsmittel in der Psychoanalyse verwandelt. In dem Kapitel „die Gegenübertragung im Bild“ wird das Geschehen der Gegenübertragung durch ein Bild in seiner Wirkung auf den Betrachter untersucht. Da die Visualisierung der Gegenübertragung mit Hilfe des Sandbildes durchgeführt wird, geht die Autorin nach der Psychoanalyse im 4 . Kapitel auf die Geschichte, den theoretischen Hintergrund und die Methode des therapeutischen Sandspieles nach D. Kalff ein. Der Leser soll damit einen Einblick in die Eigenschaften und Methoden der therapeutischen Arbeitsweise mit dem Sandspiel erhalten. Es soll für den Leser dabei auch die spezifische Eignung des Sandkastens für die durchgeführte Untersuchung sichtbar werden.

Nach dem theoretischen Teil A der Studie folgt ein praktischer Teil B, in dem die Forschungsmethode, die Vorgehensweise in der Untersuchung, die Datenerhebung und die Methode der Datenauswertung aufgezeigt werden. Nach den Ausführungen zum Untersuchungsablauf folgen die Auswertungsschritte bezüglich des Fragebogens und zum Sandbild. Mit Hilfe von Auswertungskategorien kann die Verbindung von Sandbild A zu Sandbild B in ihrer Gleichheit oder im Unterschied dargestellt und untersucht werden. Danach wird das Datenmaterial anhand von induktiven Hypothesen nochmals überprüft und in einer Ergebnisdarstellung aufbereitet und ausgewertet. In einer zusammenfassenden Auswertung erlaubt die Studie einen Überblick zu dem Ergebnis der Visualisierung von Gegenübertragungsreaktionen im Sandbild.

Die Studienarbeit schließt mit einem Ausblick zur Psychotherapieforschung wie auch zum Umgang mit der Gegenübertragung im heilpädagogischen Berufsfeld.

Die Bedeutung der Gegenübertragung in der Heilpädagogik

In den letzten 40 Jahren haben sich zahlreiche Vernetzungen seitens der Heilpädagogik hin zur Psychologie entwickelt. Zwischen der Heilpädagogik und der Psychologie besteht ein multiperspektivisch angelegtes Verhältnis. Diese Tatsache ist darin begründet, dass Heilpädagogik die Erkenntnisse und methodischen Ansätze der Psychologie braucht. Vor allem die Hervorhebung des subjektiven Erlebens und der psychologische Zugang zum Menschen in beeinträchtigter Lebenslage sind es, die in der Heilpädagogik unabdingbare Grundlagen für professionelles Handeln sind. Man kann deshalb von einer Heilpädagogischen Psychologie sprechen. Sie kann als eigenständiges Fach der Angewandten Psychologie gekennzeichnet werden. Die Übertragung und die hier besonders behandelte Gegenübertragung werden Anfang des 20. Jahrhunderts von Sigmund Freud entdeckt und formuliert. Heute wird die Gegenübertragung als Weg angesehen, um den beeinträchtigten und Hilfe suchenden Menschen besser zu verstehen. Eine Erfassung der Gegenübertragung kann dem heilpädagogisch Tätigen helfen, sich seiner eigenen Regungen und Handlungstendenzen eher bewusst zu werden und sie reflektiert in der Interaktion und Kommunikation mit dem zu betreuenden Menschen einzusetzen. Es ist wichtig, die eigene seelische Dynamik in der Gegenübertragung während der Interaktion mit dem Gegenüber wahrzunehmen, um von einem unbewussten Reaktionsverhalten zu einem professionell bewussten Handeln zu wechseln. Nur wenn diese selbstreflektorische Aufgabe erfüllt wird, kann der heilpädagogisch- Tätige personengerecht mit den Phänomenen der Übertragung und Gegenübertragung umgehen. Ist der professionelle Helfer nicht in der Lage, eigene Gegenübertragungstendenzen als solche zu identifizieren, zu reflektieren und in der therapeutischen Beziehung nutzbar zu machen, trägt die Interaktion mit der betreuten Person weder zur Entlastung noch zur Lösung der belastenden Lage bei.

Die Einbeziehung der Gegenübertragung im täglichen heilpädagogischen Geschehen schützt deshalb nicht nur die eigene psychische Befindlichkeit des heilpädagogischen Helfers vor unbewussten Reaktionen, sie nützt auch der humanistischen Sichtweise, die den betreffenden Menschen besser verstehen und ihn in der Entwicklung seines Selbstkonzeptes unterstützen möchte.

Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag zur Klärung der oben aufgeführten Fragestellung leisten.

Abschließend soll darauf hingewiesen werden, dass in dieser Arbeit meist nur die maskuline Form eines Begriffs wie beispielsweise „der Therapeut“ oder „Analytiker“ verwendet wird. Diese Form wurde aus Gründen der Vereinfachung gewählt und soll keine Diskriminierung darstellen. Die weibliche Form des Begriffs ist im Ausarbeitungsprozess stets mitgedacht worden.

Teil A Theoretischer Teil

2. Psychoanalyse

2.1.1. Von den Anfängen bis zur Gegenwart

Das Werk Sigmund Freuds wird zugänglich und in seiner Logik verständlich, wenn man es auf seinem wissenschaftshistorischen und biographischen Hintergrund betrachtet. Freud absolvierte eine strikt medizinisch-biologische Ausbildung als Arzt und wurde 1902 Professor für Neuropathologie in Wien. Er hat die neurophysiologischen Begrifflichkeiten auch in sein Werk und seine Intentionen eingebracht. Der zentrale Begriff „Neurose“ stammt z.B. aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt: Faser, Sehne oder Nerv. Freud war der Meinung, psychoanalytische Erkenntnisse prinzipiell biologisch begründen zu können. „Das Lehrgebäude der Psychoanalyse, das wir geschaffen haben, ist in Wirklichkeit ein Überbau, der irgend einmal auf sein organisches Fundament aufgesetzt werden soll; aber wir kennen dieses noch nicht“ (Freud 1916-17a; GW XI, S. 403, zit. nach Köhler 2007, S. 24). Freud greift damit über unsere Zeit hinaus in der die Hirnforschung beginnt, emotionale Vorgänge im Gehirn nachzuweisen. Doch soll hier nochmals die historische Entwicklung des psychoanalytischen Verfahrens aufgezeigt werden: Im 19. Jahrhundert wurden Psychosen, Neurosen und andere krankhafte psychische und psychogene Störungen für organische Störungen gehalten, um genauer zu sein, für eine „Degeneration“ des Nervensystems. Diese Degenerierung wurde ursächlich als vererbt angesehen und stieß bei den Ärzten auf Misstrauen und Ablehnung. In der Hysterie sah man meist nur „Simulation“ und „Theater“. Freud ging in anderer Geisteshaltung an diese Phänomene heran. Er war frei von Angst und Ablehnung, dafür aber begierig Unbekanntes zu entdecken. Er wandte sich der Behandlungsmethode der Hypnose zu und verzichtete bei „nervösen Kranken“ auf die damals übliche Elektrotherapie. Während der Hypnose des Patienten konnte er zeitweilig zu den Ursachen der Erkrankung vordringen und mit dem Erinnern der Ursachen verbesserten sich die Symptome. Gemeinsam mit seinem Freund, dem Arzt Josef Breuer veröffentlichte er 1895 dazu eine Arbeit mit dem Titel „Studien über Hysterie“ (vgl. Racker 2002, S.17).

