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Die Wundertätigen Könige - Ritualität und Theatralität im Mittelalter

Essay 2012 9 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Die Wundertätigen Könige

Ritualität und Theatralität im Mittelalter

Das vorliegende Essay behandelt das Berührungsritual der französischen und englischen Könige zwischen dem 12. und 19. Jahrhundert, das skrofulöse Geschwülste, sowie in England auch krampfartige Zustände heilen sollte, und widmet sich hierbei insbesondere der Abhandlung Marc Blochs „Les rois thaumaturges“. Dabei soll ein Einblick in das Ritual der Skrofelberührungen und der damit zusammenhängenden Intentionen gegeben werden.

Nach heutiger Auffassung der Medizin handelt es sich bei der Skrofulose um eine Erkrankung auf allergischer Basis, die heute sehr selten geworden ist.1 Anders war dies im Mittelalter, als die Skrofulose in einigen Regionen geradezu epidemische Ausmaße annahm. Zu dieser Zeit verstand man unter der Krankheit ein mit Tuberkelbazillen in Verbindung stehendes Leiden, das mit chronischen Entzündungen, Geschwülsten und Schwellungen einherging. Primär betroffen waren die Halslymphknoten. Vereiterungen, die sich durch die Skrofulose bildeten, griffen jedoch auf andere Körperpartien über, zumal es oft an adäquater Pflege fehlte. Durch dieses Übergreifen kam es zu einer Vermengung mit verschiedenen andersartigen Erkrankungen der Augen und Gesichtspartien. Die Krankheit verlief in den seltensten Fällen tödlich. Sie war durch die eitrigen Entzündungen jedoch ästhetisch entstellend und kaum erhöhend. Dazu gesellte sich der stinkende Geruch eitriger Wunden. Abhilfe jedoch, so dachte man, stellte ein besonderes Ritual dar, deren Ausführende die Könige selbst waren. Die Berührung Skrofulöser durch englische und französische Könige im Zuge dieses Berührungsrituals soll im Folgenden näher betrachtet werden.

Der bedeutende französische Historiker Marc Bloch, der 1886in Lyon geboren und 1944 als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten ermordet wurde, beschäftigte sich intensiv mit der Erforschung des Mittelalters und veröffentlichte 1924 sein epochales Werk „Les rois

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thaumaturges“, welches 1998 mit dem Titel „Die wundertätigen Könige“ auf Deutsch übersetzt wurde. In dieser Publikation wendet sich Bloch dem Phänomen der königlichen Wunderheilungen zu, die Personen mit bestimmten Krankheiten zu Gute kamen. In Frankreich heilten die wundertätigen Könige die Skrofelkranken. In England wandten sie sich auch Personen zu, die von Krämpfen geschüttelt wurden, also an Epilepsie erkrankt waren. Die erste Quelle, die von einer bereits zur Gewohnheit verfestigten heilenden Berührung durch den französischen König berichtet, lokalisiert Bloch im 12. Jahrhundert. Aus der Handschrift des Geschichtsschreibers und Theologen Guiberts zitiert er folgende Zeilen:

Was sage ich? Haben wir nicht gesehen, wie unser Herr, der König Ludwig, das gewohnte Wunder vollbrachte? Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Kranke, die am Hals oder an anderen Teilen des Körpers von den Skrofeln befallen waren, in Massen herbeiströmten, um sich von ihm berühren zu lassen und das

Kreuzzeichen von ihm zu empfangen.2

Der 1924 geborene französische Historiker Jacques Le Goff geht in seinem Vorwort der deutschen Ausgabe von „Les rois thaumaturges“ trotz einzelner überlieferter Erwähnungen von einer späteren Etablierung des Rituals aus. Er postuliert, dass es „[…] also heute als wahrscheinlich gelten (kann), daß das königliche Ritual der Berührung der Skrofeln sowohl in Frankreich wie in England erst in der Mitte des 13. Jahrhunderts zu einem ständigen Brauch geworden ist.“3

Das englische Ritual, das von Heinrich I. zum ersten Mal ausgeführt wurde, als der

französische Herrscher Robert II., seinerseits der erste seines Geschlechts, der die Skrofeln berührte, bereits seit 69 Jahren tot war, kann als Nachahmung des französischen Ritus gesehen werden. Diesen Verdacht erhärtend muss beachtet werden, dass die Vorfahren Heinrich I. vorwiegend aus Frankreich stammten, es also als wahrscheinlich angenommen werden muss, dass Heinrich I. dieser Brauch geläufig war.

Das wichtigste Element des Berührungsrituals war der Kontakt, der zwischen dem kranken Körper des Bittenden und dem gesalbten Körper des Königs durch die Berührung hergestellt wurde. Zu dieser ersten Geste, dem Handauflegen, entwickelte sich im Laufe der Zeit der Brauch, über dem Körper des Kranken anschließend eine weitere Geste auszuführen, das christliche Kreuzzeichen. Nach der Berührung wuschen sich die Könige die Hände, was dazu führte, dass auch dem Wasser, mit dem sich die Herrscher gewaschen hatten, eine heilsame Wirkung nachgesagt wurde.4 Worte und Gebete, deren genauer Wortlaut nicht mehr erhalten ist, begleiteten den thaumaturgischen Akt. Durch die zunehmende Differenzierung des Rituals in England und Frankreich entwickelten sich erste Unterschiede in der landesspezifischen Ausgestaltung. In Frankreich wurde vor der Berührung ein Gebet

