Lade Inhalt...

Theodor Herzl – Von der Assimilation zum Zionismus

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die vorzionistische Zeit – Herzl als assimilierter Jude

3. Die Hinwendung zum Zionismus
3.1 Rassenantisemitismus und Abschied vom Traum der Assimilation
3.2 Die zionistische Bekehrung

4. Fazit

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Der Gedanke, den ich in dieser Schrift ausführe, ist ein uralter. Es ist die Herstellung des Judenstaates.“[1]

Einen langen Weg musste Theodor Herzl zurücklegen, bis er diese ersten Worte seiner Programmschrift „Der Judenstaat“, veröffentlicht im Februar 1896, schließlich niederschrieb; einen Weg vom resoluten Assimilationisten zum Begründer des politischen Zionismus, vom deutschen Bildungsbürger mit dem Ziel, als Schriftsteller berühmt zu werden, zum politischen Führer mit dem Ziel, eine Heimatstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen.[2] Nur 52 Jahre nachdem Theodor Herzl diesen Gedanken formuliert hatte, am 14. Mai 1948, sollte David Ben Gurion die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel verlesen, über ihm thronte dabei ein Bild jenes Theodor Herzls.[3]

Die Bedeutung Herzls für die Politisierung der zionistischen Idee und für die spätere Gründung des Staates Israel steht also außer Frage. Die Frage ist aber, warum ausgerechnet Theodor Herzl, ein säkularer assimilierter Jude, einer der ganz in die deutsche Kultur eingebunden war und lange Zeit doch eher literarische als politische Ambitionen hatte,[4] zum Führer der zionistischen Bewegung wurde. Die Frage ist, warum Herzl von der Idee der Assimilation, deren Anhänger er war und die er bisweilen fast schon rabiat vertreten hatte, letztlich abwich und – mehr noch – sich dann vermeintlich plötzlich dem Zionismus zuwandte.

Viele Darstellungen des frühen politischen Zionismus heben vor allem die Dreyfus-Affäre als einschneidendes Ereignis hervor, unter dessen Eindruck Theodor Herzl seinen „Judenstaat“ geschrieben habe und dem folgend dann schließlich zum Begründer des politischen Zionismus geworden sein. Die Dreyfus-Affäre als „Erweckungserlebnis“, als „Momentum“ – dieser These folgt diese Darstellung nicht. Denn einerseits liegt Herzls Abschied vom Traum der Assimilation chronologisch vor den entscheidenden Entwicklungen der Dreyfus-Affäre,[5] und andererseits kann sicherlich nur eine Verkettung verschiedener Ereignisse zu Herzls politischem Engagement geführt haben; soll heißen: Es gibt nicht den „einen“ Grund, es gibt kein „Momentum“.

Im Grunde genommen gibt es auch kein Ereignis, das allein ausschlaggebend für Herzls Bewusstseinswandel gewesen wäre. Ursächlich war vielmehr eine Ideologie: der Antisemitismus des 19. Jahrhunderts, der Rassenantisemitismus – ein national-politisches Problem also, das national-politische Lösungsansätze erforderte.[6] Die Dreyfuss-Affäre mag Herzl in seinen politischen Ansichten und Absichten zwar bestätigt und bestärkt haben, verursacht hat sie diese indes nicht.

Aber genau diese Frage, die Frage nach den Gründen und Ursachen, muss im Mittelpunkt einer tiefergreifenden Analyse des frühen politischen Zionismus und des Wirkens und Denkens Theodor Herzls stehen. Es muss also untersucht werden, wie und warum sich Herzls Antwort auf die Judenfrage im Laufe der Jahre gewandelt hat; oder anders formuliert: warum sich der assimilierte Jude Theodor Herzl, der sich als schreibendes Ich an der Realität reibt, vom Boulevard-Dramatiker und politischen Novizen nicht nur zum zweifelnden Sozialkritiker, sondern schließlich gar zur entscheidenden Figur des politischen Zionismus entwickelt hat.

Die Frage nach dem „Warum?“ ist meist eine komplizierte und mittels monokausaler Betrachtungsweisen kaum zu beantworten. Der Anspruch dieser Arbeit ist es daher nicht, besagte Frage in ihrer Gänze zu beantworten. Vielmehr soll mit dem Einfluss des Rassenantisemitismus auf Theodor Herzl ein Aspekt im Zentrum stehen, der als ein Faktor innerhalb einer Verkettung ganz verschiedenartiger Gründe zu verstehen ist, dem gleichsam aber – mit Blick auf die politische Position Herzls – eine durchaus herausragende Bedeutung beizumessen ist.

