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Identität und Integration

Zur Bedeutung psychologischer Identitätsbildungsprozesse in Integrationsmodellen für MigrantInnen

Diplomarbeit 2006 52 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Integration
2.1 Bedeutung von Integration in Bezug auf MigrantInnen
2.2 Die Ausländerpolitik der Bundesrepublik Deutschland seit
2.2.1 Die vier Phasen der Ausländerpolitik von 1949 bis
2.2.2 Ausländerpolitik bis 1998 - Ausgrenzung statt Integration
2.2.3 Paradigmenwechsel nach 1998 und Entscheidung für Integration
2.3 Anforderungen an eine moderne Integrationspolitik - Ein gemeinsames Positionspapier der in der BAGFW zusammengeschlossenen freien Wohlfahrtsverbände und der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration (23.10.2003) - Leitlinien

3. Identitätsbildung
3.1 Was istIdentität? Versuch einer Definition
3.2 Psychologische Prozesse der Identitätsbildung
3.2.1 Definitionsräume für Identität und die persönliche und soziale Identität
3.2.2 Individuelles und kollektives Selbst(-bild)
3.3 Identität heute - Individualität in der gesellschaftlichen Spätmoderne
3.3.1 Die Identitätsproblematik
3.3.2 Gelingende Identität
3.3.3 Ursachen und Folgen bedrohter Identität
3.4 Bedrohte Identität durch die Problematik der Stadt-Land-Differenz im Migrationskontext (individuelles vs. kollektives Selbst)

4. Identität und Integration
4.1 Zusammenhänge zwischen Prinzipien des Integrationsmodells und der Identitätsbildung
4.2 Kulturelle Heterogenität und das Prinzip der Transkulturalität
4.3 Mögliche Folgen für den Integrationserfolg von MigrantInnen durch Störungen bei der Identitätsbildung

5. Schlussbetrachtung Quellenverzeichnis

Abkürzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kapitel 1: Einleitung

Seit dem Regierungswechsel im Jahr 1998 und dem rot-grünen Koalitionsvertrag bezeichnet sich Deutschland als Einwanderungsland. Faktisch ist es das bereits seit etwa zwei bis drei Jahrzehnten, wie es im „Kühn-Memorandum", dem Bericht des ersten Ausländerbeauftragten einer Bundesregierung, 1979 beschrieben wurde [vgl. Beauftragter der Bundesregierung 1979]. Von einer bundesdeutschen Regierung wurde es allerdings 1998 zum ersten Mal offiziell ausgesprochen. Deutschland, das Land mit der statistisch größten (absoluten) Einwanderung in Westeuropa [vgl. Migrationsbericht 2004: 116], und seine politische Führung ignorierte über Jahrzehnte hinweg, dass sich die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung in nicht unerheblichem Maße verändert hatte. Die Möglichkeit, frühzeitig auf diese Veränderung durch entsprechende Gesetzgebung zu reagieren und Akzeptanz fördernd einzuwirken, wurde versäumt oder nicht beabsichtigt. Durch rigides Festhalten am Prinzip der Abstammung im Staatsangehörigkeitsrecht und dem dahinterstehenden homogenen Nation- und Volksverständnis kam es dazu, dass eine ganze Generation von Migrantenkindern in Deutschland geboren wurde, zur Schule ging, einen Beruf erlernte und trotzdem von der Gesellschaft ausgeschlossen wurde, u. a. weil sie rechtlich Ausländer blieben, mit entsprechenden Rechts- und Chancenungleichheiten sowie Unsicherheiten bzgl. des Aufenthaltsstatus'.

