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Elfriede Jelineks "Die Kontrakte des Kaufmanns": Ökonomie, Theater und Sprache

Seminararbeit 2010 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Theaterästhetik Elfriede Jelineks
2.1 Äußere Form
2.2 Figuren, Kommunikation und Handlung

3 Sprache und Stil
3.1 Die Sprache der Finanzwelt
3.2 Semantische Instabilität
3.3 Bildlichkeit
3.4 Wortschatz

4 Methode der Montage
4.1 Literatur der Klassik und Moderne
4.2 Märchen
4.3 Sprichwörter und Weisheiten
4.4 Griechische Mythologie
4.5 Werbung
4.6 Theater und Film

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Nobelpreisträgerin verarbeitet in ihrem Werk Die Kontrakte des Kaufmanns den Skandal um das Meinl-Unternehmen, welches das Geld ihrer Anleger in Offshore-Zertifikaten versi- ckern ließ. Desweiteren thematisiert sie den Skandal um die Gewerkschaftsbank BAWAG, die sich 2007 mit Arbeiterpensionen verspekuliert hatte. Besonders viele Rentner hatten im Vertrauen auf Rendite ihr Erspartes investiert und anschließend verloren. Jelinek reagierte sofort und noch bevor es zur weltweiten Wirtschaftskrise kam, hatte Jelinek schon das erste Drama darüber verfasst, welches sie zynisch als „Wirtschaftskomödie“ tituliert.

In dem ersten Teil dieser Arbeit wird der dekonstruktivistische Dramenstil Elfriede Jelineks am Beispiel von Die Kontrakte des Kaufmanns analysiert und die zentralen Unterschiede zwi- schen diesem Theatertext und „konventionellen“ Dramen herausgearbeitet. Der zweite Teil widmet sich der markanten und sehr komplexen Schreibweise Jelineks. Ziel ist es hier, ihr experimentelles Spiel mit Sprache und verschiedenen Stilebenen aufzudecken und zu interpretieren.

Das folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Besonderheit dieses Theatertextes, die darin besteht, dass er aus vielen einzelnen Fertigteilen zusammengewebt ist. Auf metakommunika- tiver Ebene demonstriert die Autorin so auf zynischer Weise eine scheinbare Willkür und Sorglosigkeit bei der Textherstellung. Jedoch lässt sich dieser erste Eindruck widerlegen. So habe ich mir zur Aufgabe gemacht die intertextuellen Anspielungen und die willkürlich an- mutenden Metaphern ihrer Kapitalismusanalyse aufzudröseln und die Motivation für deren Verwendung nach zu verfolgen.

Die Grundlagen meiner Ausführungen bilden dementsprechend zum einen Artikel der Medienberichterstattung, die sich mit den beiden Finanzskandalen beschäftigen. Zum anderen stützen sie sich auf die Primäraussagen Elfriede Jelineks und auf Sekundärliteratur, die sich mit der Theaterästhetik Elfriede Jelineks befasst.

2 Das Theater Elfriede Jelineks

Die Abweichung von traditionellen Gattungskonventionen gehört zu den grundlegenden Merkmalen von Jelineks Theatertexten. So bewegen sich Die Kontrakte des Kaufmanns for- mal und auch inhaltlich in Richtung Prosatext. Jelinek wendet sich mit der Forderung: „Ich will kein Theater, ich will ein anderes Theater“[1] strikt gegen die traditionelle Form des Thea- ters.

2.1 Äußere Form

Die Sprachradikalistin verfolgt eine dekonstruktivistische Philosophie. Konsequent werden die aristotelischen Einheiten von Ort, Zeit und Handlung durchbrochen und tragen zu der Orientierungs- und Bodenlosigkeit bei, von der Kleinanleger genauso wie die Leser und Zu- schauer betroffen sind. So verzichtet sie, ironisch kommentierend, auf die Einteilung in Akte und Szenen: „Einer von etlichen Akten, ich weiß nur nicht, wo der eine beginnt und der nächste aufhört“[2]. Die Wirtschaftskomödie beginnt mit einen „Prolog“, welcher aber fast das einzige Zugeständnis Jelineks an die Form traditioneller Theatertexte ist. Der Hauptteil wird als „Das Eigentliche“ betitelt. Am Ende des Theatertextes führt sie in ihren „Dank- und Bitt- und Versagungen“ ihre Quellen auf: Senior Advisor Dr. Helene Schuberth der Österreichi- schen Nationalbank, „Europa, äh, Euripides“ („Herakles“, nach der hbersetzung von J.J. Donner) und die Meinl-Bank. Die wenigen Szeneanweisungen sind sehr frei. Jelinek nimmt folgendermaßen Stellung dazu: „Der Text kann an jeder beliebigen Stelle anfangen und auf- hören. Es ist egal, wie man ihn realisiert.“

2.2 Figuren, Kommunikation und Handlung

Im Gegensatz zum klassischen Drama werden die Figuren des Stückes nicht vor dem Text aufgelistet. Es fehlen die dramatis personae und damit eindeutige Sprechinstanzen. Anstelle dieser sprechen das personifizierte Geld und Chöre von Engeln, Greisen und ein Stein. Es treten also nur identitätslose Kollektive, keine Einzelfiguren, auf.