Als Freud in seinen Studien zur Hysterie die Entdeckung machte, dass neurotische Symptome die Folge von verdrängten traumatischen Erinnerungen sind, hätte es nach Descartes nahe gelegen, diese als subpersonale Phänomene zu bezeichnen: Wenn etwas nicht bewusst ist, kann es nur körperlich sein. Freud weicht jedoch von diesem Dualismus ab und siedelt die unbewussten Denkvorgänge im Psychischen an. Mit seinem Konzept der unbewussten Denkprozesse erweitert Freud das Psychische um das Unbewusste. Damit war eine neue Ebene des Forschens erreicht: Das Psychische ist viel umfassender als nur das Bewusstsein. Diese Auffassung eröffnete einen viel weiteren Untersuchungsbereich und stellte andere Erklärungsmöglichkeiten für die unverständlichen Symptome psychischer Erscheinungen bereit. Sie schaffte auch ungeahnte Erweiterungen im Verständnis der Wahrnehmung, des Fühlens und Denkens. Im Psychischen standen fortan nicht nur Bewusstseinsvorgänge wie in der Philosophie, sondern auch unbewusste seelische Denkvorgänge im Mittelpunkt. (vgl. Mertens 2008, S. 63). Bis dahin hatte die Seele keinen anderen Inhalt als das Bewusstseinsphänomen nach René Descartes: „Ich denke, also bin ich“.

Im weiteren Verlauf der Forschung suchte Freud nach einer Methode, um auf die Hypnose zu verzichten. Er drängte seine Patienten darauf, sich ihrer vergessenen Erlebnisse zu erinnern. Dabei entdeckte Freud, dass es eine Kraft gibt, die sich dem Erinnern widersetzt. Die Entdeckung dieser Kraft, die er als Widerstand bezeichnet, führt ihn zu einer einschneidenden Veränderung des Verfahrens. Er stellte für den Patienten die Grundregel auf, dass er dem Arzt alles mitteilen soll, was ihm gerade einfiel und ohne Rücksicht darauf, ob es peinlich, sinnlos oder unpassend ist, darüber zu sprechen. Damit war die Methode des „freien Assoziierens“ entstanden. Der Patient hatte nun selbst dafür zu sorgen, dass er sich ohne inneren Einwand oder kritische Bedenken der freien Assoziation überlässt. In weiterer intensiver Forschungsarbeit entwickelte Freud verschiedene Verfahren zur Behandlung wie die freischwebende Aufmerksamkeit, welche eine innere Haltung des Analytikers bezeichnet und ein Verstehen des Unbewussten erleichtern soll. Er beschäftigte sich intensiv mit der Traumdeutung und entdeckte das Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung. Dabei bildete sich eine analytische Methode heraus, die zu neuen Einsichten in eine vielschichtige Triebstruktur und in unbewusste Antriebskräfte der menschlichen Psyche führte. Diese psychoanalytischen Modelle weiter auszuführen würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Deshalb verweist die Autorin an dieser Stelle notwendigerweise auf eine vielfältige Fachliteratur hin.

Freuds Entdeckung eines „dynamischen Unbewussten“ markiert den Beginn einer Psychologie, die eine enorme Ausweitung der Grenzen des Bewusstseins vornimmt und fortan unter dem Namen der Tiefenpsychologie besteht.

Was nun heute als Psychoanalyse (griech. Psyche: Seele, griech. analysis: Zerlegung in Bestandteile, übersetzt also: Seelenzergliederung) bezeichnet wird, ist eine Koexistenz von verschiedenen Theorie- und Schulrichtungen. Die Psychoanalyse gibt es nicht mehr. Stattdessen haben sich Richtungen herausgebildet, die unterschiedliche Auffassungen haben bezüglich des Unbewussten, des Einflusses der Sozialisation und vieler anderer behandlungstechnischer Modalitäten. Dennoch lassen sie sich immer noch als psychoanalytische Methoden verstehen.

Dazu gehören zum Beispiel die ichpsychologische Richtung nach Anna Freud, die Objektbeziehungstheorie nach Winnicott, die Selbstpsychologie nach Kohut oder die interpersonelle Psychoanalyse, um nur einige zu nennen. Diese Richtungen sollen hier nur angedeutet werden, um zu zeigen, dass die Psychoanalyse heute mit vielen Zungen spricht (vgl. Mertens 2008, S. 15).

2.2. Das Menschenbild nach Freud

In Freuds Anthropologie ist der Mensch ein durch und durch konfliktträchtiges Wesen. In unzähligen Alltagssituationen prallen der kindliche Triebwunsch und die elterliche Erziehungshandlung intrapsychisch aufeinander. Freud entwickelte eine Triebtheorie, nach der die Libido, also sexuelle Triebimpulse und Todestrieb, als Triebdualismus aufeinander stoßen. Sie gelten als der Motor jeglichen Handelns. Schon das Kind muss aber auf seine sexuellen und aggressiven Impulse verzichten lernen, da sie nicht mit den Moralvorstellungen der Eltern übereinstimmen. Wenn dieser Verzicht nicht gelingt oder auch aus Angst wegen der zu erwartenden Strafe von den Eltern kommt es zu einer Verdrängung dieser Impulse. Die elterlichen Forderungen und Gebote werden allmählich verinnerlicht: als psychische Strukturen entstehen dabei das Über- Ich und das Ich-Ideal, welche nun die Triebstrukturen intrapsychisch regulieren. Die unbewussten Phantasien sind aber nach wie vor in unterschiedlichem Umfang wirksam. Ist der Aufforderungscharakter der äußeren Realität stark genug, kann es zu verdrängten Triebimpulsen kommen, die sich oftmals in einem Symptom von psychischer Störung zeigen. Das Symptom stellt letztlich eine Kompromissbildung aus dem verdrängten Triebwunsch und dem Verbot des Über-Ich dar. Diese Konflikttheorie der Psychoanalyse ist nach wie vor Bestandteil ihres ganzen Theoriegebäudes. Um eine emotionale Ausgeglichenheit zu erreichen, muss nach Freud jeder Mensch den Weg der psychoanalytischen Wahrheitssuche gehen. Seiner Ansicht nach erzwingt die Gesellschaft, insbesondere das Militär und die Kirche, die Unterdrückung von Affektäußerungen und Triebimpulsen, sodass keinem Menschen die Notwendigkeit erspart bleibt, sich mit der Geschichte seiner eigenen Unterdrückung auseinanderzusetzen. Dass die Wahrheit je nach dem eigenen gelebten Leben und je nach Gesellschaft, in der man sich befindet, auch bedrückend sein kann und nicht nur Freude verheißt, mag einleuchtend sein. Die Abwehr unliebsamer Erinnerungen lassen den Menschen vorerst besser schlafen als die eifrige Gewissenserforschung. Dennoch bleibt das Ziel psychoanalytischer Reflexion letztlich immer eine unerbittliche Wahrheitssuche. Nur in diesem Bemühen kann nach Freud ein friedliches Zusammenleben erreicht werden, denn es sind in erster Linie die verdrängten und verstümmelten Gefühle, die zu Regungen wie Rachsucht, Eifersucht, Neid, Habgier u.a.m. führen. Analytiker können ihren Patienten nicht zu einem rundherum zufriedenen und glücklichen Leben verhelfen. Sie können jedoch den Menschen dabei unterstützen, sich zu entscheiden, das zu tun, was sie wirklich wollen und nicht etwas zu tun, wozu sie sich getrieben fühlen. Damit hilft die Psychoanalyse nicht nur, lebensbeeinträchtigende Symptome zu lindern sondern auch den Entscheidungsspielraum einer Person zu erweitern. Menschliches Handeln folgt nicht nur rationalen Vorsätzen, es ist durch sinnliches Begehren und durch Emotionen motiviert. Denken ohne Affekt ist in der Regel nicht möglich. Dieser ganzheitliche Zugang zum Menschen wird von der Psychoanalyse in all ihrer Verschiedenheit bis heute vertreten (vgl. Mertens 2008, S. 18).