Im Zuge der Diskussion um die Neuregelung des Staatsangehörigkeitsrechts, der Debatte über das neue Zuwanderungsgesetz und der Terroranschläge des 11. Septembers 2001 in New York stellte man fest, dass nicht nur neue Zuwanderer integriert werden müssen, sondern dass es einen erheblichen Nachholbedarf für Millionen bereits hier lebender MigrantInnen gab. Bestürzt wurde die Bildung von „Parallelgesellschaften" zur Kenntnis genommen. Die Entstehung dieser Parallelgesellschaften wurde meist mit dem fehlenden Integrationswillen der MigrantInnen begründet und vielfach war in der Öffentlichkeit von „gescheiterter Integration" zu hören, ohne dass genau benannt wurde, welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollten. Die jahrelange paradoxe politische Haltung der „Teilintegration mit grundsätzlicher Rückkehrabsicht" und die ablehnende Haltung der Gesellschaft wurden dagegen weniger beachtet [vgl. Kür§at-Ahlers 2001: 119]. Die Diskussion um geeignete Integrationsmaßnahmen verlagerte sich daher auf verpflichtende Sprach- und Integrationskurse, die sinnvoll für Neuzuwanderer sein mögen, aber der Situation der Millionen MigrantInnen, die seit vielen Jahren in Deutschland leben, nicht gerecht werden.

Außer der Forderung nach kultureller Assimilation, gab es - besonders nach den New Yorker Anschlägen des 11. September 2001 - immer öfter die Frage nach einer emotionalen Assimilation, im Sinne einer Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft. Dies äußerte sich in Vorschlägen eines Verfassungs- und Wertebekenntnisses beim Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit, sowie einer erhofften Klärung der „Loyalitätsfrage" durch die Abgabe der alten Staatsbürgerschaft von Einzubürgernden. Aus der Perspektive der seit vielen Jahren in Deutschland lebenden MigrantInnen wurden sie zunächst jahrelang gesellschaftlich und politisch ausgegrenzt und sollten sich nun, mehr oder weniger zwangsweise, integrieren bzw. assimilieren.

Nach den Versäumnissen der letzten Jahrzehnte und besonders der 90er Jahre gestaltet sich eine weitergehende Integration von bereits hier lebenden MigrantInnen als problematisch. Alleine durch Sprachkurse, Orientierungskurse oder eine in Aussicht gestellte Einbürgerung -als „Belohnung" für Assimilation - wird eine erfolgreiche Integration nicht möglich sein. Integration ist kein einseitiger Prozess, indem die Aufnahmegesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt feststellt, dass ein Migrant oder eine Migrantin integriert ist.

Inwiefern Integration auch mit inneren Prozessen bei MigrantInnen zusammenhängt und die Rolle, die Identitätsbildung bei diesem Prozess der Integration zukommt, soll anhand dieser Arbeit untersucht werden.

Sie soll unter Berücksichtigung psychologischer und soziologischer Erkenntnisse eine Antwort geben auf die Frage, welche Bedeutung die Identitätsbildung für Integration, wie sie in einem Integrationsmodell angestrebt wird, hat.

In dieser Arbeit wird versucht, einen interdisziplinären Zugang zur Problematik der Integration von MigrantInnen aufzuzeigen. Durch die Verknüpfung von Integrationspolitik, psychologischen Erkenntnissen über den Herstellungsprozess von Identität sowie soziologischen Entwürfen über Identität in der gesellschaftlichen Spätmoderne, soll der komplexe Vorgang der Integration verständlich gemacht werden.

Da es sich um die Integration von Millionen von MigrantInnen in die deutsche Gesellschaft handelt [vgl. Migrationsbericht 2004: 116], ist es wichtig alle Faktoren zu berücksichtigen, die eine Integration ermöglichen, begünstigen oder eventuell behindern. Ob auch Identität ein solcher Faktor ist und inwieweit er berücksichtigt wird, ist das Erkenntnisinteresse des Autors.

