Lade Inhalt...

Der Gedanke der Vorsehung bei Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem

Examensarbeit 2012 58 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse der Betrachtungen
2.1 Textanalyse
2.1.1 Struktur und Aufbau
2.1.2 Inhaltliche Gliederung und rhetorische Strategie
2.2 Aufnahme der Betrachtungen im 18. Jahrhundert
2.3 Darstellungen der Betrachtungen in der
heutigen Forschung
2.4 Fazit

3. Vorsehungskonzepte vor Jerusalem
3.1. Exkurs: Wortbestimmung
3.2. Das Vorsehungskonzept bei Augustin
3.3. Das Vorsehungskonzept bei Thomas von Aquin
3.4. Das Vorsehungskonzept in der Reformation
beziehungsweise der frühen Neuzeit
3.5. Fazit der Vorsehungskonzepte vor Jerusalem

4. Der Gedanke der Vorsehung bei Jerusalem
4.1. Der Gedanke der Vorsehung in Jerusalems Predigten
4.2. Der Gedanke der Vorsehung in Jerusalems Schriften
4.3. Der Gedanke der Vorsehung in Jerusalems
Betrachtungen
4.4. Fazit der Gedanken der Vorsehung bei Jerusalem

5. Inhaltliche Kontroverse im Bezug auf die
Vorsehungskonzepte im achtzehnten Jahrhundert
5.1. Die Vorsehung als Themenkomplex der
Geschichtsphilosophie
5.2. Kontroverse über die Vorsehungslehre im
achtzehnten Jahrhundert
5.3. Fazit der inhaltlichen Kontroverse im achtzehnten Jahrhundert

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Abschlussarbeit für das erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasium/Gesamtschule werde ich den Gedanken der Vorsehung bei dem Theologen Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem (* 22. November 1709; † 2. September 1789) herausarbeiten. Die Werke und Schriften dieses protestantischen Gelehrten wurden zu seinen Lebzeiten bewundert und verehrt, vielerorts sogar als Grundlage für den Erwerb theologischen Wissens angesehen und empfohlen. Heutzutage fehlt in der Theologie und in den Forschungsarbeiten nahezu jegliche Aufmerksamkeit für diesen Mann und seine Schriften. Aus diesem Grund werde ich anhand der Primärliteratur herausarbeiten, was Jerusalem unter dem Begriff der Vorsehung verstanden und wie er diesen Gedankenkomplex seinen Lesern vermittelt hat.

Um dies vollständig zu bewerkstelligen, werde ich zunächst eine Analyse seines Hauptwerkes „Die Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion“ anfertigen und herausarbeiten, welchem Genre diese Schrift zuzuordnen ist. In Folge dessen sollte eine kurze Betrachtung der Äußerungen und Rezensionen seiner Zeitgenossen über das umfangreiche Werk und die Gedanken Jerusalems ebenso wenig fehlen, wie eine Zusammenstellung der modernen Forschungsfelder betreffend den Braunschweiger Theologen und seine Arbeiten.

Im Anschluss daran werde ich zunächst einen Überblick erstellen, welche Theologen sich bereits vor Jerusalem Gedanken mit dem Konzept der Vorsehung auseinandersetzen, zu welchen Ergebnissen sie gekommen sind und auf welches Gedankengut Jerusalem möglicherweise seine Ideen aufbaut. Gibt es ein Vorsehungskonzept, das ihn vorrangig beeinflusste und im Hinblick auf sein Konzept geprägt hat?

Dafür werde ich die Werke Augustins aus der Antike, Thomas von Aquins aus dem Mittelalter und sowohl Martin Luthers als auch Johann Lorenz Mosheims aus der frühen Neuzeit zu Rate ziehen und diese Werke sowie ihre Konzepte über die Vorsehung analysieren und skizzieren.

Mit diesem Hintergrundwissen ist dann eine Analyse der Jerusalemschen Gedanken zum Konzept der Prädestination möglich. Zunächst werde ich dafür seine abgedruckten Predigten und eine weitere seiner Schriften untersuchen, ehe ich mich dann dem Hauptwerk, den Betrachtungen, widmen werde.