2.3. Stellung der Psychoanalyse innerhalb der Wissenschaften

Freud stellt im Rahmen der 35. Vorlesung in einer seiner letzten großen Schriften, der „Neuen Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“, die von ihm begründete Disziplin ausdrücklich in den traditionellen Wissenschaftsrahmen: Die Psychoanalyse, ein Zweig der Psychologie sei „ganz ungeeignet“ eine eigene Anschauung zu bilden, sie müsse die der Wissenschaft annehmen. „Die Psychoanalyse hat ein besonderes Anrecht, hier das Wort für die wissenschaftliche Weltanschauung zu führen, weil man ihr nicht den Vorwurf machen kann, dass sie das Seelische im Weltbild vernachlässigt habe. Ihr Beitrag zur Wissenschaft besteht gerade in der Ausdehnung der Forschung auf das seelische Gebiet. Ohne eine solche Psychologie wäre allerdings die Wissenschaft sehr unvollständig […]“

(Freud 1933a; GW XV, S. 171 ff., zit. nach Mertens 2008, S.23). Die Einführung des Unbewussten erweist sich damit als Voraussetzung zu einem psychoanalytischen Wissenschaftsverständnis. Das Bedürfnis nach Erklärung eines psychologischen Sachverhalts teilt die Psychoanalyse mit anderen Wissenschaften, insbesondere mit der Psychologie. Wie keine andere Wissenschaft jedoch interessiert sie sich für die Innenwelt des Menschen und deren biographische Bedeutung. Sie thematisiert ausdrücklich die unbewussten Absichten und sucht den Ausgangspunkt der Bedeutungen für bestimmte Handlungen des Menschen. Freud fasste die Psychoanalyse deshalb als Reflexionswissenschaft auf, die von der konkreten Lebenspraxis des Menschen, seinem konkreten Alltag ausgeht und kraft kritischer Reflexion verändernd auf Symptome der Entfremdung einzuwirken vermag (vgl. Mertens 2008, S. 103). Freud sieht den Menschen jedoch auch als biologisches Wesen an, dessen Handeln physiologischen, sozialen, ökonomischen und anderen Regelmäßigkeiten folgt.

Nach Stemmer-Lück (2004) lässt sich die Psychoanalyse in ein System zwischen den Wissenschaften von Psychologie, Soziologie und Biologie ansetzen. Die Psychoanalyse stehe im Spannungsfeld dieser drei Wissenschaften, ohne mit einer dieser Richtungen identisch zu sein. Der Bezug zur Biologie ergibt sich aus der Natur des Menschen, die von Reifungsprozessen, Wünschen und Trieben und von seiner Entwicklung im Allgemeinen bestimmt ist. Der Mensch ist nicht zu verstehen, ohne auch die biologischen Faktoren mit einzubeziehen. Die Soziologie stellt den Menschen in seinem Bezug zur Umwelt dar. Gesellschaftliche Strukturen wie Kindergarten, Schule, Gesundheitssystem u.v.m. wirken sich auf die Bildung der psychischen Strukturen aus. Der Mensch ist nur dann zu verstehen, wenn sein Milieu, seine Umgebung und seine Interaktion mit der Umwelt einbezogen werden. Der Bezug zur Psychologie wurde schon erwähnt. Wie die Psychologie beschäftigt sich die Psychoanalyse mit dem menschlichen Erleben und Verhalten. Die „akademische Psychologie“ beobachtet jedoch überwiegend auf der Basis von statistisch und experimentell gesicherten Daten. Dadurch kann die Komplexität und Kompliziertheit des Menschen reduziert werden. Der Zugang der Psychoanalyse ist traditionsgemäß eher ein hermeneutischer Prozess. Gesetzesmäßige unbewusste Abläufe im Menschen und die Beziehungsgestaltung zwischen den Menschen sollen systematisch erschlossen und verstanden werden.

Die Psychoanalyse steht also im Spannungsfeld der drei genannten Disziplinen und möchte dem Menschen und seiner Wirklichkeit nahe kommen (vgl. Stemmer-Lück 2004, S.16 f.).

2.4. Grundüberzeugungen der Psychoanalyse

Auch wenn sich die Psychoanalyse schon seit einiger Zeit in verschiedene Richtungen entwickelt hat, so haben doch alle ihren Ausgangspunkt in Freuds Denken und teilen gewisse Grundüberzeugungen. Alle psychoanalytischen Theorien sind der Einstellung verpflichtet, dass es ein dynamisches Unbewusstes gibt, das einen wirksamen Einfluss auf unser Erleben und Verhalten ausübt. Im Zusammenhang mit der menschlichen Entwicklung ist es bedeutsam, dass die ersten Lebensjahre, insbesondere die Erfahrungen mit Eltern, Geschwistern und anderen Bezugspersonen von großer Bedeutung für die spätere Entwicklung sind. Die Theoretiker stimmen weiterhin darin überein, dass Kinder verschiedene Phasen oder Stufen durchleben und eine immer komplexer werdende psychische Struktur ausbilden. Es besteht auch Einigkeit über die Möglichkeit eines Zugangs zum Unbewussten. Mit Hilfe des Studiums von Träumen, Übertragungsphänomenen und anderen psychologischen und pathopsychologischen Erscheinungen kann die unbewusste Dynamik eines Menschen erschlossen werden. Sinnlos erscheinende Phänomene, sei es eine Fehlleistung, ein Symptom oder ein Leidenszustand, weisen einen Sinn auf, auch wenn dieser lange Zeit verborgen bleiben mag und meist nur durch die psychoanalytische Methode aufgedeckt werden kann. Handlungen, die als unsinnig, absurd oder gar quälend und Leiden verursachend erscheinen, weisen ebenso eine Absicht oder ein Motiv auf wie bewusste Handlungen, deren Sinn unmittelbar einleuchtet. Den unbewussten Sinn einer Handlung mit seiner subjektiven Bedeutung zu verstehen, ist das Ziel jeder psychoanalytischen Behandlungsmethode (vgl. Mertens 2008, S. 17).