Zunächst wird der vielfältig in Öffentlichkeit und Politik verwendete Begriff der „Integration" im Zusammenhang mit MigrantInnen mit Hilfe einer soziologischen Betrachtung von Hartmut Esser konkretisiert. Daraufhin soll durch die Darstellung der Geschichte der Ausländerpolitik der Bundesrepublik Deutschland der Hintergrund des Integrationsbegriffs und des daraus entstandenen Integrationsmodells beleuchtet werden. Die Kenntnis der Geschichte der Ausländerpolitik ist ebenfalls Grundlage für das Verständnis der aktuellen Integrationsproblematik.

Da ein offizielles Integrationsmodell nicht existiert, dient ein gemeinsames Positionspapier der „Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration" und einem Zusammenschluss der freien Wohlfahrtsverbände (BAGFW1 ) vom 23.10.2003 als solches. Es formuliert „Anforderungen an eine moderne Integrationspolitik" und soll in dieser Arbeit als Integrationsmodell betrachtet werden, da es von allen beteiligten Trägern der gesellschaftlichen Integration herausgegeben wurde. Soziale Arbeit mit MigrantInnen findet im Rahmen dieser Träger statt, weshalb dieses Modell somit auch sozialarbeiterischem Handeln zugrunde liegt. Es trägt zwar nicht den Titel „Integrationsmodell", ist jedoch das dem am nächsten liegende. Die einzelnen Aspekte des Modells werden kurz dargestellt.

Mit Hilfe psychologischer Fachliteratur soll im nächsten Kapitel der als „inflationär" [Keupp 2002: 7] bezeichnete Identitätsbegriff definiert und anschließend die Prozesse der Identitätsbildung im einzelnen erklärt werden. Nach der begrifflichen Klärung und der Einführung in die Entstehung von Identität werden soziologische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse über Identitätsentwürfe in der gesellschaftlichen Moderne aufgezeigt, um eine Antwort auf die Frage zu bekommen, was „gelingende Identität" heutzutage bedeutet. Dabei soll auch darauf eingegangen werden, welche Voraussetzungen speziell MigrantInnen für gelingende Identität in den Prozess der Identitätsbildung mitbringen. Welche eventuellen Ursachen und möglichen Folgen eine fehlerhafte Identitätsbildung bzw. bedrohte Identität von MigrantInnen haben kann, wird im letzten Teil des Kapitels anhand eines konkreten Beispiels veranschaulicht, das noch einmal Bezug nimmt auf die konkreten Prozesse der Identitätsbildung.

Durch eine Untersuchung der einzelnen Aspekte des Integrationsmodells auf konkrete Zusammenhänge mit Prozessen der Identitätsbildung wird schließlich überprüft, ob diese Prozesse berücksichtigt werden und ob sie gelingende Identitätsbildung unterstützen. Des Weiteren sollen die Folgen verfehlter oder bedrohter Identitätsbildung für den Integrationserfolg von MigrantInnen aus gesellschaftlicher Sicht aufgezeigt werden.

Unter „MigrantInnen" werden in dieser Arbeit alle Menschen verstanden, die mit dauerhafter Bleibeabsicht nach Deutschland kommen oder bereits hier leben. Es wird dabei grundsätzlich weder unter dem Gesichtspunkt der Integration, noch bei der Identitätsbildung nach spezifischen MigrantInnengruppen differenziert. Gemeinsames Merkmal sind die - auf Dauer angelegte - Migration und die damit einhergehende Nicht-Zugehörigkeit zur Aufnahmegesellschaft. Dies ist nicht darin begründet, dass angenommen wird, es existierten keine Unterschiede bei verschiedenen Gruppen von MigrantInnen, sondern dass es nur ein für alle gemeinsam geltendes Integrationsmodell gibt. Auch bei der Untersuchung der Identitätsbildungsprozesse kommt es dem Autor darauf an, Gemeinsamkeiten aller MigrantInnen in den Vordergrund zu stellen, anstatt auf jede Gruppe einzeln einzugehen. Im Übrigen nimmt man in der Psychologie an, dass grundlegende psychologische Prozesse für alle Menschen gleichermaßen gelten.