Sobald die Untersuchung zu den Vorsehungskonzepten vor Jerusalems Betrachtungen angestellt wurde, darf auch eine Analyse der Ideen in Bezug auf die göttliche Vorsehung von Theologen zu Jerusalems Lebzeiten beziehungsweise aus dem 18. Jahrhundert nicht fehlen. Für diese Untersuchung werde ich vor allem Lessing, Spalding und Baumgarten in Hinblick auf ihre Gedanken in Bezug auf die Vorsehung analysieren.

Im Anhang dieser Examenshausarbeit befindet sich eine Tabelle, die eine Übersicht der verschiedenen Gedanken und aufgestellten Konzepte der untersuchten Werke beinhaltet und anhand von Fragestellungen eine strukturierte Darstellung der unterschiedlichen Vorsehungslehren bietet.

Ich werde, mit Hilfe dieser systematischen Arbeit den Gedanken der Vorsehung bei Jerusalem sorgfältig herausarbeiten, verstehen, woher er sein Vorwissen bezieht, und betrachten, welche weiteren Strömungen in seinem Jahrhundert zum Thema der Vorsehung entstanden und diskutiert worden sind.

2. Analyse der Betrachtungen

Zunächst erfolgt eine literaturwissenschaftliche Analyse der Betrachtung - en , um herauszufinden, welcher Gattung diese Schrift angehört, mit welchen rhetorischen Strategien sie arbeitet, welche Adressaten ange-sprochen werden und welchem Aufbau sie folgt. Zudem möchte ich untersuchen, ob es Werke des achtzehnten Jahrhunderts gibt, die im Aufbau und Inhalt den Betrachtungen ähneln. Den Abschluss der Text-analyse stellt die Reaktion auf die Betrachtungen in der damaligen Gelehrtenwelt sowie in der aktuellen Forschungsliteratur dar.

2.1 Textanalyse

2.1.1 Struktur und Aufbau

Die „Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion“ ist ein vier Bände umfassendes Werk, dessen Veröffentlichung im Jahre 1768 mit dem ersten Band begann. Schon in diesem ersten Band legt Jerusalem seinen Plan dar, wie er die Betrachtungen durchführen möchte. Dabei gliedert er sein Buch in drei große Teile mit je zehn, vierzehn und wieder zehn Punkten, welche er in den Veröffentlichungen ausführen möchte.

Der erste Band beinhaltet den gesamten ersten Teil seiner Betrachtungen, wobei er dem Leser den letzten Punkt bezüglich der rechten Pflichten der höchsten Obrigkeit säumig bleibt. Jerusalem entschuldigt sich bereits im Vorwort dafür, dass er für die Ausführung dieses Kapitel bis zur Veröffentlichung keine Zeit mehr gefunden habe. Eine versprochene nachträgliche Bearbeitung und Veröffentlichung bleibt er dem Publikum auch zeitlebens schuldig. Dennoch publiziert Jerusalem den ersten Band und damit auch den ersten Teil, gegliedert in neun Punkten, zusammen mit dem angesprochenen Plan über das Gesamtwerk sowie einem kleinen Vorbericht an den Leser im Jahre 1768. Die ersten drei Punkte des zweiten Teils erscheinen in einem zweiten Band erstmals im Jahre 1774. Danach weicht Jerusalem von seinem aufgestellten Plan deutlich ab, indem er im Jahre 1779 den dritten Band veröffentlicht, in welchem er die von Moses gestiftete Religion betrachtet und in fünf Punkte gegliedert darstellt. Dennoch ist dieser dritte Band eine Fortsetzung und schließt mit der Paginierung an den vorhergegangenen an. Den dritten Teil hat Jerusalem zwar bearbeitet, jedoch nicht abgeschlossen und so wurde das unfertige Werk posthum von seiner Tochter im Jahre 1792 als Nachlass heraus-gegeben.