3. Die psychoanalytische Theorie der Gegenübertragung

Nachdem der Begriff der Psychoanalyse in seinen Grundzügen erklärt wurde, kann nun zur Theorie der Gegenübertragung selbst übergegangen werden. Die historische Entwicklung des Begriffs kann zeigen, dass er im Laufe der Jahrzehnte eine Wandlung vollzogen hat von einem störenden Hindernis zu einem wertvollen diagnostischen Instrument. Es steht außer Frage, dass Übertragung und Gegenübertragung eine Einheit bilden und es eine Gegenübertragung ohne Übertragung nicht gibt. Die Übertragung wird in den Ausführungen jedoch einen geringeren Teil einnehmen, da der Schwerpunkt der Ausführungen auf der Gegenübertragung liegen soll.

3.1. Die Entdeckungsgeschichte der Gegenübertragung

Wie der Begriff der „Übertragung“ ist auch die „Gegenübertragung“ eine Wortschöpfung Sigmund Freuds. Das Wort taucht erstmalig im Jahre 1909 in einem Brief an C.G. Jung auf, der sich mit einer Patientin in eine Liebesbeziehung verstrickt hatte. Verständnisvoll rät Freud seinem jüngeren Kollegen, sich jene „nötige harte Haut“ wachsen zu lassen, mit deren Hilfe es gelinge, „der Gegenübertragung, in die man doch jedes Mal versetzt“ werde, „Herr“ zu werden (Freud-Jung Briefwechsel 1974, S. 255, zit. nach Oberhoff 2009, S. 112). Freuds Beschäftigung mit dem Konzept der Gegenübertragung als emotionalem Vorgang im Analytiker - analog zum primären Begriff der Übertragung als psychischem Vorgang im Patienten - war ursächlich möglicherweise ausgelöst durch die Schwierigkeiten seiner ersten Schüler Jung und Ferenczi in der psychoanalytischen Behandlung. Die Frage des Umgangs mit bestimmten erotisch- sexuell getönten Formen der Übertragung, die für den Analytiker eine entsprechende Distanzierung, Verarbeitung und Bewältigung der eigenen emotionalen Verstrickung erforderte, beunruhigte Freud. Boten doch diese Formen der so genannten Liebesübertragung, die für den Analytiker verständlicherweise oft schwer zu bewältigen, heftig und verführerisch zugleich waren, eine Angriffsfläche für die damaligen zahlreichen Feinde der Psychoanalyse. Freud setzte sich in seinem Vortrag auf dem zweiten Privatkongress der Psychoanalytiker (30./31.3.1910) in Nürnberg mit der Gegenübertragung als behandlungstechnischem Problem auseinander:

„Wir sind auf die Gegenübertragung aufmerksam geworden, die sich beim Arzt durch den Einfluss des Patienten auf das unbewusste Fühlen des Arztes einstellt, und sind nicht weit davon, die Forderung zu erheben, dass der Arzt diese Gegenübertragung in sich erkennen und bewältigen müsse. Wir haben, seitdem eine größere Anzahl von Personen die Psychoanalyse üben und ihre Erfahrungen untereinander austauschen, bemerkt, dass jeder Psychoanalytiker nur soweit kommt, als seine eigenen Komplexe und inneren Widerstände es gestatten, und verlangen daher, dass er seine Tätigkeit mit einer Selbstanalyse beginne, und diese, während er seine Erfahrungen an den Kranken macht, fortlaufend vertiefe. Wer in einer solchen Selbstanalyse nichts zustande bringt, mag sich die Fähigkeit, Kranke analytisch zu behandeln, ohne weiteres absprechen“ (Freud 1911, S. 108, zit. nach Dittrich 1995, S. 9).

Freud erlebte also das, was er Gegenübertragung nannte, als eine unheilvolle Verstrickung des Arztes in die Beziehung zum Patienten. Diese Verstrickung bedeutete für ihn zugleich ein Hindernis bei der Erfüllung der therapeutischen Aufgabe. Das naturwissenschaftliche Ideal, den Analytiker als objektiven und neutralen Beobachter zu erleben, war nicht mehr zu halten. Er gab deshalb die Devise aus: “Die Gegenübertragung jedes Mal erkennen und überwinden, erst dann ist man ein freier … Was man dem Partner gibt, soll niemals unmittelbarer Affekt, sondern stets bewusst zugeteilter sein“ (Freud am 20.03.1913, zit. nach Oberhoff 2009, S. 112). Dementsprechend bestand wenig Neigung, sich wissenschaftlich mit dem Phänomen der Gegenübertragung auseinanderzusetzen. Fast 40 Jahre lang dauerte es, in denen die Übertragung des Patienten als ein ausschließlicher intrapsychischer Vorgang angesehen wurde, dem der Therapeut möglichst neutral und unbeeinflussend gegenüber sitzen sollte. Um das Jahr 1950 ist nun eine entscheidende Wende eingetreten. Nach Jahren der Ruhe erwachte ein lebhaftes Interesse an dem Phänomen der Gegenübertragung. Die bekannteste Repräsentantin einer fast euphorischen Aufwertung der Gegenübertragung ist Paula Heimann. Sie markiert in ihrem 1950 erschienenen Aufsatz „On Countertransference“ nach Thomä und Kächele (1985) die Verwandlung der Gegenübertragung vom „Aschenputtel zur strahlenden Prinzessin“. In ihrer zentralen These schreibt sie, “dass die emotionale Antwort des Analytikers auf seinen Patienten innerhalb der analytischen Situation eines der wichtigsten Werkzeuge für seine Arbeit darstellt. Die Gegenübertragung des Analytikers ist ein Forschungsinstrument im Hinblick auf das Unbewusste des Patienten“ (Heimann 1950, S. 180). Und weiter schreibt sie: „[…] Unsere grundlegende Annahme ist, dass das Unbewusste des Analytikers das des Patienten versteht … Aus dieser Perspektive betone ich, dass die Gegenübertragung nicht nur wesentlicher Bestandteil der analytischen Beziehung ist, sondern sie ist die Schöpfung des Patienten, sie ist Teil der Persönlichkeit des Patienten“ (Heimann 1950, S. 181). Die positive Auswirkung des Gegenübertragungskonzeptes von P. Heimann bestand darin, dass man sich nun differenzierter mit diesem Werkzeug des Unbewussten auseinandersetzte. Auch Racker befasste sich 1959 mit den typischen auftretenden Identifizierungsformen des Analytikers. Indem die Psychoanalytiker in den folgenden Jahrzehnten immer offener wurden, sich von den unbewussten Kommunikationsvorgängen in der analytischen Situation „stören“ und „irritieren“ zu lassen, entdeckten sie, dass Übertragungsvorgänge den Analytiker mitunter aufforderten, eine Rolle aktiv zu übernehmen. Bei Sandler, Dare und Holder (1973) wird auf diese Beobachtung hingewiesen: „Wir kamen zu dem Schluss, […] dass zu den Übertragungsphänomenen auch die unbewussten (oft subtilen) Versuche gehören, Situationen mit anderen herbeizuführen oder zu manipulieren, die eine verhüllte Wiederholung früherer Erlebnisse und Beziehungen sind […]“ (Sandler, Dare, Holder 1973, S. 43, zit. nach Oberhoff 2009, S. 120). Der Analytiker ist also nicht nur passiv, ausschließlich reagierendes Instrument. Er soll nach Sandler die vom Analysanden an ihn herangetragene unbewusste Rollenanweisung annehmen. Damit entsteht ein „Handlungsdialog“, bei dem der Analytiker ein Stück weit mitagiert. Es kann eine „Übertragungs-Gegenübertragungsszene“ hergestellt werden. Das Mitagieren des Analytikers wird nun in einem neuen Licht betrachtet. Es ermöglicht die Wiederholung eines inneren Konflikts, der in der Wiederinszenierung Gestalt annehmen kann. Ein innerer Konflikt kann damit über zwei Personen externalisiert werden (vgl. Oberhoff 2009, S. 121). Hier drückt sich eine Entwicklung aus, die nach dem zweiten Weltkrieg stattgefunden hat. Es ist inzwischen bekannt, dass es nicht möglich ist, auf die Übertragungen des Patienten neutral zu reagieren. Indem sich der Analytiker in die innere Objektwelt des Patienten einfühlt, kann er mit Hilfe der Gegenübertragungsgefühle einen Eindruck von bestehenden inneren Konfliktspannungen des Patienten gewinnen. Damit wird die Gegenübertragung gleichsam zu einem Resonanzkörper, der mit den psychischen Konstellationen des Analysanden mitschwingt. Freuds Konzept der Gegenübertragung ist insofern überholt, als es die positiven Chancen der Gegenübertragungsreaktion als eines hilfreichen Diagnoseinstrumentes noch nicht erkannt hat. Thomä gibt bezeichnenderweise zu diesem Thema einer Aufsatzsammlung den Untertitel „Vom spiegelnden zum aktiven Analytiker“ (1981, zit. nach König 2004, S. 124). War bei Freud die Gegenübertragung eine Reaktion des Analytikers, die kontrolliert und überwunden werden musste, so erkennt Thomä an, dass der Analytiker in der therapeutischen Situation aktiv an der Übertragung des Patienten teilnimmt.

