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Verbundenheit als Aspekt einer Ökologie des Lernens

Diplomarbeit 2011 157 Seiten

Umweltwissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1 Danksagung

2 Vorwort
2.1 Abbildungsverzeichnis
2.2 Tabellenverzeichnis

3 Zielstellung, Themenwahl und Methodik

4 Vorbemerkungen zur methodischen Herangehensweise
4.1.1 Subjektivität
4.1.2 Interdisziplinäre Herangehensweise
4.1.3 Zur Bedeutung indigener Stimmen für Wissenschaft und Leben in unserem Kulturkreis
4.1.4 Universalität und Nachhaltigkeit
4.1.5 Nähe und Distanz
4.1.6 Innen und Außen
4.1.7 Einladung zum Eintauchen
4.1.8 Männlich und weiblich
4.1.9 Aufbau der Arbeit
4.1.10 Die Arbeit geht weiter

5 Eine Ökologie des Lernens
5.1 Historische Einordnung
5.1.1 Die Dominanz des Geist-Materie-Dualismus
5.1.2 Unterdrückung der parallel existierenden ganzheitlichen Weltsicht
5.1.3 Das Trennungs-Paradigma und die Wissenschaft
5.1.4 Das Trennungs-Paradigma und unser Wirtschaftssystem
5.1.5 Über die Notwendigkeit eines Paradigmen-Wandels

6 Was ist Verbundenheit?
6.1 Verbundenheits-Typen
6.1.1 Existenzielle Verbundenheit
6.1.2 Intersubjektive Verbundenheit
6.1.3 Soziale Verbundenheit
6.1.4 Kybernetische Verbundenheit
6.1.5 Spirituelle Verbundenheit
6.1.6 Seelische Verbundenheit
6.1.7 Genealogisch-kulturelle Verbundenheit
6.1.8 Zukunfts-Verbundenheit
6.2 Verbundenheit und Gegenseitigkeit
6.3 Verbundenheit und Bewusstsein
6.4 Ein Verbundenheits-Modell
6.4.1 Übersicht über die Verbundenheits-Typen in Tabellenform
6.4.2 Das Verbundenheits-Lebenskreis-Modell

7 Was ist Lernen?

8 Wie wirkt sich Verbundenheit aufs Lernen aus?
8.1 Verbundenheit und Wohlbefinden
8.2 Verbundenheit und Individualität
8.3 Verbundenheit und Resilienz
8.4 Ökologisches Selbst – Potentialentfaltung und Mitwelterhaltung
8.5 Verbundenheit und Sozial- und Umwelthandeln
8.6 Verbundenheit und Fakten- und Kompetenzerwerb
8.7 Verbundenheit und Weisheit

9 Diskussion
9.1 Ergebnisse und Schlussfolgerungen
9.2 Diskussion der Methodik
9.3 Ausblick – Empfehlungen für Forschung und Praxis

10 Quellenverzeichnis

11 Anhang
11.1 Synchronizitäten als Ausdruck spiritueller Verbundenheit
11.2 Animismus und Anthropomorphismen
11.2.1 Nicht-Menschliche Intelligenz und Emotionalität

Zusammenfassung

In der vorliegenden Arbeit wurde betrachtet, welche Bedeutung Verbundenheit als Aspekt einer Ökologie des Lernens haben könnte, im Sinne der WechselwirkungenLernender untereinander und mit ihrer Mitwelt.

Anhand einer interdisziplinären Literaturrecherche ist zunächst die Bedeutung des Verbundenheitsbegriffs vor dem Hintergrund des historisch vorherrschenden cartesianischen Dualismus-Paradigmas und des heute vielfach geforderten kulturellen Wandels hin zu einem neuen Weltbild betrachtet worden. Danach wurde das Quellenmaterial im Hinblick auf die Frage, was Verbundenheit ist, ausgewertet. Es konnten acht verschiedene Verbundenheitstypen abgegrenzt werden, die ausführlich erläutert wurden.Dabei istauf scheinbare Voraussetzungen und möglicher Ergebnisse eingegangen worden, außerdem wurden Beispielen sowohl für das damit einher gehende innere Erleben, als auch äußerlich zu beobachtendes Verhalten gegeben. Die Typen wurden in verkürzter Form tabellarisch und grafisch dargestellt und abschließend erläutert, auf welche Weise sie aufeinander aufbauen.In einem weiteren Teil der Arbeit ist ebenfalls durch Literaturrecherche untersucht worden, welche Auswirkungen Verbundenheit auf das Lernen haben kann.

Die Ergebnisse der Arbeit deuten darauf hin, dass die einzelnen Verbundenheits­typen mit bestimmten Lebensphasen verknüpft sind und dass sie möglicherweise eine wichtige Rolle für das Erreichen allgemeiner Bildungsziele wie Führungs-, Lehr- und Beratungskompetenz spielen können.

Verbundenheit scheint grundlegend notwendig für das Erlernen von Werten zu sein und darüber hinaus scheint sie positive Auswirkungen auf Wohlbefinden, Individualität, Resilienz, die Herausbildung eines „Ökologischen Selbst“, psycho-spirituelle Reife, Sozial- und Umwelthandeln sowie Fakten- und Kompetenzerwerb zu haben.

Insgesamt lässt sich anhand der Ergebnisse vermuten, das Verbundenheit eine wesentliche Zutat zum Erreichen von Weisheit ist – eine wichtige Kompetenz für eine dauerhaft nachhaltige Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse.

1 Danksagung

Mit dieser Arbeit sindein Frühling zum Sommer und ein Sommer zum Herbst geworden. Die Blätter sind zwar immer noch nicht bunt, aber dafür voller Worte und es ist Zeit sie abzuschütteln.

Mein Dank für diese Arbeit gilt zuallererst meinem Sohn Eliaund seinem Papa Felix. Ich danke euch beiden für den Rückhalt und für die Liebe, mit der ihr gerade in den letzten Wochen so viel mit mir getragen habt.

Ich danke meiner Mutter Ursula Schulz: Sie hat mir von klein auf ermöglicht hat, Geborgenheit in Spiritualität zu finden und mir vorgelebt, wie man mit Menschen von Herz zu Herz kommunizieren kann. Ebenso danke ich auch meinem Vater Peter Schulz: Er hatseine Liebe zum Wald, zur Jagd und zum Gärtnern an mich weitergegeben.

Für ein lebendiges Netzwerk von Freunden bin ich dankbar, hier in und um Eberswalde, dann einmal quer durch Deutschland und bis in die halbe Welt. Auch wenn ich viele von euch sehr selten sehe, spüre ich die Verbundenheit und wie sie mich im Alltag oft trägt.

Ich schicke einen Dank hinaus durch das geöffnete Fenster zur Erde und zu allen die sich auf ihr regen und bewegen,zu allen Pflanzen und Tieren, mit denen ich so viele kostbare Begegnungen erleben konnte;ich danke den vielen Bäumen, die mir in diesem Leben Halt gespendet haben, dem Wind, den Wolken und Gestirnen und allem anderen Sichtbaren und auch dem Unsichtbaren, das dazwischen und auf geheimnisvolle Weisen mit unserem Leben verbunden ist und das diese Arbeit immer wieder gesegnet und erleichtert hat.

Für die fruchtbaren Gespräche, die berührenden gemeinsamen Erlebnisse draußen und drinnen, für das Lesen und Kommentieren meiner Arbeit, für eure wertvollen Anregungen und euren reichen, bunten und tiefen Erfahrungsschatz, den ihr mit mir geteilt habt, danke ich Judith Wilhelm von der „ Wildnisschule Wildeshausen “, Alex Meffert und Chris Schorpp von der „ Natur- und Wildnisschule Corvus “ und Bastian Barucker von der „ Wildnisschule Waldkauz “.

Ich danke meinen Lehrern, all jenen die etwas von ihrem traditionellen, verbundenen Erbe mit mir geteilt haben, insbesondere Mala Spotted Eagle und Sky Pope, Paul Raphael, JoAnne Gasco, M. Kalani Souza, Sobonfu Somé und Jon Young, der mir jetzt schon sieben Jahre lang als Mentor immer wieder begegnet ist und mir für diese Arbeit wertvolles Feedback gegeben hat.

Ich danke Britta Kunze für unsere wunderbare Frauenkreis-Freundschaft und für ihre erleuchtende Korrekturlesung, Steffi Wree für unsere „lebensrettenden Sofort-Gespräche“ zwischen Tür und Angel und Enno Wree für ein ganztägig kinderfreies Refugium zum Arbeiten.

Ein besonderer Dank geht an die Studienstiftung des Deutschen Volkes und hier vor allem an Marcus Christian Lippe und Andreas Linde. Sie unterstützten alle meine Pläne, Visionen und Vorhaben, so dass ich wahrlich „beflügelt“ studieren konnte.

Beflügelt haben mich auch meine beiden Betreuer Norbert Jung und Geseko v. Lüpke. Ihnen danke ich für eine sich nicht erschöpfende Fülle an Impulsen, Ideen, Fragen, Texten, Hin- und Verweisen und vor allem dafür, dass sie als engagierte Forscher, achtsame Begleiter und inspirierende Menschenwährend der letzten Monate hinter mir standen.

Eberswalde,den 29. September 2011

2 Vorwort

Der Stifter des Alternativen Nobelpreises Jacob v. UEXKÜLL hat in der Gesellschaft neben den Optimisten und Pessimisten noch eine dritte Gruppe entdeckt – die „ Possibilisten[1].

So einer möchte ich gern sein, denn ich verstehe darunter einen Tanz der Akzeptanz einer teilweise schmerzvollen Historie von Trennung und Entwurzelung, dem Ersehnen einer idealen, glückseligen Zukunft, die vielleicht in ihrer Reinform nie erreicht werden kann, und einem Handeln, das fest verwurzelt aus einer Gegenwart voller Verbundenheit erwächst, in der immer irgendetwas möglich ist – hier und jetzt.

Für mich ist Verbundenheit etwas, das uns ein Tor zu denMöglichkeiten des Menschseins eröffnen kann. Und ich habe genug Verbundenheit in meinem Leben erfahren und bezeugen dürfen, um so neugierig darauf zu werden, was das alles bedeuten kann, wie das aussehen, klingen und sich anfühlen und natürlich wie man das erklären kann, dass ich in den letzten sechs Monaten tatsächlich keinen Augenblick lang Langeweile gegenüber meinem Thema empfunden habe, sondern vielmehr jetzt leicht frustriert über das Ende von Zeit und maximaler Seitenanzahl den „Griffel“ beiseite lege.