Kapitel 2: Integration

2.1 Bedeutung des Begriffs Integration in Bezug auf MigrantInnen

Der Begriff„Integration" war in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der Frage nach der „Integration von MigrantInnen" des Öfteren zu hören. Politiker diskutierten über die richtige Art des Umgangs mit Zuwanderern und welche Anforderungen dabei an sie und die Gesellschaft gestellt werden sollten. Die einen forderten mehr Assimilation, andere die Verwirklichung der Idee der „multikulturellen Gesellschaft", und dazwischen tauchte ab und zu der Begriff „Integration" auf.

Aber was genau ist darunter zu verstehen? Meint Integration die Anpassung der Gesellschaft an die Bedürfnisse der MigrantInnen? Oder die kulturelle Assimilation der MigrantInnen an die Aufnahmegesellschaft? Welches Verständnis dahintersteht, wenn in der aktuellen politischen Debatte über Integration gesprochen wird, soll anhand einer soziologischen Begriffsbeschreibung nach Hartmut Esser verdeutlicht werden und als Orientierung für den weiteren Verlauf der Arbeit dienen.

Esser unterscheidet zunächst zwei Arten von Integration im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Systemen [vgl. 2001: 64 ff.]:

Die „Systemintegration" und die „Sozialintegration". „Systemintegration" bezeichnet die Integration des Systems einer Gesellschaft als Ganzheit, das heißt die Form des Zusammenhalts der Teile eines sozialen Systems. Für eine Systemintegration reicht es aus, dass es ein geordnetes, relativ spannungsfreies Zusammenleben bspw. unterschiedlicher ethnischer Gruppen gibt, deren Beziehungen untereinander durch Waren- oder Arbeitsmärkte reguliert sind. Sie haben bestimmte Rechte (Aufenthaltsrecht) und Pflichten (Steuern zahlen), müssenjedoch weder Loyalität bekunden noch Sprachkenntnisse nachweisen.

Mit „Sozialintegration" ist dagegen die Integration der einzelnen Akteure in das System hinein gemeint. „Sozialintegration" hat vier Varianten oder Ebenen: Kulturation, die Kenntnis der Sprache um Möglichkeiten nutzen zu können, Platzierung, die Positionierung innerhalb der Gesellschaft und des Systems, Interaktion, die Platzierung außerhalb formeller Märkte, und Identifikation, als emotionale Bindung zwischen Akteur und dem sozialen System als Ganzheit. [vgl. Esser 2001: 66 ff.]

Sind MigrantInnen in ihrer Herkunftsgesellschaft und in der Aufnahmegesellschaft in diesem Sinne integriert, handelt es sich um eine „Mehrfachintegration". Laut Esser ist es jedoch aufgrund des hohen Aufwands äußerst unwahrscheinlich, dies ohne besondere Voraussetzung - wie bspw. Kind von Diplomaten zu sein - zu erreichen. Wenn man „Segmentation" oder „Marginalität" in der Aufnahmegesellschaft vermeiden möchte, bleibt zur Integration nur noch die „Assimilation" [Abb. Esser 2001: 69].

Der Begriff „Assimilation" ist normativ stark belastet, meint in diesem Zusammenhang aber rein deskriptiv die Angleichung der gesellschaftlichen Gruppen in bestimmten Eigenschaften wie Sprache oder in der Einnahme beruflicher Positionen. Assimilation hat, in Anlehnung an die vier Ebenen der Sozialintegration, vier inhaltliche Dimensionen. Esser unterscheidet kulturelle2 , strukturelle3 , soziale4 und emotionale5 Assimilation und betont, dass eine Angleichung keinesfalls einseitig geschehenmuss.[vgl. 2001: 71 f.]