Es ist keine richtige Kommunikation oder Interaktion zwischen den Figuren vorhanden. Der erste Engel der Gerechtigkeit und der Stein sprechen einen kurzen Redeanteil gemeinsam, jedoch führen sie keinen Dialog miteinander, denn sie fallen sich immer wieder gegenseitig ins Wort oder drängen sich ab.[3] Der dritte Engel beugt sich zwar über den toten zweiten En-

gel, doch dies ändert nichts an der Handlungslosigkeit des Stückes. Der gesamte Theatertext

ist von Monologen geprägt, die im Kontrast zum traditionellen Theater stehen, welches von Dialogen lebt.

Der letzte Monolog wird wie folgt zugeeignet: „Noch mehr Engel, die bislang nicht aufgetre- ten sind, oder es tritt jemand ganz anderer auf, mir doch egal“. Die Sprecherrollen sind aus- tauschbar und irrelevant, da das Stück von Handlungslosigkeit geprägt ist. Zwar wird das Thema aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, jedoch finden sich überall ähnliche Grund- aussagen. Daher fungieren die Figuren nur als Träger multipler Stimmen und Diskurse. Der Regisseur muss die Aufgabe des Co-Autors übernehmen. Ihre eigene, dem Stück vorange- stellte Phantasie ist, „daß [sic] drei oder vier Männer ihn möglichst laut schreien“. Dies erin- nert an den expressionistischen Schrei, der auf die erstarrte, heuchlerische und korrupte Ge- sellschaft, um die es auch in Jelineks Theatertext geht, aufmerksam machen sollte.

3 Sprache und Stil

Sich selbst bezeichnet Jelinek mehr als sprachorientierte anstatt inhaltsorientierte Autorin. Ihren individuellen Stil macht das lautliche Ausgehen vom Klang des Wortes aus, welches zu einer Zwischenform aus Komposition und Text führt. Jelinek, welche auch Organistin ist, weiß, dass eine gewisse Musikalität für das Verständnis ihrer Stücke unabdingbar ist: „Das geht sicher so weit, daß [sic] Leute, die sich nie mit Musik beschäftigt haben, gar nichts mit meinem Schreiben anfangen können. Für die ist es wahrscheinlich ein leeres Rauschen. Es erscheint ihnen unsinnig.“[4] Ihren abstrakten Stil begründet sie damit, dass die Schauspieler sagen sollen, was sonst kein Mensch sagt, denn es sei schließlich nicht das wirkliche Leben.[5]

3.1 Die Sprache der Finanzwelt

Die bewusst intendierte Doppelbödigkeit des Wall-Street-Sprechs dominiert das gesamte Stück und wird durch dieses Spiel der Signifikanten entlarvt. Wittgenstein’sche Sprachspiele wie „der Erlös erlöst den Kunden“, „die Ersparnis wird erspart“ und „mit der Abfindung ab- finden“ decken die gemeine Zweideutigkeit der Wirtschaftssprache auf. So tritt der Vertreter seine Kunden und tritt sich seine Füße an ihnen ab.[6] Die Vorgehensweise, mit der sie die un- seriösen Geschäfte vor der Öffentlichkeit verschleiern und beschönigen, kommt durch Eu- phemismen wie „Minuswachstum“, „Gewinnwarnung“ oder „Verluste erwirtschaften“ zur Sprache. So ist beispielsweise mit einer „selektive[n] Fortsetzung der Wachstumsstrategie“

eine Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer gemeint. Ein Merkmal von Jelineks Stil

ist auch die Ironie mit ihren verschiedenen Ausprägungen wie Zynismus und Sarkasmus. So wird die Naivität der Kleinanleger verhöhnend verdeutlicht: „Sie können Ihr Geld jederzeit bei uns besuchen“[7] und werden von den Vertretern beschimpft: „Sie Vollkoffer Sie, Sie Idiot, Sie unbelehrbarer Trottel“[8].

[...]


[1] Jelinek, Elfriede: Ich möchte seicht sein. In: Gegen den schönen Schein. Texte zu Elfriede Jelinek. Hg. von Christa Gürtler. Frankfurt/Main: Neue Kritik, 1990. S. 157

[2] Jelinek, Elfriede: Drei Theaterstücke. Die Kontrakte des Kaufmanns, Rechnitz (Der Würgeengel), Über Tiere. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 2009. S. 217

[3] Jelinek 2009, S. 301f.

[4] Heinrichs, Hans-Jürgen. Schreiben ist das bessere Leben. München: Antje Kunstmann Verlag, 2006. S. 21-24

[5] Jelinek 1990, S. 157f.

[6] Jelinek 2009, S. 259

[7] Jelinek 2009, S. 262

[8] Ebd., S. 233

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656167594
ISBN (Buch)
9783656168188
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191990
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Schlagworte
elfriede jelineks kontrakte kaufmanns ökonomie theater sprache

Autor

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