2.1.2 Inhaltliche Gliederung und rhetorische Strategie

Nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich wurde das Werk von Jerusalem geplant und gegliedert. Der erste Teil behandelt die Frage nach Gott und seinem Wesen, nach der Vorsehung, dem Ursprung des Bösen, dem zukünftigen Leben sowie nach der moralischen Natur des Menschen und dem Verhältnis der Religion zum Aberglauben. Im zweiten Teil betrachtet er dann zunächst die Möglichkeit und Notwendigkeit einer Unterweisung der Menschen durch den Schöpfer mit Hilfe der Offenbarung und im Anschluss daran den Zustand der Welt sowie den Entwicklungs-stand der Menschen von der Schöpfung bis zu Moses. Erst hiernach untersucht Jerusalem die mosaische Geschichte und die gestiftete Religion. Nach der Betrachtung der allgemeinen Wahrheiten der Religion und den Ursprüngen aus dem Alten Testament begibt sich Jerusalem nun zu der Analyse der christlichen Religion und zu Jesus als Mittelpunkt der göttlichen Offenbarung. In diesem letzten Teil geht es sowohl um die Legitimation des Gottessohns als auch um dessen Lehre. Aber auch die Betrachtung zukünftiger Leben sowie der Vollkommenheit der christlichen Religion und der daraus resultierenden Ausbreitung spielt in den nachgelassenen Schriften eine Rolle.

Wie schon Jerusalem selbst im Vorbericht seinen Lesern preisgibt, möchte er „keinen vollständigen und gelehrten Unterricht in der Religion“[1] durch seine Betrachtungen veröffentlichen. Vielmehr verfolgt er das Ziel, denjenigen Menschen die Grundwahrheiten der Religion zu verdeutlichen, welche sich zwar gerne mit dem Thema auseinander setzen würden, aber deren Zeit dafür schlichtweg nicht ausreicht. Er sorgt sogar dafür, dass für die zweite Auflage seiner Betrachtungen viele fremde Terminologien – vorwiegend aus dem Französischen stammend – durch deutsche Wörter ersetzt wurden, damit der Text verständlicher für die von ihm angestrebte Leserschaft wurde.[2] Demnach adressiert der Autor sein Werk an eine Klasse von Lesern aus der bürgerlichen Mittelschicht des achtzehnten Jahrhunderts mit der Intention, ein nützliche Schrift zu präsentieren, damit jene die Wahrheiten der Religion verstehen und Beruhigung in den Grundwahrheiten ihres Glaubens finden.[3]

Doch zu welcher Gattung zählen die Betrachtungen ? Zeitgenössische Schriften und Rezensionen sprechen von ihnen als Zueignungsschrift[4] und Abhandlung.[5] Zumeist werden sie jedoch einfach mit ihrer Abkürzung „die Betrachtungen“ als feststehender terminologischer Begriff bezeichnet. Da es sich bei diesem Werk weder um Lyrik noch um Epik handelt, ist es als religiöse Schrift den wissenschaftlichen Texten zuzuordnen. Zusammen mit Lessings Erziehung des Menschengeschlechts , welches einem ähnlichen Aufbau und einer ähnlichen Intention folgt, kann man Jerusalems Betrachtungen zur Erziehungsschrift beziehungsweise zum Erbauungswerk in der Epoche der Aufklärung deklarieren.

Jerusalem betrachtet in seinem Werk geschichtsphilosophisch die Religion sowie deren Entwicklung und versucht, dem Leser möglichst verständlich die dem Glauben zu Grunde liegende Wahrheit zu vermitteln. Seine Erklärungen untermauert er stets mit farbenprächtigen Metaphern und er ermöglicht es dem Leser, seinem Vortrag nachvollziehbar zu folgen. Nur an einer Stelle setzt Jerusalem ein Publikum voraus, das eine theologische Ausbildung genossen hat. Der Herausgeber der nachgelassenen Schriften setzt diesen fachwissenschaftlichen Absatz mit einem Vermerk an den Schluss des posthum erschienenen Bandes. Er erklärt zudem, dass es dem gemeinen Leser nutzen soll, dass dies aus dem Fließtext herausgenommen wurde.