Systemintegration und Assimilation (Sozialintegration) sind also zunächst voneinander unabhängig und bedingen sich nicht gegenseitig. Eine Gesellschaft kann entweder in Verbindung mit Assimilation, oder auch ohne sie, systemintegriert sein. Hat eine Angleichung im Sinne der beschriebenen Aspekte der Assimilation stattgefunden, wird die Gesellschaft als „homogen" bezeichnet. Gibt es größtenteils keine Assimilation, spricht man von einer „multiethnischen Gesellschaft". Eine Systemintegration ist in jedem Fall eine notwendige Bedingung, um Klassen-, regionale oder ethnische Konflikte zu vermeiden, da sie die Beziehungen der Gruppen untereinander regelt. [vgl. Esser 2001: 76]

Die Problematik einer multiethnischen Gesellschaft offenbart sich erst, wenn man die von Esser beschriebene „Dritte Dimension" betrachtet [2001: 77]. In jeder Gesellschaft existieren soziale Ungleichheiten, die sich im Normalfall auf die Individuen innerhalb der Gesellschaft verteilen. Es ist allerdings laut Esser empirisch belegbar, dass es in allen ethnisch differenzierten Gesellschaften zu einer „ethnischen Schichtung" kommt. Das heißt, dass die vertikalen Ungleichheiten nicht auf die Individuen verteilt sind, sondern auf bestimmte (ethnische) Gruppen innerhalb einer Gesellschaft, die überproportional von der Ungleichheit -vor allem in der Einnahme gesellschaftlich wichtiger, interessanter Positionen - betroffen sind. Nur durch strukturelle Assimilation, nämlich der Angleichung in der Besetzung von Positionen im Bildungsbereich oder auf dem Arbeitsmarkt, kann dies überwunden werden. Und strukturelle Assimilation erfordert wiederum kulturelle sowie soziale Assimilation. Die Systemintegration ist also längerfristig gefährdet, wenn MigrantInnen oder ethnischen Gruppen keine Möglichkeiten zur kulturellen Assimilation eröffnet werden und die Unterschichtung der Aufnahmegesellschaft durch eine bestimmte ethnische Gruppe lediglich hingenommen wird. [vgl. Esser 2001: 77 ff.]

Nach Essers Ansicht wurde die Bundesrepublik Deutschland seit 1967 mit der sich verstärkenden Arbeitsmigration eine „systemintegrierte Gesellschaft ohne Assimilation", demnach eine „multiethnische Gesellschaft" [vgl. Abb. 2001: 74]. Die „Fremdarbeiter" blieben meist räumlich segregiert, mussten die Sprache nicht unbedingt erlernen und die Beziehungen zu der einheimischen Bevölkerung wurden durch den Arbeitsmarkt weitestgehend geregelt. Da eine Systemintegration von vorneherein gegeben war, kann es sich bei der heutigen Verwendung des Begriffs der Integration von MigrantInnen also nur um Assimilation handeln. Inwieweit dies zutrifft, soll anhand der folgenden Kapitel untersucht werden.

2.2 Die Ausländerpolitik der Bundesrepublik Deutschland seit 1949

Um die aktuelle Problematik der Integration von MigrantInnen in Deutschland zu verdeutlichen, soll in den folgenden Unterkapiteln auf die Geschichte der Ausländerpolitik in der Bundesrepublik Deutschland eingegangen werden.

Winter [2004: 56 ff.] unterteilt die Ausländerpolitik der Bundesrepublik nach dem zweiten Weltkrieg in vier verschiedene Phasen, die er ab dem Jahr 1955 datiert.