3.2. Definition der Übertragung

Freud entdeckte die Übertragung als klinisches Phänomen bei seiner Suche nach einer Behandlungsmethode psychisch Kranker mit psychotherapeutischen Mitteln. Die Übertragungsprozesse sind so alt wie die Menschheit selbst, dennoch wurden sie erst 1895 zum ersten Mal in den „Studien über Hysterie“ von Freud erwähnt. Es dauerte weitere 10 Jahre, bis Freud den tieferen Sinn und den psychotherapeutischen Wert erkannte und sich dieses psychische Phänomen vom ehemals “größten Hindernis“ zum „mächtigsten Hilfsmittel“ (Freud 1905, zit. nach Oberhoff 2009, S. 15) der therapeutischen Arbeit verwandelte. Die Übertragung wurde zu einem Grundpfeiler der Psychoanalyse in der Wissenschaft und der Krankenbehandlung. Die Übertragung ist definitorisch schwer zu fassen, weil sie in mehrfacher Hinsicht ein Übergangsphänomen ist. Selbstverständlich gehört zur Übertragung die Gegenübertragung. Indem hier ein Begriff herausgenommen wird, wird der andere vernachlässigt. Als Übertragung gelten seit Freud (1985d, 1900a, zit. nach Mertens 2008a, S. 799) im weitesten Sinne alle Phänomene der subjektiven Bedeutungszuschreibung innerhalb einer Begegnung mindestens zweier Menschen. Freud hatte zwei entscheidende Kriterien für die Definition der Übertragung genannt: 1. die Wiederholung der Vergangenheit in der Gegenwart und 2. die Verzerrung der Realität.

In dem allgemeinen Verständnis von Übertragung werden die frühen Objektbeziehungen übertragen. In der Gegenwart der Analytiker- Patient- Beziehung wird die unbewusste Objektbeziehung in Szene gesetzt. Die Inszenierung der Beziehungserfahrungen und –wünsche in der Übertragung wird zu einem viel aufschlussreicheren Mittel für die Darstellung des Analysanden als seine bewussten Mitteilungen. Dem Analytiker wird es möglich, sich ein Arbeitsmodell seines Patienten zu entwerfen, wozu nicht nur das gesammelte Wissen zu seinem Umfeld und zu seiner Biographie, sondern auch die Reaktionen des Patienten auf für ihn wichtige Personen in der Gegenwart gehören. Die wichtigste Informationsquelle zur inneren Befindlichkeit des Patienten bleibt die unmittelbar erfahrene Übertragung in der Gegenwart, von der Freud sagt: „Der Analysierte erinnere überhaupt nichts von dem Vergessenen und Verdrängten, sondern er agiere aus. Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, dass er es wiederholt“ (Freud 1914g, S. 129, zit. nach Mertens 2008, S. 55). Damit wiederholt und repräsentiert die Übertragung in der therapeutischen Situation viele frühere Entwicklungsereignisse aus der psychischen Geschichte des Patienten, um sie dem bewussten Erleben wieder zugänglich zu machen und eine Heilung zu ermöglichen.

3.3. Definition der Gegenübertragung

Freud definierte die Gegenübertragung als den „Einfluss des Patienten auf das unbewusste Fühlen des Arztes“ (1910d, S. 108, zit. nach Mertens 2008a, S. 234). Das Phänomen erhält in Freuds Werk eine vergleichsweise geringe Würdigung, wenngleich er in einem Vortrag zur Zwangsneurose 1913 sagt:

„Aber ich habe nicht ohne Gründe behauptet, dass jeder Mensch in seinem eigenen Unbewussten ein Instrument besitzt, mit dem er die Äußerungen des Unbewussten beim anderen zu deuten vermag“ (1913a, S.445, zit. nach Reinke 1995, S. 11). Es dauerte jedoch noch fast 40 Jahre, bis die Gegenübertragung ihr „negatives Gesicht“ verlor. War die Gegenübertragung bis dato eine mehr oder weniger starke neurotische Reaktion des Analytikers, die tunlichst vermieden werden sollte, so wird sie nun zum A und O der analytischen Beziehung (vgl. Thomä & Kächele 1985, S. 183).

Die Auffassung zur Gegenübertragung hat wie bereits erwähnt, seit 1950 eine massive Wende vom störenden Hindernis zum helfenden Diagnoseinstrument erfahren. Es ist eine fast euphorische Aufwertung der Gegenübertragung festzustellen. Die bekannteste Repräsentantin dieser neuen Bewegung ist Paula Heimann. Sie definiert Gegenübertragung wie folgt: Gegenübertragung umfasst alle Gefühle, die der Analytiker in Bezug auf seinen Patienten in der analytischen Situation erleben kann (vgl. Heimann 1950, S. 180).