In den Biographien und Rezensionen wird Jerusalem immer wieder als ein vorbildlicher Redner und Lehrer bezeichnet und so ist es nicht erstaunlich, dass die Betrachtungen rhetorisch sehr ansprechend verfasst sind. Das Werk ähnelt in keiner Weise einem wissenschaftlichen Text, sondern wirkt wie ein schriftlich festgehaltenes Gespräch. Jerusalem spricht als Ich-Erzähler einen Gesprächspartner an – mal ist dieser Gott:

„Unendlich herrlicher Geist, der du dich meiner Vernunft so deutlich offenbaret hast, daß ich mit freudiger Ueberzeugung weiß, daß du, o Gott, ein lebendiges und unendlich weises und gütiges Wesen bist, […]“[6],

mal der Leser selbst:

„Siehe, du bethest und glaubst eine besondre Vorsehung, aber bleibt der Lauf der Dinge deswegen nicht, wie er ist?“[7],

gerade so, als ob Jerusalem den Leser an die Hand nehmen und ihm im Gespräch die Wahrheiten der Religion vor Augen führen und erklären würde. Dabei achtet Jerusalem sehr darauf, dem Leser schwer zu verstehende Begebenheiten durch Metaphern oder bildhafte Verdeutlich-ungen verständlich werden zu lassen. Er verwendet dabei gerne Bilder aus dem unmittelbaren Leben der Leser, sei es aus dem Bereich der Kunst, dem Bauwesen oder der einfachen Mechanik. Um zum Beispiel der Frage nachzugehen, ob Gott seine Allmacht und Vollkommenheit einbüßt, wenn man davon ausgeht, dass er einen kontinuierlichen Einfluss auf seine Schöpfung haben muss, verdeutlicht Jerusalem dies mit folgender Metapher:

„Der Künstler schafft und unterhält die Kräfte nicht, wodurch seine Maschine in ihrer Wirksamkeit fortgeht; die Kräfte sind unabhängig von ihm da, und er thut weiter nichts, als daß er sie zusammen-setzt.“[8]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Autor mit Metaphern und persönlicher Ansprache versucht, dem Leser auf angenehmem und intimem Wege die Wahrheiten der Religion verständlich zu machen. Wie ein großer Bruder nimmt er den Leser an die Hand und führt ihn durch seine Betrachtungen , niemals um eine Erklärung verlegen und stets darauf bedacht, verständlich zu lehren.

2.2 Aufnahme der Betrachtungen im 18. Jahrhundert

Jerusalem war zu Lebzeiten als Gelehrter bekannt und unter den Wissenschaftlern sehr geschätzt. In einem Nachruf über ihn in der Deutsche Monatsschrift[9] beschreibt Johann Joachim Eschenburg den Theologen mit Hilfe der positivsten Wertschätzungen. Er zählt Jerusalem zu „den scharfsinnigen, sanften, menschenfreundlichen und beredten Lehrer[n] Deutschlands“[10] und erklärt dessen Verdienste zu den größten und anerkanntesten. Neben den Predigten, welche nach Eschenburg großen Beifall beim deutschen Volk fanden, rühmt er vor allem die Betrachtungen . Dieses Werk wird damals sogar in verschiedene Sprachen übersetzt und erfüllt so auch über die deutschen Grenzen hinweg seinen Zweck – die Leser mit den Grundwahrheiten ihres Glaubens vertraut zu machen. Jerusalems

„Dienst, welchen er der Religion durch diese Betrachtungen leistete, war eben so groß, als der allgemeine, ungetheilte Beyfall, womit
man sie aufnahm.“[11]

Und obwohl der Autor selbst nie ganz zufrieden mit seinem Schreibstil und der Einkleidung seiner Gedanken war, da diese an manchen Stellen eine nicht zu leugnende Länge und Schwere besitzen, betont Eschenburg, dass die Schreibart der Betrachtungen eine Verbesserung für die deutsche Sprache sei und dem deutschen Geschmack und Stil gerecht werde.[12] Nachdem Jerusalem schon im ersten Band den Plan des gesamten Werkes dem Publikum präsentiert hatte, sehnten sich Eschenburg und andere Gelehrte mit Ungeduld nach der Vollendung dieses „Meisterwerks“ und teilten dem Autor diesen Wunsch auch in Briefen und Unterredungen mit.[13] Jerusalem wird auch andernorts als ein verehrungswürdiger Verfasser benannt und es wird sogar von ihm behauptet, dass er für uns das ist, was Homer für Aristoteles war.[14]