2.2.1 Die vier Phasen der Ausländerpolitik von 1949 bis 1990

Die erste Phase wird als „Anwerbephase" bezeichnet und beschreibt den Zeitraum von 1955 bis 1973. Im Jahr 1955 schloss die damalige Bundesregierung den ersten Anwerbevertrag mit Italien ab und in den kommenden Jahren folgten Verträge mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Portugal, Tunesien, Marokko und dem ehemaligen Jugoslawien. Sinn dieser Verträge war es, kostengünstige, flexible Arbeitskräfte auf begrenzte Dauer nach Deutschland zu holen, je nachdem wie hoch der Arbeitskräftebedarf der deutschen Wirtschaft gerade war. Diese sogenannten „Gastarbeiter" wurden vor allem für niedrigqualifizierte Arbeiten eingesetzt und bildeten somit eine Art Subproletariat, das vielen deutschen Arbeitern den Aufstieg in höher qualifizierte oder beliebtere Positionen ermöglichte [vgl. Heckmann in: Winter 2004: 57]. Der Historiker Herbert beschrieb die Funktion der Ausländer in der damaligen Epoche als „mobile Reservearmee des westdeutschen Arbeitsmarktes" [Winter 2004: 57]. Diese Entwicklung ist die von Esser bezeichnete „ethnische Unterschichtung" der einheimischen Bevölkerung [vgl. Esser 2001: 80]. Die fremden „Gastarbeiter" hatten daher einen niedrigen Status, wenig Ansehen und wurden somit in der Hierarchie der Gesellschaft ganz unten angesiedelt. Politisch drückte sich dies ebenfalls im seit der Weimarer Republik bis heutzutage geltenden Inländerprimat bei der Vergabe von Arbeitsplätzen aus [vgl. Winter 2004: 57]. Die Beziehung der Gesellschaft zu ihren sog. „Gastarbeitern" war rein utilitaristischer Natur, die Bezeichnung Gastarbeiter beschönigte ein Verhältnis, das nicht wirklich gastlich war.

Bereits Mitte der 60er Jahre, während einer kleinen Rezession, kam es zu einer Häufung rassistischer Äußerungen und Einstellungen gegenüber Fremdarbeitern, die sich unter anderem im Einzug der rechtsradikalen NPD6 in sieben Landtagen zwischen 1966 und 1968 ausdrückte. Der Ausspruch von Max Frisch „Man rief Arbeitskräfte, aber es kamen Menschen" spiegelt die damalige Haltung der deutschen Gesellschaft gut wieder [Winter 2004: 58].

Die Anwerbepolitik der Bundesrepublik endete mit der Ölkrise im Jahr 1973, infolge derer der bis heute gültige Anwerbestopp für ausländische Arbeiter beschlossen wurde. Den Zeitraum von 1973 bis 1979 bezeichnet Winter als Phase der „Konsolidierung der Ausländerbeschäftigung". In dieser Zeit begann der Familiennachzug der Gastarbeiter in größerem Maße und in der politischen Debatte wurde überlegt wie man das „Gastarbeiterproblem" lösen könnte. Es wurde auf Vorschlag des Arbeitgeberverbandes ein sogenanntes „Rotationsprinzip" durchdacht, das durch kurzfristige Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigungen „Kosten an der Infrastruktur" sparen und die dauerhafte Einwanderung der ArbeitsmigrantInnen verhindern sollte. Die MigrantInnen wurden grundsätzlich als Stör- und Kostenfaktor gesehen und die „Bund-Länder-Kommission zur Fortentwicklung einer umfassenden Konzeption der Ausländerbeschäftigungspolitik" hielt 1977 fest, dass Deutschland kein Einwanderungsland sei.

„ ... das Festhalten an der kulturellen Homogenität war ablesbar an den Einbürgerungsrichtlinien vom 15. Dezember 1977, die erst 1987 geändert wurden. „Die Bundesrepublik Deutschland ist kein Einwanderungsland; sie strebt nicht an, die Anzahl der deutschen Staatsangehörigen durch Einbürgerungen zu vermehren." [Kür§at-Ahlers 2001: 120]

Das grundlegende Prinzip bleibe die Rückkehr der MigrantInnen. Andererseits sollte die soziale Integration insbesondere der „zweiten Generation" gefördert werden; paradoxerweise jedoch mit einer langfristigen Rückkehrabsicht. Herbert spricht von einer Art „Integration auf Zeit" [Winter 2004: 60].