Nach Reinke (1995) schließt der Begriff der Gegenübertragung den Begriff der Übertragung des Analytikers auf seinen Patienten mit ein. Er bezieht sich auf einen dem Analytiker zunächst unbewussten Zusammenhang, der in seinen Gefühlen Ausdruck findet. Es ist wichtig, diese Tatsache zu betonen sowie auch die daraus folgende Tatsache, dass der Analytiker seine Gegenübertragung zunächst nicht versteht. Sie schreibt: „Gegenübertragung ist grundsätzlich unbewusst “ (vgl. Reinke 1995, S. 48).

Bollas (1987, zit. nach Oberhoff 2009, S. 187) formuliert diesen Zustand folgendermaßen: „Gegenübertragung ist ein Zustand, in dem ich erfahre, ohne zu wissen…“.

Der britische Kinderarzt D.W. Winnicott differenzierte und beobachtete innerhalb der Gegenübertragung folgende drei Aspekte:

1. die emotionale Antwort auf die Übertragung, 2. die verarbeitete Antwort und 3. die Restgegenübertragung des Therapeuten, die auch als Übertragung der professionellen Person bezeichnet wird. Zu einem gewissen Teil nimmt der Analytiker teil an der Objektbeziehung, die der Klient aufgebaut hat und in der Übertragung wiederholt. Dadurch erhält er die Möglichkeit, die Eigenschaften der Objektbeziehungen genau zu beobachten und die enthaltenen Gefühle zu verarbeiten. Im Winnicottschen Sinn wäre dies die Anwendung der „Objektiven Gegenübertragung“. Er versteht darunter die reife empathische Antwort auf die Übertragung des Patienten (vgl. Stemmer-Lück 2004, S. 103). In der gegenwärtigen Psychoanalyse wird die Gegenübertragung als Manifestation dessen betrachtet, was im Patienten nicht verarbeitet werden kann und im Analytiker durch Gegenübertragungsgefühle seinen Ausdruck findet. Dieser erhält damit eine Container-Funktion, die von Bion (1962, zit. nach Mertens 2008a, S. 237) weiter ausformuliert wurde. Die Interpretation dieses interpersonellen Prozesses unter dem Aspekt der intrapsychischen Situation des Patienten stellt den Kern des heutigen psychoanalytischen Umgangs mit der Gegenübertragung dar.

3.4. Definition der Gegenübertragung nach C.G. Jung

An dieser Stelle soll noch die Auffassung von C.G. Jung zur Gegenübertragung erwähnt werden. Beide, Übertragung und Gegenübertragung, haben in der Analytischen Psychologie C.G. Jungs einen besonderen Stellenwert. Jung betonte die Gegenseitigkeit im Übertragungsgeschehen. Seiner Meinung nach entwickelt sich neben der therapeutischen Beziehung immer auch eine menschliche: “Denn, wie man es drehen und wenden mag, die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist eine persönliche Beziehung innerhalb der ärztlichen Behandlung. Es ist mit keinem Kunstgriff zu vermeiden, dass die Behandlung das Produkt einer gegenseitigen Beeinflussung ist, an welcher das ganze Wesen des Patienten sowohl wie das des Arztes teilhat“ (Jung, GW 16, § 163, zit. nach Gontard 2007, S. 110). In der therapeutischen Beziehung finden also nicht nur intrapsychische Prozesse bei dem Patienten statt, sondern es finden auch interpersonell zwischen Patienten und Therapeuten zahlreiche Interaktionen statt, die nach Jung bewirken, dass sich sowohl der Patient als auch der Therapeut in ihrem Innersten wandeln.

3.5. Beispiel zur Übertragung

Das Vorkommen der Freudschen Übertragung lässt sich in Beispielen am besten erläutern. Hier wird ein Beispiel aus dem therapeutischen Setting angeführt. Übertragungen kommen jedoch genauso im Alltagsleben vor und stellen eine Fähigkeit dar, um Beziehungen herzustellen:

In einer Sitzung drehen sich die Einfälle eines Patienten, der bei einer Analytikerin in Behandlung ist, um seine Beziehungen zu Frauen. Er erzählt von den Versagungen und Zurückweisungen, die er erlitten hat, und spricht von seiner Unfähigkeit, Beziehungen zu gebildeten Frauen anzuknüpfen. Es zeigt sich, dass er einer Frau gegenüber die Neigung spürt, sie sadistisch zu behandeln und zu erniedrigen (vgl. Racker 2002, S. 171).

Hier wird sichtbar, dass das Bild der versagenden und zurückweisenden Frau auf die Analytikerin übertragen wird. Der Analysand befürchtet eine Zurückweisung und misstraut ihr. Er äußert zugleich seine Befürchtung, auf Grund seines Sadismus von ihr abgelehnt zu werden. In einer tieferen Schicht fürchtet er die Ablehnung einer Frau, die einstmals seinen Sadismus geweckt hatte. Damit könnte die Übertragungssituation gedeutet werden. Nach Racker (2002) kann die Situation noch tiefer verstanden werden. In der Äußerung des Patienten ist auch die Frage an die Analytikerin enthalten, ob er sich ihr anvertrauen könne, ohne in die Gefahr zu geraten, wieder enttäuscht zu werden. Die erste Deutung bezieht sich auf die Wiederholung vergangener Erlebnisse, die zweite Deutung bezieht sich auf das noch nie da Gewesene, auf das von der Analyse Erhoffte. Der Patient formuliert darin eine prospektive Zielrichtung seiner Analyse. Racker spricht hier von der „totalen Übertragung“, weil in ihr gleichzeitig eine Hoffnung, ein Wunsch des Analysanden ausgedrückt wird (Racker 2002, S. 171).

3.6. Beispiel zur Gegenübertragung

Hier soll eine Situation geschildert werden, wie sie häufig vor und nach analytischen Sitzungen vorkommt:

Zu Beginn der Sitzung, bereits bei der Begrüßung, bemerkt der Analytiker, dass der Patient bedrückt ist, und empfindet ein leichtes Schuldgefühl; sogleich fällt ihm die letzte Sitzung ein, in der er den Patienten enttäuscht hatte, und er erfasst so unmittelbar, woher die Bedrücktheit kommt. Er weiß es schon bevor er es aus den Einfällen des Patienten schließen kann (Racker 2002, S. 168).

Die Beobachtung der eigenen Einfälle, besonders der Gegenübertragungseinfälle vor und nach den Sitzungen, kann dem Analytiker wichtige Hinweise zum Verstehen der analytischen Situation geben (vgl. Racker 2002, S. 168).