Das Ziel dieser Arbeit ist es also, den Bewusstseinswandel Theodor Herzls, seine Entwicklung vom säkularen assimilierten Juden zum Begründer des politischen Zionismus, darzustellen und dabei insbesondere die Rolle und Bedeutung des Rassenantisemitismus innerhalb dieses Entwicklungsprozesses aufzuzeigen.

Untersucht werden sollen dazu die Texte Theodor Herzls – darunter vor allem Briefe und Tagebucheinträge. Der zeitliche Bogen der untersuchten Schriften spannt sich von 1871 bis Anfang 1896, von Herzls Jugendtagebüchern bis zum Abschluss seiner Entwicklung zum Zionisten. Später publizierte Texte wurden daher nicht mehr berücksichtigt.

2. Die vorzionistische Zeit – Herzl als assimilierter Jude

„Es ist aus langer Nacht / Durch Luthers gewaltige Kraft / Der deutsche Geist erwacht. // Und der Freiheit goldnes Licht / Bestrahlt der Erwachenden Angesicht / Nach Canossa gehen wir nicht.“[7]

1871 schrieb Herzl – also gerade zehn oder elf Jahre alt – dieses Gedicht, mit dem er Bismarck und dem deutschen Protestantismus huldigte.[8] Auch wenn es sich hier um die unbeholfenen Verse eines Kindes handelt, die nicht überinterpretiert werden sollten, wird doch deutlich, wie sehr sich der junge Herzl mit der deutschen Kultur und Geschichte verbunden fühlte und wie selbstverständlich ihm, in Budapest geboren und österreichischer Staatsbürger,[9] sein „Deutschtum“ schon von Kindesbeinen an war. In diesem Kontext liest sich das Gedicht also als erstes Zeugnis seiner kulturellen und politischen Assimilation.[10]

Herzl war das Musterbeispiel eines assimilierten Juden. Einer Kaufmannsfamilie entstammend,[11] die sich ganz in die deutsche Kultur eingebunden fühlte, orientierte sich seine Erziehung nur selten an jüdischer Religion, Kultur oder Tradition. Seine Eltern verzichteten beispielsweise auf die Veranstaltung einer Bar-Mitzwa-Feier zu seinem 13. Geburtstag; so wie Herzl dies später auch bei seinem eigenen Sohn halten sollte.[12]

Aus Herzls Tagebuchaufzeichnungen aus den achtziger Jahren, oft als „Jugendtagebücher“ bezeichnet, findet sich mit Blick auf sein Verhältnis zum Judentum vor allem eine interessante Stelle: eine Buchrezension vom 8. Februar 1882. Herzls Untersuchungsgegenstand war dabei der Roman „Die Juden von Cölln“ des Romanschriftstellers Wilhelm Jensen. Der Roman thematisiert die durch die Pest hervorgerufene Judenverfolgung in Köln um die Mitte des 14. Jahrhunderts und beschreibt das Elend der Juden im mittelalterlichen Ghetto.[13]

Jensen, so Herzl, erschienen die Juden als „eine solche aristokratische Rasse die geschichtlich heruntergekommen ist (ach, wie sehr heruntergekommen!).“[14] Herzl meint nun, dass auch die heutigen Juden bisweilen den Eindruck machten, dass sie zu allem eher als zur ehrlichen und händerührigen Arbeit fähig seien, dass dies aber nur so lange der Fall gewesen sei, „als die Ghettomauern der Unduldsamkeit sie leiblich und geistlich beschränkten; als die physiologische Verbesserung ihrer Race durch Kreuzung mit anderen ihnen verwehrt gewesen.“[15] Auch die „andere körperliche und geistige Physiognomie“[16] der Juden sei durch den Mangel an Kreuzung mit anderen Völkerfamilien zustande gekommen. Herzl folgert nun, dass die Juden sich durch Rassenkreuzung aus ihrem psychologischen Ghetto – ein Begriff der nicht explizit genannt wird, von dem aber durchaus bereits andeutungsweise die Rede ist – befreien könnten. Die Vermischung der Juden mit und in anderen Völkern könne die Judenfrage also lösen.[17] Mit den Worten Herzls: „Kreuzung der abendländischen Racen mit der sogenannten morgenländischen auf der Basis einer gemeinsamen Staatsreligion - das ist die wünschenswerthe Lösung.“[18] Ein „Aufgehen“ der Juden in anderen Völkern also – dieser erste Vorschlag Herzls zur Lösung der Judenfrage hätte von einem tief gläubigen Juden, der sich seiner Religion auch kulturell verbunden fühlt, wohl kaum formuliert werden können. Hier zeigt sich schon früh, was charakteristisch für Herzls Beschäftigung mit der Judenfrage sein sollte: ein ungeheurer Pragmatismus, mit dem er die Lage der Juden zu verbessern versucht, und die Tatsache, dass es ihm zunächst und vor allem um eben jene Lage der Juden – die Stellung der Juden innerhalb der Gesellschaft – geht und nicht um die Bewahrung jüdischer Kultur oder Tradition.

