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Literatur im interkulturellen Fremdsprachenunterricht

Pro und contra

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Überblick

3. Diskussion um Literatur im IFSU
3.1. Willis Edmondson - kein Sonderstatus für Literatur
3.2 Ansgar Nünning - Perspektivenübernahme und Perspektivenwechsel

4. Hans Hunfeld - das deutliche Gegenüber
4.1. Skeptische Hermeneutik
4.2. Lehrbuchtext vs. Literatur

5. Schluss

6.. Literatur

1. Einleitung

An einen Fremdsprachenunterricht werden heute andere Ansprüche gestellt als vor 200 Jahren. Im FSU lernen wir nicht mehr nur die Sprache, sondern wir müssen auch lernen, wie wir uns in der Kultur, um deren Sprache es geht, zurechtfinden - interkulturell muss also FSU sein. Toleranz, Abbau ethnozentrischer Sichtweisen, Offenheit, Interesse, Austausch - alle diese Begriffe müssen berücksichtigt werden. Aber was heißt denn genau „zurechtfinden“? Heißt es in einem fremden Land ein Fahrschein zu kaufen oder nach dem Weg zu fragen? Und wie weit ist diese Fremde? Muss man dafür ins Ausland fahren?

Alle diese Fragen beschäftigen Sprachwissenschaftler im Bereich Deutsch als Fremdsprache. Man muss aber kein Wissenschaftler sein, um zugeben zu müssen, dass man nicht mehr weit fahren muss, um Fremdheit zu erleben - in einem Multi- Multi-Staat wie Deutschland wird es besonders deutlich. Hier leben viele Kulturen nebeneinander, aber leider meistens nicht miteinander. Es liegt nahe, dass auch wenn man gleiche Sprache spricht, den anderen meistens nicht versteht und auch selber unverstanden bleibt. Es geht also nicht darum, nach dem Weg fragen zu können, sondern um Verstehensgespräch und um Bereitschaft, den Fremden zur Rede kommen zu lassen und sich vielleicht nur für einen Moment vorstellen zu können, dass seine Weltansicht mindestens genauso richtig sein könnte, wie eigene. Aber kann man den so was lernen?

Wir werden in der vorliegenden Arbeit über die Rolle der Literatur im interkulturellen Fremdsprachenunterricht sprechen. Die Literatur scheint uns der richtige Weg zu sein, um interkulturelle Kompetenz zu schulen. Wir wollen aber hier diese These erstmal in Frage stellen. Wir werden hier die wissenschaftliche Diskussion um Literatur im FSU verfolgen und auf jeden Fall sowohl Gegner als auch Befürworter zur Rede kommen lassen - die zentrale Frage lautet: Brauchen wir Literatur im interkulturellen FSU oder doch nicht?

Die vorliegende Arbeit hat folgende Struktur:

Nach der kurzen Einleitung (1) setzten wir und erstmal mit der Rolle der Literatur im FSU im Laufe der letzten Jahrhunderte auseinander - versuchen also einen geschichtlichen Überblick zu schaffen (2). Danach widmen wir uns der wissenschaftlichen Diskussion um Literatur an sich (3). Im Punkt (3.1) lassen wir einen der wichtigsten Gegner der Literatur im FSU zur Rede kommen - Willis Edmondson. Weiter sprechen wir über Position von Ansgar Nünning (3.2). Im

Kapitel (3) kommen zum Schwerpunkt unserer Arbeit - Prof. Hans Hunfeld und sein hermeneutischer Ansatz. Im Punkt (3.1) skizzieren wir skeptische Hermeneutik als Grundlage seines Konzeptes und in (3.2) kommen wir zur Rolle der Literatur im hermeneutischen Fremdsprachenunterricht. Im Kapitel (4) ziehen wir die Schlussfolgerungen, unter (5) listen wir alle Quellen und Autoren, die für die vorliegende Arbeit untersucht wurden.

2. Geschichtlicher Überblick

Lange Zeit spielte Literatur im Fremdsprachenunterricht eine zentrale Rolle. Schon in Zeiten der Grammatik-Übersetzungsmethode war das Übersetzen klassischer Literatur das Ziel und der Höhepunkt des Fremdsprachenunterrichts - so wurde erst Latein und Griechisch unterrichtet. Nach diesem Vorbild wurde aber auch der Unterricht für moderne Sprachen aufgebaut: es wurden sprachliche Mitteln bereitgestellt, danach Texte gelesen und Wort für Wort übersetzt.

Ende des 19. Jahrhunderts verlor Literatur an Bedeutung. Dies hing mit der zunehmenden Wendung zur Alltagskommunikation in Fremdsprachen - ein solcher methodischer Ansatz war die berühmte Direkte Methode (auch Reformmethode genannt). Sie verzichtet komplett auf die Grammatikvermittlung und auf Muttersprache als Vermittlungssprache und konzentriert sich auf Hören-Sprechen- Prozess.