Grundsätzlich ist der Ton im Bezug auf die Betrachtungen in allen Rezensionen und wissenschaftlichen Nennungen durchweg positiv. In den Göttingschen Anzeigen werden die Betrachtungen als ein Werk ange-sehen, das in einen lebhaften und rührenden Vortrag eingekleidet wurde[15] und welches eine treffende Schilderung der Religion darstellt.[16] Die Rezensionen erwarten mit Stolz und Vorfreude zahlreiche Nachahm-ungen einer solchen Arbeit und empfinden die Betrachtungen als eine wichtige Untersuchung, die deren Zeit besonders gemäß ist.[17] Für diese „fürtreffliche Arbeit“[18] wünschen sich die Rezensenten, dass sie von Spöttern mit Bedacht gelesen werde und von Liebhabern mit Empfinden in Bezug auf das Vernunftsverständnis der Offenbarung.[19] Denn immer wieder wird betont, dass die Betrachtungen einen glücklichen philosophischen Scharfsinn besitzen, welche von der ausgebreiteten Gelehrsamkeit des Verfassers ausgeht,[20] der so viel Richtiges und Wahres schreibt. Jerusalem wird zudem ein langes Leben gewünscht, damit er mit Hilfe seine räsonierten Darstellungen mehr produzieren kann[21] und noch weitere Möglichkeiten erhält, für jeden ungelehrten und gelehrten Menschen einen lehrreichen Unterricht zu verfassen[22].

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Jerusalem als Gelehrter sowie seine Betrachtungen als theologisches Werk weitreichenden Ruhm erlangten und in den Rezensionen als ein „non plus ultra“[23] der religiösen Erziehungsschriften und Erbauungsliteratur betitelt wurden.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass auf seinem Grabstein geschrieben steht:

„Er war ein christlicher Philosoph, ein einsichtsvoller Lehrer vernünftiger Gottesverehrung, der […] geschickte Gottesgelehrte bildete, und einen meisterhaften Erziehung Entwurf ersann und ausführte. Zur Aufklärung legte er den ersten Grund, und durch seine Talente und Rechtschaffenheit erwarb er sich allgemeine Verehrung. Seine Verdienste wird nie verlöschen […].“[24]

2.3 Darstellungen der Betrachtungen in der heutigen Forschung

Trotz seiner Berühmtheit im 18. Jahrhundert und seinen wertgeschätzten Veröffentlichungen existieren bis heute im Verhältnis zu ähnlich großen Theologen der frühen Neuzeit wenige Forschungsarbeiten und eine geringe Zahl an Sekundärliteratur. Schon Wolfgang Müller weist in seiner Habilitationsschrift, welche sich um die Untersuchung der Betrachtungen bemüht, darauf hin, dass die meisten Werke der Sekundärliteratur einen „rein biographischen Inhalt […]“[25] behandeln und sich wenig um die Analyse der Theologie in den Schriften Jerusalems bemühen. In den meisten Publikationen wird Jerusalem entweder nur am Rande als Neologe und Prinzenerzieher genannt oder seine Wirksamkeit in dem Bereich des Bildungswesens in den Vordergrund gestellt.

Lediglich ein Dutzend Wissenschaftler kann Müller nennen – darunter vor allem den im frühen zwanzigsten Jahrhundert lebenden Karl Aner –, welche sich in den letzten zweihundert Jahren mit der Theologie Jerusalems beschäftigt haben. Doch auch hier steht zumeist eine Analyse der veröffentlichten Predigten im Vordergrund.

Die Darstellung Jerusalems und seines Denkens ist dabei oft sehr unterschiedlich und erhält von den Autoren uneinheitliche Wertungen. Nur in der Meinung, dass er einer der bedeutendsten Theologen seiner Zeit war, scheinen sich die Forscher einig zu sein.[26]

In den letzten zwei Jahrzehnten versuchten sowohl Wolfgang Erich Müller als auch Andreas Urs Sommer die Lücken in der Jerusalemforschung zu füllen. Doch es existiert kaum ein kontinuierliches Streben danach, Jerusalems Hauptwerk wissenschaftlich zu untersuchen. In diesem Zusammenhang nennt Sommer einige Desiderata zur Komplementierung der Jerusalemforschung: vorneweg sowohl die Analyse der inneren Entwicklung von Jerusalems Denken, des literarischen Stils und der rhetorischen Strategien, Diskurszusammenhänge und Entstehungs-kontexte, Edition der Briefe, Rezeptionsgeschichte der Betrachtungen sowie auch der zu beklagenden fehlenden Anschlussfähigkeit im neun-zehnten Jahrhundert.[27]