Ich lade Sie als Leser auf eine Entdeckungsreise ein und bitte darum, dass Sie dabei keine optimistische und keine pessimistische Brille aufsetzen, sondern am liebsten eine possibilistische...

2.1 Abbildungsverzeichnis

Titelbild „Lebensbaum“ von Gustav Klimt

Abbildung 1 – Verbundenheits-Kreis-Modell

2.2 Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 – Übersicht über die Verbundenheitstypen

3 Zielstellung, Themenwahl und Methodik

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es zu erforschen, welche Bedeutung Verbundenheit als ein Aspekt einer Ökologie des Lernens haben könnte.

Mein Anspruch war es, entsprechend den Vorgaben der HNEE Prüfungsordnung, eine praxisrelevante Arbeit anzufertigen, was auch meinem Verständnis vom Sinn und Zweck wissenschaftlichen Arbeitens entspricht. Ausgangspunkt für die Wahl von Verbundenheit als Thema war ein Vorgespräch mit Professor em. Dr. Norbert Jung, bei dem er mich dabei unterstützte, bis zum Grund der verschiedenen Fragen vorzudringen, die mich interessierten.

Als Methodik wählte ich eine interdisziplinäre Literaturrecherche unter Einbeziehung mündlicher Quellen.

Im ersten Teil der Arbeit habe ich denVerbundenheitsbegriff erklärt und ihn gegenüber dem historisch vorherrschenden, cartesianischen Dualismus-Paradigma abgegrenzt.

Anschließend habe ich das Quellenmaterial phänomenologisch ausgewertet, nach dem Wissenschaftstheoretiker Helmut SEIFFERT eine Methode welche „ die Lebenswelt unmittelbar durch ‚ganzheitliche’ Interpretation alltäglicher Situationen versteht[2]. Dabei erfolgt eine Abgrenzung von acht verschiedenen Verbundenheitstypen, die sich in Erscheinungsform (innerem Erleben und beobachtbarem Verhalten), Ergebnissen und Voraussetzungen voneinander unterscheiden.

Im letzten Teil der Arbeit wurde untersucht welche Auswirkungen Verbundenheit auf das Lernen haben kann.

4 Vorbemerkungen zur methodischen Herangehensweise

4.1.1 Subjektivität

Ich habe mich dafür entschieden, diese Arbeit entgegen allgemeiner wissenschaftlicher Konventionen unter Verwendung der Ich-Form zu schreiben. Subjektivität ist auch in der Wissenschaft unvermeidlich und ich möchte im Rahmen dieser Arbeit offen und offensiv damit umgehen, denn wie der Literaturtheoretiker BARTHES sagte: „Lieber die Trugbilder der Subjektivität als der Schwindel der Objektivität. Lieber das Imaginäre des Subjekts als seine Zensur.“[3]

Damit möchte ich nicht jede Objektivität im Sinne von äußerer Realität entwerten. Nur wird es von zahlreichen Wissenschaftstheoretikern als kaum möglich angesehen (und im geisteswissenschaftlichen Bereich gilt dies umso mehr), diese objektive Realität auch objektiv zu beobachten, zu erfassen, geschweige denn zu beschreiben und schon erst recht nicht, sie objektiv zu interpretieren.[4]

Außerdem bin ich überzeugt, dass eine Arbeit deren Kernthema Verbundenheit ist, auch Verbundenheit erzeugen kann. Von mir zu Ihnen schreibe ich und fühle mich verbundener, je offener ich mich mit meinen Vorstellungen einbringe. Und für Sie, die diese Worte lesen und begreifen wollen, sich also auch auf eine Weise damit verbinden wollen, möchte ich mich als Autorin anfassbar machen, mich in all meiner trotz des wissenschaftlichen Ansatzes nicht auslöschbaren Subjektivität zeigen.

Damit lade ich Sie gleichzeitig dazu ein, umso kritischer zu sein und Ihre eigene Meinung zum Geschriebenen zu bilden, denn wie der Träger des Alternativen Nobelpreises und Ehrenmitglied des ClubofRome Manfred Max NEEF sagte: „ Vielleicht wäre es gut, zu glauben, dass es verschiedene Wahrheiten nebeneinander geben kann.“[5] Die Anishinaabe in Nordamerika würden ihm Recht geben, denn ihrem Verständnis nach sind die verschiedensten Schöpfungsmythen aller Völker alle wahr .[6]

4.1.2 Interdisziplinäre Herangehensweise

Ich habe mich dem Thema „Verbundenheit“ nicht systematisch eine Disziplin nach der anderen vollständig durchkämmend genähert, sondern dem phänomenologischen Ansatz entsprechend die mir persönlich im Verlauf der Arbeit begegnenden Beschreibungen von Verbundenheit exemplarisch verwendet, um aus ihrer Interpretation allgemeine Prinzipien abzuleiten. Daher erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Quantifizierbarkeit der von mir im Rahmen der Arbeit betrachteten Aspekte und der Ergebnisse.

Viel eher entsprach meine Vorgehensweise der Überquerung eines Gebirgsbaches, nicht in einer geraden Linie sondern von Stein zu Stein , dort wo sie gerade an der Oberfläche zu sehen sind. Der Weg ist damit geschwungen und zusammengesetzt aus einzelnen, bei der Betrachtung sichtbaren Elementen, zwischen denen wohl Lücken sind, die einen aber doch ans andere Ufer gelangen lassen. Zusammen ergeben sie ein Bild davon, wie Verbundenheit als ein Aspekt einer Ökologie des Lernens sich mir erschlossen hat.

Damit leiste ich auch bewusst einen Beitrag zur Reformierung des vom Biochemiker Frederic VESTER als „ Klassifizierungs-Universum[7] benannten Wissenschaftsverständnisses, nach welchem für jedes Phänomen bereits eine Schublade existiert. Diese als statisch und hierarchisch zu betrachtenden Schubladen, deren Inhalte nie vergleichbar sind oder sich sogar im Kampf miteinander befinden, hoffe ich im Rahmen dieser Arbeit gar nicht erst geöffnet zu haben. Dagegen wünsche ich mir, wie der Interdisziplinär-Gelehrte, Kybernetiker und Philosoph Gregory BATESON es wollte, ein Stück weit zurück zu den Anfängen gegangen zu sein und zurück zu einer Zeit da „ Wissenschaft, Philosophie und Religion noch nicht getrennte Aktivitäten waren, die jede für sich von Profis in getrennten Disziplinen betrieben wurden “.[8] Im Ergebnis sollte die von JUNG geforderte „ Übersetzungs- und Integrationsarbeit“ stehen, diedie „Aussagen verschiedener Wissenschaftsdisziplinen und Weltanschauungen“ verbindet, sie in ein Bild fügt und „ Verständnisbrücken“baut.[9] Somit habe ich mich immer wieder angeregt und erinnert durch Norbert JUNG bewusst dafür entschieden, an die Stelle vom verbreiteten „ entweder – oder “ ein alles umschließendes „ und “ zu setzen.

JUNG fordert auch, wissenschaftliche Interdisziplinarität mit dem Austausch zwischen den Kulturen zu verbinden. Das erfordere Kooperation, Zuhören, Verstehen, Wohlwollen und Partnerschaftlichkeit jenseits europazentristischer Hybris. Jede Wissenschaft, von der Physik bis zur Philosophie, bilde einen Teil der Wirklichkeit und damit unserer Wahrheit ab. Diese Teilwahrheiten, also die gleichberechtigten „ Teile der Wahrheit “, sollten nicht in disziplinärer Eitelkeit gegeneinander ausgespielt, sondern zu einem Bild zusammengesetzt werden.[10] Meines Erachtens gilt das auch für die (Teil-)Wahrheiten, die aus dem Verständnis indigener Kulturen entspringen, wo sich während jahrhunderttausendjähriger mündlicher Überlieferung Mythen und Symbole eingestellt haben, die eine unfassbare Menge von Informationen und Botschaften enthalten.

Aus diesem Grund habe ich in meiner Arbeit die Aussagen von Ureinwohnern und Wissenschaftlern nebeneinander gestellt – und oft genug festzustellen, dass beide eigentlich genau dasselbe sagen oder um in anderen Fällen das Gefühl zu haben, dass die Wissenschaft noch lange nicht in der Lage sein wird, Erklärungen, Theorien und Beweise für Phänomene zu finden, die für eingeborene Menschen zum Alltagserleben gehören.

4.1.3 Zur Bedeutung indigener Stimmen für Wissenschaft und Leben in unserem Kulturkreis

Der Mythologe James COWAN sagt, dass die Perspektive von indigenen Menschen rund um die Erde für uns bedeutungsvoll ist. „ 250 Millionen Menschen auf der Welt leben immer noch auf ihre traditionelle Weise, [...] Es ist wichtig, diesen Menschen zuzuhören, weil sie in einer Art und Weise mit der Landschaft und ihrer natürlichen Umgebung umgehen, die diese bewahrt anstatt sie zu zerstören.“[11]

Auch in meinen persönlichen Kontakten unter anderem mit Ureinwohnern in Nordamerika und auf den Hawai’ianischen Inseln konnte ich feststellen, dass deren kulturelles Erbe nicht (wie oft behauptet) vernichtet am Boden liegt. Viele Völker wie beispielsweise die Anishinaabe, die Mohawk oder Cherokee haben ihre Traditionen lediglich sehr gut versteckt gehalten, trotz massiver Unterdrückung. Bis in die siebziger Jahre war es den Indianern inden USA verboten, ihre Rituale auszuüben. In Australien wurden Aborigine-Kindern bis 1969 gesetzlich legitimiert ihren Eltern entrissen. Es ist die Generation 40plus, welche die nun wieder ausgegrabenen, sorgfältig gehüteten Teile zusammenwebt mit der Hilfe der Ältesten, um die gesamte Kultur wiederzubeleben. Diese Menschen haben oft als Kinder Zwangsinternat, körperliche Misshandlung und Alkoholismus in den Familien erlebt, wurden Zeugen von Mord, Vergewaltigung und Diskriminierung ihrer Verwandten durch im rechtsfreien Raum agierende „Weiße“. Dennoch stehen viele von ihnen ohne Bitternis im Leben, denn ein paar Älteste waren in all den Jahren da, die die Traditionen wie einen Schatz gehütet haben und versteckt weitergeben konnten und die auch für Heilung und Vergebung der schlimmen Wunden gesorgt haben. Es ist für mich ein Zeichen der Hoffnung, dass das Erzählen der Geschichten und Singen der Lieder und Ausleben der Kultur mittlerweile wieder gestattet ist, auch wenn es immer noch eine große Anzahl von unter katastrophalen Bedingungen lebenden Ureinwohnern in den Reservaten der USA gibt.