Das politische und somit auch gesellschaftliche Paradigma dieser Zeit war demnach, dass MigrantInnen oder Fremde nicht erwünscht waren, da sie nicht in die Bundesrepublik „passen würden", was durch die Feststellung der Bund-Länder-Kommission [1977], dass Deutschland kein Einwanderungsland sei, deutlich formuliert wurde.

Auch in der kurzen „Phase der Integrationskonzepte", die Winter von 1979 bis 1980 sieht, wurde diese Sichtweise bestätigt. Der erste Ausländer-beauftragte einer Bundesregierung, der ehemalige nordrheinwestfälische Ministerpräsident Heinz Kühn (SPD), verfasste 1979 eine Denkschrift zum Thema Integration, die unter dem Namen „Kühn-Memorandum" bekannt geworden ist. Er wies darin darauf hin, dass es faktisch zu jener Zeit bereits eine Einwanderungssituation gegeben hätte und es in Zukunft darauf ankäme, diese zu gestalten und den hier lebenden Menschen eine Perspektive zur Eingliederung zu bieten. Laut Bade fanden sich seine Vorschläge jedoch nach einer populistischen öffentlichen „Ausländerdiskussion" lediglich als „durch Integrationskonzepte ergänzte Arbeitsmarktpolitik" [Winter 2004: 61] in den Beschlüssen der damaligen sozialliberalen Regierung wieder. Ausländerpolitik blieb weiterhin Arbeitsmarkt- statt Sozialpolitik. [vgl. Winter 2004: 61]

Die Phase von 1981 bis 1990 ist gekennzeichnet durch eine zunehmende „Vermischung von Asyl- und Ausländerdiskussion". Besonders nach der Regierungsübernahme von CDU/CSU und FDP 1983 polemisierte sich die Diskussion um die „Ausländerfrage". Es ging mehr um eine Begrenzungs- als um Integrationspolitik in einer Zeit der anhaltenden Wirtschaftskrise und steigender Arbeitslosigkeit. Die Diskussion um Ausländer beherrschte vor allen Dingen das Thema „Überfremdung" und eventuelle Schaffung von Rückkehranreizen.7 Die Flüchtlingsdebatte konzentrierte sich, laut Alt und Bade, auf die Darstellung Asylsuchender als „Sozialschmarotzer" und Belastung für die Gesellschaft [vgl. Winter 2004: 63]. Die Kompetenz für die Ausländerpolitik verlagerte sich in dieser Zeit vom Arbeits- in das Innenministerium, sodass das Thema „Ausländer" nun ordnungspolitisch betrachtet wurde [vgl. Winter 2004: 63]. Die Migrations- und Integrationspolitik blieb weitestgehend konzeptlos.

2.2.2 Ausländerpolitik bis 1998 - Ausgrenzung statt Integration

Auch in den 90er Jahre verweigerte die damalige konservative Bundesregierung die Anerkennung der Tatsache, dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden war. Das Volks- und Nationverständnis sowie das Staatsbürgerschaftsrecht blieben weiterhin eng an Abstammungskriterien gebunden. Das „ius sanguinis" galt als Kriterium der Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Konkret bedeutete dies, dass nur Deutscher war, wer deutsche Vorfahren hatte.

Am 26.04.1990 beschloss der Bundestag ein neues Ausländergesetz, in dem Ausländer als potenzielle Gefahr dargestellt wurden. Das Gesetz beinhaltete umfassende Mitteilungs- und Überwachungsvorschriften, eine Verschärfung der Ausweisungsbefugnisse und eine Koppelung der Aufenthaltsgenehmigung an einen Nachweis von ausreichendem Wohnraum -in Zeiten von akutem Wohnungsmangel. [vgl. Atabay 2001 : 85 ff.]