Störungen, wozu auch auftauchende Fantasien oder Schuldgefühle zählen, sind als Widerhall oder Echo auf eine unbewusste psychische Konstellation beim Gegenüber aufzufassen. Wenn ein Mensch gelernt hat, die Auswirkungen des Unbewussten seines Gegenübers nicht zu fürchten, sondern sich von ihnen „stören“ zu lassen, kann er sie als Informationen zu dem Unbewussten seines Gegenübers nutzen (vgl. Oberhoff 2009, S. 118). Zuletzt soll eine witzige Episode geschildert werden, die aus Devereux´s Fallmaterial (1967) stammt:

Eine Hausfrau aus Nebraska sagt zu ihrem Mann: “ Wenn einer von uns stirbt, ziehe ich nach Los Angeles.“

Der Mann könnte nun ärgerlich auf die darin enthaltene Logik hinweisen, dass es ja auch sie sein könnte, die als erste stirbt. Könnte er den Ärger jedoch tiefer in sich einfließen lassen und seinen Ärger wie auch den Widerhall seiner Empfindungen verspüren, würde er die unbewusste Botschaft seiner Frau verspüren, die so zu verstehen ist: “Ich wünschte, du wärest tot, so dass ich nach Los Angeles ziehen könnte“ (Devereux 1967, S. 339, zit. nach Oberhoff 2009, S. 119).

3.7. Formen der Gegenübertragung

In den Gegenübertragungsgefühlen des Analytikers lassen sich verschiedene Arten der Identifikation mit der Übertragung des Patienten erkennen und unterscheiden. Hier sollen nur einige Identifikationsformen erwähnt werden, um einen Einblick zu ermöglichen. In der Fachliteratur bei Karl König (2004) und Racker (2002) sind die Identifikationen der Gegenübertragung noch genauer und differenzierter aufgeführt.

Racker (2002) unterscheidet zwei verschiedene Gegenübertragungsreaktionen des Analytikers gegenüber seinem Analysanden: die konkordante und die komplementäre Identifizierung. Bei der konkordanten Identifizierung fühlt sich der Analytiker wie der Patient in der zugrunde liegenden Ursprungssituation. Die Inszenierung dieser Gegenübertragungssituation teilt dem Analytiker mit, wie sich der Patient in der vergangenen Ursprungssituation fühlte.

In der komplementären Identifizierung fühlt sich der Analytiker wie das Übertragungsobjekt. Wenn der Analysand den eigenen Vater als sehr autoritär erlebte, kann er dem Analytiker ebenfalls das Gefühl vermitteln, sehr autoritär zu sein, bzw. er könnte ihn zu autoritären Handlungen veranlassen und bestätigt damit seine Erwartung und Befürchtung, dass der Analytiker genau so autoritär wie sein Vater ist. Diese Art der identifizierenden Einfühlung erlaubt dem Analytiker einen Einblick in die innere Repräsentanzenwelt und die konflikthaften Beziehungen des Patienten (vgl. Oberhoff 2009, S.116).

Weiter unterscheidet Racker (2002) zwischen der direkten und indirekten Gegenübertragung. Bei der direkten Gegenübertragung reagiert der Analytiker auf den Patienten als Person. In der indirekten Gegenübertragung reagiert der Analytiker mehr oder weniger auf das Umfeld des Patienten, z.B. auf die Institution, in der er arbeitet oder auf die Bezugspersonen.

Um den Umgang mit Gegenübertragungsgefühlen zu erlernen, sind sowohl eine gründliche Selbsterfahrung des Analytikers innerhalb einer Lehranalyse als auch eine regelmäßige Reflexion mit den eigenen Gegenübertragungsgefühlen von großer Bedeutung.

3.8. Gegenübertragungswiderstand

Solange dem Analytiker der analytische Umgang mit seiner Gegenübertragung gelingt, tritt sie nicht störend oder hemmend in Erscheinung. Sie geht indirekt und verarbeitet in die Interventionen des Analytikers über. Kann er dagegen seine Gefühle, Affekte und Phantasien nicht als Gegenübertragung erkennen und in der Schwebe halten, so ist er in seiner Wahrnehmung zum Patienten getrübt und zu einer Verarbeitung der Gefühle vorerst nicht in der Lage. Ein Gegenübertragungswiderstand liegt dann vor, wenn die subjektiven Resonanzgefühle im eigenen Innern nicht zugelassen und zur Kenntnis genommen werden können. Ein Analytiker kann z.B. Angst vor dem Patienten haben, er kann seine Kritik fürchten, bei manchen Patienten kann der Analytiker gar Angst vor tätlichen Angriffen haben. Der Therapeut kann auch um den Patienten fürchten, z.B. dass der Patient selbstschädigend agiert. Ebenso kann der Therapeut aber auch Gefühle fürchten, die unvermeidlich sind, z.B. den Schmerz einer Trennung (vgl. König 2004, S. 110). Diese Gefühle können alle dazu führen, dass der Analytiker nicht mehr offen seine Gegenübertragungsgefühle erlebt, denn seine Ängste rufen Reaktionen und einen Gegenübertragungswiderstand hervor. Eine weitere Möglichkeit entsteht, wenn der Übertragungswiderstand des Patienten einen entsprechenden Gegenübertragungswiderstand beim Analytiker auslöst. Dann drohen die Gegenübertragungsgefühle in Gegenübertragungsreaktionen umzuschlagen. Der Analytiker beginnt, seine Gefühle durch gegenteilige Gefühle zu ersetzen. Die Phantasien beginnen ins Handeln, oder psychoanalytisch ausgedrückt, in das Agieren umzuschlagen.

Dann verfängt sich der Analytiker in der ihm zugewiesenen Rolle oder er weist sie zurück. In beiden Fällen beginnt sich das Karussell wechselseitiger Übertragungen zu drehen. Die psychoanalytische Situation droht zu einer Wiederholung der ursprünglichen traumatischen Situation zu werden. Deshalb braucht es die Fähigkeit des Analytikers, dass er seine Gegenübertragung als Teil der Interaktion bewusst wahrnimmt und reflektiert (vgl. Müller- Pozzi 2009, S. 37f.).

Der Analytiker muss jedoch nicht nur auf seine Gefühle achten, sondern auch auf das Fehlen von Gefühlen. Wenn Gefühle nicht auftreten, kann das entweder auf ein Fehlen von Gefühlen beim Patienten oder auf die Abwehr von Gefühlen beim Analytiker zurückzuführen sein. So ist für den Analytiker das Erkennen von Gegenübertragungswiderständen wichtig. Für ihn gilt, dass er sich seine eigenen Widerstände verdeutlichen muss, indem er Gefühle und Reaktionen, die der Patient bei ihm auslöst, zu erkennen und aufzulösen versucht (vgl. Mertens 2008, S. 56). Freud erwähnte den Gegenübertragungswiderstand 1912 in seinem ersten behandlungstechnischen Aufsatz: „[…] Wenn der Arzt aber imstande sein soll, sich seines Unbewussten in solcher Weise als Instrument bei der Analyse zu bedienen, so muss er selbst eine psychologische Bedingung in weitem Ausmaße erfüllen. Er darf in sich selbst keine Widerstände dulden, welche das von seinem Unbewussten Erkannte von seinem Bewussten abhalten, sonst würde er eine neue Art von Auswahl und Entstellung in die Analyse einführen, welche weit schädlicher wäre als die durch Anspannung seiner bewussten Aufmerksamkeit hervorgerufene“ (Freud 1912, S. 381/382 zit. nach Dittrich 1995, S. 11).