Herzls distanziertes Verhältnis zur eigenen Religion ging allerdings keinesfalls immer auf Denkprozesse, sondern sicher auch auf eigene Erfahrungen, auf erste heftigere „Begegnungen“ mit dem Antisemitismus, von denen noch die Rede sein wird, zurück.[19] Vor allem in den achtziger Jahren neigte er nicht gerade selten dazu, den Juden ihre Situation selbst zum Vorwurf zu machen und geriet darüber in einen Zorn, den er sich in mitunter heftigen Worten von der Seele schrieb. Am 25. November schrieb er beispielsweise seinen Eltern: „Gestern war grande soiree bei Treitel. An die 30-40 kleine hässliche Juden und Jüdinnen. Kein tröstender Anblick.“[20]

Lange Zeit blieb Herzl ein Anhänger der Assimilation – wie weitreichend sie auch sein möge. So schildert er in seinem zionistischen Tagebuch im Rückblick einen weiteren Vorschlag zur Lösung der Judenfrage aus dem Jahr 1893. Durch „eine große Bewegung des freien und anständigen Übertritts der Juden zum Christentum“[21] wollte er die Judenfrage wenigstens in Österreich lösen. Die Führer dieser Bewegung – also u. a. Herzl selbst – sollten Juden bleiben und „als Juden den Übertritt zur Mehrheitsreligion propagieren.“[22] Die jüngeren Wiener Juden sollten also in den Stephansdom geführt werden und „mit stolzen Gebärden“[23] getauft werden.

Nichts weiter als letzte assimilatorische Fantasien und Träumereien sind dies, die allerdings zeigen, wie tief der Traum der Assimilation in Herzls Denken verwurzelt war und wie schwer ihm der Abschied von jenem Traum fiel. Doch auch Herzl musste bald schon erkennen, dass Konversionspläne gegen einen rassisch definierten Antisemitismus nichts nutzen konnten.

[...]


[1] Herzl, Theodor: Der Judenstaat. Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage, Zürich 1988, S. 5.

[2] Vgl. Sabin, Stefana: Der Schriftsteller als Politiker. Theodor Herzl und das zionistische Engagement , Göttingen 2010, S. 8.

[3] Vgl. Livnat, Andrea: Theodor Herzl (1860-1904), http://www.zionismus.info/grundlagentexte/gruender/herzl.htm (Stand: 27.03.2011).

[4] Vgl. Brenner, Michael: Geschichte des Zionismus, München 2002, S. 23.

[5] Vgl. Ebd.: S. 30.

[6] Vgl. Sabin: Der Schriftsteller, S. 17.

[7] zitiert nach: Sabin: Der Schriftsteller, S. 8.

[8] Vgl. Ebd. S. 8.

[9] Vgl. Ebd. S. 9.

[10] Vgl. Ebd. S. 8.

[11] Vgl. Ebd. S.9.

[12] Vgl. Brenner: Geschichte, S. 23.

[13] Vgl. Herzl, Theodor: Wilhelm Jensen. Die Juden von Cölln, in: Theodor Herzl. Briefe und Tagebücher. Briefe 1866-1895, hrsg. von Alex Bein u.a., Berlin 1983, S. 608-610.

[14] Ebd. S. 610

[15] Ebd. S. 609.

[16] Ebd. S. 609.

[17] Vgl. Ebd. S. 609.

[18] Ebd. S. 610.

[19] Kellner, Leon: Theodor Herzls Lehrjahre. Nach den handschriftlichen Quellen, Wien 1920, S. 125-127.

[20] Herzl, Theodor: Brief an die Eltern vom 25.11.1885, in: Theodor Herzl. Briefe und Tagebücher. Briefe 1866-1895, hrsg. von Alex Bein u.a., Berlin 1983, S. 212.

[21] Herzl, Theodor: Theodor Herzls Tagebücher, Berlin 1922, S. 8.

[22] Ebd. S. 8.

[23] Ebd. S. 8.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656169048
ISBN (Buch)
9783656169123
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191878
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Herzl Zionismus Israel Judentum Assimilation Judenstaat Antisemitismus

Autor

Zurück

Titel: Theodor Herzl – Von der Assimilation zum Zionismus