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gesprochen, doch in England nahm das Ritual regelrecht liturgische Züge an, der König trat auf in dem Gestus eines Geistlichen.5

Woher aber bezog der König, abgesehen von seiner grundsätzlichen Auserwähltheit durch sein Geschlecht seine Gabe der Heilkraft? Hier treten zwei Erklärungsmuster hervor. Zum einen wurde der König bei seinem Herrschaftsantritt in einem religiösen Ritual mit einem geweihten Öl gesalbt. Durch die Weihe wurde er zu einem Gesalbten des Herrn, zu einem Heiligen, dem, wie jedem Heiligen, eine generelle Heilfähigkeit zugesprochen wurde:

„,Geweiht‘ war in jenen Zeiten praktisch gleichbedeutend mit ,heilkräftig‘.“6 Im Zuge der

kirchlichen Weihe fand eine Transformation statt, in der, so dachte man, der „Geist“ Gottes in den König fuhr.7 Ehe ein König nicht gekrönt und durch das Ritual der Weihung gegangen war, berührte er in Frankreich keine Skrofelkranken. Ab dem 15. Jahrhundert stand am Ende der Krönungszeremonie die Pilgerfahrt nach Corbeny zu Sankt Markulf. Dieser war zum Patron des königlichen Wunders aufgestiegen. Ende des 13. Jahrhunderts galt er bereits als Heiliger, der dazu fähig war, Skrofelkranke von ihren Leiden zu befreien. Die erste Berührung verlagerte sich so von Reims, in Anschluss an die königliche Weihe, nach Corbeny, nach der Verehrung der Reliquien und der Fürbitte des Heiligen Markulf.8 An dieser Entwicklung wird deutlich, dass die thaumaturgische Fähigkeit, vor allem von Königsnahen, zunehmend souverän betrachtet wurde. „In ihren Augen“, postuliert Bloch, „war die Person des Königs an sich mit einem übermenschlichen Charakter ausgestattet, den die Kirche nur zusätzlich absegnete.“9 Tatsächlich war dem Bewusstsein des Volkes die Sakralität des Königtums lange vor der Akkreditierung durch die Kirche immanent. Das „Sakrale“ verweist dabei auf eine herausragende Eigentümlichkeit durch das besondere Naheverhältnis zu Gott, die die Könige aus der Masse des Profanen in eine göttliche Sphäre erhob.10 Dieses Naheverhältnis wurde von den Vorstellungen getragen, dass Gott das Königtum geschaffen habe, dass der König als sein Stellvertreter auf Erden wirkte, und dass er eine „priesterliche Verantwortung für die ihm anvertraute Gemeinschaft vor Gott besitze.“11 Die Fähigkeit der Skrofelheilung verwies nicht nur auf die Sakralität des Herrschers, sie erhöhte diese noch.

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Für das Volk stand fest, dass der König, um die thaumaturgische Kraft zu erhalten, sowohl mit dem heiligen Öl gesalbt werden, als auch die Pilgerfahrt zum Heiligen Markulf unternommen haben musste. Letztere erfuhrt erst durch Ludwig XIV. eine Abänderung. Als dieser nach seiner Weihe in der der Kathedrale von Reims im Juni 1654 seine Pilgerfahrt unternehmen sollte, lag Corbeny infolge der kriegerischen Auseinandersetzungen in

Trümmern, abgesehen davon war das Land um die Gemeinde im Département Aisne vermutlich nicht ohne Risiko zu bereisen. Aus diesem Grund wurde von einer Pilgerfahrt des Königs abgesehen. Stattdessen wurde der Schrein des Heiligen Markulf nach Reims gebracht. Die Nachfolger Ludwig XIV. erkannten alsbald die Vorzüge dieser Verfahrensweise und umgingen die unbequeme Reise unter den verschiedensten Vorwänden.12 Dass zu dem Heiligen Markulf gebetet wurde, blieb jedoch ein essenzieller Bestandteil zur Erlangung der thaumaturgischen Fähigkeit. In dem presbyterianischen England wurde dies aus reformierter Sicht nicht mehr so streng gehandhabt. Hier berührte der König bereits vor seiner Weihe die Kranken.

[...]


1 Vgl. Psychrembel, Willibald, Klinisches Wörterbuch, Berlin; New York: de Gruyter255 1986, S. 1558

2 Bloch, Marc, Die wundertätigen Könige, München: C. H. Beck 1998, S. 66

3 Le Goff,Jacques, Vorwort zu Bloch, Marc, Die wundertätigen Könige , München: C. H. Beck 1998, S. 23

4 Vgl. Bloch (1998), S.125

5 Vgl. Bloch (1998), S. 127

6 Ebenda, S. 112

7 Vgl. Kantorowicz, Ernst H., Die zwei Körper des Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters , München: Deutscher Taschenbuch Verlag2 1994, S. 68

8 Vgl. Bloch (1998), S. 247

9 Ebenda, S. 248

10 Vgl. Erkens, Franz-Rainer, Herrschersakralität im Mittelalter. Von den Anfängen bis zum Investiturstreit, Stuttgart: Kohlhammer 2006, S. 28f

11 Ebenda, S. 29

Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656170310
ISBN (Buch)
9783656171485
Dateigröße
616 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192212
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theater-, Film- und Medienwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Salbung Ritual Theatralität Inszenierung Sakralkönigtum Thaumaturgen Bloch Skrofel

Autor

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