Die audio-linguale Methode Ende 60er Jahre hat sich auch nur mit Alltagskommunikation beschäftigt, benutzte aber kleine literarische Texte im Landeskundebereich. Generell können wir sagen, dass Literatur in den 70er Jahre entweder eine marginale (im Bezug auf Landeskunde - ohne ästhetischen Eigenwert) oder gar keine Rolle im Fremdsprachenunterricht gespielt hat.

In 60 - 70er Jahre erlitt auch der traditionelle muttersprachliche Literaturunterricht eine Revision: man wollte am liebsten die Klassiker mit Gegenwartsliteratur ersetzen, die dem Schüler angeblich „näher“ war, was natürlich auch den Fremdsprachenunterricht beeinflusst hat. Aus einer veränderten emanzipatorischen Perspektive entwickelte sich in den 80er Jahren ein neues Interesse an literarischen Texten in Muttersprachen- und Fremdsprachenunterricht. Die Sozial-, Funktions- und Mentalitätsgeschichte der Literatur stellten einen deutlichen Bezug auf soziale Realitäten her und öffnete den Blick auf den kulturellen Kontext, der für die Vermittlung fremdkultureller Literatur unverzichtbar ist.

Ebenso große Rolle haben die neue Rezeptionsästhetik (H.r. Jauss u.a) und die Wirkungsgeschichte der Literatur gespielt, sodass eine „Rezeptionsdidaktik“ nun den Rezipienten und seine Leistung in den Mittelpunkt stellten. Diese Entwicklung ging an Fremdsprachenunterricht nicht vorbei: z.B. der kommunikative Ansatz fordert die Aktivierung des Lerners durch Berücksichtigung seiner Interessen und Bedürfnisse, durch die Einbeziehung von Phantasie und Kreativität und betonte die pädagogischen Aspekte, denen literarische Texte besser zu entsprechen vermochten. In der Praxis hat aber die kommunikative Methode öfters auf Literatur verzichtet.

Im Jahre 1979 fordert H. Weinrich die „Literarisierung oder Reliterarisierung“ des Fremdsprachenunterrichts und betont die wunderbare Wirkung der Poesie auf den Lernenden: „Am Widerstand der poetischen Sprache sollen sich Interesse und Imagination des Lerners entzünden“ (Weinrich 1981, S. 169-185).

In den 80er Jahren entwickelte sich eine Menge neuer Konzepte und Modellen für den Literatureinsatz im kommunikativen Fremdsprachenunterricht. Einen wichtigen Beitrag dazu hat das Goethe-Institut geleistet. Hier ist eine ganze Reihe von Dokumentation zum Thema „Literarische Texte im Unterricht“ entstanden, ebenso Sammlungen von Materialien zu Märchen, Sagen und Lieder. Seit dem Jahre 1988 erschien dann regelmäßig das literaturdidaktische Werkheft Literatur. In diesem Heft wurden gegenwärtige deutschsprachige Autoren und deren Werke speziell für die Vermittlung im Ausland vorgestellt. Fast in der gleichen zeit erscheinen Materialien zur Literatur bei anderen Institutionen, z.B.: Inter Nationes und Arbeitstelle für das Ausland des DAAD n Bonn. Alle diese Konzepte bezogen sich auf die Perspektive der „Rezeptionsdidaktik“: der Umgang mit Literarischen Texten soll frei, kritisch, kreativ und produktiv sein. Der Begriff „Perspektivenwechsel“ aus Xenologie hat hier zum ersten Mal einen Anschluss an Fremdsprachendidaktik gefunden.

In den 90er Jahren haben sich auch die Veränderungen in den Deutsch- Lehrwerken bemerkbar gemacht: das Interesse an Literatur wurde auch hier berücksichtigt (natürlich soweit dies dem kommunikativen Ansatz entsprach). Man muss hier auch deutlich machen, dass der kommunikative Ansatz unter Literatur meistens Gebrauchstexte wie Bildgeschichten meinte. Selten wurde konkrete Poesie oder Auszüge aus Gegenwartsautoren in die Lehrwerke miteinbezogen, und auch wenn diese Art der Literatur gewagt wurde, handelte es sich auf jeden Fall um das Niveau von fortgeschrittenen Lernern. Deutsch aktiv, Ein Lehrwerk für Erwachsene (1979-1984) - ein Lehrwerk, der sehr konsequent und kreativ den kommunikativen Ansatz umgesetzt hat - enthält durchgehend literarische Texte, sogar konkrete Poesie und Texte von Fallada und Manzoni, Kästner und Brecht. Auch ein gutes Bespiel für sinnvolle Einsetzung von Literatur im Fremdsprachenunterricht ist das Lehrbuch Sichtwechsel (1983-1987). Das Lehrbuch ist sehr interkulturell angelegt und benutz konkrete Poesie und Texte von Autoren des 20. Jahrhunderts als besonders interessante und aussagekräftige Vorlagen für interkulturelle Wahrnehmung, Bedeutungserschließung und Entwicklung und Kulturvergleich.