Bei Fragen, die mit der Beziehung Mensch-Natur zu tun haben, sollte meines Erachtens diesen Kulturen Ehre erwiesen werden, indem man ihnen zuhört, sie einlädt von ihrem reichhaltigen Erbe eines Nachhaltigkeit ermöglichenden Welt- und Menschenbilds zu teilen – und viele von ihnen sind auch bereit dazu und sehen es als Teil ihrer Lebensaufgabe an, den Dialog mit uns „Weißen“ zu führen. Auch JUNG schreibt, dass ein fortgesetzter Europazentrismus ein ernstes Hindernis auf dem Weg zu nachhaltiger Entwicklung wäre, denn unser westliches Welt- und Menschenbild wird sich unweigerlich ändern müssen.

Allerdings wird laut JUNG gegenwärtig noch immer bei traditionellen Völkern „ gezielt nach Beweisen gesucht, die bezüglich des Umganges mit der Natur belegen sollen: Die sind auch nicht besser als wir! Aus psychologischer Sicht liegt hier leicht die Vermutung eines (unbewussten) psychischen Abwehrprozesses nahe: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Es könnte Ausdruck der Befürchtung sein, dass die westeuropäische Kultur – und damit auch man selbst – in dieser Hinsicht vielleicht doch nicht die höchstentwickelte oder gar menschlichste Zivilisation ist.“[12]

Es geht nicht darum, die Weisheiten anderer Kulturen direkt übernehmen zu wollen, wie JUNG ebenfalls betont. Meiner Erfahrung nach geschieht bei diesem Austausch das, was in Kapitel 7 als „ Resonanzlernen “ bezeichnet wird. Dabei könnten beispielsweise bestimmte Qualitäten, wie unter anderem auch Verbundenheit, durch die Anwesenheit des anderen auch in uns leichter entstehen. Außerdem führt eine offene Beschäftigung mit den Bräuchen anderer Kulturen, sofern man vor Ort mit dem Land und der lokalen Gemeinschaft von Menschen verbunden ist, in meiner Erfahrung dazu, dass man selbst sehr bald anfängt, Rituale und Bräuche abzuwandeln bzw. alte regionale Traditionen auszugraben, die eine ähnliche kulturelle Funktion erfüllen. Meines Erachtens kann Verbundenheit in ihren verschiedenen Facetten somit dabei helfen, über das plumpe Nachahmen fremder Kulturen hinaus zu gehen und selbst aktiv bei der Gestaltung einer stimmigen Kultur zu partizipieren, aus der auch der Geist des Ortes spricht (siehe auch S. 35).

4.1.4 Universalität und Nachhaltigkeit

In der gesamten Arbeit geht es darum, sich Universalprinzipien anzunähern, die etwas beschreiben, was für den Menschen als Spezies universell möglich und möglicherweise sogar zwingend notwendig. Denn für Prozesse, die zu Nachhaltigkeit im Bereich der Bildung und dem Rest des gesellschaftlichen Lebens und Wirkens führen sollen, müssen die Menschen kulturübergreifend als Homo sapiens betrachtet werden. Nachhaltigkeit kann nur wirklich nachhaltig sein, wenn sie global stattfindet.

4.1.5 Nähe und Distanz

Daraus ist eine Argumentationsführung entstanden, die sich zwischen zwei Polen entfaltet: Einerseits war es wichtig, einen geeigneten Abstraktionsgrad zu wählen, um aus der Vogelperspektive heraus die zugrundeliegenden Muster zu erfassen, weswegen viele Details heraus­gelassen wurden. Andererseits habe ich Wert darauf gelegt, die dargestellten Prinzipien möglichst anfassbar und gut vorstellbar zu zeigen, weshalb ich immer wieder konkrete Beispiele und auch poetische Schilderungen angeführt habe. Den Leser lädt diese Herangehensweise zu einem Tanz ein, hin und her zwischen der Vogelperspektive und einem tiefen Eintauchen in die Bilder und Beispiele.

4.1.6 Innen und Außen

Verbundenheit ist, wenn man sie wie in der vorliegenden Arbeit und im DUDEN als (gefühlte) Zugehörigkeit definiert, etwas das sowohl von außen betrachtet (Zugehörigkeit) als auch von innen gefühlt werden kann. Aus diesem Grund habe ich in den Ausführungen sowohl die beobachtbaren Verhaltensmuster, als auch die Schilderungen des Innengefühls berücksichtigt, so wie es JUNG[13] vertritt und wie auch Alexander v. HUMBOLDT schon über die Natur befand, bei der es sich im Rahmen der Arbeit vorwiegend um die menschliche Natur handelt: „Um die Natur in ihrer ganzen erhabenen Größe zu schildern, darf man nicht beiden äußeren Erscheinungen allein verweilen; die Natur muss auch dargestelltwerden, wie sie sich im Innern des Menschen abbildet “.[14]

4.1.7 Einladung zum Eintauchen

Wie Manfred Max NEEF beschreibt, haben wir uns als Menschheit allein in den letzten einhundert Jahren mehr neues Wissen angeeignet, als je zuvor und könnten wissenschaftlich alles erforschen, was beispielsweise das menschliche Phänomen der „ Liebe “ betrifft. Im Ergebnis wüssten wir dann alles was über Liebe bis dato gewusst werden kann. „ Aber wenn wir dieses vollständige Wissen einmal erreicht haben, werden wir früher oder später feststellen, dass wir Liebe niemals verstehen werden, es sei denn wir verlieben uns.“[15] Meines Erachtens ist es mit Verbundenheit ganz genauso. Deshalb lade ich Sie ein, die Arbeit sowohl mit Ihrem kritischen Verstand zu lesen, als auch mit Ihrem Herzen. Wie GOETHE es forderte, möchte ich in dieser Arbeit nicht nur Ihre Beobachtungsgabe und Ihr Denken ansprechen, sondern auch diejenigen Eigenschaften, welche Sie mit den spirituellen Dimensionen in Resonanz bringen können, die „ der physikalischen Welt zugrunde liegen und diese durchdringen: Fähigkeiten wie Gefühl, Vorstellungskraft und Intuition.“[16]

Beide Wege der Wirklichkeitserfahrung stehen gleichermaßen wichtig nebeneinander, werden beide gebraucht und ohne einander hinterließe jeder von ihnen auf Dauer ein Ungleichgewicht, oder wie NEEF sagt: „ Wissen bleibt ohne Verstehen hohl und Verstehen ohne Wissen bleibt unvollständig.“[17]

Im Namen der Wissenschaft sind in den vergangenen Jahrhunderten Irrtümer als Realität angesehen worden, die fatale Folgen unvorstellbarer Ausmaße hatten, beispielsweise die gängige Annahme, Neugeborene würden keinen Schmerz verspüren, weshalb sie noch bis in die 1980er Jahre ohne oder mit reduzierter Betäubung operiert wurden.[18] Dieses Beispiel hat mir gezeigt, dass GOETHEs Forderung, die weniger klar zu definierenden menschlichen Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns wie Intuition, Gefühl und Vorstellungskraft auch in der Wissenschaft zu beteiligen, kein extravagantes Hirngespinst ist, sondern eine Chance darstellt, unsere Geistesprodukte bereits während des Erkenntnisprozesses zu überprüfen. Dieser Anspruch ist umso wichtiger in einer Zeit, wo wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Praxis Folge geleistet wird, egal wie falsch, unzureichend oder einseitig sie in manchen Fällen sind.

4.1.8 Männlich und weiblich

Wir Menschen kommen in männlicher und weiblicher Form vor und öfter als man meint auch in einer Vielzahl von Graustufen dazwischen.[19] Diese Polarität inklusive Zwischenraum finde ich persönlich sehr erfreulich und auch, dass dadurch jenseits von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen soviel umfassende Verschiedenheit in die Welt kommt, was Denken, Wahrnehmung, Ausdruck und Sein angeht. Deshalb möchte ich in meiner Arbeit auch Menschen jeden Geschlechts ansprechen, aber nicht auf die trockene, gezwungene und ermüdende „ LeserInnen “ oder gar „ Leser und Leserinnen “ Form, sondern einfach als „ wir Menschen “ im pluralistischen Plural.

4.1.9 Aufbau der Arbeit

Im ersten Teil der Arbeit erläutere ich, was unter einer „ Ökologie des Lernens “ verstanden werden könnte. Ich gebe einen groben historischen Überblick über die Bedeutung des Verbundenheitsbegriffs und das damit verknüpfte Weltbild zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte und betrachte auch die Bedeutung von Verbundenheit in der Ganzheitlichen Umweltbildung. Außerdem gehe ich auf den der Verbundenheit entgegen stehenden Dualismus ein, das cartesianische Trennungs-Paradigma, das die Entwicklung der Menschheit in den letzten Jahrhunderten maßgeblich bestimmt hat.

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, was Verbundenheit eigentlich ist? Basierend auf einer theoretischen Auseinandersetzung mit dem Quellenmaterial konnte ich acht verschiedene Typen oder Facetten von Verbundenheit unterscheiden, die ich ausführlich aber mit keinem Anspruch auf Vollständigkeit erläutert habe. Dabei bin ich auf a) Voraussetzungen und b) mögliche Ergebnisse der einzelnen Typen eingegangen und habe c) Beispiele sowohl für das damit einher gehende innere Erleben, als auch äußerlich zu beobachtendes Verhalten beschrieben. An einigen Stellen habe ich Ausführungen über verknüpfte Randthemen mit aufgenommen, wenn ich diese als notwendig für das Verständnis der Verbundenheitstypen erachtete. Die einzelnen Typen habe ich außerdem in Kurzform tabellarisch zusammengefasst und einem Lebenszyklus-Modell zugeordnet.

Der dritte Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Verbundenheit auf das Lernen auswirkt. Hierbei erhebe ich nicht den Anspruch, einen eigenen Standpunkt innerhalb der Pädagogik einzunehmen, auch wenn die Erkenntnisse der pädagogischen Arbeit dienlich seinkönnten. Vielmehr geht es mir in diesem Teil darum, die dargestellten Zusammenhänge vor dem thematischen Hintergrund zu betrachten und bisher unverbundenen Erkenntnisse sinnvoll zu verknüpfen.

Daran schließtsich ein Diskussionsteil mit Darstellung der Schlussfolgerungen, Diskussion der methodischen Vorgehensweise sowie Empfehlungen für Forschung und Praxis an.

4.1.10 Die Arbeit geht weiter

Arne NAESS sagte: „ Es ist eine Illusion, zu glauben, man könnte sich in sein Kämmerchen zurückziehen und etwas nur aus dem eigenen Ego heraus weiterentwickeln.“[20]

Ich habe während der letzten Monate immer wieder den Austausch mit Menschen um mich herum über die Ideen und Inhalte der Arbeit gesucht – gleichzeitig ist es eine wichtige Anforderung an wissenschaftliche Abschlussarbeiten, sie selbständig anzufertigen und darin den – selbstverständlich begründbaren – „eigenen Senf“ zu servieren. Das habe ich auch getan, inklusiver langer zurückgezogener Stunden in meinem „Kämmerchen“. Umso froher stimmt es mich, jetzt das Vögelchen fliegen zu lassen und zu erleben, was daraus erwächst, wenn es sich so richtig unter die Leute mischt. Ich lade deshalb alle die das gerne möchten ein, mit den enthaltenen Theorien und Thesen zu arbeiten, gern im Austausch mit mir oder mit den vielen anderen Menschen, die sich weltweit immer stärker für diese Themen zu interessieren beginnen.

5 Eine Ökologie des Lernens

Der Begriff „ Ökologie “ bedeutet laut Duden die „ GesamtheitallerWechselbeziehungenzwischendenLebewesenundihrerUmwelt“ sowie die Wissenschaft und Lehre davon.[21] In meinem Studiengang an der HochschulefürNachhaltigeEntwicklungEberswalde(FH)[22] beschäftigte ich mich mit verschiedenen Aspekten der Ökologie und vor allem mit den Wechselbeziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt oder „ Mitwelt “. Mein Spezialisierungsgebiet wurde die „ GanzheitlicheUmweltbildung “ und damit rückten diejenigen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Mitwelt in den Fokus meines Interesses, die Bildung und Lernen betrafen und sich darauf auswirkten.

Inspiriert durch BATESON’s Begriff einer „ ÖkologiedesGeistes[23] faszinierte mich als studierende Umweltbildnerin die Vorstellung von einer „ ÖkologiedesLernens “, also analog zum allgemeinen Ökologie-Begriff einer Wissenschaft von den Wechselbeziehungen zwischen Lernenden und ihrer Mitwelt. Innerhalb dieses Felds wollte ich mich auf Spurensuche begeben, um einen Teil der Wechselwirkungen zu beleuchten, die sich zwischen Lernenden und ihrer Mitwelt ereignen.

Ich folgte den in den letzten Jahren von Professor Norbert JUNG und anderen inspirierenden „Quellen der Weisheit“ gelegten Spuren mit einer Art „ökologischer Brille“ auf meiner Suche nach etwas, das – möglicherweise – maßgeblich zur Lösung der sozialen und ökologischen Problemen heute beitragen könnte – einer umfassenden, tiefgehenden, aktiv gelebten Verbundenheit, die angelehnt an das Verständnis der ganzheitlichen Umweltbildung sowohl zwischen Menschen, als auch zwischen Mensch und Natur und zwischen einem Individuum und seinem eigenen Selbst existieren und gestärkt werden kann.

5.1 Historische Einordnung

Im Folgenden werde ich betrachten, welche Rolle Verbundenheit in der Geschichte gespielt hat und welche Auswirkungen es hatte, dass das Gegenteil von Verbundenheit, also Trennung, Isolation, Dualismus zum vorherrschenden und die Kultur bestimmenden Wert wurde. Die Zusammenhänge machen dabei auch deutlich, welche Bedeutung eine Rückbesinnung zu mehr Verbundenheit für unsere heutige Gesellschaft möglicherweise haben könnte.

5.1.1 Die Dominanz des Geist-Materie-Dualismus

Der Naturwissenschaftler René DESCARTES prägte zu Beginn des 17. Jahrhunderts den Begriff des DualismusvonGeistundMaterie, wonach beides als voneinander getrennt anzusehen wäre, dem Geist Wert zugesprochen und der Materie und dinglichen Welt jeglicher geistige Wert abgesprochen wurde. In seinen „ MetaphysischenReflexionen “ schrieb er über seine Mitmenschen „ DurchmeinFensterseheichHüteundMäntel,dieautomatischeMaschinenbedecken.“[24] Und er sagte: „ IchsehekeinerleiUnterschiedzwischendenMaschinen,dievonHandwerkernhergestelltwurden,unddenKörpern,dieallein die Natur zusammengesetzt hat.“[25]

Damit einher ging die Vorstellung einer Spaltung von Körper und Seele, welche in keiner anderen Kultur und Religion zu finden sei, schreibt Norbert JUNG.[26] Auch die Idee einer Abspaltung des Menschen vom Rest des Universums ist ein Denkfehler über den sich schon Albert EINSTEIN verwunderte: „ DerMenschistTeileinesGanzen,daswir‚Universum’nennen,eininZeitundRaumbegrenzterTeil.Wirerfahrenunsselbst,unsereGedankenundGefühlealsetwasvonallemanderenAbgetrenntes–eineArtoptischeBewusstseinstäuschung.DieseTäuschungistwieeinGefängnisfüruns [...].“[27]

DerAtomphysikerundwissenschaftsphilosophische Vordenker Fritjof CAPRA entlarvt dieökologische,kulturelle,politische,wissenschaftlicheundmoralischeKrisedermodernenWeltals eine „ KrisederWahrnehmung”.[28] Auch BATESON bestätigt diese Sichtweise: „ DiegroßenProblemeaufderWelt erwachsen ausdemUnterschiedzwischenderFunktionsweisederNaturundderDenkweisederMenschen.WasistmitunsererWahrnehmunglos,dasunsdavonabhält,diezartenVerflechtungenundgegenseitigenAbhängigkeitennichtzusehen,diedenökologischenSystemenihreIntegritätgeben.Wirsehensienichtunddeshalbmachenwirsiekaputt.“ Und er bekennt: „ EsgibtMomenteindenen ich mich selbst dabei erwische zu denken, dassesirgendetwasgibt,wasvonetwasanderemgetrenntist.“[29]

5.1.2 Unterdrückung der parallel existierenden ganzheitlichen Weltsicht

Wie konnte es dazu kommen, dass so weite Teile der Menschheit einer Illusion aufgesessen sind? Günter TEMBROCK, einer der Pioniere der Verhaltensbiologie beschreibt, dass sich evolutive Prozesse immer mit einem Wechsel stabiler, kontinuierlicher mit diskontinuierlichen Phasen der Labilität abwechseln würden, sogenannten „ hartenEreignissen “, bei denen „ Gabelungen “ vor der nächsten Stabilisierung aufträten.[30] Jede dieser „Entscheidungsbäume“ oder „ Bifurkationen “ verlangt eine Entscheidung und jede gewählte Route schließt automatisch alle anderen Routen aus. Diese Gesetzmäßigkeit kann man nicht nur in biologischen Prozessen erkennen, sondern auch bei der persönlichen wie der gesellschaftlichen Entwicklung, schreibt NEEF: „ Wirsindwaswirsind,aberwirhättenauchetwasseinkönnen,waswirnichtgewordensind.“[31] Denn als Gesellschaft hätten wir in den letzten Jahrhunderten einige Male an Gabelungspunkten gestanden, die uns auf einen anderen Weg hätten bringen können – wenn wir diesen Weg gegangen wären.

So stellten lautdem Zukunftsforscher Geseko v.LÜPKE einige der griechischen Philosophen dieNatur als lebendigen Organismus dar, der inständigerBewegung war, lebendigundbeseelt.[32] In der Welt, wie Franziskus von ASSISI sie erlebte, ist Liebe und Verbundenheit nicht nur möglich gewesen, sondern hatte auch universellen Sinn und Bedeutung gehabt. Er sprach von Bruder Sonne und Schwester Mond und sah auch Wölfe, Wasser, Feuer, Bäume und Menschen als seine Brüder und Schwestern an. Stattdessen entschieden wir uns, unsere sozialen, politischen und ökonomischen Vorstellungen auf den Aussagen eines anderen Italieners jener Zeit, Niccoló Bernardo MACHIAVELLI, zu gründen, der die Mahnung zur harten Abgrenzung aussprach:„ Esistbesser,gefürchtetzuwerden,alsgemocht.“[33]

Diese Aussage entspringt der eigenen Angst vor Unterdrückung – einer Angst welcher neben möglichen persönlichen Erlebnissen im Leben MACHIAVELLI’s auch eine Jahrhunderte währende Geschichte von Verfolgung und Unterdrückung zu Grunde liegt.

v.LÜPKEschreibt,dassunsereÜberzeugung,alseinzigbewusstesLebewesenineinerleblosenNaturals„ Krone der Schöpfung “zuexistieren,imGegensatzzurWeltsichtalleranderenVölker und auch imGegensatzzurÜberzeugungunserereigenenVorfahrenstehe.InderPsychedeswestlichenMenschenhättedieserIrrglaubezujenertiefenSpaltungzwischenGeistundNatur,zwischenSpiritualitätundMateriegeführt,derDESCARTES späterseineberühmtenWorte„ Ichdenkealsobinich “ gab.[34] Kreuzritter und Missionare verbreiteten diesen Irrglauben mit Gewalt in Europa und der gesamten Welt: „ UnserenaufmeistdiktatorischeWeisekatholischgemachtenUrahnenbliebkeineandereWahl,wennsiegesundundamLebenbleibenwollten,alswiderihrerbisherigenErfahrung,WeltsichtundWahrheitdaszuwiederholen, was die herrschenden ‚Stellvertreter Gottes’ zuhörenbegehrten.“[35]

Trotz aller Unterdrückung regten sich dennoch zu allen Zeiten immer wieder andere Stimmen in unserem Kulturkreis. 1487verteidigteFrancescoPicodellaMIRANDOLAöffentlichseine900ThesenüberdieGemeinsamkeitenzwischendenverschiedenenReligionenundPhilosophien,mitdenenerseinerÜberzeugungAusdruckverlieh,dassesimmermehrereWahrheitenstatt einer einzigen gäbeunddasseinespirituelleErneuerungdieMenschheitversöhnenkönnte.[36] Doch statt seinen Fußstapfen der Verbundenheit zu folgen, schloss sich ein Großteil der Gesellschaft um 1600 dem Trennungs-Wahn Francis BACON’s an, der nicht nur die moderne empirische Methodik der Wissenschaft entwickelte,[37] sondern auch.von der Natur als einer "Sklavin" sprach, welche die Menschen "mitHundenhetzen" und so lange "aufdieFolterspannen" sollten, "bissieihreGeheimnissepreisgibt". „ DasistdieRhetorikderHeiligenInquisition “, bemerkte hierzu der Physiker Fritjof CAPRA „ undesistsicherkeinZufall,daß[Bacon],sozusagenimNebenberufmitderHexenverfolgungbetrautwar.“[38] BACONhatte damals alsStaatsanwaltfürdieHeilige Inquisition gearbeitet.[39]

Im Gegensatz steht das Beispiel des Priesters und Philosophen Giordano BRUNO, welcher 1600 auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, weil er glaubte, dass die Erde lebendig sei und eine Seele habe. Er glaubte daran, dass alles Leben sei.

Während die machthabende Elite der Gesellschaft fast lückenlos der Trennungs-Täuschung glaubte und diese auch rigoros gegenüber dem Volk vertrat, habe es laut NEEF zu allen Zeiten ebenso Menschen gegeben, die nicht bereit waren, eine derart reduzierte Wirklichkeitswahrnehmung zu akzeptieren.[40] AmerikanischePhilosophenwieAlexanderPOPE,JosephADDISON,JohnStuartMILL hätten im18.Jahrhundert von der „ göttlichenKlarheit “ derNaturundihrerKraftals„ WiegederGedanken “ gesprochen.Im19.Jahrhundert schrieb RalphWaldoEMMERSONinseinemEssayüberdieNatur:„ IchsteheaufderbloßenErde,dieStrömedesuniversellenSeinsdurchflutenmich,ichhabeteilanGott.“ Auch die Denker,MalerundWissenschaftlerderRomantik haben dasOrganisch-Beseelte in der Natur betont.[41]

5.1.3 Das Trennungs-Paradigmaund die Wissenschaft

Heute finden diese Stimmen zunehmend Gehör und Würdigung, auch in der Wissenschaft, derenGanzheitlichkeit an der unerbittlichen Reduktion auf das Messbare stark gelitten hat. Hier wurde die Trennung von Beobachter und Beobachtetem zur Maxime. Es kam zur Idealisierung der Vernunft, welche als höchster menschlicher Wert dargestellt wurde.Wir habensogar seit etwa 1850 unser Gehirn stets mit den gerade verfügbaren Technologien verglichen, der hydraulischen Pumpe, einer Art Telegraphensystem, einer telefonischen Schaltanlage und jetzt sind wir bei neuronalen Netzen – nochimmer ein Vergleich mit Maschinen und Technologien, die wir benutzen, um uns selbst zu erklären. Dabei lassen wir außer acht, dass wir im Unterschied zu Maschinen über Intelligenz verfügen.[42]

JUNG beschreibt, wie noch immer sowohlinderöffentlichenMeinungalsauch in derPädagogikoffenoderindirektdasDogma„ physikalistischer “undstatistischerBeweisführung, von „ FaktenundWissen “ dominieren würde. Dazu zitiert er GOETHE’s Verspottung der damaligen Gesellschaft:

„Wasihrnichttastet,stehteuchmeilenfern,
Wasihrnichtfaßt,dasfehlteuchganzundgar,
Wasihrnichtrechnet,glaubtihr,seinichtwahr,
Wasihrnichtwägt,hatfüreuchkeinGewicht,
Wasihrnichtmünzt,das,meintihr,geltenicht.“[43]

GOETHEsagte, dass die Wissenschaft nicht nur dem Sammeln von Wissen über die physikalische Welt diene, sondern ebenso ein innerer Weg zu spiritueller Entwicklung sei. Sie bedürfe nicht nur einer Schulung unserer Beobachtungsgabe und unseres Denkens, sondern auch derjenigen menschlichen Eigenschaften, die uns mit den spirituellen Dimensionen in Resonanz bringen können, die der physikalischen Welt zugrunde liegen und diese durchdringen: Fähigkeiten wie Gefühl, Vorstellungskraft und Intuition. Das höchste Ziel der Wissenschaft sei nach GOETHE ein Gefühl von Staunen, erreicht durch kontemplative Anschauung der Welt, so dass der Wissenschaftler Gott in der Natur und die Natur in Gott erkennen könnte.[44]

Stattdessenhaben wir laut v. LÜPKE jene Vertreter des Trennungs-Denkens wie BACON, DESCARTES oder NEWTON dieFundamenteeinerWeltsicht legen lassen,nachderdieWeltwieeinegigantisches Uhrwerk funktioniere:manipulierbar,kontrollierbar,instrumentalisierbar,geistlos und profan. „ DieEntheiligungderWeltliefertesodieBasisfürtechnologisch-industrielleZerstörungdernatürlichenWelt,mitderenFolgen wir heute konfrontiert sind“, beschreibtv. LÜPKE. „ SowiederMenschderNaturüberlegenschien,undderGeisthöherwertigschienalsderKörper,sosahensichauchMännerberechtigt,Frauenzubeherrschen,Weißesichlegitimiert,Farbigezubesitzen,AdligeimRecht,Bauernzubeherrschen.DieFolgewarenJahrhunderte,dievonRassismus,KlassenherrschaftundSexismusgeprägtwaren.Dominanz,KontrolleundAusbeutungwarenzudentragendenWertendeswestlichenHumanismusgegenüberderNaturgeworden.“[45] DerProtestantismus,dersicheinerseits gegen Korruption und Missständeinderrömisch-katholischenKirchewandte, hätte andererseits zusätzlich die im Katholizismus noch erhalten gebliebenen naturverbundenenÜberbleibsel des polytheistischen Europas mit seinen Heiligen Orten, an denen der Geist der Natur in Bäumen, Brunnen, Felsen, Bergen und Flüssen verehrt wurde, endgültig zerstört. Auch die im Katholizismus noch teilweise umgewandelt erhalten gebliebenen heidnischen Bräuche wurden nun endgültig abgeschafft.[46]

DerHumanismusmitseinerBetonungdesWertesjedeseinzelnenMenschen hätte den aufs isolierte Individuum gerichteten Anthropozentrismusnoch vertieft.[47]

DerTrennungs-MythoswirftdenMenschenlautv.LÜPKEineineIsolation,AbgespaltenheitundAngst,aufdieerimmerwiederähnlichreagiere:mitVerteidigung,KontrolleundKonkurrenzverhalten,umSicherheit,StabilitätundSchutzineinerWeltzugewinnen,dieihmfremdistundderersich-mythologisch-nichtwirklichzugehörigfühle. Hier sieht Norbert JUNG die Ursache für den Begriff der „ Um-Welt “, wo man sich als „ gegenüberderNatur “ wahrnimmt, was dem Mythos der Spaltung entspringt.[48]

Die von uns gestaltete gegenwärtige Ökonomie scheint für unsere Projektionen von Angst und Isolation ein ideales Spielfeld zu bieten.

5.1.4 Das Trennungs-Paradigma und unser Wirtschaftssystem

JUNG schreibt, dass unser Wirtschaftssystem das GegenteilvonLebensqualität erzeuge: „ständigeVerschlechterungderLebensbedingungenderzunehmendenMehrheitderMenschendieserErde,AusbeutungundzerstörerischeVerminderungderRessourcensowieVerschlechterungderLebensbedingungenvonLebewesen(einschließlichderMenschen)undLebensräumenbishinzurAusrottung.“[49]

DerOneida-Älteste Bruce ELIJAH sagtedarüber: „DertechnischeZivilisationsmensch[...]hateinefataleÄhnlichkeitmitKrebs.SeitEureGeisteskrankheitwuchertundwuchert,breitensichihreFolgenwieMetastasenüberdieErdeaus.Indianersagendasseitmehrals300Jahren.AberwiesolltemaneinemTumorbegreiflichmachen,daßgeradedas,waserfüreinengroßartigenErfolghält,inWirklichkeitSelbstmordist.”[50]

Auch der ÖkonomHerman DALY undderSozialtheologeJohn COBB haben daraufhingewiesen,dass unser Wirtschafts-Paradigma dem Gemeinwohl zuwiderlaufen müsse:„ DieherrschendeökonomischeTheoriebautaufdieAnnahme,dasswiralleunabhängigeIndividuenseien,dereneinzigeBeziehungzueinanderderMarktist.WerMenschenalsvoneinandergetrennteIndividuensieht,vondenenjedermitallenanderenkonkurriert,dannkanndasnichtzumGemeinwohlführen,sondernnurdazu,dassjene,diebeidieserKonkurrenzamerfolgreichstensind,immerreicherwerden.“[51] Langfristig müsse einsolchesWeltbilddazuführen,dassirgendwanndiegesamteBiosphärevomMaschinistMenschkontrolliert würde, schreibt v.LÜPKE hierzu, was globalisierte Märkte zur Folge habe, welche fortwährend Güter hervorbringen, die eigentlich keiner brauche.[52]

Der Vertreter der Gemeinwohlökonomie Christian FELBER beschreibt, dass eine gelingende Ökonomie auf denselben Verhaltensqualitäten und Werten basieren müsste, die unsere menschlichen und ökologischen Beziehungen gelingen lassen, nämlich Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Ehrlichkeit, Zuhören, Empathie, Solidarität und Teilen. Laut wissenschaftlicher Forschung würden Menschen durch einen solchen Anreizrahmen stärker motiviert als durch Konkurrenz und Egoismus. Die freie Marktwirtschaft beruhe hingegen auf den Grundwerten Gewinnstreben und Konkurrenz, wodurch in jedem von uns Egoismus, Gier, Geiz, Neid, Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit gefördert würden. „ DieserWiderspruchistnichtnureinSchönheitsfehlerineinerkomplexenodermultivalentenWelt,sonderneinekulturelleKatastrophe;erspaltetunsimInnersten–sowohlalsIndividuenalsauchalsGesellschaft. “ FELBER schreibt weiterhin „ DerWiderspruchistdeshalbkatastrophal,weilWertedasFundamentdesZusammenlebens sind..[...] DieWertesindwieeinLeitstern,derunseremLebenswegeineRichtungvorgibt.AberwennunserLeitsterndesAlltagsineineethischeRichtungweist–Vertrauensbildung,Kooperation,Teilen–undplötzlichineinemTeilbereichdesLebensderMarktwirtschaft, ein zweiter ‚Leitstern’ indieexaktentgegengesetzteRichtung–Egoismus,Konkurrenz,Gier–dannbrichtinunseinheilloserWiderspruchauf [...]DerGipfelderKatastropheist:derGesetzgeberbevorzugtdenfalschenLeitstern. Er gibt ihm recht – und fördert damit Werte, unter denen wir alle leiden.“[53]

Echte Freiheit bedeute nicht Willkür, sondern die bestmögliche Verwirklichung menschlichen Potentials innerhalb von Grenzen, schreibt der Humanökologe Dieter STEINER. Er vertritt die These, dass wir um die Zerstörung dieses Planeten zu vermeiden, die existierenden Notwendigkeiten beobachten müssen. „ Wir können dies tun, indem wir eine respektvolle, lebendige Beziehung zur natürlichen Umwelt, zu anderen Menschen und zu uns selbst aufbauen. Das größte Hindernis, das es zu überwinden gilt, um in diese Richtung zu gehen, ist das größtenteils anonyme ökonomische System mit seinen tiefgreifenden Selbstdynamiken. Dieses System zwingt uns dazu, im weitesten Sinne unökologisch zu leben und bewirkt in der Konsequenz das Gegenteil dessen was Ökonomen uns weiterhin erzählen, indem es unsere persönliche Freiheit gerade nicht vergrößert.[54]

Der Neurobiologe Gerald HÜTHER beschreibt, wie sich der Konkurrenzdruck in alle anderen Lebensbereiche erstreckt: „ Wir erzeugten in unseren Bildungseinrichtungen, Betrieben, Organisationen Leistungsdruck und Konkurrenz und glauben sogar, dass Menschen ohne diesen Konkurrenzdruck die in ihnen angelegten Potentiale gar nicht entfalten können. Dabei müssten wir doch längst begriffen haben, dass Menschen unter Wettbewerbsdruck sich nicht weiterentwickeln und ihre Potentiale entfalten, sondern dass das, was durch das Schüren von Konkurrenz hervorgebracht wird, nur fortschreitende Spezialisierungen sind. Fachidioten und Leistungssportler kann man durch Wettbewerb erzeugen, aber nicht umfassend gebildete, vielseitig kompetente und umsichtige, vorausschauend denkende und verantwortlich handelnde, in sich ruhende und starke, beziehungsfähige Persönlichkeiten. [...] Wie konnte es passieren, dass wir Spezialisierung mit Weiterentwicklung verwechselt haben? Auch hier ist die Antwort einfach: Es passte zu den Interessen, die wir bisher verfolgt haben, und das waren in erster Linie die Interessen des Wirtschaftssystems, das unser Leben bisher bestimmt hat.“[55]

5.1.5 Über die Notwendigkeit eines Paradigmen-Wandels

HundertfünfzigJahrenachdenWortenGoethes sei daslogischeForschenderrationalenWissenschaftlängstandieeigenenGrenzenderTrennungvonNaturundGeist geprallt, schreibt v.LÜPKE, ebenso wie unser Wirtschaftssystem bereits wiederholt an seine Grenzen gestoßen ist. DieTrennungvonGeistundMaterie,SubjektundObjektseiwiderlegtvonmehrundmehrForschern,diedenMutbesessenhätten,dieGrenzendeszuenggewordenenParadigmaszuüberschreiten.IhreAussagenüberdieNaturdesGeistesunddenGeistinderNaturwürdensichwiealteTexteasiatischerMystikerlesen.„ ObinQuantentheorie,Chaos-undKomplexitätsforschung,SystemtheorieoderKognitionsforschung:DiescheinbarklarenGrenzenzwischendem‚bewussten’Menschenundder‚geistlosen’Schöpfungverschwimmen.“[56]

Der AtomphysikerundPhilosoph Carl-Friedrich v. WEIZSÄCKER bestätigt es: „DieWeltistnichtausObjektenzusammengesetzt.[...]NurderendlicheVerstanddesMenschenzerlegtdasGanze,zudemergehört,inObjekte,umsichzurechtzufinden.“[57]

Geseko v. LÜPKE lädt dazu ein, den somit erweitertenCharakterderWirklichkeitnichtnurformell,sondernmitallenKonsequenzenzuakzeptieren: DieswürdeunszueinerBescheidenheitbezüglichdesWissbarennötigen.Eswürdeunsnötigenanzuerkennen,dassjederEinfluss,denwiraufdieNaturnehmen,dasganzeSystembeeinflusst–und damit auch uns selbst. Das gelte besonders,wennderEinflusserdumspannend,monokulturellundbiologische Vielfalt zerstörend ist. LÜPKE schlussfolgert, dass allegesellschaftlichenundökonomischenStrukturen,diesichan dem überholtenWeltbildorientieren,inFragegestelltwerdenmüssten.[58] JUNG fordert ebenfalls einen tiefgreifenden Wandel des Mainstream-Denkens, einschließlich des sogenannten politischkorrekten, autoritativen „top-down“ Denkens, das heute vielfach als demokratisch „diskursiver“ Austausch getarnt würde. „ SonstbleibtBildung[eine]PerpetuierungdesVorhandenenundVerlangsamungvonbildungsorientierterErkenntnis,alsoeinneurotisches„Mehrdesselben“ [...] imDienstebestehenderMachtmechanismen.“[59]

Auchv.LÜPKE kritisiert die bisher eher „ schalen Lockrufe “ mancher Politiker nach „nachhaltigerEntwicklung “, „ biologischerDiversität “ oder „ ökologischemBewusstsein “, denn die von diesen Konzepten sprechenden Personen ähnelten zu oft Reisenden, welche sich „ miteinemkleinenSprachführerineinemunbekanntenLanddurchschlagenundgeradeeinmalinderLagesind,nachdemWegzufragen,dannaberdieAntworten,diesieerhalten,nichtverstehenundsichnochwenigernachihnenrichtenkönnen.SiewirkendesorientiertineinemAusland,indemdiealtenLandkartennutzlossindunddiebislangerprobtenVerhaltensweisennichtsbewegen,wosichdiesozialenProblemetrotztechnischemFortschrittvervielfachen,woindividuellesLeidentrotzeineswachsendenpersönlichenWohlstandszunimmt,wodieZerstörungderUmweltdieZukunftdesLebensinFragestelltundalldiesnochalsFortschrittschöngeredetwird[60]

Der hier fehlende, tiefgreifende und radikale Denkwandel muss nach JUNG mit der Suche nacheinemneuen,wenigerzerstörerischenLeitbild und Verständnis beginnen, denn menschliches Handeln gehe wesentlichvoninneren Bildern und Vorstellungen aus.

Petra KELLY, die Mitbegründerin der GRÜNEN und alternative Nobelpreisträgerin stellt dabei den individuellen Menschen ins Rampenlicht: „ WirmüssennichtnurdenStatusquodersogenannteninstitutionalisiertenGewaltverändern,wirmüssenauchunsselbstvonGrundaufändern,bevorwirdassozialeundpolitischeLebenverändernkönnen.“[61]

Geseko v. LÜPKE beschreibt in seinem Buch „ PolitikdesHerzens “, in dem er die Träger des Alternativen Nobelpreises vorstellt, dass die von ihnen vertretenen erfolgreichen alternativen Ansätze tatsächlich allesamt auf einem systemischen, vernetzten und interdependenten Weltbild basieren, in welchem der Schwerpunkt auf Kooperation und Symbiose liege.[62]

In BezugaufdiezahllosenhistorischenMomente,beidenendieMenschheitinRichtungTrennung„falsch“abgebogensei, sagte NEEF:„ Unddannmagesweisesein,dieandereKartemitjenerRoute,diewirnichtgewählthaben,wiederauszugrabenundzuschauen,obwirdarinOrientierungfindenkönnen,umunsausunsererexistenziellenVerwirrungzuretten.VielleichtmachtesSinn,dasswirbeginnenumunsherumBrüderundSchwesternzusehen[...],dassverschiedeneWahrheitengleichzeitignebeneinanderexistierenkönnen [...] dassdieErdeeineSeelehatunddasalleslebendigist [...],dassesüberhauptkeinenGrunddafürgibt,Intuition,SpiritualitätundBewusstseinausderWissenschaftzuverbannen.[63]

In der Ganzheitlichen Umweltbildung wurde eine positive emotionale Beziehung zur Natur, entstanden vor allem durch in Familie und Freundeskreis vermittelte Werte und selbst erlebte ästhetische, emotionale Naturerfahrungen, an den Anfang jeden Umwelthandelns gesetzt. Erst danach könne man ein Verständnis von ihr gewinnen, bewusst Werte vertreten, sich durch intrinsisches Interesse motiviert gezielt Wissen aneignen, eine sozial und ökologisch informierte Einstellung pro Nachhaltigkeit einnehmen und sich letztendlich sogar (politisch) für Natur und Nachhaltigkeit engagieren.[64]

Die Beziehung – oder Verbundenheit – steht also am Anfang. Im folgenden Teil werde ich näher betrachten, was Verbundenheit alles bedeuten kann.

6 Was ist Verbundenheit?

"The truth of who we are is that we are because we belong".

Desmond Tutu[65]

Laut Duden ist Verbundenheit ein „(Gefühl der) Zugehörigkeit mit jemandem [oder] miteinander“.[66] Wir gehören also zu jemandem dazu und können dies (unter Umständen) auch fühlen.

Wenn ich Angehörige indigener Kulturen über die Natur sprechen höre, sind darin oft Bekenntnisse der Verbundenheit enthalten. Dies trifft besonders auf Personen zu, die innerhalb ihres Volkes die Aufgabe haben, alte Traditionen weiterzugeben, wie der Mohawk Subchief Jake Swamp wenn er sagt: „ Mutter Erde, wir danken dir dafür, dass du uns alles gibst, was wir brauchen.“[67] Dieses Bild der Mutter Erde trägt eine Botschaft der Zugehörigkeit, wie sie stärker nicht sein könnte: Der Erde so eng verbunden sein, wie wir es unserer Mutter sind, in deren Bauch wir als Embryonen monatelang geschützt heranwachsen, verbunden auf die engste biologisch mögliche Weise. Die Haudenosaunee danken der Erde dafür, dass sie uns Menschen wie eine Mutter alles gibt, was wir brauchen. Sie sagen: „Es erfüllt uns mit Freude, dass sie immer noch so für uns sorgt wie seit dem Anbeginn der Zeit.“[68]

6.1 Verbundenheits-Typen

Inden folgenden Kapiteln werde ich die acht verschiedenen Aspekte oder Typen von Verbundenheit beleuchten, welche sich im Rahmen dieser Arbeit als voneinander unterscheidbareKategorien herauskristallisiert haben: Existenzielle, Intersubjektive, Soziale, Kybernetische, Spirituelle, Seelische, Genealogisch-Kulturelle und Zukunfts-Verbundenheit.

Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, die Einteilung dient vielmehr einer besseren Übersicht über die unterschiedlichen Facetten, die Verbundenheit haben kann und für die es Zeugnisse in den Berichten von Natur- und Geisteswissenschaftlern oder von Angehörigen anderer Kulturen gibt. Wie jedes Modell ist auch die Einteilung der Verbundenheitstypen lediglich ein stilisiertes Abbild der Wirklichkeit, in der viele der genannten „Typen“ zudem so eng miteinander verknüpft sind, dass sie voneinander isoliert kaum existieren könnten.

Nach jeder ausführlichen Typ-Beschreibung und Erläuterung folgt eine Zusammenfassung, in der ich versucht habe, die Essenz der Typen in kurzer, prägnanter Form wiederzugeben.

6.1.1 Existenzielle Verbundenheit

Eins-Sein

Betrachte die Welt als dein Selbst,

habe Vertrauen zum Sosein der Dinge,

liebe die Welt als dein Selbst;

dann kannst du dich um alle Dinge kümmern.

LAOTSE[69]

Was für indigene Kulturen selbstverständlich ist, war und ist auch Philosophen, Mystikern und zunehmend sogar Wissenschaftlern der sogenannten zivilisierten Welt nicht unbekannt. Geseko v. LÜPKE nennt es „ Allverbundenheit[70] und nach Norbert JUNG sollte die konsequente Aussage zur menschlichen Natur heißen: „ Ich bin Mitwelt, ich bin Natur.“[71] Oder mit den Worten Albert SCHWEITZERS: „ Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will “.[72]

Wir sind im Kern das gleiche, sogar dasselbe wie die uns umgebende Natur: Leben. Aus der Verbundenheit wird eine Allverbundenheit wird ein Eins-Sein. Und alles was wir der Natur und einander antun, fügen wir auch uns selbst zu. In der Tiefenökologie wird analog zum aristotelischen „sozialen Selbst“ von der Entwicklung eines „ ökologischen Selbst “ gesprochen durch welches man sich als wesentlichen und einzigartigen Bestandteil eines größeren lebenden Ganzen erfahre.[73]

Es ist eine Frage der Perspektive. Von außen betrachtet erscheint der menschliche Körper als ein Organismus, erst wenn man sehr nah herangeht entdeckt man die Millionen von Bakterien und anderen Mikroorganismen, die Teil des Systems Mensch sind, so bedeutsam, dass wir ohne sie nicht überleben könnten. Nach der Endosymbiontenhypothese wird sogar davon ausgegangen, dass die heute (auch im menschlichen Körper) existierenden komplexeren Zellen ursprünglich durch eine Aufnahme bestimmter einfach gebauter Organismen (Bakterien) durch andere einfache Zell-Organismen entstanden seien, innerhalb derer sie sich heute noch getrennt fortpflanzen (die Mitochondrien), mit jeweils unterschiedlichem genetischen Material.[74] V. LÜPKE schreibt dazu: „ Wir sind ein kleiner Superorganismus, ein laufendes Ökosystem, das mit viel größeren Systemen ständig verbunden ist als Teil eines gigantischen Kreislaufes.“[75] Wir lebten außerdem in ständigem Austausch mit unserer Um- und Mitwelt und seien damit offene Systeme, die durch Ströme von Energie (Licht, Wärme), Materie (Nahrung, Wasser) und Information (DNA, Erfahrung, Wissen) entstehen und sich entfalten würden. Somit ist jedes Element, Teilchen oder Lebewesen auf der Erde laut der Allgemeinen Systemtheorie Teil eines größeren Musters und damit auch „eins“ mit allem.[76]

Auf der rein materiellen Ebene betrachtet seien 92% der Materie, aus der sich der Mensch und die Erde zusammensetzen, vor viereinhalb Milliarden Jahren in der Supernova einer explodierenden Sonne geschmiedet worden – Sternenstaub, der nur seine Erscheinungsform wandelt, im Kreislauf von Leben und Sterben, Ausscheiden und Ernähren.[77] „Alles woraus der Mensch wächst, ist mineralischer, pflanzlicher und tierischer Herkunft. Unsere Knochen sind aus dem Kalk der Gesteine gebildet, das sich wiederum aus dem Panzer prähistorischer Muscheltiere zusammensetzt. Wir nehmen Erde zu uns: Von Pflanzen herausgesogene Minerale, die sich in unseren Körper ergießen, alle sieben Jahre alle unsere Zellen erneuern. Wir nehmen Erde auf und scheiden sie wieder aus.“[78]

Die gesamte Erde könne nach den Erkenntnissen des Atmosphärenchemikers James LOVE­LOCK als ein zusammengehöriger Organismus angesehen werden, bei dem die Gesamtheit aller Lebewesen wie auch die abiotischen Bestandteile wie Luft, Gesteine usw. eine selbstregulierende Einheit darstellen.[79] JUNG schreibt hierzu: „ Die gesamte Zeit und Materie standen von Anfang an mit der Entstehung des Lebens in Verbindung. Damit ist das (uns erkennbare) Universum biozentrisch.“[80]

Betrachten wir dieses Universum, begegnet uns wieder Vertrautes. Der Astrophysiker Harald LESCH sagt, dass Bilder der großräumigen Struktur des Universums genau dasselbe zeigten wie Abbildungen der Funktionsweise neuronaler Netzwerke im Gehirn.[81] Auch gleiche das Innere der Atome aus denen wir geformt sind dem Sonnensystem. Winzige subatomare Partikel würdenhier in elliptischen Bahnen in unvorstellbarer Geschwindigkeit um einen heißen Kern kreisen, der Lichtimpulse aussende.[82]

Der Quantenphysiker und ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts Hans-Peter DÜRR schlussfolgert: „[...] Wirklichkeit ist reine Verbundenheit oder Potenzialität. [...] Diese fundamentale Verbundenheit führt dazu, dass die Welt eine Einheit ist. Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, die Welt in Teile aufzuteilen, weil alles mit allem zusammenhängt.“[83] Damit sei uns laut v.LÜPKE die Basis entzogen, die Welt reduktionistisch verstehen zu wollen. Im neuen Weltbild nähmen wir stattdessen an, dass es das Eine oder Nicht-Zweihafte sich differenziert ohne je die Gemeinsamkeit aufzugeben. Gleich einer Eizelle, die sich nicht wirklich teile sondern in der nur eine Membran entsteht, eher wie eine Hecke als eine Mauer.[84]

Unsere existenzielle Verbundenheit mit allem was in uns und um uns herum lebt scheint real zu sein. Sie anzuerkennen und uns auch im alltäglichen Leben zu spürenist in vielen indigenen Kulturen ein zentraler Aspekt des Weltbilds. Tatsächlich beginnt für Menschen aller Kulturen das Leben mit einer fundamentalen Erfahrung des Eins-Seins: Als Embryonen im Bauch unserer Mutter. Der Neurologe Gerald HÜTHER erklärt, dass Verbundenheit eine der zwei basalen Erfahrungen sei, die wir alle schon vor der Geburt gemacht hätten, als wir aufs Engste mit einem anderen Menschen verbunden waren. Seine Schlussfolgerung: „[Wir] kommen auf die Welt in der tiefen Überzeugung – ja man könnte sagen mit der Erwartungshaltung, der Sehnsucht– dass das da draußen so weitergeht. Dasswir auch wieder Verbundenheit fühlen, Geborgenheit bekommen und dass wir irgendwo dazu gehören dürfen.“[85]

Wir sind demnach nicht nur in der Lage dazu, Verbundenheit zu spüren, sondern suchen sogar danach, brauchen es für unsere seelische und körperliche Gesundheit, einen hohen Grad an Verbundenheit zu erfahren.

In der Bindungstheorie geht man davon aus, dass die Entwicklung einer sicheren und starken emotionalen Bindung zwischen einem Kleinkind und dessen primärer Bezugsperson in der Kindheit eine grundlegende Voraussetzung dafür bilde, im Erwachsenenalter stabile und intime soziale Beziehungen aufrecht zu erhalten. Die Erfahrung von Verbundenheit ist für den Säugling nach der Geburt existenziell notwendig, nicht nur für seine seelische Entwicklung, sondern auch für sein physisches Überleben. So beobachtete SPITZ bei Kindern in Pflegeeinrichtungen, welchen alle physischen Bedürfnisse erfüllt wurden, denen aber jegliche Emotionalität und mütterliche Fürsorge fehlte, gravierende soziale, sensorische und emotionale Defizite bei jedem einzelnen Kind. Die Säuglinge seien quasi psychisch verhungert, was sich auch körperlich zeigte, teilweise bis hin zum frühzeitigen Tod.[86] Die Neigung zur Bindung wird daher als primäres menschliches Grundbedürfnis angesehen. Bereits das Neugeborene verfüge über kommunikative Verhaltensweisen, mit denen es versuche die Beziehung zur Bezugsperson herzustellen (beispielsweise Anklammern, Schreien, Weinen, Lächeln).[87]

Ich vermute, dass ein Zusammenhang zwischen gelingenden postnatalen Bindungs-/ Verbundenheitserfahrungen sowie der Fähigkeit besteht, existenzielle Verbundenheit mit der gesamten Mitwelt empfinden zu können und sich von diesem Eins-Sein getragen zu fühlen.