2.4 Fazit

Die Betrachtungen werden von Jerusalem im Vorhinein zwar in drei Teilen geplant und vorgestellt, dennoch weicht er selbst an einigen Stellen von seinem Plan ab. Der ursprünglichen Idee, die Wahrheiten dem Publikum in einer bestimmten Reihenfolge darzustellen, bleibt er jedoch treu und so findet nach der Feststellung der Existenz Gottes und der Analyse seines Wesens zunächst die Betrachtung des Alten und dann des Neuen Testaments statt.

In den Rezensionen werden die Betrachtungen gelobt und empfohlen und in biographischen Texten wird der Autor selbst immer wieder als bekannter und von vielen verehrter Theologe beschrieben. In seinem Hauptwerk erkennt man dann seinen gelobten philosophischen Scharfsinn und sein Talent für die nachvollziehbare Darstellung für Jedermann. Denn er verfasst die religiöse Schrift als Erziehungsschrift rhetorisch einladend und gibt den Lesern die Möglichkeit die Grundwahrheiten der Religion zu erkennen und zu verstehen.

Und obwohl die Betrachtungen und ihr Autor im 18. Jahrhundert ein sehr hohes Ansehen besitzen und das Werk viel versprechende Anschluss-möglichkeiten hat, wird es in der nachfolgenden Forschung nahezu vergessen. Die spärliche Sekundärliteratur ist übersichtlich und schafft es nicht, die vielen Desiderata in der Forschungsliteratur zu erfüllen.

3. Vorsehungskonzepte vor Jerusalem

3.1. Exkurs: Wortbestimmung

Das Wort Vorsehung lässt sich etymologisch aus dem griechischen προνοια, dem lateinischen providentia und aus dem frühneuhoch-deutschen vorsehen/versehen herleiten. Es hat seinen Ursprung im antiken griechischen Denken und gelangte über das hellenistische Judentum ins frühe Christentum. Das Wort kann übersetzt werden mit: vorher wissen, Voraussicht, vorher sehen, Vorsorge, Planung oder Absicht.[28]

Das Grundbedürfnis des Menschen nach Sicherheit lässt die verschieden-sten frühen Kulturen bereits darüber nachdenken, wie die unterschied-lichen Naturereignisse und Lebenssituationen zu erklären und möglicherweise dadurch auch zu kontrollieren sind. Dabei kann der Gedanke an ein vorherbestimmtes Schicksal Sicherheit und Trost spenden oder mit Hilfe von Transzendenz die Überzeugung geschaffen werden, dass es ein religiöses Schicksal gibt. Diesem muss sich jedes Lebewesen ergeben und damit auch der Allwissenheit eines Lenkers und Gottes, der für einen jeden Menschen sorgt. In diesem Streben nach einer Antwort auf Ereignisse entsteht immer eine Spannung zwischen der Freiheit des Menschen und der Bestimmung des Individuums durch das Schicksal oder ein göttliches Wesen.

Schon im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung spricht Herodot von einer göttlichen Vorsehung, wenn er den Grund für die Anordnung der Natur zu erklären versucht. Trotz der polytheistischen Volksfrömmigkeit entwickelt sich der Begriff der Vorsehung mit monotheistischen Tendenzen hin zu einer Auffassung, dass Spontanität und Zufall keine Aspekte der Naturkausalität sind, sondern dass ein allumfassendes Wesen existiert, welches durch göttliche Fürsorge für den Zusammenhang des Kosmos und des Lebens sorgt.[29]

„Der antik-philosophische Begriff der Vorsehung gewinnt über die biblische Tradition einen problematischen, durch die heilsge-schichtliche Perspektive von Schöpfung und Versöhnung allerdings auch vertieften Sinn, der Gottes verborgenes Handeln zugunsten der Menschen einschließt […].“[30]

Im Alten Testament existiert der Gedanke der Vorsehung dahingehend, dass JHWH die Geschichte und die Geschicke seines Volkes lenkt und dabei mit seiner Allwissenheit und Allmacht in der Sorge um seine Kreaturen handelt. Jedes Wesen ist somit seinem Willen untergeordnet und die von Gott gesetzte Schöpfungsordnung wird mit seinem Handeln in der Geschichte des jüdischen Volkes und der Welt verbunden.