1992 wurde das „Asylbeschleunigungsgesetz" verabschiedet und ein Jahr später wurde durch den Bundestag Artikel 16 des Grundgesetzes, der das Asylrecht gewährleistet, geändert, um eine restriktivere Asylpolitik durchzusetzen. Die Lebensverhältnisse der Asylsuchenden wurden daraufhin mit der Begründung der Verhinderung von materiellen Anreizen und zur Abwehr sogenannter „Scheinasylanten" verschlechtert. Durch die Art und Weise der politischen Debatte und die damit einhergehende Problematisierung und NichtDifferenzierung der Ausländerdiskussion, kam es in dieser Zeit weder zu einem Perspektivangebot, noch zu einer Akzeptanzförderung bei der deutschen Mehrheitsbevölkerung gegenüber MigrantInnen. [vgl. Mehrländer; Schulze 2001: 9]

Bade bezeichnet die 90er Jahre als „Das verlorene Jahrzehnt" [Welt 2001: 23]. Eine Integrationspolitik war bis zu diesem Zeitpunkt nicht zu erkennen.

Prinzipiell wurde durch die Negierung der tatsächlichen Einwanderungssituation offiziell sogar die tatsächliche Systemintegration mehr oder weniger verleugnet. Es gab eine Beziehung zwischen den real existierenden ausländischen Arbeitnehmern und der einheimischen Bevölkerung über die Arbeitsmärkte. Nur sollte anscheinend der Eindruck erweckt werden, dass diese Systemintegration nur vorübergehend nötig sei, bis die „Gastarbeiter" in ihre Heimatländer wieder zurückkehren würden. An eine Sozialintegration war deshalb gar nicht erst zu denken. Welche Folgen diese Haltung und die dadurch gefährdete Systemintegration für Gesellschaft und Migrantinnen haben, zeigten die Verbreitung rassistischer Einstellungen in den 60er Jahren sowie die vermehrten fremdenfeindlichen Übergriffe zu Beginn der 90er Jahre.

2.2.3 Paradigmenwechsel nach 1998 und Entscheidung für Integration

Erst mit dem Antritt der rot-grünen Bundesregierung 1998 vollzog sich ein grundlegender Paradigmenwechsel in der Ausländerpolitik hin zu einer Integrations- und Zuwanderungspolitik. Die neue Regierung sprach erstmals aus, dass Deutschland de facto ein Einwanderungsland geworden sei. Diese Einwanderung sollte nun durch die Neuregelung des Staatsbürgerschaftsrechts sowie durch ein neues Zuwanderungsgesetz gestaltet werden. Um die damalige Situation der Migrantinnen und den Stand der Integration zu evaluieren und Vorschläge zur Verbesserung zu erarbeiten, wurde eine überparteiliche Zuwanderungskommission8 eingesetzt.

[...]


1 Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege

2 Angleichung von Sprache und Wissen (vgl. Kulturation)

3 gleiche Besetzung von Positionen, etwa im Bildungsbereich oder aus dem Arbeitsmarkt (vgl. Platzierung)

4 Angleichung in der sozialen Akzeptanz von Beziehungsmustern, bspw. Heiratsverhalten (vgl. Interaktion)

5 Angleichung der gefühlsmäßigen Identifikation mit der Aufnahmegesellschaft (vgl. Identifikation)

7

6 Nationaldemokratische Partei Deutschlands

7 Ein Beispiel dafür, ist das im November 1983 verabschiedete „Gesetz zur Förderung der Rückkehrbereitschaft von Ausländern", das eine Prämie von 10.500,-DM zuzüglich 1.500,-DM pro Kind vorsah, für die Einwilligung von Nicht-EG-Ausländern in ihre Heimatländer zurückzukehren [vgl. Atabay: 80]

8 sog. „Süßmuth-Kommission"

Details

Seiten
52
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656176633
ISBN (Buch)
9783656177401
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191919
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
1,3
Schlagworte
Integration Identität Integrationsmodelle Migranten Integrationspolitik

Autor

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Titel: Identität und Integration