Damit wird ersichtlich, dass der Analytiker seine Widerstände gut genug kennen sollte, um den Gegenübertragungsgefühlen offen zu begegnen. Später in den 70er Jahren haben Sandler et al. (1973 in Oberhoff 2009, S. 124) darauf aufmerksam gemacht, dass sich Übertragungsphänomene nicht nur intrapsychisch, sondern auch auf der Handlungsebene ausdrücken. Der Analytiker kann dabei durch unbewusste Manipulation von dem Analysanden zur Übernahme einer bestimmten Rolle gedrängt werden, sodass eine Situation des Agierens in der therapeutischen Sitzung entsteht. Wird sich der Analytiker dieses Sachverhalts nicht bewusst, werden sich seine Reaktionen unweigerlich störend auswirken, womit die Bedingungen der Neurose des Patienten wiederhergestellt werden. Der Analytiker kann sich nur befreien, wenn er den Inszenierungsvorgang erspürt und diesen als gegenübertragungsbedingt erkennt. Deshalb ist es also von größter Wichtigkeit, dass der Analytiker in sich ein Ich entwickelt, das seine ständig ablaufenden Gegenübertragungsreaktionen beobachtet (vgl. Racker 2002, S. 158).

3.9. Beispiel zum Gegenübertragungswiderstand

Immer wieder wird von Analytikern aus der Praxis berichtet, welche Gefühle Patienten auslösen, die ihr Gefühl des Ungeliebt- Seins auf eine Weise ausdrücken, dass der Analytiker nach einiger Zeit wirklich das Gefühl bekommt, er würde den Patienten gerne wieder loswerden. Er gerät in eine komplementäre Identifikation nach Racker (2002) und empfindet die Gefühle eines abweisenden Objekts aus der frühen Geschichte des Patienten:

Eine Analytikerin berichtete von einem Patienten, dessen Angstsymptomatik die Angst vor Objektlosigkeit zugrundelag. In der therapeutischen Beziehung suchte er die dringend ersehnte Nähe zu seiner idealisierten Therapeutin auf eine für sie sehr distanzlos und grenzüberschreitend wirkende Weise, indem er z.B., wenn er die erste Stunde hatte, nicht im Wartezimmer der Arztpraxis, sondern vor der Praxistür oder auf der Strasse auf sie wartete oder vor Beginn seiner Stunde schon dicht vor der Tür ihres Behandlungszimmers stand. Die Analytikerin reagierte mit heftigen Gefühlen des Bedrängtseins, der Angst und sogar des Ekels vor ihm und mit dem Impuls, ihn wegzudrängen und loszuwerden- letztlich in die Objektlosigkeit und Einsamkeit, aus der er herkam (vgl. Bettighofer 2010, S.76).

Würde die Analytikerin auf Grund ihrer Angst und ihres Bedrängtseins den Patienten unter einem Vorwand wirklich wegschicken, so hätte sie die Gegenübertragung ausagiert, auf Grund eines eigenen inneren Konfliktes wäre es zu einem Gegenübertragungswiderstand gekommen.

3.10. Die Gegenübertragungsanalyse

Nach König (2004) sollten alle Reaktionen des Therapeuten auf seinen Patienten Gegenstand der Gegenübertragungsanalyse sein. Jeder Analytiker untersteht genauso wie jeder Patient vielfältigen Einflüssen, die sich in einer therapeutischen Sitzung auswirken können. Ein Analytiker, der sich neutraler hält als er ist, wird in der Bearbeitung seiner Gegenübertragung manches übersehen. Die Gegenübertragungsanalyse macht die Reaktionen des Therapeuten verständlich und erklärt ihre Entstehungsweise. Neurotische Reaktionsweisen des Analytikers können genauso diagnostisch genutzt werden wie „normale“, wenn man weiß, unter welchen Umständen sie auftreten, und erkennt, wodurch sie der Patient hervorruft. Der Analytiker sollte also bereitwillig hinnehmen, dass er auch Gefühle verdrängt und diese Reaktionen bearbeiten. Freud sagte einmal, dass seine Schüler es gelernt haben, einen Teil der Wahrheit über sich selbst zu ertragen. Auf dieser Linie bewegt sich die Vertiefung über das Wissen der eigenen Gegenübertragung (vgl. Racker 2002, S. 145). Reinke stellt ihre zentrale These dar, die lautet: „Die Nutzbarkeit von Gegenübertragungsgefühlen als Instrument zur Analyse unbewusster Bedeutungen beim Patienten ist von den selbstanalytischen Fähigkeiten des Analytikers abhängig. Nur auf diesem methodischen Weg können die Abkömmlinge des Unbewussten im Patienten in den Gefühlen des Analytikers verstanden werden“ (1995, S.49). Die Gegenübertragungsanalyse soll das Verständnis des Patienten überprüfen. Auch Paula Heimann schreibt: „Sobald aber die Arzt-Patient-Beziehung zur Bühne wurde, auf welcher der Patient seine heftigen Impulse agiert , weil er unbewusst überzeugt ist, dass sie in Tat und Wahrheit durch die Handlungen und das Verhalten des Analytikers hervorgerufen werden, wurde der Therapeut selbst zum therapeutischen Mittel und brauchte eine spezielle Ausbildung, um sich und seinen Patienten gegen emotionale Verstrickung und gefühlshaftes Reagieren auf das Agieren des Patienten zu schützen“ (1960, S. 486, zit. nach Reinke 1995, S. 56). Spätestens hier wurde deutlich, dass die Ausbildungsstruktur der Psychoanalyse unter der Kontrolle erfahrener Analytiker durchgeführt werden musste. Die Brauchbarkeit von Gegenübertragungsgefühlen des Analytikers für den therapeutischen Prozess hängt also ganz von dessen Fähigkeit ab, diese Gefühle in der Schwebe zu halten und sie in eine Selbstanalyse einzubringen. Diese Fähigkeit kann nur durch den Prozess der Lehranalysen und von Kontrollanalysen erreicht werden, in deren Verlauf der zukünftige Analytiker die Methode erlernt und von der unmittelbaren Anwesenheit der Lehranalytiker unabhängig wird. Diese selbstanalytische Fähigkeit zur Introspektion ist jedoch nicht „ein für alle Mal“ gewonnen. Sie muss im weiteren beruflichen Alltag jeweils neu gesichert werden. Dies kann in zweierlei Formen geschehen, entweder durch gegenseitige Supervision der analytischen Arbeit zwischen Kollegen, auch Intervision genannt oder durch gelegentliche Wiederaufnahme der eigenen Analyse. Damit kann die Gegenübertragung einen wichtigen Erkenntnisweg zum Verstehen des Unbewussten eines Patienten weisen, wenn die selbstanalytischen Fähigkeiten des Analytikers ausreichen, um das zunächst nur Gefühlte dem Verstehen zuzuführen (vgl. Reinke 1995)

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Details

Seiten
100
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656170853
ISBN (Buch)
9783656170655
Dateigröße
7.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192243
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule Freiburg, ehem. Katholische Fachhochschule Freiburg im Breisgau
Note
1,0
Schlagworte
Psychoanalyse Therapeutisches Sandspiel C. G. Jung Gegenübertragung Visualisierung Heilpädagogik

Autor

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Titel: Die Bedeutung der Gegenübertragung am Beispiel eines Sandbildes