Im Neuen Testament wird dieser grundsätzliche Gedanke – dass Gott über Allem steht – im Sinne der Vorsehung aufgegriffen und mit Jesus Auftreten verbunden. Der Sohn Gottes wird als Beweis aufgefasst, dass Gottes Heilsplan existiert und Gottes Ratschluss im Wirken ist. Demnach ist alles von ihm vorherbestimmt und wird mit Fürsorge gelenkt. Gottes Vorsehung ist im Neuen Testament ein tragendes Fundament des Glaubens und wird verbunden mit der Fürsorge Gottes und der Vollendung seines Planes in der Verwirklichung des ewigen Gottesreichs.

Dieser Gedanke entwickelt sich dann auch im Urchristentum und bei den Kirchenvätern in der Form, dass durch Gott das menschliche Handeln beeinflusst wird und dass allen Entscheidungen ein planender Schöpfer zugrunde liegt.

3.2. Das Vorsehungskonzept bei Augustin

Der Kirchenvater Augustin ist zwar nicht der erste Mensch, der sich mit der Thematik der Vorsehung Gottes auseinander gesetzt, geschweige denn Lösungen für das Problem der Prädestination gefunden hat, dennoch steht er vom christlich-theologischen Standpunkt aus betrachtet am Anfang einer langen Entwicklung eines universal gültigen Vorsehungs-konzepts für das Christentum und für das gesamte Menschengeschlecht. Sein Gedankengut ist zu einem großen Teil aus den Theorien des Neuplatonismus entstanden, welcher eine Fortführung der Ideen des griechischen Philosophen Platon darstellt.

[...]


[1] Jerusalem, Betrachtungen Band 1, Vorbericht.

[2] Vgl. Deutsche Monatsschrift Band 2, Seite 128.

[3] Vgl. Jerusalem, Betrachtungen Band 1, Vorbericht.

[4] Göttingische Anzeigen Band 1768, Seite 921.

[5] Neue Critische Nachrichten Band 9, Seite 101.
A.a.O. Band 10, Seite 91.

[6] Jerusalem, Betrachtungen Band 1, Seite 74.

[7] A.a.O. Seite 80.

[8] Jerusalem, Betrachtungen Band 1, Seite 115.

[9] Deutsche Monatsschrift Band 1, Seite 97-135.

[10] A.a.O. Seite 98.

[11] A.a.O. Seite 128.

[12] Vgl. Deutsche Monatsschrift Band 1, Seite 128.

[13] Vgl. Ebd.

[14] Neue Critische Nachrichten Band 5, Seite 1.

[15] Göttingische Anzeigen Band 1768, Seite 922.

[16] Göttingische Anzeigen Band 1774, Seite 1316.

[17] Neue Critische Nachrichten Band 5, Seite 1f.

[18] Neue Critische Nachrichten Band 10, Seite 65.

[19] Vgl. Neue Critische Nachrichten Band 9, Seite 101.

[20] Vgl. Allgemeine deutsche Bibliothek Band 29, Seite 427f.

[21] Vgl. Allgemeine deutsche Bibliothek Band 46, Seite 29.

[22] Vgl. Neue allgemeine deutsche Bibliothek Band 1793, Seite 3.

[23] A.a.O. Seite 6.

[24] Allgemeine deutsche Bibliothek Band 98, Seite 560.

[25] Müller, Jerusalem, Seite 8.

[26] Vgl. Müller, Jerusalem, Seite 22f..

[27] Vgl. Sommer, Schriften, Seite LVII-LXI.

[28] Vgl. Friedli, Vorsehung.

[29] Vgl. Deuser/Maier, Vorsehung, 302f.

[30] A.a.O. Seite 304.

Details

Seiten
58
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656179641
ISBN (Buch)
9783656180142
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192220
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
3,0
Schlagworte
Vorsehung Prädestination Jerusalem Betrachtungen Augustin Aquin Luther Mosheim Lessing

Autor

Zurück

Titel: Der Gedanke der Vorsehung bei Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem