Lade Inhalt...

Weibliche Adoleszenz und die Entwicklung von Ess-Störungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 26 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

GLIEDERUNG

1.0 Einleitung

2.0 Weibliche Adoleszenz unter Berücksichtigung soziologischer und psychoanalytischer Theorien
2.1 Soziologische Erklärungen zu den Perspektiven von Adoleszentinnen
2.2 Die psychoanalytische Bewertung der weiblichen Adoleszenz

3.0 Suche nach dem Selbst: Die Adoleszenzkrise
3.1 Der Weg zum Ich: Selbst und Identität
3.2 Der emotionale Ablösungsprozess von den Eltern

4.0 Die Klassifikation von Ess-Störungen
4.1 Anorexia nervosa
4.2 Bulimia nervosa

5.0 Ursachen von Ess-Störungen
5.1 Gesellschaftlicher Druck und familiale Bedingungen
5.2 Psychologische Probleme
5.3 Biologische Faktoren

6.0 Weibliche Adoleszenz und die Entstehung von Ess-Störungen: Zwei Konstrukte
6.1 CATHERINE STEINER-ADAIRS Konzept der erzwungenen Autonomie
6.2 CHRISTINA VON BRAUN und die Säkularisierung der »heiligen Anorexie«

7.0 Nachbetrachtung

8.0 Literatur

1.0 Einleitung

Die Adoleszenz gilt als eine der prägenden Phasen im Lebenslauf des Menschen, die die Übergangsphase zwischen abhängiger Kindheit und selbstverantwortlichem Erwachsensein umfasst. Der deutsche Terminus »Adoleszenz« findet seinen Ursprung in dem lateinischen Verb adolescere, was so viel wie »heranreifen« oder »aufwachsen« bedeutet.[1] Unter psychologischen Gesichtspunkten ist damit eine Art »Zwischenphase« gemeint, eine Entwicklungsphase im Anschluss an die Geschlechtsreife, die den Adoleszenten vor die Herausforderung stellt, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln und zu festigen. In Dichtung und Lyrik gilt die Adoleszenz daher auch als Zeit des »Sturm und Drang«, als Phase der Widersprüchlichkeit und Stimmungswechsel. Dies belegt nachhaltig, dass dieser biografische Abschnitt mit einer »krisenhaft erlebten Infragestellung gesellschaftlicher Werte« (SCHRADER 2004: 8) verbunden ist und Autoritäten hinterfragt werden. Mit dem Streben nach elterlicher Ablösung stellt sich der Wunsch nach Freiheit und Selbständigkeit ein, die Suche nach einer eigenen Identität beginnt. Insbesondere die Bildung einer Ich-Identität muss als zentraler Reifungsprozess der Adoleszenz betrachtet werden. Umso deutlicher individuelle Einstellungen, Kompetenzen und Wünsche zu einer Ich-Identität gebündelt werden können, umso transparenter wird diese für andere. Und je mehr die Selbstwahrnehmung des Individuums mit jener seiner Umwelt korreliert, desto geringer sind die psychischen Spannungen, die in ihm wirken. Gelingt es dem Individuum, diese Prozesse erfolgreich abzuschließen und damit ein notwendiges Maß an Individuation und Intimität zu formen, schließt sich daran die Weitergabe von Traditionen und kulturellem Wissen an, es setzt die Phase der »Generativität« ein.

Was aber geschieht, wenn es im Verlauf der Adoleszenz, deren Wirkungszeitraum in etwa vom 12. bis 20. Lebensjahr anzusiedeln ist, krisenhafte Entwicklungen einsetzen und somit den erfolgreichen Abschluss dieser Entwicklungsphase beeinträchtigen?

Diese Seminararbeit möchte der Frage nachgehen, welche Bedingungen und Wirkmechanismen für das Auftreten von Ess-Störungen im Rahmen der weiblichen Adoleszenz verantwortlich und welche Auswirkungen damit verbunden sind. Dabei soll diese Fragestellung auch unter der Berücksichtigung veränderter weiblicher Lebenslagen nachgegangen werden, wie sie für die Generation der heute 15- bis 30-Jährigen typisch ist.

2.0 Weibliche Adoleszenz aus der Perspektive soziologischer und psychoanalytischer Theorien

Die Adoleszenz bezeichnet eine lebensgeschichtliche Phase in der psychische und soziale Entwicklungen einsetzen, die in Zusammenhang stehen mit sexuellen Reifungsprozessen und der Option genitaler Sexualität. Die Beziehung zu den eigenen Eltern wird modifiziert und die geschlechtliche Identität ausgestaltet. Für BLOS (1978) ist Adoleszenz die Summe der gesamten Anstrengungen, die ein Individuum aufbringen muss, um sich an das neue biologische Milieu anzupassen.[2] Daneben beinhaltet sie aber auch die »erzwungene Suche nach einer Antwort auf die Frage, wer bin ich eigentlich, wer will ich sein, was macht mich als einzigartige Peron aus«.[3] Und, als sei dies nicht genug, sehen sich Adoleszenten zusätzlich mit den Anforderungen und Ansprüchen der Gesellschaft an sie konfrontiert. FLAAKE und KING (2003) betonen daher, dass es zum Verständnis weiblicher Adoleszenz und der sich damit eröffnenden Perspektiven notwendig ist zu sehen, dass »die Wahrnehmung der Körperlichkeit und die subjektiven Interpretationen des Körper- und Geschlechtserlebens sowie die damit verbundenen psychischen Prozesse … untrennbar verflochten [sind] mit der Wahrnehmung und Interpretation der kulturellen Geschlechtsrollenvorgaben«.[4]

Ausgehend von dieser Dialektik ist es angebracht, Ergebnisse und Entwicklungen soziologischer und psychologischer - in unserem Fall psychoanalytischer - Studien und Konzepte nachzuzeichnen, um das Spannungsfeld adoleszenter Entwicklung zu rahmen.

2.1 Soziologische Erklärungen zu den Perspektiven von Adoleszentinnen

Im Fokus soziologischer Studien zur Adoleszenzforschung stehen Anforderungen der Gesellschaft und die darauf bezogenen Prozesse der Verarbeitung durch die Adoleszenten. Mit Blick auf die Situation von Mädchen beleuchten diese Untersuchungen zum einen die von der Gesellschaft vorgegebenen Möglichkeiten zur Lebensgestaltung, zum anderen aber auch die subjektorientierten Lebensentwürfe und Ansprüche der Adoleszentinnen. Dabei konnte man eruieren, dass die Möglichkeiten der Lebensgestaltung bei Mädchen wesentlich abhängig sind von den beruflichen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Da der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt noch immer einer geschlechtsspezifischen Teilung unterliegt, besetzen im Regelfall Frauen und Mädchen Arbeitsplätze mit geringerer Bezahlung, Status,

Entscheidungsbefugnis und Aufstiegschancen.[5] Und diese schlechteren Chancen auf dem Arbeitsmarkt resultieren nicht aus fehlenden Qualifikationen sondern bestehen trotz deren Vorhandensein fort. Das bedeutet für viele Mädchen und junge Frauen, dass sie nicht den Beruf ergreifen können, den sie sich erwünschen, was wiederum eklatante Auswirkungen auf deren Lebensperspektiven hat. »So sind die gesellschaftlichen Angebote, auf die Mädchen bei der Gestaltung ihrer zukünftigen Perspektiven treffen, so strukturiert, daß eine Orientierung primär an der Verwirklichung beruflicher Interessen von ihnen besondere Energien und Durchsetzungsbereitschaft erfordert. Aufgrund dieser Bedingungen findet indirekt eine Lenkung der Lebensperspektiven im dem Sinne statt, daß zentrale Interessen der Mädchen auf den Bereich der privaten Reproduktionsarbeit gerichtet werden, wodurch sich traditionelle Muster der geschlechtlichen Arbeitsteilung reproduzieren«.[6]

Trotz oder gerade deshalb zeichnen sich Lebensentwürfe junger Frauen durch eine Doppelorientierung aus. Neben der beruflichen Tätigkeit ist auch das partnerschaftliche und familiale Zusammenleben von Bedeutung und findet derart Eingang in die Lebensentwürfe von Adoleszentinnen. Dies konfligiert jedoch mit den Strukturen des Beschäftigungsmodells. Die individuelle berufliche Lebensplanung wird durch die Zuständigkeit für die Versorgung von Kindern begrenzt. Aus der soziologischen Perspektive heraus bedeutet dies, dass die Doppelorientierung, bestehend aus beruflicher Verwirklichung und familialer Zuständigkeit, ein bewusstes Gestalten und Balancieren erfordert. Dabei ausgeblendet bleiben aber innerpsychische Vorgänge und Aushandlungsprozesse und die damit einhergehenden Auswirkungen auf die lebensperspektivischen Entscheidungen adoleszenter Mädchen. Die Einbindung psychoanalytischer Sichtweisen kann diesbezüglich eine ergänzende Perspektive offen legen: insbesondere mit Blick auf konflikthafte Entwicklungen im Zuge weiblicher Lebensentwürfe.

2.2 Die psychoanalytische Bewertung der weiblichen Adoleszenz

In den Anfängen der Psychoanalyse hat SIGMUND FREUD in seiner Schrift Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (1905) Pubertät als Zeit der »Wandlungen« definiert, die »das infantile Sexualleben in seine endgültige, normale Gestaltung überführen«[7] soll. Dabei entwickelte FREUD aber kein genuin weibliches Sexualmodell, sondern begriff diese stets unter dem Gesichtspunkt defizitärer Männlichkeit.[8] Innerhalb der Psychoanalyse wirkte dieses Modell des »phallischen Monismus« Jahre und Jahrzehnte nach. Daneben trat aber in der psychoanalytischen Adoleszenzdiskussion der Aspekt der Wiederholung frühkindlicher Konflikte, denen nahezu deterministische Züge inhärent schienen, womit eine zunehmende Ausrichtung auf die Psychopathologie vonstatten ging. Damit aber schlug sich in der Theoriebildung ein Mangel an gesellschaftstheoretischer Reflexion nieder, der die gesellschaftliche Reproduktion des Machtverhältnisses zwischen den Geschlechtern widerspiegelte. Dennoch finden sich in den 1920er und 1930er Jahren Diskurse über Problemstellungen der Pubertät, die auch auf speziell weibliche Entwicklungsprobleme abstellen (vgl. z. B. DEUTSCH 1925; KLEIN 1932; HORNEY 1933; JONES 1935; JACOBSON 1937). In den beiden Folgejahrzehnten »verstärkte sich die Tendenz einer Medizinalisierung der Psychoanalyse und die Ausrichtung auf den ›Determinismus der frühen Kindheit‹«.[9] ANNA FREUD (1958) bemängelte entsprechend, die Pubertät sei das Stiefkind der psychoanalytischen Theorie und Therapie. Im Anschluss an FREUDS Theorie sah sie den Grund dafür in den Problemen erwachsener Menschen mit der Aktualisierung von pubertären Empfindungen im Kontext kränkender und konfligenter Affekte, die in Zusammenhang mit der Entwicklung der Gechlechtsidentität stehen. Daher rühre auch die Lücke im theoretischen Konstrukt der Psychoanalyse hinsichtlich der Adoleszenz. Diesbezüglich eine Ausnahme bilden Arbeiten von HELENE DEUTSCH (1944) und MARIE LANGER (1953). Als Orientierungspunkt ihrer Analysen der weiblichen Adoleszenz wählen beide eine erwachsene weibliche Identität, sodass das Wiederaufleben kindlicher Konflikte zwar berücksichtigt wird, »die für die Adoleszenz konstitutive Auseinandersetzung mit der weiblichen Genitalität, mit Fruchtbarkeit und erwachsener weiblicher Körperkraft und Sexualität dabei jedoch nicht aus dem Blick gerät«.[10] Die Hauptströmung späterer psychoanalytischer Konzeptionen weiblicher Adoleszenz schließt wieder verstärkt an FREUDS Konzept von Weiblichkeit an, stellt aber weit mehr als dieser auf die narzisstische Besetzung weiblicher Genitalien ab. Demnach bilden die weiblichen Genitalien eine Art narzisstische bzw. libidinöse ›Leerstelle‹, während die - durch libidinöse Besetzung des Körpers - gesteigerte pubertäre Eitelkeit als Strategie der Kompensation des Penisneides zu interpretieren ist. Trotz der Tatsache, dass dies ein Stehen bleiben auf der Ebene der Erscheinungen und Abwehr bedeutet, ist dieses Konstrukt der weiblichen Adoleszenzentwicklung in nachfolgenden Theoriegebilden immer wieder zu finden.

1958 löst sich KURT EISSLER mit seinen Thesen vom Konstrukt des ›Determinismus der frühen Kindheit‹. Er betont vielmehr die im Zuge einer psychischen Neustrukturierung liegende ›zweite Chance‹, in der Kindheit bzw. Latenzzeit entwickelte Lösungsmodelle - insbesondere jene, die im Rahmen ödipaler Konflikte entstanden sind - zu revidieren und neu auszurichten. Damit gibt er freiwerdenden Kräften für die Reorganisation im Sinne neuer Identifizierungen und Besetzung neuer Objekte den Vorzug vor regressiven Tendenzen, deren Auftreten er bei adoleszenten Jugendlichen durchaus wahrnimmt. EISSLER sieht genau in diesem Prozess die Voraussetzung für eine gelingende elterliche Ablösung und die Chance, sich externen Liebesobjekten zuwenden zu können. Ähnliche Gedanken verfolgt auch ERIK H. ERIKSON mit seinem Entwurf des »Moratoriums«, wenngleich auf einer mehr harmonisierenden Konzeption des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft. Der endgültige Durchbruch gelingt dem Konzept der Adoleszenz als ›zweiter Chance‹ mit den Schriften MARIO ERDHEIMS in den 1980er Jahren. Er vertritt darin die Meinung, dass ein innerer Zusammenhang zwischen der Adoleszenzdynamik und kulturell-sozialem Wandel besteht. Danach wehrt sich die in der Kindheit erworbene Art des Zusammenlebens, von der später erworbenen kulturellen Weise des Zusammenlebens abgelöst zu werden. Die Differenz zwischen ersterem Prozess, der »Familiarisation« und dem Prozess der kulturellen Übernahme, der »Enkulturation« beinhaltet dabei das Potential der ›zweiten Chance‹: Während der Adoleszenz kommt durch den Einfluss der nichtfamilialen Umwelt die Auslese jener Kindheitserfahrungen zustande, die im Alter des Erwachsenseins von bestimmender Natur ist. Die Veränderungspotentiale der Adoleszenz sind jedoch abhängig vom Umfang, indem gesellschaftliche Institutionen familiäre Erfahrungen auf den institutionellen Kontext projizieren bzw. Abhängigkeiten von der Familie auf die Institution übertragen. Diese Strukturen, so ERDHEIM, verhindern eine wirkliche Ablösung und daher stehe die gesellschaftliche Reproduktion von Machtverhältnissen in enger Verbindung mit der Eingrenzung der adoleszenten Dynamik.[11] Neben der Schaffung eines Verständnisses für gesellschaftliche Machtverhältnisse öffnet diese Theorie auch den Horizont dafür, inwieweit die Bedingungen der Gesellschaft Optionen für junge Frauen enthalten, um eine gelingende Ablösung von der Familie zu vollziehen und ihre kreativen Kompetenzen zu entfalten.

Zum Abschluss sei noch auf die Leitlinien der aktuellen Diskussion bezüglich der weiblichen Entwicklung hingewiesen. Im Fokus steht dabei die Frage, welche basal-theoretischen Annahmen innerhalb der Psychoanalyse eine kritische Revision der Weiblichkeitskonzeption nach FREUD ermöglichen oder eine solche verstellen. Dies ist insbesondere mit der Frage verbunden, ob mit der Überwindung des ›phallischen Monismus‹ zwangsläufig eine vollständige Abkehr von der Triebtheorie verbunden sein muss. Erste Ansätze einer Überwindung scheinen darin zu liegen, dass die Bedeutung der Mutter-Tochter-Beziehung und damit verbundene Konflikte in Bezug auf Trennung und Individuierung nicht allein aus objektbeziehungstheoretischer Perspektive zu beleuchten sind, sondern auch mit Blick auf die sexuelle Dimension, ohne dabei auf FREUDS vereinfachendes Theoriekonstrukt zurückzugreifen. Die differenzierte Analyse dieser negativ-ödipalen Tochter-Mutter- Konstellation würde dann auch den Blick auf Aspekte der positiv-ödipalen Tochter-Vater- Beziehung eröffnen. Damit würde die Betrachtung der weiblichen Adoleszenz auch nicht auf eine körperlose Identitätsbestimmung junger Frauen hinauslaufen. Es böte sich vielmehr die Gelegenheit, an der weiblichen Genitalität festzuhalten.

[...]


[1] Vgl. http:// www.stangl.eu/psychologie/definition/Adoleszenz.shtml. 11.05.2007

[2] Vgl. CHARLTON, KÄPPLER & WETZEL (2003): 162

[3] Ebd.: 163

[4] FLAAKE & KING (2003): 13

[5] Vgl. BEDNARZ-BRAUN (1990); HORSTKEMPER (1990)

[6] FLAAKE & KING (2003): 15

[7] FREUD (1905): 112

[8] Vgl. FLAAKE & KING (2003): 20

[9] Ebd.: 23

[10] Ebd.: 24

[11] Vgl. insbesondere ERDHEIM, MARIO (1982)

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783656172864
ISBN (Buch)
9783656173052
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191995
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Sozialpädagogik
Note
1,0
Schlagworte
weibliche adoleszenz entwicklung ess-störungen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Weibliche Adoleszenz und die Entwicklung von Ess-Störungen