In dieser Zeit hört man auch die ersten Stimmen, die aktiv gegen Literatur im Fremdsprachenunterricht auftreten. Z.B. Gerard Westhoff findet, dass für das Fremdsprachliche Lesetraining die „hohe Literatur“ ungeeignet ist, weil sie zu sehr von der „normalen Sprache“ abweicht. Er meint, man musste erst die „normale Sprache“ lernen, um diese dichterischen Abweichungen erkennen zu können. Solche Stimmen bleiben aber Einzelfälle (siehe weitere Kapitel) und werden von weiteren „Literaturfans“ im Fremdsprachenunterricht öfters überrollt.

Hier paar Lehrbücher, die erfolgreich Literatur einsetzen:

- 1987, Lesen, na und? Nel Boschma, Niederlande
- 1989, Lesespaß. Heng Boog, Niederlande
- 1990, Lesebogen. Kees van Eunen, Niederlande
- 1993, Lesen ist mehr. Thomas Fritz, Österreich

Im Jahre 1996 hat Hans Hunfeld versucht, sein Konzept eines hermeneutischen Fremdsprachenunterrichts (Hunfeld, Hans/Hans-Eberhadr, Piepho: Elemente. Das Lehrwerk für deutsch als Fremdsprache, Köln, Dürr-Kessler, 3 Bde. 1996) in einem Lehrbuch zu realisieren. Elemente setzt mit zunehmendem Niveau fast ausschließlich auf Literatur und „Dialog der Texte“. Das anspruchvolle Programm bezeichnet der Autor selber als ungeeignet für breites Publikum. Zahlreiche Kritiker fanden die Textsammlung „einseitig“ und vermisste konkrete Sprachdidaktische Hilfen (Vgl. Die Rezension von Gunde Kurtz in: Info DAF 2/3, 1998, S. 244-246). Bis heute wird dieses Lehrbuch - genau wie der ganze Hermeneutische Ansatz von Hans Hunfeld - in fremdsprachendidaktischen Diskussionen als Sonderfall behandelt.

Wenn wir uns die neueren Lehrwerke anschauen (etwa seit Jahrtausendwende), merken wir sofort, dass Literatur in 90% der Fälle völlig ignoriert wird. Dies können wir zum Teil mit der starken Zielgruppenorientierung erklären - Lehrbücher werden für Aussiedler und spezielle Fachgruppen zusammengestellt. Eine Ausnahme wäre hier das Lehrwerk Mittelpunkt B2. Deutsch als Fremdsprache für Fortgeschrittene (Klett 2007). Das zentrale Thema ist hier Alltag und Beruf, wir finden trotzdem eine ganze Reihe von Gedichten und Kurzgeschichten, die ganz geschickt zum einzelnen Thema eingesetzt werden.

Es werden auch keine weiteren literaturdidaktischen Materialien für Fremdsprachenunterricht erarbeitet und veröffentlicht - ein Einzelfall ist Prisma von Gisela Tütken - eine Anthologie für studentische Deutschlerner. Die Autorin stellt hier ein unfangreichen Angebot von Lyrik und Kurzprosa der Gegenwart, konkrete und visuelle Literatur vor und will damit „interkulturell anregen, ästhetisches Vergnügen bereiten und affektives Empfinden ansprechen“ und den Blick für die deutsche Lebenswirklichkeit schärfen. Ziel ist hier „Miteinander-ins-Gespräch- Kommen“ das ist für die Autorin der Höhepunkt des interkulturellen Lernens. (Vgl. Prisma. Begegnung mit Deutschland in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Literarische Texte für den DaF -Unterricht. Zusammengestellt von Gisela Tütken. Regensburg, 2002).

Abgesehen von dieser Sammlung können wir die aktuelle Situation um die Literatur im Fremdsprachenunterricht als ein Stillstand bezeichnen.

3. Diskussion um Literatur im FSU

Seit Jahren läuft Diskussion um die Frage, ob man Literatur im FSU über haupt braucht oder kann man eine Fremdsprache auch ohne Literatur erlernen. Die meisten an dieser Diskussion beteiligten Sprachwissenschaftler äußern sich für Literatur. Im Zentrum der Literaturdidaktik im Fremdsprachenunterricht steht ihr Bildungsaspekt, ihr Beitrag zur Weltverständnis und somit auch zum Verständnis der eigenen und fremden Kultur: z. B. bekannte Schriftsteller, dessen Werke die Epoche widerspiegeln. Dadurch kann man ansatzweise die Geschichte „lernen“. Man erfährt die Ereignisse nicht durch „trockene“ Geschichtsbücher, sondern aus der Perspektive einer Person, die in der Mitte dieser Ereignisse stand.

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Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656171003
ISBN (Buch)
9783656171744
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v192116
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Deutsch als Fremdsprache
Note
2,1
Schlagworte
literatur fremdsprachenunterricht Hans Hunfeld Deutsch kreativ lehren Hermeneutik skeptische Hermeneutik interkulturell

Autor

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Titel: Literatur im interkulturellen Fremdsprachenunterricht