Der Biologe und Philosoph Andreas WEBER schreibt: „ Das Kind weiß insgeheim, dass die Welt ein lebender Organismus ist, mit sich selbst verwoben und verbunden [...]. Schließlich hat es genau das selbst gerade erfahren, wie sich aus dem Nichts ein bedeutungsvoller Kosmos entfaltete.“[88]

In einer früheren Studienarbeit[89] habe ich die Frage untersucht, ob es Menschen möglich ist, zu Landschaft bzw. Lebewesen auf eine Weise in Beziehung zu treten, die dem psychologisch und humanethologisch definierten Begriff „Bindung“ mit all seinen Aspekten zugeordnet werden könnte. Das laut Bindungstheorie entstehendegefühlsgetragene Band, das über Raum und Zeit hinweg erhalten bleibe und sehr spezifisch auf bestimmte Personen ausgerichtet sei, die nicht austauschbar wären[90], kann scheinbar auch zu bestimmten Orten gebildet werden. Der Begründer der Tiefenökologie Arne NAESS erzählt ein Beispiel von einem Protest der im Gebiet des heutigen Nord-Finnland und Schweden ansässigen Samen, die sich gegen die Verschmutzung eines ihrer Flüsse wehrten. Dabei rief ein Demonstrant als er von der Polizei weggetragen wurde: „ Dieser Fluss ist ein Teil von mir!“.[91]

Viele Menschen beschreiben ein gefühlsgetragenes Band, wenn sie über ihr Verhältnis zu der Landschaft sprechen, in der sie aufgewachsen sind. So heißt es in einem bekannten deutschen Lied über das Sterben: „[...] muss aus dem Tal jetzt scheiden, wo alles Lust und Klang. Das ist mein herbstes Leiden, mein letzter Gang.“[92]

Der Beziehung zwischen Menschen und einem Ort wurde von verschiedenen humanistischen Denkschulen große Bedeutung beigemessen. BOTT et al. zitieren hier TUAN mit dem Begriff der „ Geopietät “ – einer Form von Frömmigkeit und Ehrfurcht gegenüber der Erde. Sie führen auch die Erklärung des Architektur-Historikers NORBERG-SCHULZ zum Genius loci, dem Geist eines Ortes an. Demnach sei ein Schlüssel zur menschlichen Identität in unserer Beziehung zur Natur die „ Fähigkeit sich mit der Welt zu identifizieren, basierend auf einem Ort und dessen Beschaffenheit und Eigenart“. Das Ergebnis dieser Identifikationmit einem Ort sei die Übersetzung von Natur in ein „ Imago mundi “ (Bild von der Welt), das den Menschen Halt gäbe und das „ existenzielle Bedürfnis “ erfülle, ein bedeutungsvolles Leben zu führen.[93]

Der Begriff „ Ort “kann laut BOTT et al. als ein Punkt beschrieben werden, wo die physikalischen und kulturellen Eigenschaften eines Raumes sich mit der gefühlsbezogenen Wahrnehmung und den funktionellen Bedürfnissen der Menschen verbinden. Sie führen HEIDEGGERS Aussage an, dass das „ In-der-Welt-sein “ die ultimative existenzielle Erfahrung sei und fordern eine Auseinandersetzung mit der Verbundenheit zwischen Mensch und Ort auf Basis eines phänomenologischen Ansatzes, welcher es nach MERLEAU-PONTY zuließe, Wahrnehmung und Erfahrungen für sich stehen zu lassen, geschützt vor jeglichem analytischem Reduktionismus. In der Konsequenz würde die Existenz eines „ Selbst-und-Welt “ („self-and-world“), welches durch wissenschaftliche Methoden gegenwärtig kaum erfassbar ist, zu mehr Anerkennung gelangen. Damit könnten Qualitäten wie „ Charakter “ oder „ Atmosphäre “ als real angesehen werden, unabhängig davon, was objektive Beschreibungen ergeben würden.

Norbert JUNG spricht auch von Orten als „ Psychotope“, als dynamische, unsichtbare Netze, die sich zwischen Person und Natur weben. An diesen Orten käme es zu einer „ Konkretisierung einer momentanen, individuellen Naturbeziehung“ welche zwei eigenständige Seiten habe, den „ seelischen Zustand und Prozess des Menschen und die Eigenschaften und Botschaften eines bestimmten Ortes zu einer bestimmten Zeit.“[94] Dieser Prozess und Zustand könne nur mit Zeit und Abstand zum Alltag erreicht und erst durch schriflichen, bildlichen (oder mündlichen) Ausdruck bewusst werden, also durch den von BOTT et al. geforderten phänomenologischen, nicht reduktionistischen Ansatz. JUNG sieht hier eine Verbindung zwischen dem spezifischen Geist eines Ortes und den heidnischen Mythologien in welchen bestimmte Naturgeister jeweils bestimmten Landschaften zugeordnet wurden, ein Ausdruck großer Komplexität durch das Kommunikationsmittel des Bildes. Dieses Bild entstehe nicht allein in unserem Kopf und entstamme auch nicht allein dem Platz: „Das was sich als Psychotop einstellt ist nicht entweder im Menschen oder in der Natur, sondern es entsteht im Prozess zwischen beiden.“[95]

[...]


[1] zit. in v.LÜPKE, G. (2007b)

[2] SEIFFERT, H. (1996), S. 41

[3] Zit. in: JUNG, N. 2011, S. 15

[4] siehe auch das Kapitel Diskussion der Methodik, S. 128

[5] NEEF, M.M. (2007), Übers.dr.d.Verf.

[6] RAPHAEL, P. (2011) mdl. Mitteilung im Rahmen des Seminars „Peacemaking in Community“, Mai 2011, Deggenhausertal

[7] zit in: v.LÜPKE, G. (2007b)

[8] BATESON, G. (1999),

[9] JUNG, N. (2004), S. 1

[10] JUNG, N. (2011)

[11] COWAN, J. (1995)

[12] JUNG, N. (2011)

[13] JUNG, N. (2004)

[14] HUMBOLDT, A. zit. in JUNG, N. (2004)

[15] NEEF, M.M. (2007), Übers. dr.d. Verf.

[16] Zit in: NEEF, M.M. (2007), Übers. dr.d. Verf.

[17] NEEF, M.M. (2007), Übers. dr.d. Verf.

[18] ANAND, K. & HICKEY P.R. (1987)

[19] Die deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität unterscheidet zwölf verschiedene Geschlechter in: DGTI (2011)

[20] NAESS, A. (2003)

[21] BIBLIOGRAPHISCHES INSTITUT (2011a)

[22] Mein Diplom-Studiengang „Landschaftsnutzung und Naturschutz“, der mittlerweile gekürzt als Bachelor-Studiengang angeboten wird

[23] BATESON, G. (1999)

[24] zit.in: NEEF, M.M. (2007)

[25] zit. in: WIESER H. & HALLER, M. (1984)

[26] JUNG, N. (2011)

[27] Zit.in: PLOTKIN, B. (2007), S. 402, Übers.dr.d.Verf.

[28] zit. in: v.LÜPKE, G. (2007)

[29] BATESON, G. in: BATESON, N. (2011)

[30] TEMBROCK, G. (2000)

[31] NEEF, M. M. (2007)

[32] v.LÜPKE, G. (2007)

[33] MACHIAVELLI, B. N. zit in: NEEF, M.M. (2007), Übers.dr.d.Verf.

[34] DESCARTES, R. zit. in: v.LÜPKE, G. (2007)

[35] v.LÜPKE, G. (2007)

[36] zit in: NEEF, M.M. (2007), Übers.dr.d.Verf.

[37] v.LÜPKE, G. (2007)

[38] CAPRA, F. in: WIESER H. & HALLER, M. (1984)

[39] v.LÜPKE, G. (2007)

[40] NEEF, M.M. (2007)

[41] v.LÜPKE, G. (2007)

[42] WHEATLEY, M. (1996)

[43] zit. in JUNG, N. (2011), S. 10

[44] zit. in: NEEF, M.M.(2007)

[45] v.LÜPKE, G. (2000)

[46] ebenda

[47] v.LÜPKE, G. (2007)

[48] JUNG, N. (2004), S. 2

[49] JUNG, N. (2011)

[50] ELIJAH, B. zit. in v.LÜPKE, G. (2007)

[51] COBB, J. zit.in: v.LÜPKE, G. (2007)

[52] v. LÜPKE, G. (2007)

[53] FELBER, C. (2010), S. 10-11

[54] STEINER, D. (2004), Übers.u.Hervorh.dr.d.Verf.

[55] HÜTHER, G. (2011)

[56] v.LÜPKE, G. (2007)

[57] WEIZSÄCKER, C.F. zit. in LÜPKE, G. (2007)

[58] v.LÜPKE, G. (2007)

[59] JUNG, N. (2011), S. 14

[60] v.LÜPKE, G. (2007b)

[61] zit in: v.LÜPKE, G. (2007b)

[62] v.LÜPKE, G. (2003)

[63] NEEF, M.M. (2007), S. 7

[64] siehe JUNG, N. (2004+2007) und BÖGEHOLZ, S. (2000)

[65] TUTU, D. (2010)

[66] BIBLIOGRAPHISCHES INSTITUT (2011)

[67] SWAMP, J. (1995). Die Worte entstammen der mündlich überlieferten Thanksgiving Address = Dankesansprache der Haudenosaunee, einer Konföderation aus sechs nordamerikanischen Stämmen. Die gesamte Ansprache wird noch heute bei zeremoniellen sowohl als auch bei politischen Versammlungen gesprochen.

[68] SIX NATIONS INDIAN MUSEUM & THE TRACKING PROJECT (1993)

[69] LAOTSE, zit. in KOBBE (2003), S. 25

[70] v.LÜPKE, G. (2007)

[71] JUNG, N. (2009)

[72] zit. in JUNG, N. (2009)

[73] MACY, J. (2003)

[74] SENGBUSCH, P. (2003)

[75] v.LÜPKE, G. (2007)

[76] ebenda

[77] ebenda

[78] ebenda

[79] LOVELOCK, J. (2000)

[80] JUNG, N. (2000)

[81] zit in: v.LÜPKE, G. (2011)

[82] v.LÜPKE, G. (2007b)

[83] v.LÜPKE, G. (2007)

[84] v.LÜPKE, G. (2007)

[85] HÜTHER, G., mdl. im Interview mit v.LÜPKE, G. (noch unveröffentlichtes Material)

[86] SPITZ, R. zit. in: STANGL, W. (2006b)

[87] HEEREN & GLASER (2008)

[88] WEBER, A. (2011)

[89] siehe LOEPTHIEN, E. (2010): „Von der Umweltbildung zur Umweltbindung“, Belegarbeit an der HNEE im WS 2008

[90] HEEREN & GLASER (2008)

[91] NAESS, A. (2003)

[92] GANZHORN, W. (1853) zit. in: HAARHAUS, F. ( 2007) S. 115

[93] TUAN; NORBERG-SCHULZ zit.in: BOTT et al. (2003)

[94] JUNG, N. (2008), S. 7

[95] JUNG, N. (2008), S. 8

Details

Seiten
157
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656168065
ISBN (Buch)
9783656168348
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v191859
Institution / Hochschule
Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (FH) – Fachbereich Landschaftsnutzung und Naturschutz
Note
1,6
Schlagworte
verbundenheit ökologie lernen umweltbildung bildung soziale arbeit soziales lernen umweltbindung bindungstheorie spiritualität gemeinschaft kindheit erwachsenenbildung nachhaltigkeit bildung für nachhaltige Entwicklung bne lehren mentoring naturverbindung wildnispädagogik tiefenökologie resonanzlernen descartes trennungsparadigma cartesianismus sozialkompetenz umweltkompetenz naturkompetenz ganzheitliche umweltbildung

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Titel: Verbundenheit als Aspekt einer Ökologie des Lernens